Gedanken zur Jahreslosung 2002
Antje Lütkemeier, Pfarrerin Bad Lippspringe
Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.
Jesaja 12, 2
Ein selbstsicheres Glaubenszeugnis eines völlig unangefochtenen Menschen? - Motto von Glaubensheldinnen und -helden?
Die Losung dieses Jahres scheint in diesem Jahr nichts für mich zu sein. Gerne würde ich sie ohne Zögern mitsprechen, denn ich wünschte mir zwar, niemals zu verzagen, glaube aber doch nicht so recht daran. Denn meine Wirklichkeit sieht anders aus. Ich kann diesen vollmundigen, zu dick aufgetragenen Glaubenssatz nicht darin wiederfinden. Natürlich kann ich mir auch in diesem neuen Jahr Gottvertrauen vornehmen und Unverzagtheit, aber damit wird es sein wie mit so vielen guten Vorsätzen für neue Jahre - sie werden den Januar nicht ungebrochen überleben.
Zu gut sind mir Ereignisse und Erfahrungen der vergangenen Jahre in Erinnerung, als das ich so leicht und unerschütterlich von festem Gottvertrauen reden könnte. Natürlich zunächst einmal der Schrecken des 11. Septembers 2001, der viele Menschen an Gott zweifeln ließ, oder zumindest an seiner Allmacht. Die Feindseligkeit gegen Moslems und die Angriffe auf Afghanistan, unter denen die Frauen und Kinder am meisten leiden, lassen mich trauern. Und es ist der fortgesetzte Krieg im un-Heiligen Land, der Haß und das Töten unschuldiger Menschen dort, der es mir schwer macht, nicht zu verzagen. Aber auch Erfahrungen und Erlebnisse, die nicht in den Medien auftauchen, lassen mich zögern, aus ganzem Herzen der Jahreslosung zuzustimmen. Die Gespräche mit der Frau, z.B., die seit Jahren unter Krebs leidet, an sich und der Welt verzweifelt und nicht leben, aber auch nicht sterben kann. Die junge Frau, die sich so von den Menschen zurückgezogen hatte, dass man sie erst Tage nach ihrem einsamen Tod in ihrer Wohnung fand. Oder einfach das Gefühl, trotz aller Bemühungen um das Gute, um den Frieden, immer wieder zu scheitern. Ich könnte diese Reihe fortsetzen, wahrscheinlich können Sie dies für sich mit ihrem Gedanken, Erfahrungen und Erlebnissen.
Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.
So isoliert klingt das, wie gesagt, nach einem Satz für Übermenschen. Aber ein Blick in den Kontext zeigt: es handelt sich um eine Verheissung. "Zu der Zeit", der Zeit der Befreiung nämlich, werden die Erlösten so singen. Zur Zeit, in der die Textstelle geschrieben wurde, sind die Menschen weit entfernt von solchem unerschütterlichen Loben und Danken.
Das Buch Jesaja, das wir kennen, ist eine Sammlung von Texten aus ganz unterschiedlichen Zeiten. Die Kapitel 1-39 berichten hauptsächlich über den Propheten Jesaja, der im 8. Jahrhundert v. Chr, in Juda lebte und wirkte. Jesaja kritisiert den ungleich verteilten Reichtum, die Korruption und Verschwendungssucht der Reichen auf Kosten der rechtlosen Armen. Außerdem warnt er vor einer Machtpolitik, die nur Krieg und Zerstörung bringen kann.
Das Kapitel 12 ist wahrscheinlich nachträglich eingefügt worden, in einer Zeit, als die angekündigte Katastrophe schon eingetreten war und die Entscheidungsträger des israelitischen Volkes schon ins Exil nach Babylon verschleppt waren.
Das "Danklied der Erlösten" wie die Luther-Bibel das Kapitel überschreibt, ist ein Lied der Hoffnung in hoffnungsloser Zeit, ein Trostwort für die Exilierten. Sie hatten eine traumatische Geschichte von Scheitern und Leid hinter sich. Hinter ihnen lag auch Zeiten der stummen Trauer und der lauten Klage. Mit dem Tempel in Jerusalem war, so hatten sie geglaubt, doch auch Gott verloren. Hinter ihnen lag aber auch die Entdeckung, dass Gott sich finden läßt, mitten im Leid und in der Klage.
Siehe, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und keine Angst haben.
Noch ist nichts gut, aber einer erinnert daran, dass Gott andere Pläne mit seinen Menschenkindern hat. Es gibt sie, die Erinnerung an Rettung und Geborgenheit, die Erfahrung, Gottes Nähe zu spüren, in kurzen Momenten zwar, aber immerhin.
Noch ist nichts gut, Christinnen und Christen werden nicht weniger von Unglück, Verlust, Leid, Krankheit und Tod betroffen, als andere Menschen.
Noch ist nichts gut, aber uns gilt die grosse Verheissung des menschgewordenen Gottes: Ich bin bei euch.
Noch ist nichts gut, aber die Jahreslosung 2002 macht Mut zum "Dennoch". Trotz einer Wirklichkeit, die dagegen spricht, kann ich Gott vertrauen. Gegen allen Augenschein muss ich mich von meiner Angst nicht lähmen lassen. Aus dem Alltag heraus kann ich mich auf die Suche nach Gott machen.