Freuet euch!

Predigt zum 4.Advent - 21.12.2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Lieder: EG 17 744 18 19 9 13
 

Text: II.Reihe: Philipper 4, 4-7
 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

der Predigttext steht im Philipper-Brief im 4.Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:

„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kundsein allen Menschen!
Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Gott, segne du dein Wort an uns allen.

„Freuet euch in dem Herrn allewege!“

In drei Tagen ist der Heilige Abend. Gott kommt in dem Kind Jesus zur Welt. Der Herr ist nahe - Grund zur Freude, so wie sie auch Maria besingt:

„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. ... Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“

„Freuet euch in dem Herrn allewege!“

In drei Tagen ist der Heilige Abend. Aber jetzt sind auch Menschen schon am Ende ihrer Kräfte. Weniger die Freude ist es, die sie bestimmt; es ist der Stress, der sie bis an den Rand der Erschöpfung treibt. Und es sind Enttäuschungen, Traurigkeiten, Begrenzungen des eigenen Lebens, die Menschen alles andere als fröhlich sein lassen.

Nun ist diese Freude, von der der Apostel Paulus schreibt, auch nicht die ausgelassene Fröhlichkeit, der gnadenlose Optimismus:

„Jetzt kommt der Aufschwung!“,

das Anknipsen von allgemeiner Harmonie in der Familie und heiler Welt zwischen den Völker, was sowieso nicht funktioniert. Der Apostel Paulus schreibt vielmehr diese Worte:

„Freuet euch in dem Herrn allewege!“

im Gefängnis; nicht wissend, ob er es jemals lebend verlassen wird.

Wie mit einem gewissen Trotz schreibt er:

„Und abermals sage ich: Freuet euch!“

Der Apostel Paulus ist an eine Grenze gestoßen. Ihn hat sein forsches, vielleicht auch unbedachtes Auftreten in eine Gefängniszelle gebracht. Er, der sonst als erfolgreicher Missionar von Stadt zu Stadt zog, ist auf einmal allein. Er ist zurückgeworfen auf das, was ihn eigentlich ausmacht. Er spricht auch von sich selbst, wenn er sagt:

„Sorgt euch um nichts!“

Es beschämt uns, dass uns da einer aus dem Gefängnis sagen muss, wir sollten uns um nichts sorgen. Dabei sorgen wir uns doch nur die ganze Zeit! Wir sorgen uns um die Organisation der Festtage, dass alle mit den Geschenken zufrieden sind, wir sorgen uns um die ältere Generation, um die Kinder und wollen es allen recht machen.

Wir sorgen uns und haben doch so viel: Ein Dach über dem Kopf, einen Raum, in dem wir das Wunder der Menschwerdung Gottes feiern dürfen, satt zu essen und zu trinken, eigentlich im Übermass, Freunde, Gesundheit -

„Wer alles haben kann, hat an nichts mehr Freude“

- diesen Satz las ich in der Predigtvorbereitung. „Wer alles haben kann, hat an nichts mehr Freude“. Ist das nicht so? Ist es am Ende unsere übergroße Sattheit, dass uns die Freude so schwer fällt? Dass immer nur die Sorge und der Stress im Vordergrund stehen müssen?

„Wer alles haben kann, hat an nichts mehr Freude“.

Damit sind wir doch mit einem Mal wieder bei uns. Ich weiss genau, heute sind auch solche Menschen in der Kirche, die kennen diese Erfahrung genau: Erst wenn du die äußere Sicherheit verloren hast, wenn dir genommen ist, worauf du dich bisher verlassen konntest, begreifst du, was dich ausmacht. Nur wer einmal gehungert hat, weiß wie schön Essen sein kann. Nur wer einmal krank daniederlag, weiß, was es für eine Gnade ist, atmen, hören, sehen, schmecken, leben zu können. Nur wer von Gott und Welt verlassen war, weiß, was ein gutes Wort, eine stumme Umarmung, wert ist.

Haben Sie nicht auch dieses Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen aus entsetzlich armen Verhältnissen sich viel mehr freuen können als wir satten Europäer? Niemand sollte arm, traurig, krank, verlassen sein. Daraus entstehen schlimme Krankheiten und große Not. Und doch - wer alles im Überfluß hat und nur noch mehr aufhäufen will, kann auch krank werden: er kann seine Freude verlieren, seine Mitte, den Sinn des Lebens.

Manchmal muss man arm sein, um den Reichtum des Lebens zu begreifen: Allein sein können mit sich. Auf sich selbst geworfen sein - und dann zu erkennen: da gibt es eine große Kraft in mir, die mir Freude schenkt, Mut gegen alle Mutlosigkeit, gegen alle Begrenztheiten meines Lebens.

