Wunder - Stein des
Anstoßes:
Wunder: Prüfstein des Glaubens:
Predigt 2. Sonntag nach Epiphanias 18.01.2003
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
I. Reihe: Johannes 2, 1-11:
Die Hochzeit zu Kana
nd am dritten Tag
ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa; und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die
Hochzeit geladen.
3 Und da es an Wein gebrach, spricht die Mutter Jesu zu
ihm: Sie haben nicht Wein.
4 Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu
schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Kap 19,26
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch
sagt, das tut.
6 Es waren aber allda sechs steinerne Wasserkrüge
gesetzt nach der Weise der jüdischen Reinigung, und ging in je einen zwei
oder drei Maß.
Mark 7,3.4
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Wasserkrüge mit
Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet's
dem Speisemeister! Und sie brachten's.
9 Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der
Wasser gewesen war, und wußte nicht, woher er kam (die Diener aber
wußten's, die das Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den
Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten
Wein, und wenn sie trunken geworden sind, alsdann den geringeren; du hast
den guten Wein bisher behalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen
zu Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger
glaubten an ihn.
Kap 1,14
12 Darnach zog er hinab gen Kapernaum, er, seine
Mutter, seine Brüder und seine Jünger; und sie blieben nicht lange
daselbst.
Kap 7,3;
Matth 13,55
Liebe Gemeinde,
Für aufgeklärte Zeitgenossen sind die
Wunder häufig in einer Linie mit Märchen und Lügen. Oder sogar
Taschenspielertricks.
Die Wohlmeinende halten sie für die
Erklärung unerklärbarer Phänomene der damaliger Zeiten, heute hat die
Naturwissenschaft ganz andere Möglichkeiten und Einsichten.
Blinde werden wieder sehend, Gelähmte
können plötzlich wieder gehen, 5000 werden von 5 Broten und 2 Fischen
satt.
Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu
- das kann doch wohl nicht sein.
Wunder sind auch manchmal Anlass für einen
kleinen Handel mit Gott: Wenn sich dieses Wunder ereignet, werde ich
glauben. oder: an die Wunder glauben
Mit Wundern werden sogar Geschäfte
gemacht: Ein liebenswertes Beispiel habe ich ihnen mitgebracht.
In Kana, dem Ort wo Jesus auf einer
Hochzeit Wasser in Wein verwandelt haben soll, verkauft heute ein
arabischer Töpfer diese Krüge. Ich kam mit ihm ins Gespräch und warf ihm
vor, mit der Wundergläubigkeit einiger Leute Geld machen zu wollen.
Und er antwortete mir: Weißt du, ich sage
den Leuten doch nicht, meine Krüge sind Wunder. Niemand erwartet, das in
ihnen aus Wasser Wein wird. Wunder, das sind Zeichen, Zeichen vom Reich
Gottes hier bei uns. Mit den Wundern erzählte uns Jesus, wie das Reich
Gottes beschaffen ist. Wie es sein wird, wenn Gott seine Herrschaft ganz
unter uns Menschen aufrichtet. Und weißt du, meine Krüge wollen ein Stück
davon reden, wie es sich verhalten könnte, mit den Wundern und dem Reich
der Himmel.
Denn es könnte sich so verhalten, und er
zeigte mir einen seiner Krüge:
Manchmal ist das Reich Gottes so
unscheinbar, wie dieser Krug
Aber all unsere gewohnten Sichtweisen
werden einfach auf den Kopf gestellt.
Unsere menschlichen Erwartungen erweisen
sich als unzutreffend
Das Reich Gottes kommt auf ganz
unterschiedlichen Wegen
Da gäbe es noch viel zu sagen über das
Reich Gottes, aber so ein einfacher Krug ist natürlich überhaupt nicht zu
vergleichen mit Gottes Reich!
Und dann kommen viele gelehrte Leute hier
nach Kana und erklären mir, was es auf sich hat mit dem Wunder:
Die einen erklären das ganze für
Taschenspielertricks, die anderen haben wissenschaftliche Theorien und
Begründungen, wie es sich zugetragen haben könnte, und die dritten wollen
nichts ergründen.
Ähnlich ist das auch mit meinen Krügen.
Manche erklären sie für Beutelschneiderei
und gehen weiter.
Manche zerschlagen sie, weil sie wissen
wollen, wie das Innenleben funktioniert und kleben sie dann wieder
zusammen.
Und manche freuen sich einfach daran, das
es so unerwartet und merkwürdig geschieht.
