Ärger

Predigt zum 3.Advent -  15.12.2002 Neuenbeken und Bad Lippspringe   No. 509

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

I. Reihe: Matthäus 11, 2-6:
Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Selig, wer sich nicht an mir ärgert!“ Ärger gibt es genug im Leben. Auch in der Vorweihnachts-, in der Adventszeit. Ärger über Streß, über andere, die einem - wie jeder meint, natürlich völlig unberechtigterweise - andere machen. Auch Ärger über sich selbst, weil wir ja immer die schlimmsten Richter über uns selbst sind. 

Heute geht es im Evangelium um einen Mann, der auch andere geärgert hat und über den sich auch manche anderen geärgert haben. Johannes der Täufer steht heute im Mittelpunkt. Er war ein zorniger junger Mann. Die Bibel verrät uns, wie wir ihn uns vorzustellen haben: Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren, das zusammengehalten wurde von einem ledernen Gürtel.

Er lebte in der Wüste und ernährte sich vorwiegend von wildem Honig und was noch schlimmer war, von Heuschrecken.

Ein Aussteiger. Einer, der ohne Kompromisse nur den Willen Gottes gelten lässt. Ein Fundamentalist. Einer, an dem man sich so richtig schön ärgern konnte - und der andere ärgerte.

 Johannes der Täufer hatte großen Zulauf. Viele Menschen ließen sich von ihm im Jordan taufen. Aber diese Taufe war keineswegs eine so freundliche und schöne Angelegenheit wie die Taufen heute.

 Johannes der Täufer nahm seine Taufe zum Anlass, alle Menschen, die zu ihm kamen, zu beschimpfen. Zitat: „Ihr Schlangenbrut: wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?“ Bei Johannes war die Taufe Vergebung der Sünden. Doch sie wirkte nur bei dem, der zuvor Buße getan und seine Sünden bereut hatte.

 Ohne Buße gibt es keine Freiheit. Ohne Eingeständnis der Schuld gibt es keine Vergebung. Johannes der Täufer ist gnadenlos. Wer zwei Hemden hat und gibt keines davon ab, ist verdammt. Punkt und Schluss.

 Johannes der Täufer ist ein politisch Radikaler. Er legt sich mit seinem Landesfürsten an, wirft ihm öffentlich vor, es sei eine schlimme Sünde, seine Frau zu verstoßen und statt dessen die Schwägerin zu heiraten.

 Dieser zornige junge Mann war sich bewusst, dass er nur ein Vorläufer, ein Bote war. Er wusste, den, den er die Gnade hatte zu taufen, er war der eigentlich wichtige Mensch: Jesus von Nazareth. Der war der Christus, der Auserwählte. Nur dieser Jesus von Nazareth war Gottes Sohn. Nur der konnte Sünden vergeben und Menschen zu seinen Kindern machen.

 Wenn ich mit Wasser taufe, tauft der nach mir mit Feuer. Wenn Johannes der Täufer schon radikal war, dann wird Christus noch eine Schaufel drauf legen und die Welt zum Brennen bringen.

 So dachte Johannes. Wir aber, liebe Schwestern und Brüder, taufen immer noch mit Wasser. Und wir verkündigen die vorbehaltlose Liebe Gott, wir sagen, dass Gott die Kinder, die wir taufen, so annimmt wie sie sind.

 Christus hat uns gelehrt, dies so zu tun. Denn er selbst nahm die Kinder an, so wie sie waren. Er schenkte ihnen erst seine Liebe und Vergebung.

 Er war sanftmütig und ohne Gewalt. Er beschimpfte nicht. Er nannte wohl Unrecht beim Namen, wie Johannes. Vielleicht noch radikaler als Johannes. Er sagte: Die Wurzel alles Unrecht liegt in unserer eigenen Lieblosigkeit. Er rottete aber diese Lieblosigkeit nicht einfach mit Stumpf und Stiel aus, wie manche seiner Glaubensgenossen dies wohl erwarteten, nein, er ertrug sie - bis zum bitteren Ende wehrte er sich nicht, sondern ließ sich von ihr überwältigen, ließ sich ans Kreuz nageln, um seine Liebe nicht verraten zu müssen.

