Dafür sollen wir sorgen

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis 2003 (28. September)

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Predigt zu Matthäus 6, 25-34 (I. Reihe):
Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.
Matth 6, 25-34 Lutherbibel 1984 © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

 

Sorgt nicht für morgen, liebe Gemeinde!

In der Konsequenz, wenn wir dieses Bibelwort wirklich ernst nähmen, dann bedeutete das doch:

Alle Versicherungen abmelden. Alle Sparkonten auflösen. Alle Winterkleidung verschenken, sobald es warm wird. Stellen sie heute noch ihre Sommersachen vor die Tür, sie werden sie wahrscheinlich doch morgen, nächste Woche und sogar die nächsten Monate nicht mehr brauchen.

Am Samstag nichts mehr für den Sonntag einkaufen, sorgt nicht für den morgigen Tag!

Diese Kirche wird erst renoviert, wenn uns das Dach auf den Kopf fällt, wenn überhaupt.

Keine Sorge mehr, keine Sorgen mehr!?

Begegnet uns hier Jesus der Träumer und Phantast? Er konnte es sich ja vielleicht erlauben durch das Land zu ziehen und von der Hand in den Mund zu leben, oder vielmehr von den reichen Frauen, die sich von seiner Lehre begeistern ließen und deshalb viel zum Lebensunterhalt dieses Jesus aus Nazareth beitrugen.

Heißt dann das „Sorget nicht für den morgigen Tag“ mit anderen Worten: „Lebt von der Vorsorge anderer?“ Oder ganz klar und sehr böse ausgedrückt: Sollen wir eine Kirche von Schmarotzern werden?

 

Sorglos und blauäugig in den Tag hinein leben - davon steht leider - oder glücklicherweise nichts in dem Bibeltext der Bergpredigt. Denn es steht da eben nicht nur dieser eine Satz, den ich so auslegen kann oder wieder ganz anders. Es ist da die Rede von den Dingen, um die es im Leben eigentlich geht, um das Lebensnotwendige, und das sind erstaunlicherweise nicht Nahrung und Kleidung.

 

„Ein englischer Schriftsteller soll bei einer Auflistung üblicher Sorgen folgendes herausgefunden haben:

40% der Sorgen betreffen Ereignisse, die überhaupt nicht eintreffen, oder ihren Schrecken verlieren, wenn man sie aus der Nähe betrachtet.

30% der Sorgen betreffen längst vergangene Ereignisse. Aber vorbei ist vorbei, man sollte auf den Sorgen nicht hocken bleiben, wie auf einem Sofa, die Vergangenheit sollte besser ein Sprungbrett sein. Es ist wichtig für eine gute Fahrt, ab und zu in den Rückspiegel zu schauen, aber vor allem müssen wir die Wegstrecke beachten, die vor uns liegt.

12% sind grundlose Sorgen um unsere Gesundheit, die das Gegenteil bewirken. Wer sich dauernd selbst beobachtet und immerzu an eine drohende Krankheit denkt, wird leichter krank.

8% unserer Sorgen sind berechtigt.“ (Quelle: Holle Schneider: Anstösse für lebendige Gespräche in Frauengruppen.)

Wie sieht das bei Ihnen aus, wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind?

 

Hätte dieser englische Schriftsteller recht, dann würden 92% der Sorgen, die wir uns machen, völlig unnütz, überflüssig, ja manchmal sogar gefährlich und lebensverhindernd anstatt sichernd sein.

Aber versuchen Sie mal, sich keine Sorgen um Zukunft, Vergangenheit und Gesundheit zu machen. Das gelingt wohl nur den ausgesprochenen Lebenskünstlern.

Aber etwas anderes kann uns allen gelingen, nämlich mit einem Sprichwort ausgedrückt: Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel der Sorge deinen Kopf umkreisen. Aber du kannst verhindern, dass sie Nester auf deinem Haupte bauen.

So hätten wir dann den Kopf frei für die wirklich wichtigen Dinge: das Leben. Oder mit den Worten, die der Evangelist Matthäus überliefert: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Das ist Grund genug zur Sorge. Für die Konzentration auf das Reich Gottes brauchen wir all unsere Möglichkeiten. Reich Gottes, seine Gerechtigkeit, das meint nicht die zukünftige Welt nach der Auferstehung der Toten, irgendwann in ferner Zukunft. Reich Gottes, Gerechtigkeit Gottes hier und jetzt.

 

Dafür sollen wir sorgen. Dass Leben für alle Menschen möglich wird. Unser eigenes tägliches Brot ist eine alltägliche, eine weltliche Angelegenheit. Die Sorge um das tägliche Brot für die Hungernden auf dieser Welt ist Arbeit am Reich Gottes, ist Sorge um Gerechtigkeit.

So wird dieser schöne Text von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde zu einer sehr ärgerlichen Herausforderung an uns, die wir mehrheitlich genug Lebensmittel haben, genügend Kleidung in den Schränken und auch jede Menge Sorgen - allerdings zu 92% Sorgen, die nicht dem Reich Gottes dienen. Wir sollten daran arbeiten. Amen

 

 

 

 

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28. September 2003