Die Liebe, die Liebe und die Liebe

Gott auf unserer Seite

Predigt zum 18. Sonntag nach Trinitatis 2003 (19. Oktober)

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

I.Reihe: Markus 12, 28-34:

Und es trat zu ihm der Schriftgelehrten einer, der ihnen zugehört hatte, wie sie sich miteinander befragten, und sah, daß er ihnen fein geantwortet hatte, und fragte ihn: Welches ist das vornehmste Gebot vor allen? Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das: "Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott; und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften." Das ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Es ist kein anderes Gebot größer denn diese.

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet; denn es ist ein Gott und ist kein anderer außer ihm. Und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte, von ganzer Seele, und von allen Kräften, und lieben seinen Nächsten wie sich selbst, das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer. Da Jesus aber sah, daß er vernünftig antwortete, sprach er zu ihm: "Du bist nicht ferne von dem Reich Gottes." Und es wagte ihn niemand weiter zu fragen.
 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

 Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Kind wird getauft im Gottesdienst, der Martin. Was ist das Wichtigste, was ihm die Eltern mitgeben können? Strenge Erziehung, damit etwas Ordentliches aus ihm wird? Doch welche Schäden kann zuviel Strenge in Kinderseelen anrichten! Möglichst viel Vermögen, damit er es später leichter hat? Doch wieviele hat Geld und Erfolg schon unglücklich gemacht! Mit ein bißchen Nachdenken - oder einfach spontan aus dem Bauch heraus: Das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können, ist doch einfach: LIEBE! Das gilt übrigens auch für andere „Erziehungsberechtige“ in Kindertagesstätten, Schule und Kirche - trotz und gerade angesichts von Pisa-Studien und Leistungsorientiertheit: Kinder brauchen als allererstes LIEBE; das Bewußtsein, dass sie so angenommen sind, wie sie sind, unabhängig von ihrem Leistungsvermögen. Nur so können sie sich zu aufrechten Menschen entwickeln, nur so wird ihre Seele, ihr Selbstwertgefühl aufgebaut und bestärkt.

In der Wirtschaft spricht man heute nicht mehr von Menschen, sondern von „HUMAN CAPITAL“ - von „menschlichem Kapital“. Wie furchtbar! Und wie unmenschlich. Ein Mensch ist zunächst eine eigene Persönlichkeit. Er wächst nur durch Beziehungen. Er braucht Liebe wie die Luft zum Atmen. Ein Mensch, der zuwenig Liebe erfährt, verkümmert, verliert sich und seine Mitte. Ist nicht selten rücksichtslos und dadurch erfolgreich - aber letzlich bedauerswert und lebt an sich vorbei.

Das Wichtigste: die Liebe. Das gilt auch für die „Theologie“, also die Rede von Gott. Es ist ja nicht so verkehrt, von Gott als dem „lieben Gott“ zu reden. Jedenfalls allemal besser, als ein Gottesbild zu verbreiten, das anderen Angst machen soll: den alles kontrollierenden, gnadenlos strafenden, bedrohlichen Gottvater. Gott hat in der Tat den ersten Schritt gemacht auf die Menschen zu - die Menschen im allgemeinen und jeden von uns im ganz besonderen. Er liebt uns, nimmt uns an, so wie wir sind. Das provoziert, lockt unsere Liebe heraus und führt so zu einem Leben, das vor Gott und den Menschen bestehen kann.

Denn dies ist ja eine der zentralsten Fragen unseres Lebens: wie können wir ein sinnerfülltes, glückliches Leben erreichen? Was ist in unserem Leben das größte Gebot, die oberste Norm? Der Schriftgelehrte stellt keine theoretische, abgehobene Frage. Hier fragt einer, der schon viel durchgemacht, hinter sich hat. Dies ist eine aus der LebensNOT geborene Frage. Manchmal braucht es erst eine NOT, eine Lebenskrise, um zu den entscheidenden Fragen durchzudringen. Eine KRISE, gesundheitlicher Art oder welcher Art auch immer, kann eine Chance sein, dass etwas aufbricht und zu neuen Erkenntnissen führt. Und das Stellen der RICHTIGEN Fragen ist dabei schon oft der Beginn der rettenden Erkenntnis.

Jesus sagt: das größte, das oberste Gebot lautet: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist doch interessant, nicht wahr? Es gibt gar nicht EIN einziges Gebot, sondern es sind drei, die in unauflöslicher Beziehung zueinander stehen: Die Liebe zu Gott ist untrennbar verbunden mit der Nächstenliebe, die wiederum kommt nicht aus ohne die Selbstliebe. Alles ist wechselseitig miteinander verbunden. Ein lebenslanger Prozess ist das. Es gibt keine Rezepte, keine einfachen Lösungen, sondern es wird von uns Menschen selbst verlangt, jeweils den Weg der Liebe von und zu Gott, von und zu den Mitmenschen, von und zu sich selbst zu finden und zu gehen.

