Wo ist der Himmel?

Predigt zum Himmelfahrtstag 2003

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Predigttext: Luk 24, (44-49) 50-53 (I. Reihe)


Få dina idéer att växaDa stehen wir nun liebe Gemeinde, oder vielmehr sitzen, und schauen in den blauen Wolkendunst. Himmelfahrt Jesu -
Die Bibel erzählt in den vier Evangelien die Geschichte, in der Jesus vor den Augen der seinen von einer Wolke aufgenommen und ihren Blicken entzogen wird - in den Himmel. Seit dem 4. Jahrhundert feiern Christen 40 Tage nach Ostern Christi Himmelfahrt.
Aber ich fürchte, uns sind die alten Bilder aus dem Blick geraten, mit denen diese Geschichte erzählt wird, uns so stehen oder sitzen wir und wissen nicht, was da erzählt wird und feiern aus Verzweiflung eher Vater-Tag, etwas Handfestes eben, als dieses Ereignis, das uns so viele Rätsel aufgibt.
Wir wollen doch nicht enden wie Hans-guck-in-die-Luft, - vor lauter Himmelsguckerei ins Stolpern kommen. Wir sind doch die mit beiden Beinen auf der Erde!

Dabei geht es nicht um eine phantastische Reise.
Die Darstellungen der Himmelfahrt, die wir aus der Kunst kennen, erleichtern uns den Zugang keineswegs, im Gegenteil. Sie vermitteln ja tatsächlich die "geographische" Vorstellung von Erde und Himmel, unten und oben. Sie malen ein sehr unzureichendes und sicher auch unzutreffendes Bild dessen geben, was in unserem Glaubensbekenntnis heißt "aufgefahren in den Himmel".

Wo also ist der Himmel, was ist er?
Himmel ist ganz außerhalb unserer Welt, denn es bedeutet Ewigkeit und Unendlichkeit, nicht Zeit und Raum.
Und Himmel ist gleichzeitig ganz tief in uns drinnen.
Jesus fuhr auf gen Himmel heißt:
Jesus ist außerhalb der für uns geltenden Grenzen, und Jesus ist in unserem Inneren. Das Himmelreich ist inwendig in uns.

Eigentlich würde ich Sie jetzt gerne einladen, einmal aufzustehen und an sich selbst zu erproben, warum Menschen oft diese Ewigkeit, Unendlichkeit, Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit mit dem Blick nach oben verbunden haben.
Ein Blick nach unten umfasst konkrete Dinge. Er ermöglicht einen klar umrissenen Horizont, macht Grenzen deutlich. Läßt Standpunkte und Verortungen erkennen.
Der Blick nach oben streckt meinen Körper, weitet die Lungen, geht weit über gewohnte Horizonte hinaus.
(Probieren Sie es aus, wenn Sie gleich draussen sind, oder allein zu Haus.)
So kam es, dass Menschen den Himmel mit dem Raum von Wolken, Luft und Winden, verbanden. Und irgendwann die naive Vorstellung entwickeln konnten, Gott sitzt auf einer dieser Wolken. Vom ersten Raumfahrer erzählt man, er habe aus dem All gefunkt: kein Gott zu finden, nicht zwischen den Wolken und auch nicht bei den Planeten. Trotz aller Weite um ihn herum hatte er es offenbar nicht geschafft, über seinen Horizont hinauszuschauen.

Aber was ist denn dann das Ereignis, von dem Lukas am Schluss seines Evangeliums berichtet?
Genau wie die Geschichten von der Auferstehung Jesu sagt die Geschichte von seiner Himmelfahrt: Jesus ist nicht im Tod geblieben, er ist bei Gott.
Die Jüngerinnen und Jünger erhielten eine Antwort.
Indes eine Antwort in Bildern, in menschlichen Worten.
Das, was sie wirklich erlebten, war eine Offenbarung von Leben, die sie nicht in Worte menschlicher Sprache fassen konnten, weil sie jenseits von allem Vorstellbaren war.
Ostern, Menschen begegnen Jesus, der doch nach allen menschlichen Maßstäben, Gesetzen und Erfahrungen tot und begraben sein musste.
So gibt das, was sie über ihre Begegnungen mit dem Auferstandenen erzählen, wohl nur sehr bruchstückhaft und nur in mühseligen Annäherungsversuchen das wieder, was sie nicht mit ihren leiblichen Sinnesorganen sahen und hörten, sondern mit inneren Augen und innerem Ohr.
Und dann dieses letzte Erlebnis mit dem Auferstandenen.
Hören wir noch einmal hin:

Jesus sprach: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.
Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem und seid dafür Zeugen.
Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe. Und Jesus führte sie hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
Himmel – jenseits von Raum und Zeit

Der offene Himmel, den Menschen sich nicht selbst schaffen, erarbeiten, erbitten können, sondern zu dem Jesus Menschen führen muss. In nur zwei Geschichten der Evangelien wird von führen in Zusammenhang mit Jesus gesprochen, der doch sonst immer mit den seinen durchs Land zog: er führte sie auf den Berg der Verklärung und er führt sie nach Bethanien, auf den Ölberg, den Berg der Himmelfahrt.

Und dann geschieht in einem kleinen Satz entscheidendes: er hob die Hände auf und segnete sie, heißt es bei Lukas.
Jesus läßt die seinen nicht im Stich: dieser Segen bedeutet:
Ihr seid meine Beauftragten, Erben, Nachfolger. Ihr seid von nun an für das verantwortlich, was in meinem Namen geschieht. Ihr seid meine Hände, Augen, mein Herz und meine Füße unter den Menschen.
Aber Segen heißt auch: Ihr habt meinen Segen, es ist gut. Ihr müßt euch nicht über die Maßen verausgaben, ihr genügt, so wie ihr seid.
Und Segen sagt:
Ich bin bei Euch alle Tage. Ihr steht unter meinem Schutz.

Nach dem Erlebnis der Himmelfahrt Jesu schließt sich der Kreis.
Die frohe Botschaft ist abgeschlossen. Ihre letzten Worte führen uns dahin zurück, wo sie begonnen hat:
Sie beteten ihn an – das erinnert an den Beginn des Wegs Jesu. So bleiben wir nicht stehen, starren in die Luft, laßt uns gehen und sehen was dort geschehen ist und die Kunde ausbreiten, die zu uns gesagt ist. Amen

Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.

 
05. Juni 2003

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