 Ob Johannes das verstanden hat? Er, der doch immer mit dem Kopf durch die Wand wollte, dessen Feuer im Herzen alles Unrecht verbrennen wollte, erkannte er in dem sanftmütigen Jesus den, der größer war als er selbst? An den Zeichen sollte er ihn erkennen, an den Zeichen, die geschahen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“

 Diese Zeichen geschahen nicht überall. Im Gegenteil: sie waren auch damals die Ausnahme. Aber ich behaupte, solche Zeichen, die damals Johannes erzählt wurden, solche Zeichen geschehen auch in unserer Zeit. Es kommt nur darauf an, sie zu sehen und zur erkennen. Dieses Zeichen könnten in unserer Zeit etwa so lauten:

„Schaut was geschieht: Christus kommt auch heute noch und das sind seine Zeichen:
Menschen horchen auf und ändern ihren Sinn.
Verstoßene Kinder finden jemanden, der sie liebt.
Deutsche und ausländische Kinder spielen zusammen.
In den Familien werden abends Gespräche geführt.
Ehepartner blicken sich wieder in die Augen.
Der Leistungsdruck lässt nach.
Menschen können auch ohne viel Geld glücklich leben.
Menschen können auch ohne teure Weihnachtsgeschenke frohe Weihnacht feiern.
Auf dem Rasen dürfen Kinder spielen.
In Altersheimen lässt es sich leben,
Süchtige kommen los,
Depressive legen die Schlaftabletten beiseite.
Traurige lächeln,
Versteinerte können weinen,
Besserwisser hören zu,
Gleichgültige falten auf einmal die Hände.
Politiker vertreten die Interessen der Schwachen,
der Gegner kommt zu Wort.
Gespräche über Frieden sind ernst gemeint und haben spürbare Folgen.
Allen wird das Evangelium verkündigt: die Botschaft, dass Jesu Herrschaft die ganze Welt erneuert.“

Bei den aufgezählten Beispielen fällt eines auf: bei so manchen liegt es auch an uns, ob solche Zeichen in unserer Welt zu erkennen sind oder auch nicht. Nicht ein anderer, ein starker Held, ein Führer, ein Macher bringt die Erlösung, sondern die, die in Sanftmut Jesus folgen und sich für die Schwachen und Unterdrückten einsetzen. Denn das ist große Erneuerung der Welt: Die Verlorenen werden gefunden, die Verachteten bekommen ihr Recht, die Kleinen werden endlich ernst genommen.

Daran werdet ihr den Messias, den Gesalbten, den Sohn Gottes erkennen:  „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Jesus meint nicht, es gäbe ein Leben ohne Ärger. Johannes der Täufer, er steht dafür: ohne Auseinandersetzung, ohne Umkehr, ohne Streit, der erwachsen und mutig ausgetragen werden muss, geht es nicht. Aber Jesus bringt eben dies eine mehr: Er bringt die Überwindung des Ärgers. Deshalb ist Johannes der Vorläufer und Jesus die Erfüllung. Durch die Bußpredigt es Johannes hindurch wird erst die Größe der Liebe und Gnade Jesu ganz erkennbar. Frieden, das ist nicht einfach die Abwesenheit von Ärger, sondern die Überwindung von Streit.  So wie das Wort „Versöhnung“ - Versöhnung kann erst feiern, wer vorher Streit und Ärger gekannt und durchgefochten hat. „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“

 Der eine, der allein für Frieden, Versöhnung und Überwindung aller Zwietracht steht, soll im Mittelpunkt bleiben.  Um ihn dreht sich alles. Jesus - das Kind in der Krippe und der erwachsene Mann, der Stellung bezieht und konsequent für Liebe und Barmherzigkeit einsteht. Er ist das Maß aller Dinge. An ihm können wir sehen, was wirklich wichtiger ist als alle Alltagsgeschäfte. Er ist der Anfang, die Mitte und das Ende. In seinem Namen taufen wir, in seinem Namen feiern wir - immer neu Feiern der Versöhnung, der Liebe, der Gemeinschaft, die nur er stiften kann. Scheuen wir deshalb nicht, wie Johannes der Täufer zu sein: mutig, entschieden, mahend, konsequent. Begreifen wir aber auch, dass noch wichtiger Jesus ist: die Versöhnung, der Neuanfang, das Sich-Beschenken-Lassen mit seiner Liebe - und dann werden uns die Augen geöffnet für all das Wirken des guten Geistes Gottes auch in unserer Gemeinde, unserem Leben. 

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

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17. Dezember 2002

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