Inseln des Reiches Gottes hier in dieser Welt

Predigt zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 9. November 2003

Kurseelsorgerin Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

1. Reihe: Lukas 17, 20 - 24:
Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, daß ihr werdet begehren zu sehen einen Tag des Menschensohnes, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe hier! siehe da! Gehet nicht hin und folget auch nicht.Denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, was unter dem Himmel ist, also wird des Menschen Sohn an seinem Tage sein.

Bibeltext bei www.bibel-konkordanz.de


Predigt Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

Sehnsucht, liebe Gemeinde wann hatten Sie das letzte Mal Sehnsucht nach etwas, nach jemandem? Vielleicht hatten Sie Sehnsucht oder haben sie noch nach einem geliebten Menschen, der jetzt nicht da ist, oder nicht mehr da ist?

Vielleicht gilt Ihre Sehnsucht einer Zeit, die Sie erlebt haben, mit der Sie besonders Schönes verbinden:

Ihre Kindheit,

die erste Liebe,

die Zeit von Gesundheit und Wohlergehen, die Sie gerne sozusagen "zurück" hätten?

Vielleicht haben Sie Sehnsucht nach einem Ort

Ihrer alten Heimat,

wo Sie geboren sind,

lange gelebt haben,

glücklich waren?

Sehnsucht nehmen wir uns einen kleinen Moment für unsere Sehnsucht ......

 

 

Sehnsucht, liebe Gemeinde, da schwingt mit, dass das Ziel unserer Sehnsucht, die Erfüllung dessen, auf dass wir warten, noch aussteht.

Deshalb gehen bei Sehnsucht immer zwei Gefühle Hand in Hand:

Die Trauer über Unerfülltes und die Freude und die Hoffnung auf das Ersehnte.

Manchmal wissen wir, dass am Ende unserer Sehnsucht die Erfüllung steht das Traurige begleitet die Freude nur und wird am Ende in ihr aufgehoben der geliebte Mensch ist da, der ersehnte Ort, die ersehnte Zeit erreicht.

Hatten Sie eben solche Gedanken?

Sehnsucht kann aber auch unerfüllt bleiben.

Dann überschattet das Traurige das Schöne, das wir heben, wünschen, ersehnen eben. Solche Erfahrungen haben wir wohl alle, manche werden wohl eben an daran gedacht haben. Aber die Sehnsucht bleibt als Ziehen im Herzen vielleicht.

In unserem heutigen Evangelium spricht Jesus auch von einer Sehnsucht. Er spricht von der Sehnsucht nach dem Reich Gottes.

„Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen."

Der Tag des Menschensohns, das ist der Tag der Wiederkunft Christi, der Tag, an dem die Erde, die wir kennen, enden wird und der 1. Tag von Gottes Reich anbrechen wird, der 1. Tag von Gottes neuer Welt auf Erden.

Jesus spricht vom Warten auf diesen Tag zu seinen Jüngern und Jüngerinnen.

Warten wir Christen und Christinnen heute auch noch auf diesen Tag, begehren wir ihn zu sehen, haben wir wirklich Sehnsucht nach dem Reich Gottes?

Trauern wir über sein Fernbleiben und haben Freude und Hoffnung auf sein Kommen?

Ich glaube, liebe Gemeinde, dass wir bei der Antwort auf diese Frage unterscheiden müssen.

Eine Sehnsucht nach einem ausgesprochenen Ende dieser Welt mit einem jüngsten Gericht und einer neuen Welt, die haben wir in dieser Kirche hier wohl nicht. Wir erwarten nicht ständig sehnsuchtsvoll das Weltende, das uns aus diesem Jammertal erlöst. Wir Christen und Christinnen heute haben uns der Welt zugewandt, sind als Menschen und mit unserer Kirche befasst mit dem, was in der Welt vorgeht.

Die Agenda 2010, die Schließung von Jugendzentren und Frauenhäusern, die rechtsradikalen und judenfeindlichen Ausfälle von Politikern und Generälen sind auch die Themen und Probleme der Kirche oder sollten es zumindest sein. #

Aber: Wenn wir dieses Handeln in der Welt als Auftrag Jesu zur Mitarbeit am Reich Gottes verstehen, bestimmt dann nicht doch die Sehnsucht nach dem Reich Gottes unser Handeln auch wenn es nicht mit dem Weltende verknüpft ist?

Die 10tägige Friedensdekade, die heute beginnt, ist mit ihren Angeboten und Gottesdiensten ein Ausdruck der christlichen Sehnsucht nach dem Reich Gottes, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen.

Tiefer aber geht wohl eine andere Sehnsucht nach Gott und seinem Reich, eine, die mit Situationen aus dem eigenen Leben verknüpft ist.

Wer den 9. November 1938 erlebt hat, der wird sich mit aller Kraft gesehnt haben nach einem Gott, der eingreift, der Gerechtigkeit und Frieden aufrichtet, der richtet, und heilt.

Meist sind es Grenzsituationen, die uns nach Gott suchen lassen, freudige Erlebnisse manchmal, Das Geschenk eines Kindes aber vor allem Erlebnisse von Tod und Trauer.

