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Der Heilung die Hand hinhaltenPredigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis (26. Oktober 2003)Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe |
Markus 2,1-12 (I.Reihe) Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen. Liebe Schwestern und Brüder, „einem anderen Menschen helfen“ - wer das schon einmal ernsthaft versucht hat, weiss, wie schwer das ist. Da ist jemand in einer schwierigen Lage. Ein Mensch, der uns nahesteht. Jemand, der uns alles andere als gleichgültig ist. Einer, der uns Leid tut. Vielleicht, weil er krank ist, möglicherweise abhängig, verzweifelt oder traurig. Ein Mensch, der leidet, ganz ohne Zweifel - aber der sich partout nicht helfen lassen will. Der keinen guten Rat annehmen will oder kann, der Therapien abbricht, sich selbst etwas vormacht, glaubt, gar keine Hilfe zu brauchen, sich vor dem Arzt-Termin drückt, lieber doch in der altbekannten, aber schlechten Art und Weise das eigene Leben weiterführt, obwohl es heillos durcheinander ist. Gelähmt ist dieser Mensch, den sie zu Jesus bringen. Unfähig, sich selbst zu Jesus zu schleppen. Ganz auf die Hilfe anderer angewiesen. Auf Familienangehörige oder Freunde. Ein trauriges Schicksal, dieses völlige Ausgeliefert-Sein. Ja, er braucht Hilfe - und es gibt Menschen, die ihm helfen wollen. Aber wie? Sie stehen vor dem selben Problem, wie oft Sie, ich, wir Menschen heute: „Wie kann ich einem anderen Menschen helfen?“ Diese eine ist gelähmt, bewegt sich nicht. Lässt er sich wenigstens von anderen bewegen? Hat er überhaupt Hoffnung auf Heilung? Und er ist ja nicht der einzige, der geheilt werden will. Da gibt es eine lange Schlange derer, die bessere Chancen zur Heilung haben. Bekannte Persönlichkeiten, interessantere Krankheiten, hilfreichere Beziehungen. Wie dem in sich gefangenen, von seiner Krankheit, Behinderten, auch seiner seelischen Veranlagung Gelähmten helfen? Zunächst einmal: Die Helfer tun sich zusammen. Bilden ein Team. Nur gemeinsam sind sie stark, kreativ und hilfreich. Ich habe das schon oft erlebt - nicht ohne Grund spricht man von den „hilflosen Helfern“ - also von Menschen, die tagtäglich überfordert werden, indem sie andern helfen sollen, aber dies gar nicht können. Sich mit anderen zusammenzutun, sich anderen anzuvertrauen, das nutzt letztlich auch denen, die Hilfe brauchen. Es ist nötig, dass auch die Helfer wissen müssen, sie können es nicht allein schaffen. Auch sie sind letztlich hilflos. Sie können sich nur zusammentun und den Versuch starten, einen anderen auf einen neuen Weg bringen. Es gibt den wichtigen Satz: „Jeder Mensch kann nur einen einzigen Menschen verändern: nämlich sich selbst.“ Ob Heilung gelingt, Veränderung zum Guten, Aufbruch aus dem Gelähmt-Sein, dass liegt nur an dem Betroffenen. Helfer können viel tun - aber nicht stellvertretend die Heilung übernehmen. Und dennoch: Jesus kümmert sich um den Gelähmten nur deshalb, weil er den Glauben des Helfer-Teams sieht. Und was ist dieser Glaube? Nun, zum einen die Tatsache, dass sich diese Freunde nicht abfinden mit den scheinbar unüberwindlichen Umständen. Das Haus ist voll, Jesus eingesperrt. Mauern zwischen dem Kranken und der Heilung. Was tun? Auf die Verhältnisse schimpfen? Kennen wir gut, diese Reaktion! Da sind die Strukturen schuld, das Krankenkassen-System, der