Predigt zum 10.SONNTAG NACH TRINITATIS -24.8.2003
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Lieder: 452,1,2,5 W 290, 1-3 NB: 494, 1-4 BL: 211 675 331, 1-3
Text: I.Reihe: Markus 12,28-34
28. Und es trat zu ihm der Schriftgelehrten einer, der ihnen
zugehöret
hatte, wie sie sich miteinander befragten, und sah, daß er ihnen fein
geantwortet hatte, und fragte ihn: Welches ist das vornehmste Gebot vor
allen?
29. JEsus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten
ist das: Höre, Israel, der HErr, unser GOtt, ist ein einiger GOtt!
30. Und: Du sollst GOtt, deinen HErrn, lieben von ganzem Herzen, von
ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften. Das ist
das vornehmste Gebot.
31. Und das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst; es ist kein ander größer Gebot denn diese.
32. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich
recht geredet; denn es ist ein GOtt, und ist kein anderer außer ihm.
33. Und denselbigen lieben von ganzem Herzen; von ganzem Gemüte, von
ganzer Seele und von allen Kräften und lieben seinen Nächsten wie sich
selbst, das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer.
34. Da JEsus aber sah, daß er vernünftiglich antwortete, sprach er zu
ihm: Du bist nicht ferne von dem Reich GOttes. Und es durfte ihn
niemand weiter fragen.
(Text aus
http://www.luther-bibel-1545.de/)
„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr
ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.!“ Psalm 33,12- Herzlich
willkommen zum 10.Sonntag nach Trinitatis, zum „Israelsonntag“.
Mit diesem Tag nimmt die Kirche einen jüdischen Gedenktag in ihren eigenen
Kalender auf, nämlich die Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems durch
die Babylonier vor wohl genau 2.582 Jahren. Es ist gut, dass wenigstens
einmal im Jahr die Juden und Christen einen Gedenk- und Bußtag gemeinsam
begehen, denn ohne die Vorgeschichte des Weges Gottes mit Israel und dem
Judentum gäbe es auch kein Christentum.
Die gemeinsame Geschichte hat aber auch immer mit Schuld und Gericht zu
tun. Mit Schuld gegenüber Gott. Doch wenn wir Christen besonders in
Deutschland von Schuld gegenüber Gott reden, dann dürfen wir dies nun tun
im Bewußtsein unserer eigenen Schuld. Nicht Gott hat schuld am Tod von 9
Millionen Juden, sondern wir Deutsche haben Schuld vor Gott. Niemand kann
sich aus dieser Verantwortung herausreden. Niemand, der dabei war,
niemand, der später geboren ist. Israelsonntag heißt: am Anfang muß für
uns Christen immer wieder die Umkehr, die Hinwendung zu Gott und seinem
Willen stehen, so wird uns durch das Gericht hindurch Gottes
Barmherzigkeit und Gnade bewahren.
Zeichenhaft für diese Bewahrung steht die Taufe. Es ist schön, daß wir
gerade in diesem Gottesdienst Gottes Barmherzigkeit feiern können, indem
wir Muriel Sara Rummenie taufen.
Noch eine Anmerkung für „Insider“: seit dem 1.Advent 1999 sind die Texte
für den Israel-Sonntag geändert worden. Wir hören heute das diesem Tag neu
zugeordnete Evangelium, das auch Predigttext ist.
Und nun segne der Dreieinige Gott unseren Gottesdienst, er segne alle
Gäste und Glieder der Gemeinde nach dem Reichtum seiner Gnade. Amen.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Was ist denn nun wirklich wichtig im Leben - was wünscht man jemanden,
etwa einem Kind zur Taufe, zu einer Hochzeit oder auch zu einem
Geburtstag: „Viel Glück, viel Erfolg, vor allem: viel Gesundheit!“ Wie
erreicht man das, was man im Leben an Erfolg und Glück anstrebt - nun, man
muss fleißig sein, zielstrebig, wissen, was man will und konsequent am
eigenen Fortkommen arbeiten. Das lernt man schon in der Schule. Sich
selbst verkaufen können ist wichtig, auch einmal die Ellenbogen zu
gebrauchen, sich gegen andere durchsetzen können, darauf kommt es an. Ein
Mitarbeiter in einer Stellenvermittlung sagte mir, es ist heute im
Berufsleben das Wichtigste, nicht unbedingt das richtige Fachwissen zu
haben, sondern bei Bewerbungen und im Auswahlgespräch den besten Eindruck
hinterlassen. Darauf werden die Menschen dann trainiert: sich selbst
optimal zu verkaufen.
