Das Boot

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Predigt am 4.Sonntag nach Epiphanias -

2.2.2003 NB / BL      No 518
I.Reihe: Markus 4, 35-41  
Lieder :66,1,2,5;747  (Psalm 107);W 346, 1,4,5;351,  1,2;244;347, 1-4  -  
BL mit Abendmahl

 

Stillung des Sturmes

(Matth. 8,23-27; Luk. 8,22-25)

35   Und an demselben Tage des Abends sprach er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren.
36   Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn, wie er im Schiff war; und es waren mehr Schiffe bei ihm.
37   Und es erhob sich ein großer Windwirbel und warf Wellen in das Schiff, also daß das Schiff voll ward.
38   Und er war hinten auf dem Schiff und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts darnach, daß wir verderben?
39   Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille.
40   Und er sprach zu ihnen: Wie seid ihr so furchtsam? Wie, daß ihr keinen Glauben habt?
41   Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? denn Wind und Meer sind ihm gehorsam.

(Bibeltext bei elbikon online)

Friede sei mit euch und die Liebe Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

www.christcenteredmall.com/ story/story03.htmDas Boot, liebe Schwestern und Brüder, ist seit ewigen Zeiten ein Symbol für die Kirche. Da sind Menschen gemeinsam unterwegs, da gibt es manche, die rudern, andere, die lieber rudern lassen, Steuerleute, solche, die sich um den rechten Kurs streiten. In einem Boot - manchmal spürt man wenig davon, da ist das wie eine Wunschvorstellung: so sollte es sein - alle in einem Boot, alle an einem Strang ziehend, jede und jeder als Teil eines Ganzen, überzeugt von dem gemeinsamen Kurs, dasselbe im Auge.

Schon damals, in der ersten Christenheit, war dieses Bild vom Boot ein Wunschbild für die Christen. Auch damals schon gab es handfeste Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Kurs, ich denke nur an Petrus und Paulus. Und damals gab es genauso wie heute die starken Bedenken, ob dieses unansehnliche Boot der Kirche denn tatsächlich Bestand haben wird in den Stürmen auf hoher See - und ob ich wirklich diesem Boot trauen will und kann, von dessen Mannschaft ich nicht gerade überzeugt bin.

Die Jünger Jesu in einem recht und schlechten Fischerboot auf dem stürmischen See Genezareth - Jesus ist zwar irgendwie dabei, aber er schläft. Während an Deck die Jünger ums Überleben kämpfen, in Angst und Panik zu versinken drohen, ruht der Herr Jesus gelassen auf einem Kissen.

Ist das nicht unsere Situation heute? Wir feiern den Gottesdienst „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ - wir kennen den Bibelvers, in dem Jesus von sich behauptet: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch“ - aber wo ist er denn? Man könnte heute meinen, er schläft. Wo war er denn bei den Astronauten, die beim Wiedereintritt der amerikanischen Raumfähre „Columbia“ verglüht sind? Wo ist er denn - bei den Kindern, Frauen und Männern im Irak, bei den Soldaten, denen sinnloses Sterben, Entbehrung und Schmerzen drohen? Wo war er denn - als der Mensch, für den wir so viel getan haben, am Ende doch gestorben ist, einfach so? Nein, das ist nicht einfach ein unverständlicher Unglaube der Jünger, das ist eine auch für uns eine entscheidende Erfahrung: Wo bist du Gott, wir wollen doch an dich glauben, wir wollen dir doch vertrauen, wir trauen dir doch zu, dass du helfen kannst - wo bist du?

Jesus schläft. „Auf einem Kissen.“ So beschreibt es der Evangelist. Ganz menschlich zeichnet er dies Bild von Jesus. Jesus braucht wirklich diesen Schlaf. Er ist am Ende seiner Kraft. Er kann nicht mehr. Das ist kein Test für die Belastbarkeit der Jünger. Das ist eben so bei Menschen. Die können nicht unbegrenzt handeln und Gutes tun. Gott lässt uns manchmal allein. Überlässt uns unserem Schicksal. Das ist die Freiheit, in der wir leben. Gott mutet uns zu, auch manches Mal selbst Hand zu legen. Für ihn zu arbeiten, zu denken, zu handeln. Er ist keine 24-Stunden-Hotline, die Tag und Nacht dafür da ist, in allen Problem-Fällen für Abhilfe zu sorgen.

