Die Erlösung des Einzelhandels?

Predigt zur Christvesper - 24.12.2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Mit Gott konnte ich nie viel anfangen - aber der da“ - und dabei wies sie mit dem Finger auf die aus Wurzelholz geschnitzte Christusfigur - „der versteht mich.“ So beschreibt der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti eine Begegnung mit einer einfachen Frau, der das Leben an Schicksalsschlägen nichts erspart hatte.

„ Der versteht mich. Der da hatte es ebenfalls schwer.“ Die Frau meinte damit, dass in Christus Gottes Hilfe nicht nur theoretisch gepredigt würde, sondern Gestalt gewonnen habe, für sie zu einer konkreten Hilfe geworden ist, die sie mit Fleisch und Blut versteht.

Da ist Gott nicht mehr eine theoretische Größe im Himmel, die Gedankengebäuden der klugen Denker, sondern da wird ein Mensch geboren, von dem wir Menschen sagen dürfen: „Der versteht mich. Der ist einer wie ich.“

Weihnachten heißt also: Da kommt einer, der mich versteht. Nicht einer vom Himmel her, sondern von innen her: aus dem Leib einer Frau. Ein richtiger Mensch. Keine übernatürliche Erscheinung, sondern auf dem natürlichen Weg der Geburt ein Kind.

Nicht einmal einen außergewöhnlichen Namen hat dies Kind: Jeschua, Jesus, war die moderne Form des alten Namens Josua. Und der Name bedeutet: Gott hilft.

Ein Mensch wird geboren, der Jesus heißt. Gott hilft. Das ist Weihnachten. Er lebte, er wirkte, er wurde gehängt als Mensch.

Wir brauchen keinen, den niemand versteht. Wir brauchen nichts, was über uns richtet, aber uns nicht nahe ist. Die Sehnsucht danach ist groß. Zufällig hörte ich im Radio einen Standpunkt zum Thema „Weihnachten“ und der Frage: Spielt die spirituelle Wurzel dieses Fest überhaupt noch eine Rolle oder ist der Sinn des Festes heute nur noch die Stärkung des Einzelhandels?!

Der Kaberettist Dieter Nuhr hat in seinem Programm eine sehr bissige Schluss-Pointe, die gibt einem, wenn man sie richtig bedenkt, viel zu denken. Er sagt sinngemäß: „Gut, zu Karfreitag und zu Ostern hat Jesus die Schuld der Menschen auf sich genommen, Gott hat die Schuld vergeben und neues Leben durch die Auferweckung von den Toten ermöglicht“ - (dass ein Dieter Nuhr soviel richtiges dogmatisches Fachwissen an den Tag legt - alle Achtung!) - „gut, Ostern hat die Erlösung der Menschheit gebracht! Aber was ist das gegenüber Weihnachten? Weihnachten ist die Erlösung des Einzelhandels!“

Machen wir uns nichts vor, unsere Gesellschaft ist längst nicht mehr von christlichen Werten geprägt. Vergebung von Schuld, Erlösung des Menschen vom ewigen Tod - wen interessiert das? Und doch wir feiern Weihnachten, und der Kommentator im Radio meinte wörtlich: „Ich halte es mit der religiösen Deutung. Irgend etwas in den meisten Menschen dieses Landes hat Sehnsucht. Nach dem, was in der Weihnachtsgeschichte verpackt ist: ein neuer Anfang - wie die Geburt eines ganz großen Reformers in einer kinderfeindlichen Umgebung, Zuwendung - wie sie dieses Billiglohn-Schafhüter erleben - Freude - wie bei dieser ungewollt Schwangeren mit ihrem Verlobten in der letzten Bruchbude.“

Dann fährt der Kommentator fort: „ Unser Problem ist: wir haben zwar diese Sehnsucht, aber wir zappeln uns ab, um sie zu erfüllen. falscher Weg! Kommen lassen, heißt die Devise. Einsichten kommen lassen z.B. über das, was uns in den letzten vier Wochen so in Unruhe versetzt hat. Ich habe noch keine Ahnung, was genau es bei mir war. Morgen werde ich darüber nachdenken. Am Heiligen Abend bei leckerem Essen und kleine Geschenken.“

Vielleicht kann ja dem Mann geholfen werden. Vielleicht liegt ja die Antwort auf seine Sehnsucht, das Ende seiner Unruhe weniger im Essen und den Geschenken. Vielleicht ist es ja doch diese so merkwürdige Weihnachtsgeschichte, die man wieder herauskramen muss aus dem Staub der bloßen Tradition. Sie hat viel mehr mit uns zu tun, gerade uns im Jahr 2003 hier in Deutschland, als man gemeinhin denkt.