Staat, die Ärzte, die Umstände, die familiäre Situation, der Beruf, das fehlende Geld, usw. Schimpfen, dann jammern, dann resignieren. Das sind verständliche Reaktion, nur sie sind noch kein „TUN“, kein Helfen, kein Glaube. Die Freude wagen etwas: Gibt es nur verschlossene Türen, dann müssen wir uns eben etwas Neues überlegen, einen neuen Weg finden. Am besten von oben, direkt dorthin, wo Hoffnung auf Hilfe ist: zu Jesus. Das ist der Glaube, liebe Schwestern und Brüder, den Jesus sieht. Der Glaube, der sich nicht abfinden will, resigniert mit den widrigen Umständen, sondern der ein Ziel vor Augen hat, Mut zum Handeln macht, der einen neuen Weg sieht und geht, Mauern aufreisst und so direkt bei Jesus landet. Mit dem Mauern aufreissen, das muss man sich nicht so buchstäblich vorstellen. Die Häuser damals hatten nur leichte Lehmdächer, die einfach zu durchbrechen waren. Aber immerhin - wer weiss, vielleicht wären die Freunde des Hausfriedensbruches angeklagt worden. Ich denke sowieso, den Mut zum Handeln hatten sie nur, weil sei nicht allein waren, sondern gemeinsam diese Aktion wagten. Und nun liegt dieser Gelähmte vor Jesu Füßen. Immer noch unfähig, sich zu bewegen. Vielleicht noch starrer - in seiner Krankheit, in seiner Angst. Und doch angekommen, dort wo Heilung geschieht. „Mein Sohn,“ sagt Jesus, „deine Sünden sind dir vergeben.“ Schwierig zu verstehen, das gebe ich zu. Der Zusammenhang von Sünde zu Krankheit ist unheilvoll und auch falsch. Krankheit ist nicht die Folge der Sünde, das sagt Jesus ganz ausdrücklich. Und vor allem ist „Sünde“ etwas ganz anderes als man landläufig darunter versteht. Eben nicht ein gewisses moralisches Versagen. Lügen, Betrügen - oder auch Naschen von Süssigkeiten während einer Diätphase. Sünde kommt von „Sund“ vom Meeres-Sund, der zwei Landzungen voneinander trennt. Unter Sünde versteht man die Trennung von Gott. Und damit ist keine besondere Tat des Menschen gemeint, sondern ein Grund-Zustand des Menschen: dieses Getrennt-Sein von Gott, damit auch von sich und von anderen Menschen. Und dieses Getrennt-Sein kann nur Gott überwinden. Nur er kann die Einheit von Gott und Mensch, von Seele, Geist und Körper herstellen. Nur er kann umfassend „heilen“. Überspringen wir jetzt die theologische Debatte, ob Jesus oder nur Gott Sünde vergeben darf. Für mich entscheidend ist am Ende, dass die Überwindung der Trennung von Gott konkrete Auswirkungen für den Gelähmten hat. Wo Jesus etwas Grundlegendes in Ordnung bringt, ist die Lähmung überwunden. Derjenige, der vorher völlig auf die Hilfsbereitschaft der Freunde angewiesen war, ist jetzt zu eigenständigen Handlungen fähig. Weil Jesus ihm das sagt, steht er auf, nimmt sein Bett, geht aus dem Haus, macht den Mund auf, erzählt allen Menschen von seiner Heilung und lobt Gott. Die Freunde werden nicht mehr erwähnt. Ihre Funktion ist unwichtig geworden. Jetzt hat dieser Mensch seinen eigenen Weg gefunden. Zurück zur Ausgangsfrage: „Wie kann ich einem anderen Menschen helfen?