Aber ganz so kompliziert wie es sich anhört, ist es dann doch wieder nicht. Wir wissen schon, was mit „Nächstenliebe“ gemeint ist: Mitmenschlichkeit, in den Menschen, die ich um mich herum sehe und wahrnehme, Mitgeschöpfe Gottes zu erkennen. „Nächstenliebe“ gilt also nicht nur den Mitchristen, sie gilt den Mitmenschen - gerade auch den „schwierigen Nächsten“. Es geht nicht darum, mit seinen Kumpeln, seinem Clan, seiner Verwandtschaft oder der Gemeinschaft der Einheimischen gut auszukommen und sich von den Schwierigen und Fremden abzuschotten. Das ist noch keine Liebe. Nächstenliebe heißt, sich um die zu kümmern, die herauszufallen drohen aus der Solidarität der Gesellschaft. Heißt sich Zeit nehmen für andere, die diese Zeit brauchen. Heißt ganz konkret, ein Ehrenamt zu übernehmen, anderen zu helfen, sich um andere zu bemühen. Das heißt auch ein Zeichen zu setzen gegen den Versuch, etwa die Arbeitslosen zu bestrafen, weil sie arbeitslos sind, ohne zu versuchen, sie in die Gemeinschaft zu integrieren. Konkrete Nächstenliebe heißt, nicht die Ausländer und Fremden als Sündenböcke abzustempeln, weil das ja so im Trend der Zeit ist. Die Menschen, die wir ausgrenzen - und sei es noch so sehr aus dem Zwang, sparen zu müssen, heraus - werden sich eines Tages gegen uns richten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt auch: sich in die Lage eines Sozialhilfeempfängers, eines Pflegebedürftigen, eines alten Menschen, eines Arbeitslosen zu versetzen und zu fragen: was macht das mit MIR, wenn ich nur als Ballast, als Kostenfaktor betrachtet und ausgegrenzt werde?

Der Schriftgelehrte wiederholt: „Liebe Gott ...“ Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe ist untrennbar verbunden mit der Gottesliebe. Und ich sage: GOTT SEI DANK! Gäbe es diese Gottesliebe nicht, die immer wieder die Quelle für die Nächstenliebe und die Selbstliebe ist, wir müßten verzweifeln. Verzweifeln an der sozialen Kälte, an dem Egoismus. Liebe Gott, lass dir immer neu diese Liebe Gottes schenken, erfahre immer wieder, immer neu: DU BIST EIN GELIEBTES KIND GOTTES - nur dann hast du auch den langen Atem zur Mitmenschlichkeit. Der Mensch ist eben nicht „humanes Kapital“, es ist wunderbares Geschöpf Gottes. Jede einseitige Sicht des Menschen, sei es im religösen Fanatismus, sei es im neoliberalen Kapitalismus, in dem der Mensch nur als Menschenmaterial und Kostenfaktor gesehen wird, jede solche Sicht verachten den Menschen und verachtet Gott.

Was bleibt? Es bleibt nur die Liebe, die Liebe und die Liebe. Die Liebe Gottes, Anfang und Quelle, die offenen Arme, in die wir uns immer wieder ganz getrost fallen lassen dürfen, die Liebe zu unseren Mitmenschen, denen in Not, den schwierigen  - und die Selbstachtung: „wie du dich selbst lieben kannst“. Das bleibt. Das ist das Wichtigste.

Am Ende heißt es: „Und niemand wagte mehr, Jesus zu fragen.“ Nicht, dass da keine Fragen mehr wären. Auch wir sind nicht am Ende, sondern am Anfang unseres Weges: Was dient der Liebe am meisten? Muss man nicht manchmal auch streng sein? Muss man nicht auch Grenzen ziehen.? Kann man denn wirklich jedem nachgehen? Wir könnten gleich diskutieren, jeder hat eigene Vorstellungen und Gedanken. Die Menschen in der Umgebung Jesu haben aber erst einmal innegehalten. Sie haben sich berühren lassen von Jesu Botschaft. „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Sie spürten: Das soll das letzte Wort bleiben. Diesen Lieben ist sicher eine lebenslange Aufgabe. Und nicht immer wird es uns gelingen, diese dreifache Liebe zu leben. Aber auch wenn wir scheitern, es ist gut, diesen Weg zu gehen. Weil es Jesu Weg ist. Weil er ihn selbst bis zum bitteren Ende und darüber hinaus gegangen ist. Und weil er uns unser Versagen nicht anrechnen wird. Aus dem Innehalten, dem Schweigen, dem Sich-Berühren-Lassen von Jesu Worten, aus der Geduld wachsen neue Erkenntnisse: Ja, es lohnt sich, der Liebe zu trauen; ja, es lohnt sich, den Kampf aufzunehmen gegen Ausgrenzung und bodenlosen Egoismus, ja, es geht auch ohne Ideologien religiöser und wirtschaftlicher Art, weil wir haben ja Gott auf unserer Seite.

Gott auf seiner Seite haben - das ist der Sinn von Taufe. Das feiern wir in jedem Gottesdienst. Das ist die Mitte unsers Alltags. Und wer dies spüren kann, wer sich daran festmacht, der findet auch gerade in Not und Krise Halt in Gott, in den Menschen, in sich. Ganz gewiß.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 
 

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19. Oktober 2003