Unsere Welt ist bedroht. Auch ich habe Angst vor Terror-Anschlägen, etwa von fanatisierten Islamisten. Auch ich habe Angst vor Krieg, der nur neue Gewalt und neuen Hass hervorbringen kann. Auch ich hätte es gern, es geschähe etwas, was in den Köpfen der Machthaber dieser Welt einen Schalter umlegen würde, von Haß auf Versöhnung, von Verblendung auf Einsicht. So wie Jesus es konnte: auf dem See Genezareth den Schalter von Sturm auf Stille umzulegen.

Was machen die Jünger in ihrer lebensbedrohenden Angst? Sie wecken Jesus - und machen ihm Vorwürfe: „Was kümmert es dich, dass wir verloren gehen?“ Die Sprache verrät es: Es geht hier um mehr als um eine Geschichte von drohendem Schiffbruch. Es geht um die Frage von Rettung aus dem ewigen Tod oder ewiger Verdammnis. Es geht um das Heil, wie es Christus versprochen hat, oder das Verlorengehen der Seele überhaupt. Bei diesen grundsätzlichen Fragestellung wird ein typisches Verhalten von uns Menschen deutlich: aus Angst heraus leugnen wir unsere Eigenverantwortung und erwarten alle Hilfe von einem anderen. „Ich habe Angst - du bist schuld, weil du nichts für mich tust!“ „Weil du mich enttäuscht hast, hat mein Leben keinen Sinn mehr.“ „Weil die anderen mich bedrohen, muss ich gewalttätig werden“. Eine solche Haltung nennt Jesus: noch keinen Glauben haben. Noch nicht begriffen haben, wer wirklich die Macht hat im Himmel und auf Erden.

Wohl bemerkt: Jesus schimpft nicht mit den Jüngern. Vielmehr hat er ja Verständnis für ihre Angst. Angst ist ja etwas zutiefst Menschliches. Ja, Angst hat einen guten Sinn im Leben: Angst warnt davor, etwas zu tun, was schlecht für einen selbst und für andere ist. Heldentum, Stärke, die eigene Macht zeigen - das sind vielmehr bei Jesus Anzeichen von Gottlosigkeit. Angst muss man ernst nehmen, Angst darf man nicht einander ausreden, sondern Angst will überwunden werden.

Und deshalb nimmt Jesus den Jüngern zuerst die Angst, indem er den lebensbedrohenden Sturm stillt. Indem er zuerst zeigt, wer wirklich die Macht im Himmel und auf Erden hat: nämlich er und nur er. Aus dem Sturm wird die Stille. So können wir auch helfen, einander die Angst zu nehmen: indem wir sie ernst nehmen, Stille zulassen und auf den schauen, der stärker ist als die Angst. Diese Stille ist so wichtig. Mit lautem Geschrei und Gegröhle läßt sich die Angst niemals besiegen.

Gemeinsam in einem Boot - ich sehne mich nach Momenten der Stille, der Vergewisserung, dass wir wirklich alle gemeinsam unterwegs sind. Dass unser Boot der Gemeinde, der Kirche mehr ist als ein buntgewürfelter, zufällig zusammenkommender Haufen mit entgegengesetzten Zielen. Manchmal ist für mich etwas spürbar von diesem gemeinsamen Boot. An einem Grab, an dem wir versammelt sind und ein gemeinsamer Geist spürbar ist: diesen Menschen haben wir alle gemocht. Und da ist ein unsichtbares Band, das uns verbindet, auch wenn wir das in diesem Moment gar nicht wollen, gemeinsame Erfahrungen, gemeinsames Erleben. Im Abendmahl, bei Brot und Kelch, ist davon etwas zu spüren. Und Gott sei Dank auch noch an ein paar anderen Orten.