Maria hat dies erfahren wie keine andere. Sie, eine unverheiratete, rechtlose, einfache Frau, soll den Heiland, den Messias, zur Welt bringen. Sie ist in einer absolut einsamen Lage, denn noch niemals stand ein anderer Mensch vor einer solchen Aufgabe. Allein mit sich singt sie ihr Lied. Das Lied der Freude: Gott ist mit mir. Es ist diese tiefe Erfahrung, die ihr einen ganz neuen Horizont schenkt. Ihr Gefühl, ihr Herz, aber auch ihr Verstand weiten sich. Sie ist Teil eines ganzen, sinnerfüllten, heilerfüllten Sinnes. Es ist eine Freude, zu leben!

Auch Paulus lebt auf. Gefängnismauer werden unwichtig, weil sein Horziont viel größer ist: Der Herr ist nahe! Paulus nimmt dieses Vertrauen viel wichtiger als alles, was ihn - zu Recht! - belasten könnte. Er ist kein Phantast, kein Träumer. Er weiß: auch die Hoffnung muss begründet sein, nur Nicht-Sorgen allen macht es auch nicht. Man muss auch etwas dafür tun: Lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.

Das heißt ganz einfach:

Wendet euch Gott zu!

Schaut auf ihn!

Sucht die Gemeinschaft von Gottesdienst, von Gebet und Abendmahl.

Gott ist ein naher Gott.

Schaut auf ihn!

Er nimmt die Gefangenen an, die Unfertigen, die Traurigen, die Überlasteten, die Fragenden und Fragwürdigen.

Wir Menschen meinen so oft, wir müssten erst soviel erarbeitet haben, damit wir vor Gott bestehen können. Wir rennen und schaffen, besorgen und arbeiten. Am Ende haben wir viel geschafft, aber wir sind auch geschafft. Zeit für die Freude bleibt da nicht. Als solche Menschen rennen wir am Wunder von Weihnachten vorbei. Erst wo wir dem nicht nicht mehr ausweichen können, weil wir vielleicht auf der Nase liegen oder mit der Nase darauf gestoßen werden, begreifen wir: Erst in der Unfertigkeit, in der Eingeschränktheit, innerhalb unserer Grenzen, begegnet uns das Kind von Bethlehem.

Meine Erfahrung mit vielen Weihnachtsfeiern ist: die an Heilig Abend in einem Krankenhaus, einem Pflegeheim, bei einem schwerkranken Menschen zuhause, im Gefängnis - das waren die ehrlichsten, ergreifensten - und - eigentlich gar nicht verwunderlich - die am meisten Freude gemacht haben.

Wie sang Maria:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. ... Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Ich bekenne, dass ich mich auch - gerade in diesen Tage - sehr niedrig fühle und hungrig nach ein bißchen mehr Leben. Und wissen Sie was? Vielleicht ist das ja die beste Voraussetzung, dass sich die Freude dann doch noch einstellt!“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.



Fürbittgebet 4.Advent

Ewiger Gott, gütiger Vater im Himmel, du bist uns nahe im Wort deines Sohnes Jesus Christus. Du lenkst unsere Gedanken durch die Kraft deines Heiligen Geistes.

Herr, wir danken dir für die Freude, die uns erfüllt, wenn du uns nahe kommst. Du verwandelst unsere Trauer in Freude und unser kaltes Herz in die Glut deiner Liebe. Du hast uns aus dem Lande des Elends geführt und zeigst uns das Land des Lebens.

Du stößt die Mächtigen von ihrem Thron und erhebst die Niedrigen. Die Stolzen verwirrst du, die Hungrigen speist du, die Geizigen lässt du leer ausgehen. Es ist ein großes Geschenk, dass die Freude unser Herz weit macht und unseren Mund zum Loben bringt.

Herr, wir bitten dich für die, denen das Lachen vergangen ist und die ihre Freude verloren haben. Ihre Sorgen erdrücken sie und ihre Suche nach Glück hat sie ermüdet. Wir bitten dich für die Überforderten, Enttäuschten, Unzufriedenen, Friedlosen und Unbeweglichen. Der Geist deiner Liebe möge sie wieder mit Mut udn Hoffnung erfüllen.

Herr, wir bitten dich für die, die keine Kraft mehr haben, die müde und taub für gute Worte geworden sind. Gib ihrer Seele neue Kraft, damit ihre Schwermut sie nicht in die Tiefe zieht. Herr, befreie sie und uns zur Freude des Herzens und zur Güte anderen gegenüber.

Herr des Lebens, im Vertrauen auf dich, auf deine Barmherzigkeit und Güte, gehen wir getrost unseren Weg - mit Jesus Christus, der uns zu beten gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
 
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
AMEN.


 

 

 

 

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22. Dezember 2003