Suchen und Finden. Die Bibel.

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias - 26.1.2003 NB / BL No 517

I.Reihe: Matthäus 8, 5-13

Der Hauptmann zu Kapernaum

(Luk. 7,1-10; Joh. 4,46-53)

gefunden mit http://images.google.de5   Da aber Jesus einging zu Kapernaum, trat ein Hauptmann zu ihm, der bat ihn
6   und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gichtbrüchig und hat große Qual.
7   Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
8   Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehest; sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.
9   Denn ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe unter mir Kriegsknechte; und wenn ich sage zu einem: Gehe hin! so geht er; und zum andern: Komm her! so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das! so tut er's.
10   Da das Jesus hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!
Mark 6,6; Luk 18,8

11   Aber ich sage euch viele werden kommen vom Morgen und vom Abend und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen;
Luk 13,28.29

12   aber die Kinder des Reiches werden ausgestoßen in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen.
13   Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Gehe hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht ward gesund zu derselben Stunde.
Kap 9,29; 15,28

(Bibeltext bei Elbikon Online:  http://www.bibel-konkordanz.de)

 

Lieder: 452, 1,2,5  737  293  351, 1-3   346  198

 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Je­sus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Bibelsonntag 2003. Das ist heute. Wie immer am letzten Sonntag im Januar. Und dieses Mal im „Jahr der Bibel 2003“ Motto: „Suchen.und Finden.“ Heute abend um 19.00 ökumenischer Gottesdienst in St.Martin eben unter diesem Thema: „Suchen. und Finden.“ Ab dem 16.März ökumenische Bibelwoche in St.Marien zum Römer-Brief. „Suchen.und Finden.“

 

Ganz schön viel an Suchen und Finden, was da auf uns zukommt. Aber ich finde, der heutige Predigttext, die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum, die hat auch viel mit Suchen und Finden zu tun.

 

Findig ist dieser Hauptmann, der den Zusammenhang von Befehl und Gehorsam, die Macht eines Wortes, kennt. Und zugleich befindet er sich in einer großen Zwangslage, in einer mächtigen Verlegenheit. Das muß man sich einmal vorstellen: Er, der die Macht der Besatzer vertritt, der wohl über eine Hundertschaft Soldaten zu befehlen hat, er ist hilflos, was die Lähmung und die schlimmen Schmerzen seines Knechtes, seines Burschen, angeht. Dieser Hauptmann verhält sich nicht wie ein sicherer, starker Soldat. Er hat sich auf die Suche gemacht nach dem einen, der helfen kann. Er, der einer anderen Religion angehört, sucht diese Hilfe bei einem jungen jüdischen Mann, von dem noch nicht viel Ehrenhaftes zu sagen ist. Ihn spricht er ehrfurchtsvoll mit dem Hoheitstitel „Herr“ an - was genauso merkwürdig ist wie die Tatsache, dass sich dieser hohe Herr, der Hauptmann um einen einfachen Burschen, einen Leibeigenen, einen Sklaven, kümmert als wäre es sein eigener Sohn. Da ist mehr im Spiel als Verantwortung und Pflichtgefühl, vielleicht ist der Hauptmann nur ein netter Mensch, der sich um ihn anvertraute andere Menschen liebevoll kümmert, wahrscheinlicher ist jedoch, dass dieser Bursche ihm so am Herzen liegt, dass er alles versucht, um für ihn Hilfe zu finden.

 

Jesus jedenfalls ist beeindruckt: „Ich komme und heile ihn.“ Aber weiß er denn nicht, dass es einem Juden streng verboten ist, ein heidnisches Haus zu betreten? Und dazu noch das eines Söldner-Hauptmannes! Und dann noch nur um eines rechtlosen Sklaven willen! Will er den Hauptmann auf die Probe stellen? Das geht doch gar nicht - so schön das wäre: Niemals könnte Jesus auf diesem Weg kommen und helfen.

 

Der Hauptmann weiß das - und darum habe ich zu Anfang gesagt: Der Hauptmann befindet sich in einer großen Zwangslage, einer mächtigen Verlegenheit. Er sucht so aufrichtig und grenzenlos nach Hilfe, aber da sind scheinbar unüberwindbare Mauern.

 

Diese Geschichte ist eine typische neutestamentliche Geschichte, in der es um den Glauben geht. Es ist eine „Suchen.Und Finden“-Geschichte. Das sucht einer im Glauben Rettung, Hilfe und Halt. In einem Glauben gegen allen Augenschein, gegen alle Regeln, gegen alle Chancen. Es ist alles andere als selbstverständlich, das seine Suche Erfolg hat. Irgendwie scheint er nicht dazu zu gehören. Nicht zum Kreis der Jünger, nicht zum Kreis derer, die in der Nähe Jesu sind.