“. Die Antwort wäre: sicher nicht immer allein. Sondern mit anderen zusammen. Sicher nicht durch das Verschieben der Verantwortung auf die Verhältnis, die nun einmal so sind. Nicht durch Jammern und Resignieren. Sondern - durch Glauben. Durch Glauben, dass es da immer noch einen Weg gibt, den ich auf Anhieb nicht sehe. Und sei es von oben durchs Dach durch die Brust ins Auge. Es gibt diesen Weg. Alles andere tut Jesus. Er stellt die Einheit von Gott und Mensch, Seele, Geist und Leib wieder her: „Vergibt die Sünde“, überwindet die Trennung, heilt den Schmerz von Lähmung, Traurigkeit oder Verlorenheit. Er nimmt neu auf in die Gemeinschaft mit anderen. ER sagt: du bist sinnvolles Teil, eines großen Ganzen, gehörst dazu, hast einen unvergleichlichen Wert, wirst immer einen neuen Weg aus dem Gefängnis deiner Sorgen finden, bist nie wieder allein, bist angekommen, gefunden, beim Namen gerufen. Stark macht Jesus den Gelähmten. Stellt eine unvergleichliche Beziehung her. Stärkt dadurch die Selbstliebe, das Selbstwertgefühl des Menschen. Wir wissen heute, dass bei jedem Menschen ein positives Selbstverhältnis die Heilung begünstigt. Ein positives Selbstverhältnis läßt die Menschen zuerst das Positive des Lebens erkennen. Das lässt sich nicht befehlen oder antrainieren, das muss einem geschenkt werden. Denn dazu gehört auch, die eigenen Schattenseiten, die eigene Schuldhaftigkeit und Fehlbarkeit anzunehmen. Immer bei anderen die Schuld zu sehen, macht krank. Wie wir uns sehen und angenommen wissen trotz, vielleicht sogar wegen, unser Unzulänglichkeiten, das beeinflußt ganz stark den Körper, die Seele und deren Gesundheit. Erlittenes Unrecht zu benennen und vor Gott und den Menschen abzuladen, ist heilsam. So können wir die Verursacher seelischer oder körperlicher Schäden aus dem eigenen Herzen entlassen. Das bricht die eigene Lähmung. Eine unveränderbare Krankheit annehmen zu lernen, wirkt sich auf das gesamte Leben aus und schützt vor Verbitterung, die doch alles bitter macht, auch das, was schön ein könnte. Diese Fähigkeit kann jeder und jedem geschenkt werden. Sie hat mit dem Glauben an Gott zu tun und mit der Beschaffenheit der Beziehungen zu den engsten Mitmenschen. Der Glaube an Gott lässt einen Menschen stets um die eigene Bedeutsamkeit wissen. Ein gelähmter, ein kranker Mensch kann nicht reduziert werden auf seine Einschränkung, seine Krankheit, er ist weiterhin „Mensch“. Die Krankheit ist nur ein Teil von ihm. Ich hoffe doch sehr, wir haben in diesem Moment Menschen vor Augen, die schwer krank sind, vielleicht auch Behinderte, die uns gerade darin beschämen, dass sei fröhlich, aktiv, kreativ, positiv am Leben teilhaben und viel mehr Lebensfreude ausstrahlen als scheinbar Gesunde. Jede, jeder von uns, liebe Schwester und Brüder, ist wie dieser Gelähmte, da auf dem Boden vor Jesus. Von Freunden, von Menschen, die es gut mit uns meinten, auf sensationelle Weise zu Jesus gebracht worden. „Meine Tochter, mein Sohn“, sagt Jesus, „dir sind deine Sünden vergeben.“ Der Sund, der abgrundtiefe Graben zwischen Gott und Mensch ist zugeschüttet. Jesus macht Heilung möglich. Jetzt liegt es an uns, „.. der Heilung die Hand hinzuhalten“; das, was bei Menschen unmöglich ist, zu tun: aufgrund dieses Zuspruches aufzustehen, sein Bett zu nehmen, durch die Tür zu gehen und auf eigenen Beinen das Haus mit seinen scheinbar unüberwindlichen Mauern zu verlassen. Diesen Weg müssen wir allein gehen, da helfen uns die Freunde nicht mehr. Aber sie stehen da und freuen sich mit uns, dass wir es geschafft haben. Und die Lähmung ist vorüber. Amen.
Kollektengebet - 19.So.n.Trinitatis
Gott,
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26. Oktober 2003 |