... und keinem geht ein Licht auf?

Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag 2002 in Bad Lippspringe und Neuenbeken
(No. 513)

Text: 1.Reihe: Johannes 1,1-14

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

 Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

 

„Am Anfang war das Wort“, das gilt es heute zu predigen, liebe Schwestern und Brüder, heute, am 2.Weihnachtstag, wo doch Weihnachten schon wieder fast vorüber ist. Ein solcher grundlegender Text, den wie uns vielleicht am besten in einer zeitgenössischen Übertragung noch einmal anhören wollen:

 

Der Weihnachtshymnus

(Übertragung Jörg Zink ?)

Im Uranfang vor aller Zeit, war er, das Wort.

Und er war bei Gott. Und Gott war bei ihm.

 

Alles wurde durch ihn.

Ohne ihn wurde nichts.

 

In ihm war Leben.

Im ihm war Licht.

 

Und das Licht strahlte auf. Gegen die Finsternis.

Und die Finsternis musste weichen.

 

Er, das Wort, das wahre Licht, er kam in die Welt.

Er kam in sein eigenes Land.

Aber die Menschen erkannten ihn nicht.

Sie nahmen ihn nicht auf.

 

Manche aber sahen ihn.

Und sie wurden Kinder Gottes, voller Leben.

 

Er das Wort, das wahre Licht,

er wurde ein Mensch von Fleisch und Blut.

Und er wohnte unter uns Menschen.

und wir sahen seine Macht und  Hoheit,

die vom Vater kam.

 

Und er beschenkte uns aus seinem Reichtum.

Er überschüttete uns mit Gnade.

 

Und niemand sieht Gott. Nur er, der einzige Sohn,

der dem Vater ganz nahe ist, er zeigt uns Gott.

 

Ja, über jeden Vers dieses Hymnus könnte man eine Predigt halten. Oder noch besser: eine Gespräch darüber böte sich an. Denn darüber, da bin ich ganz sicher, könnten Sie alle etwas sagen - oder hätten ihre Fragen: Was ist das „das Wort“ griechisch o logos, das schon am Anfang bei Gott war? In welchem Verhältnis stehen Wort / Jesus, der Sohn und Gott der Vater? Gott ist das Leben, das Licht. Das Licht, das gegen die Finsternis anleuchtet, dem die Finsternis weichen muss.

Die Erfahrung, die auch heute noch an schlimme Zeiten denken lässt: Die Menschen erkannten dieses Licht nicht. Nahmen es nicht auf. Verfolgten diejenigen, die an das Licht glaubten. Der Jahreswechsel ist verbunden mit dem Lied Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen ...“ Bonhoeffers Leben, das wie das von Jochen Klepper, dessen Todestag sich im Dezember zum 60.Mal jährte, aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ein grausames Ende gefunden hat. So wie das Leben Johannes des Täufers und vieler anderer, die Märtyrer geworden sind um dieses Wortes willen, um Christi willen.

 

Aber auch von den anderen Erfahrungen könnten Sie erzählen, liebe Schwestern und Brüder, wie es ist, wenn dieses Wort Gottes auf fruchtbaren Boden trifft, wenn Menschen Kinder Gottes werden. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht danach, selbst Kind Gottes zu sein, die Herrlichkeit, die Schönheit, die Macht Gottes zu sehen, zu erleben, dass Sie ganz durchdrungen werden von dieser Kraft der Hoffnung, des Bewusstseins, ganz und gar geliebtes Kind Gottes zu sein und der Erkenntnis, wer Gott ist, wo er wohnt, wie er aussieht, was er von uns Menschen will.


Denn auch das behauptet der Johannes-Prolog: Christus, der das Wort ist, der dem Vater ganz nahe ist, er zeigt uns Gott.

 

Könnten wir jetzt so ein Gespräch führen, dann wüsste ich schon, was die Fragen wären: „Aber wie?“ Wie ist Gott? In welchem Verhältnis stehen Gottvater und sein Sohn? Ist Jesus ein Gott oder ist er ein Mensch oder beides - aber wie? Das sind übrigens Fragen, da haben sich schon in der Kirchengeschichte die Menschen die Köpfe daran zerbrochen. Wir haben das Glaubensbekenntnis vom Konzil in Nicäa und Konstantinopel gesprochen. Dort wurde 325 bekundet, dass Jesus ganz eindeutig auf die Seite Gottes gehört: „Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ - freilich wurde das nur bekundet, aber nicht begründet, nur festgeschrieben, aber nicht erklärt.

Auf dem Konzil von Chalcedon 451 dann wurde die Ausgewogenheit beider Naturen Jesu betont: „Christus ist vollkommen in der Gottheit, vollkommen in der Menschheit.“ Aber um zu begreifen, was in diesem Zusammenhang das Wort „Natur“ meint, braucht es dann doch ein ausführliches Seminar in antiker Philosophie.

