Spontane Freude

Predigt zum 1.Sonntag nach dem Christfest - 28.12.2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe


Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Der Predigttext steht im 1.Johannesbrief im 1.Kapitel:

„Wir schreiben euch über das Wort vom Leben. Also über das, was von Anfang an da war. Wir haben es gehört und mit den eigenen Augen gesehen, wir haben es betrachtet und mit unseren Händen betastet. Das Leben, das wahre und einzige Leben, wurde enthüllt, offenbar gemacht. Wir haben es gesehen und bezeugen und verkünden euch, dass dieses Leben sogar das ewige Leben ist. Es war erst bei Gott, beim Vater, und wurde dann uns geoffenbart. Was wir da gesehen und gehört haben, das geben wir nun an euch weiter, damit auch zwischen euch und uns Gemeinschaft ist und wir beide Gemeinschaft haben mit Gott, dem Vater, und mit Jesus Christus, seinem Sohn. Wir schreiben euch dies, damit ihr euch mit uns freut und so unsere Freude vollkommen wird.“
[Übersetzung Klaus Berger/Christian Nord]
Gott , segne dein Wort an uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Gestern abend haben wir in der Kirche eine afrikanische Hochzeit erlebt. Was meinen Sie, was da für eine Stimmung war! Ein kleiner afrikanischer Chor hat gesungen, zu dem beide Brautleute gehören, ein afrikanischer Pastor hat gepredigt, in französisch, deutsch und einer afrikanischer Sprache. Über 2 Stunden hat es gedauert. Viele junge Schwarze waren da, ebenso viele Kinder. Alle absolut chic angezogen, herausgeputzt. „Halleluja“ wurde immer wieder gerufen und aus hundert Kehlen „Amen“ geantwortet. Ganz eindringlich und ernsthaft hat der Pastor gepredigt und genauso hat er eindringlich am Anfang aufgerufen, im Gottesdienst mitzumachen, auch zu applaudieren, denn schließlich wäre man zusammengekommen um Gott zu loben, dass er das Brautpaar Joseph und Adelaine zusammengeführt habe. Die Deutschen, die diese Trauung miterlebten, waren sich einig: So sollten unsere Gottesdienste auch - warum nur ist es bei uns oft so trist und distanziert. Müssten wir uns dies nicht auch sagen lassen: Schließlich sind wir zum Lobe Gottes zusammengekommen, und speziell, weil Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, uns zu erlösen, geboren im Stall von Bethlehem. Das muss doch Grund zur Freude sein, zur überschwänglichen Freude. Davon muss doch etwas zu spüren sein, dass muss doch etwas für Herzen, Mund und Hände, für Leib und Seele sein.

Diese ursprüngliche, Sich-Freuen-Können-Wie-Ein-Kind, diese Fröhlichkeit ganz von innen heraus, das kann man nicht inszenieren, auch nicht auf Knopfdruck anschalten. Dazu braucht es vor allem die eigene Erfahrung: Ja, wir haben wirklich Grund, Gott zu loben, er ist auch mein Heiland, er verändert auch mein Leben, er ist Mensch geworden auch für mich. Dafür bin ich dankbar, so unendlich dankbar. Mein Leben hat einen Sinn und ein Ziel.

Die ersten Christen haben vielleicht noch so überschwänglich gefeiert wie die Schwarzafrikaner. Es gab vielleicht noch unter ihnen Augenzeugen, die diesen Jesus von Nazareth noch erlebt hatten, wie er sprach, wie er mit Herzen, Mund und Händen predigte, wie er Menschen anblicken konnte, wie er sich ohne Widerstand gefangennehmen ließ, wie er am Ende starb.

Menschen, die felsenfest überzeugt waren: dieser Jesus lebt - der Tod konnte ihn nicht besiegen, er ist wirklich der Heiland, der Messias, der, auf den die Menschen so lange gewartet haben. Kein Zweifel ist mehr möglich. Das ist keine Einbildung, keine Wunschdenken, kein naiver Traum, das ist die Wirklichkeit:
„Wir haben es gehört und mit den eigenen Augen gesehen, wir haben es betrachtet und mit unseren Händen betastet. “Es gibt eine neuere Meinung in der Theologie, dass der 1.Johannes-Brief gar nicht erst um 100 n.Chr. entstanden ist, sondern viel früheren Datums ist. Beleg ist die eben verlesene Textstelle. So spricht ein Augenzeuge! Zumindest einer, der sich auf ganz konkrete Augenzeugen berufen kann.

„Hören, Sehen und Berühren“ - es käme noch das Schmecken und Riechen dazu und wir hätten alle Sinne, mit dem die frohe Botschaft zu erleben ist. Gott kommt in dem Menschen Jesus Christus zur Welt bedeutet auch, Gott macht sich den Menschen mit allen Sinnen offenbar. Und alle Sinne sollen auch genutzt werden, damit die frohe Botschaft auch auf fruchtbaren Boden fallen kann. „Der Glaube kommt aus dem Hören“ - so ist das gemeint, dass nur das Hören das Entscheidenste wäre. Auch das Sehen ist wichtig, das Tasten, das Berühren, auch das Schmecken, etwa im Abendmahl, sogar das Riechen. Und die Gemeinschaft miteinander ist wichtig. „Wir schreiben euch dies, damit ihr euch mit uns freut und so unsere Freude vollkommen wird.“

Von glaubwürdigen Zeugen wird die Botschaft von der Menschwerdung Gottes weitergetragen. Und das ist gut zu wissen! Darauf beruft ausdrücklich der Schreiber des Johannes-Briefes. Und darauf können auch wir uns berufen! Es ist eben nicht so, dass die Weihnachtsbotschaft selbstgestrickt wäre, selbst ausgedacht, zurechtgemacht, dass sie möglichst Gutes bewirkt, aber auch nicht wehtut. Wir hören diese alten Texte im Bewußtsein, das sie viele Jahrhunderte überliefert, gepflegt, den Menschen nahegebracht, verstanden, mißverstanden, vergessen, neu entdeckt wurden. Mit allen Sinnen sollen wir sie genießen! Musikalisch gestaltet, auch, indem wir sie singen und von anderen gesungen hören, dass wir die Bilder und Kunstwerke betrachten, die ja auch Verkündigung sein können und sollen - und manchmal sagt ein Bild mehr als 1000 Worte. Die Gemeinschaft derer, die an Gott glauben, die man erfahren, ertasten, erleben, manchmal sogar erriechen kann - sie kann Freude hervorrufen, Freude an der Weihnachtsbotschaft, die ganz von innen kommt und zu Tränen führen kann, Tränen, derer man sich nicht schämen muss.

Denn das doch der Sinn der Weihnachtsbotschaft, dass Menschen sich dazugehörig fühlen dürfen, mithineingenommen in das Leben, in die Freude, in Sinn und Ziel des gesamten Daseins. Dass sie dies erleben, mit Leib und Seele, dass sie nicht mehr allein sind, draußen stehen, ausgestossen, abgeschoben, mit sich selbst im Unreinen.

Mit allen Sinnen genießen - Simeon und die alte Prophetin Hanna haben so mit all ihren Sinnen die Weihnachtsbotschaft genossen als ihnen das Kind auf den Arm gegeben wurde. Es waren alte Menschen, vielleicht waren ihre Augen und Ohren gar nicht mehr so gut. Und doch haben sie gesehen, gehört, gewußt: Das ist die Erfüllung meines Lebens. Worauf ich so lange gewartet habe, ist nun Wirklichkeit. Keine Täuschung mehr möglich - ich bin am Ziel meiner Wünsche.

Freude wünsche ich uns allen. Spontane Freude. Ein Erleben der frohen Botschaft. Dass sie keine alte, verkopfte Geschichte ist, sondern dass sie das ganze eigene Leben verändert. Neuen Mut macht. Den Mund, das Herz zum Singen bringt. Die Ohren öffnet auch für neue Worte, neue Töne. Der Nase Wohlgerüche nahebringt und nicht nur das, was uns schon lange stinkt. Uns ertasten lässt: wir sind nicht allein. Es gibt Menschen, die es gut mit uns meinen. Damit wir wieder Geschmack am Leben finden.

Die Lebensfreude hat viele Formen. Wir müssen nicht so tanzen und jubeln wie die Afrikaner. Wir müssen überhaupt nichts. Man kann sich auch ganz still freuen. Wir können auch die Freude nach außen tragen, nicht für uns behalten. So lasst uns noch einmal die wunderbare Weihnachtsgeschichte hören und annehmen, indem wir sie gemeinsam miteinander singen:

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns,
der für uns,
für uns Mensch geworden ist.

Es sandte Gott seinen Engel vom Himmel,
der sprach zur Jungfrau Maria:
»Du sollst Mutter Jesu sein,
Jesus Christ,
Jesus Christ,
Jesus Christ dein Söhnelein!«

Maria hörte des Herren Begehren,
sich neigend sie zu dem Engel sprach:
»Sieh, ich bin des Herren Magd,
mir gescheh,
mir gescheh,
mir gescheh, wie du gesagt.«

Und es erging ein Gebot von dem Kaiser,
daß alle Welt gezählet würd.
Josef und Maria voll der Gnad
zogen hin,
zogen hin,
zogen hin nach Davids Stadt.

Es war kein Raum in der Herberg zu finden,
es war kein Platz da für arme Leut.
In dem Stall bei Esel und Rind
kam zur Welt,
kam zur Welt,
kam zur Welt das heilge Kind.

Es waren Hirten bei Nacht auf dem Felde.
Ein Engel ihnen erschien und sprach:
»Fürcht' euch nicht, ihr Hirtenleut,
Fried und Freud,
Fried und Freud,
Fried und Freud verkünd ich heut.

Denn euch ist heute der Heiland geboren,
und er ist Christus, unser Herr.
Dies soll euch zum Zeichen sein:
's Kindelein,
's Kindelein,
's Kindelein liegt im Krippelein.«

Sie gingen eilend und fanden die beiden,
Maria und Josef, in dem Stall
und dazu das Kindelein,
Jesus Christ,
Jesus Christ,
Jesus Christ im Krippelein.

Vom Morgenlande drei Könige kamen,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Myrrhen, Weihrauch und auch Gold
brachten sie,
brachten sie,
brachten sie dem Kindlein hold.

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns,
der für uns,
für uns Mensch geworden ist.
(EG RWL 545)

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

 


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28. Dezember 2003