Wer da hat, dem wird gegeben werden

Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 18. August 2003

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Predigt zu Matthäus 25, 14-30 (I. Reihe)

Wer da hat, liebe Gemeinde, dem wird gegeben werden. Ein oft zitierter Satz, besonders, wenn es um Steuerreformen oder Finanzausgleichsnovellen geht. Und so scheint es doch auch zu sein, die Reichen werden reicher und die Armen müssen dafür bluten. So sieht es aus bei uns, aber noch viel deutlicher, wenn wir die Daten der Weltwirtschaft und Entwicklungszusammenhänge betrachten.
Wo bleibt da die Gerechtigkeit. Was ist mit dem Reich Gottes, um das es doch hier in den Kapiteln 24 und 25 des Matthäusevangeliums geht?
Geht es im Reich Gottes etwa genauso zu, wie im Wirtschaftssystem westlicher Prägung: belohnt wird, wer soviel Geld wie möglich macht, mit allen Mitteln, nur Leistung zählt, alle die, die keine Leistung bringen, sind unnütz, bleiben auf der Strecke.
Es geht wirklich zunächst einmal um das Kapital, um Geld, in dieser Rede Jesu. Und zwar um Bereiche der Hochfinanz, denn ein Talent entsprach etwa 30 durchschnittlichen Jahresarbeitslöhnen.
Handel, Zinsgeschäfte und Geldvermehrung sind nichts verwerfliches. Derjenige, der mit Geld arbeitet, ist nicht von vornherein verdächtig.
Aber auch Geld ist anvertrautes Gut, mit dem wir nur beauftragt sind. Dreh- und Angelpunkt all dessen ist das Reich Gottes, seine Herrschaft. Dient unser Geld dem Reich Gottes? Ich denke, dazu dient es immer dann, wenn Geld eingesetzt wird, um Menschen zum Leben zu verhelfen. Sei es die Spende, die ich für Menschen in Not gebe. Sei es einfach eine Freude zu verschenken. Und auch ab und an mir selber etwas Gutes zu tun.
Verurteilt wird in Jesu Rede, das Geld ängstlich zu verbergen, es zu horten, nichts hergeben zu wollen.
Aber natürlich, und das ist wohl allen klar, geht es in Jesu Gleichnisrede nicht allein um unseren Umgang mit Geld. Es geht nicht nur um die Zentner Silber, sondern auch um die Talente. Die antike Maßeinheit ist durch den biblischen Sprachgebrauch in unsere Alltagssprache gekommen. Talente - Begabungen Fähigkeiten, Stärken, Qualitäten.
Das Wort kommt uns leicht von den Lippen. Anderen Menschen können wir eine Menge an Talenten zubilligen. Aber uns selbst?
Stellen Sie sich vor, Sie müßten Ihre ganz persönlichen Talente, Begabungen, Qualitäten aufschreiben. Was wäre das.
Nehmen Sie sich doch einmal 1 Minute Zeit um darüber nachzudenken. Was ist mein Talent? Was kann ich ganz besonders gut. Was ist meine Stärke?

Mit dem Geld haushalten? Geschichten erzählen? Kochen? Zuhören? Organisieren? Putzen? Auf andere Menschen zugehen? Fröhlich sein? Trauer aushalten? Ein Instrument spielen? Phantasie? Realitätssinn? Begeisterung?

Das wunderbare an Gottes Reich ist, das die Verhältnisse hier auf den Kopf gestellt werden: nicht wer etwas leistet, gilt etwas. Sondern: weil wir bei Gott etwas gelten, weil er uns viel zutraut, können wir etwas leisten.
Ich werde geliebt und danach erst geht es darum, wie ich mit meinen Gaben und Begabungen umgehe.
Gott hat uns eine Fülle von Gaben mit auf den Weg gegeben: unser Problem ist, das wir sie oft zu gering achten. Das wir ihnen und uns selbst nichts zutrauen und sie vergraben oder verschütten lassen.
Jesus will den Mut stärken zum Risiko, zum Mitdenken, zur Zivilcourage, zur Unternehmungslust. Es ist nie zu spät, sich selbst zu fragen, welche Talente schlummern bisher bei mir ungenutzt? Was hat Gott mir zugetraut, manchmal auch zugemutet, zugegeben, und ich könnte es einsetzen, zur Arbeit an Gottes Reich, zu seiner Ehre, zu seinem Lob. Leben kann niemand nachholen, wir alle können es nur hier und jetzt leben.
Schlimm wird es werden, irgendwann zu entdecken: ich hätte das alles tun können und sollen, und habe nichts getan. Dann wird Finsternis sein, Heulen und Zähneklappern.

Gott traut uns viel zu. Er hat jeder / jedem von uns eine Menge anvertraut. Nutzen wir es zu Gottes Reich, zum Leben, wie Gott es gemeint hat. Amen

 

Von den anvertrauten Zentnern

14Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; 15dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, ajedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. 16Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. 17Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. 19Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. 21Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und btreuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! 22Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. 23Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! 24Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. 28Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. c 30Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
 
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18. August 2003