Und da kommt dann dieses christliche Gebot, das zugleich das höchste
jüdische Gebot ist: „Du sollst Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer
Seele, von ganzem Gemüt - und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das klingt
nicht mehr zeitgemaß Das klingt nach Verlierer-Mentalität. An andere
denken - das hindert das eigene Fortkommen. Das ist das Denken der
Schwachen, der Zu-Kurz-Gekommenen. Dann lieber stark sein, an sich selber
denken. Wieviel Ratgeber, wieviel Seminare werden nur zu dem einen Zweck
angeboten: Die Leute sollen begreifen - nur wer Egoist ist, ist
erfolgreich.
Liebe Schwestern und Brüder, ich bestreite aber, dass die Egoisten
letztlich mehr Erfolg haben werden als diejenigen, die sich an das
wichtigste Gebot Gottes halten. Vielleicht wundert es Sie, aber ich denke,
die Botschaft Gottes ist viel akuteller als allgemein vermutet. Umgekehrt
zur landläufigen Meinung wird ein Schuh daraus: Nur wer an andere denkt,
kann auch an sich selbst denken. Und: nur wer die Kraft begreift, die in
der Liebe zu Gott liegt, wird wirklich fähig, auch sich selbst zu lieben,
anzunehmen, wie man eben ist und damit - schlichtweg: glücklich zu sein.
Ich will das gar nicht umständlich und theoretisch erklären, ich möchte
dazu diese Geschichte aus den Erinnerungen eines Bergsteigers erzählen:
„Als ich mit einem Begleiter im Gebirge im Schneesturm wanderte, sah ich
einen Tibetaner, der im Schnee den Abhang hinuntergestürzt war. Ich sagte:
„Wir müssen hingehen und ihm helfen.“ Mein Begleiter erwiderte: „Niemand
kann von uns verlangen, dass wir uns um ihn bemühen, während wir selber in
Gefahr sind, umzukommen.“ „Immerhin“, antwortete ich, „wenn wir schon
sterben müssen, ist es gut, wir sterben, während wir andren helfen.“ Er
wandte sich ab und ging seines Weges. Ich stieg zu dem verunglückten Mann
hinunter, hob ihn mühsam auf meine Schultern und trug ihn bergan. Durch
diese Anstrengung wurde mir warm, und meine Wärme übertrug sich auf den
vor Kälte steifen Verunglückten. Unterwegs fand ich meinen früheren
Begleiter im Schnee liegen. Müde, wie er war, hatte er sich niedergelegt
und war erfroren.
Ich hatte einen Menschen retten wollen, aber ich rettete mich selbst.
[Zitate für die Predigt, S. 103]“
Liebe Schwestern und Brüder, es ist ganz egoistisch für einen Menschen von
Vorteil, wenn er die Nächstenliebe praktiziert - nur wer sich in die Haut
eines anderen versetzt, kann sich erst in der eigenen Haut wohl fühlen.
Wer den anderen aber bekämpft, bekämpft sich selbst. Wir erleben es doch
gerade wieder in der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina.
Jeder meint, er wäre im Recht - und merkt gar nicht, dass nur entweder
alle gewinnen oder alle verlieren können.
Das ist im Kleinen so, das ist in der großen Politik so. Muriels
Taufspruch lautet: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen,
das tut ihnen auch!“ Das ist die Goldene Regel, die in allen relevanten
Religionen und Philosophien dieser Welt zuhause ist. Man hat sie deshalb
oft völlig zu unrecht abgewertet, so, als sei das, was nicht
ausschließlich christliches Gedankengut sei , nicht so wichtig. Aber diese
Regel: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut
ihnen auch!“ , das Gebot: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst -
das sind sozusagen die Grundregeln des Lebens. Wer diese Regeln verletzt,
kann kein Nachfolger, keine Nachfolgerin Gottes sein.
Das ist so einfach. Manches ist auch einfach! Deshalb gibt es mit
Sicherheit - auch die Bibel weiß davon - viele Menschen außerhalb von
Kirchen, die mehr den Willen Gottes tun als die Menschen in den Kirchen.
Das soll kein Grund sein, die Kirche zu verlassen, aber wir sollen doch
nicht werden wie der Mann in der Geschichte vom Bergsteiger, der die
falsche Entscheidung trifft, weil er meint, er hätte das Recht nur an sich
zu denken. Ihm hat sein Egoist-Sein nichts genutzt. Er war der Verlierer.
Gewinner gibt es da, wo einem der andere so wichtig wird wie das eigene
Ich. Wo man begreift, dass es ohne den anderen nicht geht. Dass man, wenn
es sein muss, alles von sich her geben muss, damit man sich selber
gewinnt.
Lange Zeit haben Christen gemeint, sie könnten ohne die jüdische
Tradition, ohne die Juden auskommen. Sie haben sich selbst den Ast
abgeschnitten, auf dem sie saßen. Das Christentum entstand als eine Sekte
des Judentums. Alle Apostel waren wie Jesus im Judentum zuhause. Wir
brauchen die Liebe zu unserer nächsten Religion, den Juden, um uns selbst
zu finden. So einfach ist das.
Mut möchte ich machen, liebe Schwestern und Brüder, Mut zur Liebe - zu
Gott, zu den Nächsten, zu sich. Vielleicht ist die Reihenfolge doch nicht
ganz unwichtig. Wenn Gott an erster Stelle steht, ist damit die Quelle der
Liebe gemeint, die niemals versiegen kann. Gott lieben, heißt - ihm Zeit
und Raum im Leben zu schenken, von ihm schlichtweg alles zu erwarten: Dass
er Mauern zum Einsturz bringt, Versöhnung über Gräben hinweg möglich
macht, neues Leben aus dem Tod hervorbringt, meine eigene Verlorenheit und
Angst kennt und verändern kann. Untrennbar damit verbunden ist die Liebe
zu den Nächsten. Nicht aus falscher Sozialromantik. Nicht, weil das ein
Ergebnis verklemmter Erziehung ist. Sondern, weil es nur so in der Welt
funktionieren kann. Ich will doch auch von anderen menschlich und
anständig behandelt werden, da ist es doch nur logisch, dass ich sie auch
menschlich und anständig behandle. Und wenn ich das versuche, dann stelle
ich erst einmal fest, wie schwer das ist. Wie dich selbst. Sich selber
lieben ist etwas ganz anders, als selbstsüchtig nur den eigenen Vorteil zu
suchen. Egoisten lieben sich nicht wirklich. Sich selber lieben, heißt, im
Einklang mit sich selbst zu leben. Und mit sich selbst im Einklang heißt
auch im Einklang mit den Mitmenschen und der Natur, dem Anfang und Ende
allen Lebens, ob wir es nun Gott nennen oder anders, ist nicht wichtig.
Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Eine Einladung. Kein
Zwang. Und dennoch - solange diese Einladung ausgeschlagen wird, haben
Gewalt, Krieg und Hass das Sagen. Lebt diese Gottes- und Menschenliebe. So
gut es geht. Ihr tut Euch selbst einen Dienst damit. Und anderen - wie der
Muriel, der Saskia, allen Kindern dieser Welt, die ein Recht haben, in
eine menschenwürdige Welt groß zu werden. Wie war das? „Ich hatte einen
Menschen retten wollen, aber ich rettete mich selbst.“
So ist das wohl.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Kollektengebet 10.Sonntag nach Trinitatis
nach dem jüdischen Morgengebet:
Mit großer Liebe hast du uns geliebt, Herr, unser Gott.
Großes, reiches Erbarmen hast du uns erwiesen.
Unser Vater, unser König, um unsre Väter und Mütter willen,
die auf dich vertraut haben
und welche du die Satzungen des Lebens gelerht hast:
Sei uns allen gnädig und belehre uns. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Fürbittgebet 10.Sonntag nach Trinitatis
Gott,
mit Israel, deinem Augapfel,
warten wir auf deinen neuen Himmel, auf deine neue Erde.
Mit Israel warten wir, dass die Tränen der Vielen getrocknet
werden, dass Leid, dass Geschrei, ja, dass der Tod ein Ende hat.
Wir bitten dich:
Schon heute schick uns und deiner ganzen Welt Zeichen:
das heute schon Tränen getrocknet werden,
dass dennoch Friede wachsen kann in Israel und Palästina,
dass heute schon getröstet werden, die, die um einen lieben Menschen
trauern, dass heute schon umarmt werden, die auf Liebe warten.
Gott,
wir bitten dich um Muriel Sara, dass sie Frieden erfahre in ihrem Leben.
Wir danken dir für alle Bewahrungen, wir bitten für die Menschen, die im
Krankenhaus liegen und auf Genesung hoffen,
wir bitten für alle großen und kleinen Geburtstagskinder. Mit ihnen loben
wir dich: Lobe den Herrn, meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes
getan hat.
Gott, mit Israel, deinem Augapfel, warten wir auf deine neue Welt. Hilf
uns, die Wartezeit in deinem Sinne zu nutzen. Gutes zu tun, verantwortlich
zu leben vor dir, vor unseren Mitmenschen und uns selbst.
So beten wir, wie uns dein Sohn Jesus Christus zu beten gelehrt hat:
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