Vor allem tut es gut, in dem Kind in der Krippe den zu entdecken, von dem jemand sagen kann: „der versteht mich.“ Mich mit meiner Sorge um die Rettung der kleinen heilen Welt angesichts der globalen riesigen Probleme. Der meine Sehnsucht nach Ruhe, nach Sinn, nach Zu-Hause-Sein kennt und teilt, und der eine Antwort weiß auf mein rastloses Suchen.

Vielleicht tut es ja gut, einfach sich hinzusetzen, zu schauen, zu hören, einfach „KOMMEN LASSEN“. Eben nicht selbst aktiv sein, selbst zappeln, zappen, ziellos herumrasen, zaudern, zaubern wollen. Der Zauber kommt woandersher. Von innen. Durch einen Menschen. Aus dem Bauch einer Frau. Ganz wie bei uns. Ganz einer von uns. Mit einem ganz gewöhnlichen Namen. Aber der Name hat Programm: „Gott hilft.“ Jeschua, Josua, Jesus. „Der versteht mich.“

Ich wünsche Ihnen Zeit, Muße an den Weihnachtstagen, diese Erkenntnis einfach „kommen zu lassen.“ Die Erlösung gilt den Menschen, die noch staunen können, die sich beschenken lassen, die noch Hoffnungen, Erwartungen haben und nicht meinen, sie müssten sich alles selbst erarbeiten. Einfach kommen lassen. Und dann kommt das Weihnachtswunder auch zu Ihnen: „Denn euch ist heute der Heiland geboren“ - der, der dich versteht.
Amen.

[verwandt in der Predigt: Kurt Marti, Wir können uns nicht mehr auf Engel verlassen, aus Davids Stern steht über BethlehemWolfgang Brinkel und Heike Hilgendiek, München 1992 und Uwe Schulze, Der Tag: Standpunkt, 23.12.2003]

Fürbitten

Lasst uns beten zu Gott,
der durch die Geburt Jesu von Nazareth
Licht in die Dunkelheit unserer Welt gebracht
und unser aller Leben heller gemacht hat.

Lasst uns beten für alle Menschen,
deren Leben noch von Dunkelheit umfangen ist
und die zu wenig von Gottes Liebe zu uns Menschen spüren.

Lasst uns beten für alle Menschen,
die einsam sind und allein
und darunter gerade an diesem Tag und in dieser Nacht
besonders leiden:
Lass sie erfahren,
dass sie dennoch nicht allein sind,
weil du, Gott, ihnen nahe bist.
Gib ihnen Menschen,
die ihre Häuser und Wohnungen für sie offen halten,
die ihnen zuhören
und sie darin etwas spüren lassen von dem Licht,
mit dem du es unter uns Menschen hell machst.

Lasst uns beten für die Menschen,
die sich ihr Leben gegenseitig schwer machen:
Lass sie den Mut finden, aufeinander zuzugehen,
einander zu verzeihen und einen neuen Anfang zu finden.
Dann wird etwas von dem weihnachtlichen Frieden,
der mit der Geburt Jesu beginnt,
auch unter uns Wirklichkeit.

Lasst uns beten für die Menschen
in den armen Ländern dieser Erde,
die immer noch hungern müssen,
obwohl die Güter unserer Erde für alle Menschen ausreichen:
Gib uns die Kraft, Gott, die wir brauchen,
um mitzubauen an der Welt,
in der alle Menschen menschenwürdig leben können,
eine Welt, wie du sie gewollt hast.
 

Segen

Gott segne euch und er behüte euch.
Er lasse sein Licht für euch leuchten,
damit ihr euch nicht fürchtet.
Er schenke euch Freude aneinander,
damit auch ihr Freude verschenkt.
Er gebt euch seinen Frieden,
damit ihr ihn hinaustragt in die Welt.
Der Friede Gottes sei mit euch allen.

Der Herr segne euch und behüte euch.
Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden.
Amen.


 

 

 

 

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25. Dezember 2003