Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können

Predigt zum Reformationstag 2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Gedenktag der Reformation, 31.10.2003 BL
 

Lieder: 362 307 352, 1-4 347, 1-4
 

I. Reihe: Matthäus 5, 1-12

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

in einer sehr textnahen Übersetzung, der von Prof.Klaus Berger, heißen die Seligpreisungen wie folgt:
„Als Jesus die Menschenmassen sah, stieg er auf einen Berg und setzte sich hin. Als seine Jünger zu ihm kamen, begann er, ihnen die Lehre zu verkünden:

„Selig die armen Menschen, die gequält werden, denn sie werden frei sei, wenn Gott König ist.

Selig die Menschen, die traurig sind, denn sie werden Trost finden.

Selig, die auf Gewalt verzichten, denn ihnen gehört die Zukunft.

Selig, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn Gott wird sie satt machen.

Selig die Barmherzigen, denn Gott wird sich ihrer erbarmen.

Selig, die im Herzen rein sind, denn sie werden Gott sehen.

Selig, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine eigenen Kinder nennen.

Selig die unschuldig Verfolgten, denn Gott schenkt ihnen sein Reich.

Selig seid ihr, wenn die anderen euch beschimpfen, verfolgen und verleumden, weil ihr zu mir gehört.

Freut euch und jubelt, denn im Himmel werdet ihr reich entschädigt. Die Propheten vor euch wurden genauso verfolgt.““
 

Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.

„Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Dieses Zitat war in einer Predigtliteratur dem Text der Seligpreisungen der Bergpredigt zugeordnet. „Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Darüber habe ich lange nachgedacht. Martin Luther fiel mir ein - was ja naheliegend ist bei der Vorbereitung einer Predigt am Reformationstag. War es nicht auch sein Anliegen, dass Menschen ohne Schrecken Gottes innewerden können? Ja, dass die Menschen statt des strafenden, entmenschlichenden Gottes den barmherzigen, liebenden, den Menschen zugewandten Gott erfahren mögen? Dass Gott nicht will, dass Menschen in Furcht und Schrecken auch vor sich selbst und den eigenen Abgründen leben müssen, sondern dass sie aus der Zusage leben, so wie sie sind, hat Gott die Menschen angenommen, so überschüttet er sie mit seiner Liebe, dass die Menschen sich nicht verstecken müssen und sich nicht vor sich selbst zu schämen brauchen, sondern auch selbstbewußt und stark zu ihren eigenen Schwächen und ihrer Schuld stehen können.

„Glücklich - wir können auch sagen: Selig sein, heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Aber wie geht das? Das ist alles andere als einfach. Wenn wir wirklich einmal darüber nachdenken, was alles an schlimmen Abgründen in uns schlummert! Wenn wir ehrlich sind, also wirklich ehrlich sind - wer von uns könnte behaupten, nicht schon einmal in einer entscheidenden Situation kläglich versagt zu haben, geschwiegen zu haben, wo er hätte reden müssen. Hat nicht jemand von uns schon einmal andere verletzt, enttäuscht? Seien wir ehrlich: haben wir Gedanken nicht schon einmal anderen die Pest an den Hals gewünscht, schlimme Phantasien gehabt? Vielleicht hatten wir nur Glück, dass bisher diese Phantasien noch nicht Wirklichkeit geworden sind, vielleicht war es nur Glück ...