Fragen:

Wo kommen wir hin nach unserem Tod?

Gibt es ein Wiedersehn am Ende der Zeit?

Herrscht Gerechtigkeit am Schluss?

Gibt es etwas größeres als unser kleines menschliches Leben?

In diesen Erfahrungen und Gedanken berührt uns die Sehnsucht am tiefsten in unsrem Innern, eine Sehnsucht nach einem erlebbaren Gott, einem Gott, der auffängt, heilt, sichtbar und da ist, der alle Tränen abwischen wird von unseren Augen und alles neu macht. Und bei diesem "alles neu", da geht dann die Sehnsucht auch über unsere Welt hier auf der Erde hinaus und wird zur Sehnsucht nach dem Reich Gottes am Ende der Zeit.

Ja, liebe Gemeinde, Und wann kommt nun dieses Ende der Zeit?

Wann erfüllt sich unser Hoffen, unsere Sehnsucht?

Oder bleibt sie unerfüllt, ein Ziehen im Herzen, das mehr Schmerz als Freude bringt?

Wann werden wir Antworten bekommen auf unsere Fragen nach dem Warum?

Wann werden Tod und Zerstörung, Krieg und Gewalt ein Ende haben?

Wann werden wir sicher sein, dass sich der 9. November 1938 nicht wiederholen wird, bei uns nicht und nicht anderswo?

Auch die Sehnsucht braucht ja einen Ort, an dem sie sozusagen "anlegen" kann, einen Hafen, auf den sie zusteuert.

Jesus wusste das.

Und er gibt zwei Antworten auf die Frage nach dem "Warum denn". Und beide Antworten zeigen, dass ihm menschliches Fragen, Leiden und Hoffen immer vertraut waren.

Zum einen vergewissert er uns, dass das Reich Gottes kommen wird, unüberhörbar und unübersehbar für alle Welt. "Wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein." Das Reich Gottes wird kommen. Jeder wird es merken. Und es kommt ohne unser Zutun, durch Gottes Handeln allein. Welch eine Last kann uns da von unseren Schultern fallen: Wir sind es nicht, die durch unser Tun und Lassen das Reich Gottes aufhalten könnten oder hervorbringen müssten.

Nicht so sehr dass wann, sondern das "Das" ist unser Ziel. Die Gewissheit des Kommen Gottes auf die Erde ist der Hafen für unsere Sehnsucht eine Sehnsucht, bei der die Freude die Trauer überwiegt, die das Ziehen im Herzen aushalten lässt. Im Vertrauen auf das Handeln Gottes können wir besser loslassen von der Frage nach dem Wann. Wir können uns verlassen auf Gott.

Und Gott verlässt uns auch nicht.

Denn die anderen Antwort, die Jesus gibt, ist die:

Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Weil Gott der Hafen, das Ziel unserer Sehnsucht ist, gibt er uns sozusagen schon einmal Inseln, Ankerplätze seiner Gegenwart, Die können mit unserem Handeln zu tun haben, wenn wir mit unserer Sehnsucht hinarbeiten auf das Reich Gottes.

Wenn durch Kirchenasyl jemand vor der Abschiebung in eine tödliche Zukunft bewahrt bleibt.

Wenn die Telefonseelsorge Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet.

Wenn durch unser Geld Menschen in Not hier in unserer Gemeinde und in der Welt Unterstützung erfahren.

Inseln der Gegenwart Gottes, wo unsere Sehnsucht neu gestärkt wird, erleben wir in den Momenten, die nur scheinbar klein sind.

Lassen Sie Ihre Gedanken in die vergangene Woche wandern: Wo haben Sie erlebt, dass eine Begegnung mit einem anderen Menschen Ihnen gutgetan hat?

 

 

Mit Freunden, mit Kollegen,

ein kurzes Gespräch auf der Straße ,

ein Anruf,

eine Frage: Wie geht es dir?

Ein Lächeln,

ein Gruß,

vielleicht etwas hier im Gottesdienst?
 

Für mich sind das Inseln des Reiches Gottes hier in dieser Welt, Inseln, die unsere Sehnsucht stärken und trösten. "Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch".

Am Ende soll ein Gebet stehen, das ich in diesen Tagen gelesen habe:

In der Dunkelheit des Lebens, in der Zeit der langen Nächte warten wir und hoffen auf Licht und Sonne.

In Zeiten der Trauer und der Traurigkeit, in der Zeit des Leidens und der Schmerzen warten wir und hoffen auf Linderung.

In Zeiten des Unfriedens und des Hasses', in Zeiten des Terrors und des Krieges warten wir und hoffen auf Versöhnung und Frieden.

In Zeiten der Einsamkeit, in der Zeit der Leere und des Schweigens warten wir und hoffen auf einen Menschen, auf dich.

Auch in Zeiten der Freude und Zufriedenheit, in der Zeit der leichten Wegewarten wir und hoffen auf das Morgen, das gut wird und friedlich und schön.

Wir warten und hoffen, wir arbeiten an deinem Reich gib uns brennende Sehnsucht, bis am Ende der Zeit dein Reich kommt und bleibt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sehnsucht in Christus Jesus. Amen

 

 
 

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09. November 2003