 

Der Kirchenvater Augustin sagte es einfacher: „Jesus lag in der Krippe und hielt die Welt zusammen. Er war ein unmündiges Kind und zugleich das Wort.“ Und der geniale und scharfe Denker Origines schrieb im 3.Jahrhundert: „Dieses Wunder übersteigt alles menschliche Staunen. Jene so große Macht der göttlichen Majestät soll innerhalb der Umschriebenheit des Menschen gewohnt haben. Ja noch mehr: dass die Weisheit Gottes in den Schoß einer Frau eingetreten sei, als kleines Kind geboren wurde und weinte, so wie die kleinen Kinder weinen.“

 

Ich finde es absolut faszinierend, wie geniale Denker vom Schlage eines Origines, aber auch eines Evangelisten Johannes, die eine Schärfe des Denkens besaßen wie kaum jemand sonst, an dieser Stelle nicht hinterfragen, nicht weiterfragen, sondern sich freiwillig mit dem Staunen begnügen: Jesus ist Gottes Sohn, und er ist Mensch geworden. Anstatt das Paradox aufzulösen, was eigentlich ganz auf der Linie dieser Denker gelegen hätte, lassen sie es stehen und beten es an.

 

Mir fällt dazu nur die Begründung ein: entweder waren diese Menschen doch geistig minderbemittelt oder sie hatten ein psychisches Problem. Beides ist aber unwahrscheinlich. Der andere Grund ist: Ihr Glaube war so groß und so stark, dass für sie dies die Wahrheit war, die nicht mehr hinterfragt werden musste, weil jetzt alles klar war:

Jesus besaß wirklich die Macht des einen Gottes - und er war gleichzeitig ganz und gar sterblicher Mensch.

 

Die Tragweite dieser Erkenntnis muss man sich einmal vor Augen halten: Gott als kleines, wehrloses Kind glauben zu können, geboren aus dem Schoß einer Frau, weinend wie Tausende von anderen Kindern. Und dass in einer Zeit, in der Kinder lediglich eine Funktion als Altersversicherung hatten, aber ansonsten wenig geachtet wurden und Frauen ganz aus dem religiösen Kultus ausgeschlossen waren, da durch sie - so die herrschende Meinung - die Sünde in die Welt gekommen war.

 

Wie tief muss der Glaube an einen  barmherzigen, liebenden, alle Grenzen sprengenden Gott sein, wenn so gedacht werden kann: Gott wird Kind, geboren von einer Frau. Gott verzichtet auf seinen Status als Gott, nicht weniger. Er gibt seine Möglichkeiten, seine Macht auf, damit der Mensch im Tausch göttliche Macht, göttliche Möglichkeiten erhält. Und dies allein aus Liebe, allein aus Barmherzigkeit. Das ist wahrhaftig Revolution des Denkens, Revolution des Glaubens.

 

Nikolaus Hermann textet 1560:

„Er wechselt mit uns wunderlich:

Fleisch und Blut nimmer er an

und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran.

Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!

Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein.“

 

Das ist kein kitschiger Barocktext, dass ist scharfes Denken. Ich kann in einer Predigt unmöglich noch mehr entfalten, was dieses neue Denken: „Gott wird Mensch“ alles an Folgen zeitigt.

Vielleicht ahnen Sie aber, liebe Schwestern und Brüder, wie wahrhaft revolutionär die Worte des Weihnachtshymnus zu Beginn des Johannes-Evangeliums sind: Der „Status-Verzicht“ Gottes, die Kernaussage des christlichen Glaubens. Und hier haben all die Ausleger Recht, die sagen, all die Schriften des Neuen Testamentes, besonders die Evangelien können nur entstanden sein aufgrund der Botschaft von der Auferstehung Jesu von den Toten. Gott stirbt, damit wir Menschen leben können. Das der Höhepunkt dieses Status-Verzichtes. Das war die Grunderfahrung der ersten Christen: Gott hat sich geopfert in seinem Sohn für uns Menschen - aber er hat Jesus auferweckt. Gott und Tod sind zusammengetroffen, aber Gott hat gesiegt. So sehr hat sich Gott in seiner unendlichen Liebe erniedrigt, das wir herausgerissen werden aus aller Vergänglichkeit und ewiges Leben erhalten.

 

Das ist die Grunderfahrung der Christenheit: Gott lebt. Jesus lebt. Ostern. Auferstehung von den Toten. Das ist der Schlüssel für den Glauben überhaupt: Der Statusverzicht Gottes.

 

In dem Menschen, den Gott von den Toten erweckt hat, zeigt sich Gott. In ihm wurde er selbst Mensch, wurde geboren, weinte, lachte, wuchs heran, redete, war zornig, litt und starb qualvoll - alles wie ein Mensch. Das ist das Wunderbare.

