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Meine Lieben!

 

Vitoria hat das Licht der Welt im Gefängnis erblickt. Ihre Mutter Heloisa war wegen Drogendelikten zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Heloisa ist zu allem Elend auch noch AIDS-krank und reagiert schlecht auf antivirale Medikamente. Da sie keine Angehörigen hat, bat uns der Jugendrichter, das inzwischen sieben Monate alte Baby aufzunehmen. Vitoria konnte nicht im Gefängnis bleiben. Auch ihr HIV-Test erwies sich als positiv.

Mit den kargen Angaben machte ich mich auf den Weg zum Frauengefängnis in der Nordzone von São Paulo. Als ich durch die große Pforte trat, überkam mich Her­zensangst und große Furcht: Dass eine Mutter von ihrem Kind getrennt werden sollte, war mir unvorstellbar. Eine Wächterin empfing mich und führte mich durch endlose Gänge und Türen. Sie schloss immer von Neuem eiserne Türen auf und schloss sie hinter sich hastig wieder zu. Endlich erreichten wir die Pflegestation. Ich trat durch die eiserne Tür. Im kahlen Raum lag eine ausgemergelte Frau, bewegungslos und wie erstarrt. Das physische und das seelische Leid prägten ihr eingefallenes Gesicht – es wirkte hart. Ich versuchte ein Lächeln, sehr unbeholfen – es blieb ohne Antwort. Heloisa, diese junge Frau, die ich liebevoll anzuschauen suchte, war in sich selbst schwer verwundet. Sie mühte sich, ganz reglos zu bleiben und starrte mit aufgerisse­nen Augen ohne Unterbrechung die weiße Decke ihrer Zelle an. Im kalten Friedhof ihrer Zelle herrschte eine beklemmende Stille.

Ich war gelähmt. Ich glaube, dass ich ihr Schreien dennoch hören konnte. Ihr diffuser und treibender Schmerz geht mir nach.

Und dann sah ich plötzlich die kleine Wiege. In ihr lag das sieben Monate alte Baby, von dem ich nur wusste, dass es Vitoria hieß. Seine Ärmchen und seine Beinchen waren mit einer eitrigen Skabiose überdeckt. Das Gesicht wirkte ganz blass. Und die tief dunklen Augenringe gaben dem Gesichtchen seinen erschütternden Ausdruck. Das also war Vitoria, das Baby, das ich mitnehmen sollte!

Unerwartet nahm die Wächterin, die mich begleitet hatte, das Kind an sich. Sie ver­ließ wie auf Befehl fluchtartig die Zelle. Ich konnte ihr nicht folgen. Ich musste noch ein bisschen vor diesem Bett stehen bleiben. Für Heloisa gab es keinen Ausweg aus dieser grausamen Intimität. Und ich selbst spürte nur, wie meine Verzweiflung dem zerrissenen Herzen dieser Mutter ein Echo zu geben suchte.

Bevor ich mit meinem kleinen Bündel das Gefängnis verlassen durfte, hatte mir die diensthabende Ärztin die notwendigen Medikamente mit auf den Weg gegeben. Sie erzählte mit Tränen in den Augen, dass in ihrem Trakt noch 23 Frauen in der glei­chen Situation wie Heloisa waren. Sie wolle, meinte sie, die Kinder nicht in irgend­einem Waisenhaus unterbringen. Und sie hoffe auf unsere Hilfe.

So ist der „Stern der Hoffnung“ mit einer neuen Aufgabe konfrontiert. In Zukunft wer­den wir uns nicht nur um die Kinder zu kümmern haben, sondern auch um ihre gefangenen Mütter.

Seit drei Monaten lebt Vitoria in unsern Kinderhaus vom „Kleinen Prinzen“. Sie ist ein ruhiges Kind mit großen, traurigen Augen. Sie nimmt alles sehr sensibel wahr und reagiert gut auf die Zuwendung der anderen Kinder.

In dieser vorweihnachtlichen Zeit öffnet uns Vitoria die Augen für das Kind in der Krippe. Es hat ein Obdach gebraucht und hat Geschenke angenommen. Vitoria freut sich, wenn die anderen Kinder ihr Spielsachen zuschieben. Und dann lächelt sie schon ein bisschen.

 

Mit einem vielstimmigen Dank aus Brasilien und ermutigt durch Ihre wunderbare Solidarität, die in diesem Jahr einen starken Ausbau der Werke möglich gemacht hat,

bleibe ich mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre Lieben

voller Zuversicht für das neue Jahr

 

Ihre

 

 

 

 

 

Stern der Hoffnung

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© Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe  10.12.09