„Erkenne dich selbst!“ Ein schöner Spruch. Aber ich bin mir nicht so sicher, dass wir uns wirklich selbst erkennen wollen! Denn das, was wir da sehen, könnte uns wirklich Angst und Schrecken einflößen. Ja, das wäre schon ein schönes Ziel, wenn wir so ganz und gar ohne Einschränkungen vor Gott bestehen könnten, wenn wir ohne Schrecken den Blick darauf aushalten könnten, wozu wir wirklich an Scheußlichkeiten fähig sind. Wie aber dann glücklich, selig sein?
Was meinen die Seligpreisungen Jesu? Sind das Forderungen an die Menschen, neue Gebote: Wenn du selig sein willst, dann musst du: arm, traurig, leidend, barmherzig, im Herzen rein, pazifistisch, unschuldigt verfolgt sein? Der Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte einmal: „Mit der Bergpredigt kann man nicht die Welt regieren!“ Und recht hat er, wenn man die Seligpreisungen mit Gesetzen verwechselt, die man einfach so anordnen könnte. Barmherzigkeit, Herzenreinheit, Armut, Traurigkeit, Gewaltlosigkeit - das sind keine Dinge, die sich ein Mensch aussucht, zu denen er sich entscheiden kann. Jesus stellt keine neue Gesetze auf, im Gegenteil, er nimmt den Menschen so an, wie er ist. Er sieht in ihm etwas, was Menschen so oft übersehen. Er spricht aus, was wirklich wichtig ist, was den Menschen zum Menschen macht, was wirklich Menschlichkeit bedeutet. Und da, wo die Menschlichkeit zur vollen Blüte kommt, da ist das Glück. Sucht nicht das Glück, die Seligkeit im Erfüllen von Gesetzen, in Reichtum, Macht und moralischer Sauberkeit. Die Seligkeit ist in euch. So wie ihr seid, ihr Menschen, die hier auf dem Berg mir gegenüber steh, so seid ihr selig. Ihr, die ihr arm seid, verfolgt, barmherzig, friedfertig, einfach, gewaltlos - so, wie wir versucht, Menschlickeit zu leben, so sehe ich euch, so spreche ich euch die Seligkeit zu!

Ein bißchen ist es wie mit dem Petrus, dem Jesus auf dem See Genezarth sagt: Du kannst auf dem Wasser! Und Petrus kann, weil Jesus ihm die Fähigkeit dazu zuspricht. Erst als Petrus in die Abgründe und nicht mehr auf Jesus blickt, zweifelt er und droht zu versinken. Solange wir auf das vertrauen, was Jesus in uns sieht, können wir Dinge tun, die sonst unmöglich sind. Dann können wir „ohne Schrecken unser selbst innewerden“. Doch wehe, wenn wir wieder in die Abgründe unser selbst schauen und uns mehr von ihnen beeindrucken lassen als von Jesu Wort.

Die Seligkeit steckt in jedem Menschen und muss nicht durch Taten erworben werden - das war auch die reformatorische Entdeckung Martin Luthers. Sie ist aber meilenweit entfernt von einer Selbsterlösung des Menschen, so, als hätte jeder Mensch sowieso schon einen guten Kern in sich, den er nur herauslassen müsste. Nein, der Mensch braucht Christus, damit er zum Menschen wird. Der Mensch ist eben nicht im Kern nur gut, es bedarf Christus, dass der Kern gut wird und menschlich. Dies ist das Geschenk des Glauben, was den Menschen sozusagen von innen heraus verwandelt und zu einem neuen Menschen macht. Und das ist ein ständiger Kampf zwischen diesem guten Kern und den Abgründen in sich selbst. Der Zustand zwischen dem „Auf dem Wasser gehen“ und dem „Zu Versinken Drohen“. Das ist das Leben. Auch Martin Luther hat immer in dieser Spannung gelebt. Auch er drohte oftmals zu versinken. In den Stunden der größten Anfechtung schrieb er auf den Tisch: „Ich bin getauft!“ Was heißt das anderes, als dass er sich seinen guten Kerns versicherte, der nicht automatisch da war, sondern den ein anderer, nämlich Christus, in ihn gepflanzt hat.

„Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Wie geht das? Sich von Christus glücklich, selig machen lassen. Zu hören, was er sagt: „Du Armer, du Trauriger, du Verfolgter, du mit einfachem Herzen, du, der du Barmherzigkeit leben willst und Gewaltlosigkeit - dich meine ich. DU BIST SELIG. Du hast Glauben, der Berge versetzen kann. Ich schenke dir MEINE KRAFT. Und so gehe hin, tue das, wozu du fähig bist und habe keine Angst: Drohst du zu scheitern, zu verzagen, zu verzweifeln: ich bin sofort bei dir, fange dich auf, halte dich, lass dich nicht allein. Ich bin ein gnädiger, liebender, barmherziger Gott - verlass dich darauf.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




 

 

 
 

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02. November 2003