Einer erzählte eine Geschichte (Quelle
unbekannt):
In einem Dorf fand vor langer Zeit eine
Hochzeit statt zwischen den beiden reichsten Familien. Die beiden standen
sich erzfeind gegenüber, aber zwei Kinder hatten sich ineinander verliebt.
Nie hätten die Familien in eine Heirat eingewilligt, wäre die junge Frau
nicht schwanger gewesen.
Die Atmosphäre bei der Hochzeitsfeier war
dann auch dementsprechend. Eisige, starre Stille. Die Familien saßen
getrennt, jede hatte ihre eigenen Bediensteten mitgebracht.
Nun war es Brauch in diesem Dorf, daß die
beiden Hochzeitsfamilien Wein mitbrachten, der dann zusammengeschüttet und
ausgeschenkt wurde. Der Geistliche, der das Paar getraut hatte, nahm, wie
es Brauch war, den ersten Becher. Doch er erschrak zutiefst, als ihm der
Becher gereicht wurde, denn er war nur mit Wasser gefüllt. Beide Familien
hatten statt Wein nur gewöhnliches Wasser mitgebracht, denn es hatte sie
gereut, wertvollen Wein für die anderen mitzunehmen. Beide hatten wohl
gedacht, wenn die andere Familie Wein brächte, wurde die Mischung noch rot
genug sein.
Die Spannung wuchs spürbar, als der
Geistliche sich erhob. Die Knechte hatten sich verzogen, denn sie machten
sich auf einen schlimmen Streit gefaßt, sobald der Betrug herauskäme.
Der Geistliche also erhob sich - dankte
den Familien für den ausgezeichneten Wein, den sie mitgebracht hatten, als
Zeichen der Wertschätzung und der Freundschaft.
Beinahe sichtbar atmeten beide Familien
auf und waren zugleich erstaunt darüber, daß die andere Seite
offensichtlich soviel und so guten Wein gebracht hatte, daß niemand den
eigenen Wasseranteil bemerkte. Waren die alten Streitigkeiten überwunden?
War ein neuer Anfang mit dem besten Wein gemacht? Wer gibt den teuersten
Wein für seinen Feind?
Die Familienoberhäupter schämten sich
wegen ihrer Vertrauenslosigkeit den anderen gegenüber. Warum war man nicht
schon längst auf eine Möglichkeit gekommen, endlich den Streit zu
begraben?
Mit einem Mal spürten sie, wie ein
ermüdender Druck, der lange Zeit auf ihnen gelastet hatte, wie aufgehoben
war. Sie konnten freier atmen, waren erleichtert. Konnten sich gegenseitig
in die Augen blicken. Auf einen Wink traten die Knechte herbei und wurden
beauftragt unverzüglich den besten Wein herbeizuholen.
Wenig später konnte der tatsächlich
gemischte Wein ausgeschenkt werden. Die Hoch-Zeit konnte richtig beginnen.
Eine schöne Geschichte, nicht wahr.
Herzergreifend und romantisch. Romeo und Julia mit gutem Ausgang.
Ich bin überzeugt, sie hat etwas mit uns
zu tun diese Geschichte vom Reich Gottes. Wie dieser Krug aus Kana.
Beides macht Mut, die eigenen Erfahrungen
mal auf den Kopf zu stellen, die festgelegten Meinungen und Wege
umzukehren und Neues zu entdecken. Spuren von Gottes Reich der Himmel
lassen sich entdecken, da wo neue Möglichkeiten sich eröffnen.
Dies funktioniert nicht nur auf unseren
kleinen zwischenmenschlichen Bereich bezogen.
Der scheinbare Automatismus, mit dem alles
auf einen Krieg im Irak zusteuert, macht mir Angst. Ich wünschte uns, dass
die Spuren von Gottes Reich der Himmel auch hier erfahrbar würden. Dass
alles das, was normal und zwangsläufig erscheint noch einmal auf den Kopf
gestellt wird. Dass auch in diesem Konflikt nach anderen Wegen der Lösung
gesucht wird.
Und ich wünschte uns, dass wir nicht
sitzen und schweigen, sondern tun, was uns möglich ist, um dem Frieden zu
dienen.
Weißt du, so erzählte der arabische Töpfer
mir zum Schluß, für mich ist das Weinwunder von Kana ein Zeichen des
Reiches der Himmel. Mit Gottes Reich ist es wie mit diesem Fest.
Wir alle sind eingeladen mitzufeiern.
Amen.
Und der Geist Gottes, der größer ist als
unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und
bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.
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