
Wohin mag der Weg führen?

„wohin mag der Weg führen?“, vielleicht ist Ihnen dieser Gedanke gekommen, als Sie das Titelbild des neuen Gemeindebriefs angeschaut haben.
„Wohin mag der Lebensweg führen?“, sicherlich eine Frage, die irgendwann bei der Konfirmation die Familien, die Gemeinde oder vielleicht auch die Jugendlichen selbst bewegt.
„Wohin mag der Weg der Kirche führen?“, auch eine Sorge, die immer wieder in den Briefen des Neuen Testaments und den Dokumenten der Kirchengeschichte zu lesen ist.
Und aus dieser Sorge heraus passierten kuriose Dinge:
„Grüßt Andronikus und Junias, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind.“, so schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer. (Röm 16,7) Wir Leserinnen und Leser nach fast 2000 Jahren überlesen diese Bibelstelle leicht; Paulus grüßt zwei bedeutende Männer in Rom, das ist nicht Aufsehen erregend. Allerdings – den Namen Junias als Männernamen finden wir nirgendwo in der antiken Literatur, der Frauenname Junia ist vielfach belegt. Der von Paulus mit Grüßen bedachte Junias ist also wahrscheinlich eine Frau namens Junia gewesen. Kirchenvater Johannes Chrysostomos lobt in seinem Kommentar zum Römerbrief im 4. Jhd die Apostelin Junia mit überschwänglichen Worten: „Wie groß muss doch die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde.“
Spätestens im Mittelalter dann hatte die Sorge überhand genommen, die Sorge nämlich, dass durch zu viele Frauen an prominenten Kirchenstellen die gesamte Kirche an Würde und Bedeutung verlöre.
Bei der Entstehung der ersten Gemeinden, am Anfang des Weges der Kirche, spielten Frauen ganz selbstverständlich wichtige Rollen. Ebenso wie die Männer dienen und leiten sie, sie sind Lehrende und Gemeindevorsteherinnen, sie sind Diakoninnen und Apostelinnen.
Aber je weiter der Weg war, passte sich die Kirche mehr und mehr den geltenden Denk- und Lebensgewohnheiten an: der klaren Rollenaufteilung zwischen Dienerinnen und Herrschern. So wurde aus Junia ein Junias, denn man konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Paulus eine Frau als gleichberechtigte Mitapostelin grüßt.
„Wohin mag der Weg führen?“
Ich hoffe sehr, dass der Weg weiterführt hin zu einer Kirche in der nicht Herkunft, Alter, sozialer Stand oder Geschlecht eine Rolle spielen, sondern Gaben, Begabungen und Fähigkeiten. Das wäre ganz im Geist Jesu und ganz nach den Worten des Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)
Ich hoffe, dass der Weg weiterführt hin zu einer Kirche, in der denen etwas zugetraut wird, die nach den herrschenden Denk- und Lebensgewohnheiten zu jung sind oder zu alt. Oder die zu unwürdig sind oder zu ungebildet, zu unwissend oder welche „un-Wörter“ es noch immer geben mag.
Und
ich hoffe, dass der Weg die Konfirmandinnen und Konfirmanden
weiterführt hin zu einem Glauben, der Gott etwas zutraut, was ganz
unmöglich scheint.
Und dass ihr Weg weiter hineinführt in eine Gemein-de mit der Erkenntnis, hier werden alle Gaben und Begabungen gebraucht.
Ihre
Pfarrerin Antje Lütkemeier
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 20.04.09