Bild Gottes

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 13. Juli 2003

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Kurseelsorgerin, Bad Lippspringe

I. Reihe, Lukas 6.36‑42:

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!
 

(Bibeltext bei Elbikon-Online)

Gnade sei mit euch von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, ganz sicher haben Sie heute morgen schon in den Spiegel geschaut: beim Rasieren, beim Zähneputzen, beim Kämmen. Vielleicht haben Sie nur einen flüchtigen Blick hineingeworfen oder einen sozusagen technischen: Liegen die Haare, ist der Pullover in Ordnung, sitzt die Krawatte oder der Blusenkragen. Vielleicht waren Sie auch unzufrieden mit dem, was Sie gesehen haben: viele ‑ zu viele - Falten, Narben oder Verletzungen, Spuren von Krankheiten, die Anstrengungen der vergangenen Zeit.

Ich weiß nicht, was Sie gesehen haben. Was wir aber eigentlich alle gesehen haben könnten, unter der Oberfläche und dem ersten Blick wohl verborgen, ist etwas anderes: Wir haben in den Spiegel geschaut und einen Menschen gesehen ‑ einen Menschen, der von Gott geschaffen wurde. Und damit haben wir, im Grunde noch mehr gesehen: Wir haben jeder und jede heute morgen im Spiegel ein Bild Gottes erblickt.

"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde ‑ zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und schuf sie als Mann und Frau". Und schuf den Menschen als blond oder schwarzhaarig, mit großen und mit kleinen Nasen, mit Gesundheit und mit Krankheit, schuf ihn mit dem Gesicht des Kindes und mit dem Gesicht der alten Frau ‑ aber immer zu seinem Bilde.

Als ich die Geschichte von der Erschaffung des Menschen in der letzten Woche abends meinem Sohn vorgelesen habe ‑ er ist fünf ‑ da wurden seine Augen ganz groß vor Erstaunen. ""Bo", sagte er, "ehrlich? Das ist ja super!" Ja, das ist es ‑ es ist super, schön, es ist ein Geschenk und eine Aufgabe. Wir alle sind Geschöpfe und Abbilder Gottes. Das heißt einmal: Wir sind, wie wir sind, von Gott geliebt und gewollt. Das kann uns entlasten von unserer Abhängigkeit von der Anerkennung und Liebe anderer. Gott hat uns vor allen Menschen angenommen. Darauf will ich aber hier nicht weiter hinaus. Ich möchte etwas anderes herausstellen. Wenn wir geschaffen sind als Abbilder Gottes, dann sind wir auch geschaffen und befähigt zum Guten. Wenn uns im Spiegel in unserem Bild das Bild Gottes ansieht, dann können wir uns umdrehen und auch der Welt dieses Bild Gottes zeigen in dem, was wir sind und tun. Wir sollen gut sein, aber wir können es auch. In allem Guten, was wir tun, folgen wir dem, zu dem wir bestimmt sind.

Und wenn ich mich dann umdrehe und die Welt und meine Mitmenschen anblicke, dann sehe ich dort:

Menschen, die auch Gottes Geschöpfe und Kinder. sind Ich sehe Gesichter, aus denen mir genauso wie aus meinem Gesicht das Gesicht Gottes entgegen blickt Ich sehe nicht nur in meinem privaten und persönlichen Spiegel den geliebten, gewollten und guten Menschen, sondern in jedem anderen, der mir begegnet.

Sie und ich, liebe Gemeinde, sehen die Abbilder Gottes hier. Sehen Sie sich um, drehen Sie sich um, rechts und links, vorne und hinten, überall. Ich glaube, dass wir den Menschen als Bild Gottes sogar eigentlich nur begreifen können, wenn wir uns alle so anblicken und anerkennen.

Mein eigenes Sein als Bild Gottes ist doch so begrenzt, so klein und im täglichen Leben auch oft so verzerrt. Aber wenn ich auf uns Menschen als Gemeinschaft der Kinder Gottes blicke, dann sehe ich Gott vielleicht klarer als nur im Blick in den Spiegel. Ich sehe Hoffnung und Mut, Phantasie und Einsatz für andere, ich sehe Menschen auf den Spuren Gottes und in der Nachfolge Jesu. Ich sehe, dass es stimmt: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.