Bei allen unbeantworteten und oft unbeantwortbaren Fragen nach dem „Warum“ und „Wo ist und war Gott?“ - Was ist das für eine unendlich große Verheißung: Jesus ist trotzdem noch immer an Bord. Er hat das Recht, auch einmal auszuruhen und zu schlafen. Und wir haben die Pflicht, in seinem Sinne zu handeln und zu tun. Mutig und in dieser Gewißheit: Wir sind auf der Seite des Stärkeren. Und dieser Jesus denkt auch noch im Schlaf an uns und lässt uns nicht untergehen.

Wir können etwas tun, müssen nicht in Angst versinken. Wir können demonstrieren und beten - für den Frieden und gegen die Krieg. Gestern noch rief mich mein katholischer Kollege hier am Ort an und wir haben einen Termin für die Vorbereitung gemeinsamer Friedensgebete ausgemacht. Das ist Glaube: mit den eigenen schwachen Möglichkeiten etwas anfangen zu tun - und nicht die Verantwortung auf andere zu schieben, die das machen sollen, was eigentlich unsere Aufgabe wäre.

Wir können etwas tun gegen die Stürme unserer Zeit. Wir können Briefe schreiben, uns melden, etwa gegen die Unterdrückung der Christen und anderer Minderheiten in der Türkei, am Ausgang nach dem Gottesdienst können Sie einen Zettel dafür mitnehmen. Sich der eigenen Angst stellen und handeln - das ist der erste Schritt zur Überwindung der Angst.

Jesus, der seinen Kopf vom Kissen nimmt, der auf das Deck steigt und dem Wind und dem Meer die Stille befiehlt: Das ist ein starkes Bild. Ein starkes Bild auch für uns in unserem Boot, nicht feige zu werden und den Glauben über Bord zu werfen. Solange Jesus sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter euch“ - da sind wir auf der Seite des Siegers. Gerade wenn wir uns für Opfer stark machen, für die Schwachen, gerade wenn wir von unserer Angst reden und unserer Mutlosigkeit.


Jesus weiß um unsere Mutlosigkeit, er wird sie verwandeln in Kraft zum Handeln, sei es im eigenen, persönlichen Bereich oder in der Weltpolitik. Sei wir dessen gewiß. Amen.  

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.   AMEN. -

1:     Wach auf, wach auf, 's hohe Zeit,
Christ, sei mit deiner Hilf nicht weit!
Das wütend ungestüme Meer
läuft an mit Macht und drängt uns sehr.

2:     Hilfst du nicht bald, so ist's geschehn,
zugrund wir müssen eilends gehn.
Bedroh der Wellen wild Gebrüll,
so legt es sich und wird ganz still.

3:     Ach Herr, um deines Namens Ehr
halt uns im Fried bei deiner Lehr;
gib deiner Kirche gute Ruh,
Gesundheit und Gedeihn dazu.

4:     Darüber auch das Allerbest:
daß wir im Glauben stark und fest
dich preisen und den Namen dein,
dir leben, dein lieb Völklein sein,

5:     aus deinem Geist ganz neu geborn;
den gib uns, Herr, sonst ist's verlorn.
Dies alles unser Herz begehrt,
wiewohl wir deren keins sind wert.

6:     Haben das Widerspiel verschuld't,
zum Zorn gereizt oft dein Geduld,
dein treue Warnung auch veracht',
all Zucht und Ehrbarkeit verlacht.

7:     Und ist vielleicht das Maß jetzt voll,
daß unsre Sünde haben soll
verdiente Straf, so g'schieht uns recht
als einem ungetreuen Knecht.

8:     Jedoch, dieweil dein Wort ist gut,
so wehr all derer Übermut,
die uns dabei nicht lassen stehn
und es vertrieben möchten sehn.

9:     Mach uns vor ihnen nicht zu Spott;
die Sach ist dein, o starker Gott.
Gib uns den Feinden nicht zur Schand;
wir fallen gern in deine Hand.

10:     Bekehr den Feind zu Christi Lehr,
daß er mit uns dich lob und ehr
und alle Welt des inne werd,
daß du groß Wunder tust auf Erd.

Text: Ambrosius Blarer 1561
Musik: Der Tag bricht an und zeiget sich (Nr. 438)


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