 

Aber wenn das so ist, liebe Schwestern und Brüder, dann hat das freilich auch Konsequenzen für das eigene Leben. Dann ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, der Menschlichkeit, die ja eigentlich Göttlichkeit ist, einzutreten, wo immer wir können. Ich möchte aber nicht den moralischen Zeigefinger erheben, das wäre ganz unpassend. Lassen Sie es mich in diesem abschließenden mahnenden Gebet so ausdrücken:

 

„Wenn es wahr ist, Gott, dass im Stall von Bethlehem dein Wort Mensch geworden ist, dann kann nicht alles so bleiben wie es ist.

 

Wenn in der Heiligen Nacht der Himmel auf die Erde gekommen ist, kann die Welt nicht länger so tun, als könne sie weiter ihren Gang gehen.

 

Weil du, Gott, zu uns Menschen gekommen bist,

kommen auch wir zusammen.

Weil du, Gott, Kind geworden bist,

lass uns auch unsere Kinder so annehmen wie sie sind.

Weil du, Gott, Bruder geworden bist,

darum lass auch uns zu Geschwistern werden.

Weil du, Gott, Himmel und Erde versöhnt hast,

versöhne auch uns miteinander.

 

Wenn es wahr ist, dass der Stern von Bethlehem nicht nur schöne Legende ist, sondern auch unser Leben hell machen will, dann mache du, Gott, Kind in der Krippe zu dem, was wir sein können: Kinder Gottes, deren Leben erleuchtet und frei ist.

 

Wenn es wahr ist, dass der Stern von Bethlehem nicht nur schöne Legende ist, dann kann es nicht angehen, das die Mächtigen befehlen und die kleinen Leute darunter leiden müssen

 

Dann kann es nicht sein, dass Kinder und Frauen geschlagen und unterdrückt werden - und keinem geht ein Licht auf.

 

Dann kann es nicht sein, wenn unverhohlen Kriege vorbereitet werden, die nur das Leid Unschuldiger zur Folge haben - und keinem geht ein Licht auf.

 

Dein Licht, ewiges Wort,  scheint in der Finsternis. Dich wollen wir aufnehmen. Und du überschüttest uns mit Gnade.“

 

Amen.

 

Und  der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Tages-Gebet  Christfest II

 

Allmächtiger Gott, Schöpfer der Welt.

Unfassbar bist du in deiner Größe

und begegnest uns in der Gestalt eines Kindes.

Erhaben bist du über alles

und machst dich angreifbar und verletzlich.

Du, unser Helfer,

suchst unseren Beistand.

Wir können das nicht zusammen denken,

was bei dir, Gott, zusammengehört.

Oft wähnen wir dich nur in unendlicher Ferne,

selbstgenügsam und unberührt von unserem Leben,

dann aber missbrauchen wir auch deine Nähe,

spannen dich ein für unsere Ziele

und machen mit dir einfach, was wir wollen,

ohne Ehrfurcht, ohne Respekt.

Hol uns zurück, Gott, von unseren Irrwegen.

Lass uns dein wahres Wesen erkennen

und dich lieben und ehren, so wie du bist:

als menschlicher Gott,

offenbar und geheimsnisvoll,

mächtig und zart.

In Jesus Christus, deinem Sohn, der mit dir im Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Schlussgebet:

Gott, unser Vater,

das ist die gute Nachricht von Weihnachten,

das du nicht der ferne, stumme Gott geblieben bist.

In Jesus Christus bist du uns nahe gekommen

als ein Mensch, der uns versteht,

als ein mitleidender, mitfühlender, helfender Bruder.

Und weil du dich nicht gescheut hast, Mensch zu werden,

in unsere Welt und in unsere Sprache zu kommen,

darum scheuen auch wir uns nicht, mit dir menschlich zu reden,

alles vor dich zu bringen, was uns am Herzen liegt.

 

Wir bringen vor dich die vielen Menschen,

die zu deiner Weihnachtsfreude keinen Zugang haben.

Leuchte hinein in die Abgründe ihrer Zweifel,

in die Tiefen ihrer Not.

 

Wir nennen dir auch alle,

die nicht glauben wollen,

die ihren Lebensinhalt allein im Verdienen und Genießen sehen

und sich darin für modern und fortschrittlich halten.

Wir bitten dich für alle, die kalt und berechnend sind,

die ihre Mitmenschen wie Sachen oder Mittel zum Zweck gebrauchen,

und in deren Leben du nicht vorkommst.

 

Und nicht zuletzt bitten wir dich, Gott, für uns selbst,

weil in all dem sich auch verborgene Seiten von uns zeigen.

Im Namen deines Sohnes Jesus Christus beten wir gemeinsam:

 Vater unser,
der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel
so auch auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unser'n Schuldigern,
und führe uns nicht in Versuchung
sondern erlöse uns von dem Bösen,
denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.

Vater unser,
der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name,
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel
so auch auf Erden.
Amen.

 

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30. Dezember 2002

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