Liebe Gemeinde, als Abbilder Gottes, die zum Guten fähig sind, können wir dann auch die Worte Jesu in unserem heutigen Evangelium hören und tun. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Seid barmherzig zueinander: Ihr könnt es, weil Gott euer Vater ist, der euch barmherzig geschaffen hat. Sei barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist, das ist die Überschrift für das folgende: Richtet nicht, verdammt nicht, sondern vergebt.

Richten, sich ein Urteil bilden, das ist sicher unumgänglich im menschlichen Leben. Wir müssen uns immer wieder Urteile bilden über Sachfragen: Was halte ich vom Konzept der Hartz‑Kommission? Sollen wir unsere Kirche umbauen, und wenn ja, wie? Für ein funktionierendes Zusammenleben einer Gemeinschaft ist Richten auch im Sinne von Rechtsprechung unumgänglich. Wir haben als Gemeinschaft diese Aufgabe an Arbeits‑ und Sozialgerichte, an Verfassungs‑ und Strafgerichte übergeben. Aber nicht nur in Sachfragen wird beurteilt. Menschen legen Maßstäbe an auch an andere Menschen, an ihre Eigenschaften, an ihr Können und Vermögen. Das ist in der Schule so, im Beruf und in der Familie. "Der ist eingebildet ‑ Die ist quengelig ‑‑‑‑ Herr oder Frau XY ist ein Besserwisser, eine Querulantin Jeder von uns hat wohl in der letzten Zeit solche Urteile gefällt. Bei allen Urteilen aber, bei denen Menschen betroffen sind, kommt es auf eines an: „beurteilen“ darf nicht „verurteilen“ sein. Mein Urteil soll den Menschen nicht niedermachen, nicht seiner Würde berauben.

Das ist Barmherzigkeit: Wir dürfen mit den Taten nicht zugleich den Menschen verurteilen. Denn das bedeutet, einen Menschen zu verdammen: keinen Unterschied mehr zu sehen, zwischen den vielleicht ja oft wirklich hässlichen und verletzenden Dingen, die er getan hat, und dem Menschen selbst.

Und die Vergebung? Darüber können wohl viele Worte gesagt, viele Predigten gehalten werden. Jeder von Ihnen, liebe Gemeinde, hat seine eigenen Erfahrungen mit Vergebung gemacht‑ Vergebung, die er bekommen oder nicht bekommen, gegeben oder nicht gegeben hat. Lassen Sie mich dazu nur einen Aspekt herausgreifen: „Vergeben und Vergessen“, das halte ich für eine der schlechtesten Formulierungen überhaupt. Erst einmal funktioniert das meist nicht. Dazu ist unser Gedächtnis einfach zu gut - ­gottseidank -. Denn ohne die Erinnerung an das Geschehene könnte sich alles einfach wiederholen. Wichtiger aber ist: Zu der Geschichte, die ich mit einem anderen Menschen habe, gehört alles dazu, das gute und das schlechte. Ich kann nicht Dinge einfach streichen, weder auf meiner noch auf seiner Seite. Vergeben heißt gerade nicht vergessen, sondern im Bewusstsein dessen, was gewesen ist, die Verbindung, die Beziehung zum anderen als Geschöpf Gottes nicht aufgeben, sondern neu gestalten‑ das ist die Barmherzigkeit, zu der Gott mich ermutigt.

Um es im Bild von eben zu sagen: Ich muss mich und den anderen immer zusammen im Spiegel der Gottebenbildlichkeit sehen, erst dann wird das Spiegelbild klar und deutlich. Denn mein unbarmherziges Urteil über den anderen verzerrt auch mein Spiegelbild. Meine Vergebung für den anderen kann das Bild aufhellen. Das ist für mich damit gemeint, wenn Jesus sagt: „Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.“

Liebe Gemeinde, vielleicht lässt es sich am Ende so sagen:

Seid barmherzig. Weil Gott uns barmherzig geschaffen hat. Gebt euch so, dass immer das Gesicht des anderen gewahrt bleibt. Dann seht ihr in seinem Spiegel, das er nicht allein ist: Zusammen seid ihr, zusammen sind wir vor Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

 

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14. Juli 2003

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