 

Erkennen wir uns irgendwie wieder in diesem Hauptmann? Auch wir haben doch in uns diese Sehnsucht, diesen Wunsch nach Rettung, danach, dass Gott eingreifen mögen, dass er etwas heil machen möge, vielleicht die Erkrankung eines anderen Menschen, vielleicht eine Beziehung, vielleicht eine Auseinandersetzung zwischen Völkern. Doch können wir dies wirklich von Gott erwarten? Wer sind wir denn, dass Gott auf uns hört? Mit unserem Glaubensleben, mit unserer Glaubenskraft, ist es oft nicht weit her - zulange haben wir, als es uns gut ging, Gott einen guten Mann sein lassen oder auch die Bibel als bloßes Repräsentier-Buch ungelesen in der Ecke liegen lassen oder sogar versteckt. Nicht alle! Manche hier haben auch ganz treu und unter Lebensgefahr an ihrem Glauben festgehalten, ihn durchgehalten in schweren Zeiten. Und doch ist das irgendwie unser aller Satz: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst...“

 

Wer sind wir denn, dass wir das Recht hätten, Gott für die Erfüllung unsere Wünsche einzuspannen? Was haben wir denn für Gott getan? „Ich traue mich nicht zu beten, geschweige denn in einen Gottesdienst zu gehen“, sagt mir eine Frau, „ich habe soviel Unrecht getan, Gott war für mich gar kein Thema, jetzt wünschte ich mir nichts sehnlicher als ein bißchen Glaube, aber den kann es ja gar nicht mehr für mich geben ...“ Für einen Hauptmann ist es das Peinlichste, die eigene Untauglichkeit zuzugeben. Ein Soldat, der untauglich ist, hat seinen Beruf verloren. Der Hauptmann gibt dies zu. „Ich bin nicht tauglich, dass du zu mir kommst.“

 

Ein Mensch auf der Suche. Auf der Suche nach Hilfe, die ihm kein Mensch bieten kann.  Und dennoch gibt er nicht auf. Er findet noch Worte, wo eigentlich jetzt Schluss der Debatte wäre. Ein findiger Mensch, dieser Hauptmann, der Worte findet gegen seine große Zwangslage und seine mächtige Verlegenheit. „Ich kenne doch schon rein beruflich die Macht eines Wortes. Wenn ich sage: Tu dies! Oder: komm her! -  dann wird mir gehorcht. Warum sollte ähnliches nicht bei dir möglich sein - ich traue dir alles zu!“  Jesus ist nicht nur beeindruckt, er ist überwältigt. „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden.“

 

Ich frage mich, was ist das für ein Glaube, was sind die Motive für den Hauptmann, so zu glauben wie ein Kind glaubt, einfältig, unbeeindruckt von aller Wirklichkeit, geradeaus, unbeirrt. Denn der Hauptmann ist kein Kind mehr. Er ist nicht beschränkt oder naiv. Er kennt das Leben, er weiß auch darum, dass das Leben eben nicht so ist, dass sich Wünsche immer erfüllen, wenn man nur feste genug daran glaubt. Er ist ein Suchender, der auch manche Enttäuschung hinter sich hat. Wenn er nun bei Jesus so gewiß ist, Hilfe zu finden, dann muß mehr hinter seinen Motiven stecken, so zu reden.

 

Zwei Dinge sind es, die ich gefunden habe bei dem Hauptmann. Das erste ist die starke Liebe, die einfach zu dem Knecht bestehen muss. Anders ist das Verhalten des Hauptmanns nicht erklärbar. Es ist das Herz, das spricht. Es ist die Liebe, die es dem Hauptmann möglich macht, alles aufzugeben, was bisher seine Stärke ausmachte. Das ist nicht Pflichtgefühl, nicht Mitleid, was ihn treibt. Das ist die Liebe. Da bin ich sicher. Es ist immer die Liebe, die die Menschen findig werden lässt. Die die Menschen herausreißt aus dem alltäglichen, gesicherten Leben. Menschen, die lieben, die sind auf der Suche. Auf der Suche nach der Erwiderung dieser Liebe, der Erhaltung dieser Liebe und das dem, den sie lieben, nichts geschehen möge. Aus der Liebe wächst die Sorge, die Fürsorge. Und liebende Menschen finden sich nicht ab mit den scheinbar unveränderlichen Wirklichkeiten. Sie kämpfen, wenn es sein muß, gegen Windmühlenflügel, sie geben nicht auf, finden 1000 Wege für die Rettung der Liebe und den, den sie lieben. Liebende können auch den Satz verstehen: „Liebe ist sogar stärker als der Tod“.

 

Und das zweite: Es ist ja nicht so, dass der Hauptmann einfach nur so glaubt, vielleicht, weil er ein sonniges Gemüt hat oder nur optimistisch nach vorn blickt. Der Hauptmann glaubt einem konkreten Menschen. Der Hauptmann glaubt Jesus. Die Begegnung mit ihm ist es, die ihn findig werden läßt und ihn fündig macht. In Jesus, das spürt er, das weiß er einfach, wird er finden, was er so gesucht hat. Weil Jesus die menschgewordene Liebe ist. Weil Jesus Mauern überschreitet, sogar Tote auferwecken wird. Jesus ist derjenige, der letztlich den Hauptmann zugleich ganz schwach und ganz stark sein läßt.

 

Wenn wir diese Geschichte hören, so kann sie auch uns ermutigen und anregen. Ermutigen, auch unserer Liebe mehr zu trauen als den scheinbaren gesellschaftlichen Gegebenheiten. Und angeregt können wir werden, in Jesus all unser Suchen und Finden festzumachen. In der Bibel gibt es noch so viele „Suchen.Und Finden - Geschichten“, die davon handeln, dass es sich lohnt, Jesus zu vertrauen. Auch für diejenigen, die meinen, sie hätten gar nicht genug für Gott geleistet bisher, sie seien es gar nicht wert, dass Gott ein Wunder für sie tun würde. Versuchen Sie es, liebe Schwestern und Brüder: sie werden finden, wie gut Jesus es mit Ihnen meint. Gerade zu denen, die sich ihrer gar nicht sicher sind, sagte er: „Suchet - so werdet ihr finden.“

 

Amen. 

 

 

 

 

 

 

zurück zur Seite Predigten und Andachten

26. Januar 2003

zurück zur Startseite der Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe