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Niemand ist allein

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias
in Neuenbeken und Bad Lippspringe (N0.516)

Lieder: 70, 1-3          69, 1-4     206, 1-3     66     441,1

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

 

Predigttext: I. Reihe: Matthäus 3,13-17

Auch Jesus kam aus seiner Heimat in Galiläa an den Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Aber Johannes versuchte, ihn davon abzubringen: «Ich müßte eigentlich von dir getauft werden, und du kommst zu mir?» Jesus erwiderte: «Laß es so geschehen, denn wir müssen alles tun, was Gott will.» Da wurde Jesus von Johannes getauft. Als Jesus wieder aus dem Wasser stieg, öffnete sich der Himmel über ihm, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. Gleichzeitig sprach eine Stimme vom Himmel: «Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Freude habe! Ihn habe ich erwählt.»

 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

hätten Sie das gewußt? Wenn in einer der z.Z. so beliebten Quiz-Sendungen diese Frage gestellt worden wäre: Von wem wurde Jesus getauft?

 

A von Johannes dem Täufer       

B von Gott selbst

C von Petrus, dem Fischer                       

D von niemandem.

 

Hand aufs Herz - hätten Sie die richtige Antwort gewußt?

Jetzt wissen Sie die Antwort natürlich, weil Sie die Evangeliumslesung gehört haben: von Johannes dem Täufer. Aber hätte man in der Quiz-Sendung etwa das Publikum befragt, ich bin mir nicht so sicher, ob nicht die Mehrheit darauf getippt hätte, Jesus sei überhaupt nicht getauft worden. Mit ein bißchen Nachdenken wäre man wohl darauf gekommen, dass Jesus doch Gottes Sohn gewesen sei und er von daher sowieso sündlos gewesen wäre. Von daher hätte Jesus gar nicht getauft werden müssen, er hätte höchstens andere taufen können. Wie hätte außerdem ein anderer Jesus taufen können, es ist doch keiner größer als Gott.

 

Aber nun haben wir es ja eindeutig gehört: Jesus wurde doch getauft - und zwar von Johannes dem Täufer. Aber - wir haben es auch verlesen bekommen: dieser Mann wollte erst gar nicht. Dabei war doch Johannes der Täufer eher ein Wilder, der vor nichts und niemandem Angst hatte. Einer, der sich von wildem Honig und Heuschrecken ernährte und allen, die es hören oder nicht hören wollten, zu rief: „Ihr Schlangenbrut! Das Ende der Welt ist nahe! Kehrt um, tut Buße!“

 

Und dann kommt Jesus zu ihm. Ein ganz sanfter Mensch. Noch ein ganz unbeschriebenes Blatt. Noch ganz jung. Wie das neue Jahr, das gerade begonnen hat. Ich kann Ihnen nicht sagen, woran Johannes erkannt hat, dass dieser Jesus der Heiland ist, auf den alle Welt gewartet hat. Mit einem Mal nur wird er ganz kleinlaut: „Nicht ich dich - du sollst mich taufen!“ Vielleicht ist das doch so, wie Maria dies in ihrem Lobgesang vorausgesehen hat: „Der da kommt stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

 

Jesus jedenfalls besteht darauf, sich nieder zu beugen und sich von einem sterblichen Menschen taufen zu lassen. Seine Taufe war noch ganz anders als unsere Form der Taufe. Jesus wurde im Fluß Jordan ganz untergetaucht - daher der Name „Taufe“ - ganz abgewaschen werden sollten alle Sünden und auftauchen ein ganz neuer, reiner Mensch.

 

Warum diese Taufe? Wohl nur aus dem einen Grund: Jesus will sich nicht erheben über andere Menschen. Er will sich ganz und gar auf dieselbe Stufe stellen mit uns Menschen - mit uns sündigen Menschen. So weit beugt sich Gott herab in unsere Welt, dass er sogar in die Fluten eines Flusses steigt und sich ganz und gar untertauchen lässt.

 

Und erst weil er dies tut, deshalb erst kommt der Geist Gottes wie eine Taube aus dem Himmel und Gott spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Eine Adoptions-Formel. Gott nimmt Jesus als seinen Sohn an.

 

Und noch etwas anderes: Der Evangelist Matthäus zeigt uns damit, wie wir in Jesus Gottes Sohn erkennen können. Indem sich Gott so herabbeugt, dass er auf derselben Stufe steht wie der geringste Mensch und der größte Sünder, erkennen wir Gottes Barmherzigkeit und Liebe.

 

Johannes der Täufer hat von dem wohl nichts verstehen können. Aber erst nach der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu bekommt diese Taufe auch wirklich den vollen Sinn.  Es ist, als ob an Karfreitag und Ostern sich Jesu Taufe noch einmal wiederholt: Das ganz und gar Untergehen in den Fluten, das Sterben eines qualvollen Todes - und dann das Auftauchen und Erwachen zu neuem, ewigen Leben.

 

Die Christen haben erst nach Ostern, nach der Auferstehung Jesu begonnen zu taufen. Taufen ist Aufnahme in die Gemeinde, ja, ist Bestätigung der Zusage: DU bist Gottes Kind, Gott nimmt dich an, so wie du bist, ja - aber Taufe ist noch mehr, ist Sakrament, heilige Handlung, die Anteil hat am Schicksal Jesu selbst.

 

Bei jeder Taufe werden wir daran erinnert, dass Jesus selbst getauft worden ist. Dass Jesus der Sohn Gottes ist, der eben nicht fern im Himmel bei den Gerechten und Unfehlbaren geblieben ist, sondern mitten in der Gemeinschaft sorgenvoller, sündiger, ängstlicher, trauriger, verletzter Menschen zu finden sein wird.

 

Und wenn uns die Wasser über den Kopf zusammen zu schlagen scheinen, die Wasser von Verzweiflung, Not und Sorgen - vergessen wir nicht, es ist dasselbe Wasser, das auch Jesus hat über seinem Kopf hat zusammenschlagen lassen.

 

Wir sind nicht allein, niemand ist allein, wenn er droht unterzugehen, wer Furcht hat, sich selbst zu verlieren und dessen Lebensmut und Lebenskraft zerbrochen zu sein scheinen.

 

Die Erinnerung an die eigene Taufe kann manchmal Berge versetzen, kann Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl vermitteln: Und wenn ich 1000mal bei den Menschen und sogar bei mir selbst abgeschrieben bin, verloren bin - ich bin durch die Taufe Gottes Kind geworden, und er wird mich retten, auch wenn meine Lage noch so aussichtslos erscheint.

 

Es ist aber auch die Erinnerung an die Taufe Jesu, die neuen Lebensmut schenken kann: Dieses Bild von dem aus den Fluten auftauchenden Menschen, der ganz unten war, ganz im Dunklen, ganz in der Finsternis - aber der dies alles überlebt hat, um dessentwillen sich die Himmel öffnen und Gott endlich sein Schweigen bricht, um zu sagen: „Dort - in diesem so tief gebückten Menschen erkennt ihr die tiefe und grenzenlose Liebe, die euch, jeder und jedem von euch gilt.“

 

„Warum hören heute die Menschen heute nicht mehr Gottes Stimme?“ fragte einmal ein Schüler einen weisen Rabbi. „Ganz einfach,“ antwortete er, „weil niemand mehr seinen Kopf so tief bücken möchte.“

 

Wir sind es gewohnt, Ellenbogen einzusetzen, uns gegen andere durchzusetzen, etwa im Beruf, uns auseinanderzusetzen mit dem, was uns umgibt. Aber unsere Welt ist voller Zeichen, wohin das führt, wenn Menschen nicht mehr bereit sich, sich zu bücken, auf eigene Macht zu verzichten, in Solidarität zu leben mit den Ausgebeuteten und Verlassenen. Wenn Menschen nicht bereit zum umdenken, zur Demut, zum Verzicht sind, dann wird es weiterhin Krieg auf Krieg, Ausbeutung auf Ausbeutung, Hunger, Gewalt gegen Frauen und Kinder und viel, viel Schuld und Unterdrückung geben. Gott aber ist bei den Mühseligen und Beladenen, nicht bei denen, die anderen Mühsal machen und sie beladen.

 

Mich beeindruckt eine Gestalt in Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ sehr. Da sucht jemand zeit seines Lebens Gott. Er sucht ihn in der Natur, im Sternenhimmel, in dem Ursprüngen allen Lebens, im Gemüt, in der Philosophie, in der Kunst, in allem Erhabenen. In seinem grössten Leid schliesslich wird ihm der Kopf zu Boden gedrückt. Er ist völlig am Ende. Und er will seinem Leben ein Ende setzen. Da sieht er Gott. Direkt neben ihm. In der geschundenen Kreatur an seiner Seite. Und auf einmal weiss er: Gott war immer da. Ich konnte ihn nur nicht sehen, weil ich stets in die falsche Richtung geblickt habe. Hätte ich nur einmal den Kopf wirklich gesenkt, ich hätte mir viele Umwege gespart und ich hätte Gott schon früher gesehen.

 

Wie schön, liebe Schwestern und Brüder, dass Gott uns füreinander geschaffen hat. Dass er jedem von uns Gaben und Aufgaben geschenkt hat, die wir füreinander nutzen können. Gott will uns nicht überfordern. Er öffnet uns die Augen dafür, dass wir etwas tun können. Dass wir die Möglichkeit haben, Menschen in ihrer Not zu sehen und diesen dann auch - soweit es unsere schwache Kraft ermöglicht - zu helfen. Gott weiss auch, dass wir selbst oft Hilfe brauchen. Er weiss auch, dass wir oft genug versagen. Er weiss auch, dass wir oft genug ein schlechtes Gewissen haben, nicht genug zu tun. Aber es tut gut zu wissen, dass unser Tun, dass unser Wassertropfen-Sein auf einem heissen Stein letztlich  Gottes Wille ist. Dass wir nicht allein sind, sondern viele, viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben. Und dass uns jemand auffängt, wenn wir am Ende unserer Kräfte sind. Ganz bestimmt. Glauben Sie mir. Gerade wenn die Fluten über unserem Kopf vollends zusammen zu schlagen scheinen, ist uns Gottes Hilfe ganz nah. Ganz bestimmt. 

 


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

 

Fürbittgebet

 

Gelobt seist du, Gott des Himmels und der Erde! Du hast deinen Sohn Jesus Christus vom Tode erweckt und uns das Licht des Lebens geschenkt. Du lässt das Feuer des Geistes vom Himmel in unser Herz fallen.

 

Herr, wir danken dir, dass du das Licht der Welt bist. Seit du unter uns bist, leben wir unter einem guten Stern. Du bist wie die Sonne am Morgen, die die Dunkelheit der Nacht verdrängt. Du leuchtest am Tag und erwärmst mit deinen Strahlen unser Herz. In der Nacht leuchtest du wie ein Stern, der uns den Weg zum Ziel weist. Wir danken dir, dass du auch Wege denen zeigst, die dir fern und fremd sind. Es ist ein großes und überwältigendes Geheimnis, dass dein Licht in den Herzen der Menschen zu leuchten beginnt, denen du begegnest.

 

Herr, wir bitten dich um das Licht der Lebens für alle, die in den vielen Dunkelheiten ihres Lebens gefangen sind und unter ihnen leiden. Für die Hungernden und Unterdrückten, für die Benachteiligten und für die Süchtigen, für die Unglücklichen und die Hoffnungslosen, für die Einsamen und Trauernden, für die Erschöpften und Ruhelosen, für die Enttäuschten und für die Verzweifelten. Mache uns zu Boten deines Lichtes in ihrer dunklen Welt. Lass uns ein wenig von dem Licht ausstrahlen, mit dem du unser eigenes Leben erhellt hast.

 

Herr über Leben und Tod, dein Wort und deine Güte führen uns am Tage und sind Zeichen in der Nacht. Durch Jesus Christus, der uns zu beten gelehrt hat:

 

Vater unser,
der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel
so auch auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unser'n Schuldigern,
und führe uns nicht in Versuchung
sondern erlöse uns von dem Bösen,
denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.

Vater unser,
der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel
so auch auf Erden.
Amen.

 

 

 

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12. Januar 2003

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