Sich selbst verleugnen
Predigt am Sonntag Estomihi 02.03.2003 (Markus 8, 31-38)
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Erste Leidensankündigung
(Matth. 16,21-28; Luk. 9,22-27)
31 Und er hob an sie zu lehren: Des Menschen Sohn muß
viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und
Schriftgelehrten und getötet werden und über drei Tage auferstehen.
32 Und er redete das Wort frei offenbar. Und Petrus
nahm ihn zu sich, fing an, ihm zu wehren.
33 Er aber wandte sich um und sah seine Jünger an und
bedrohte Petrus und sprach: Gehe hinter mich, du Satan! denn du meinst
nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und
sprach zu ihnen: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35 Denn wer sein Leben will behalten, der wird's
verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums
willen, der wird's behalten.Matth
10,39
36 Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden?
37 Oder was kann der Mensch geben, damit er seine
Seele löse.
38 Wer sich aber mein und meiner Worte schämt unter
diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, des wird sich auch des
Menschen Sohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines
Vaters mit den heiligen Engeln.Matth
10,33
Da
erweisen wir uns anscheinend doch als typisch protestantische
Spielverderber, liebe Gemeinde. Alle Welt feiert Karneval, überall geht es
bunt und lustig zu und unser Predigttext für den heutigen Sonntag spricht
von Leiden, Kreuz, Tod und Teufel. Konzentrieren wir uns auf die Dinge,
wie sie nun einmal Wirklichkeit sind und ignorieren den bunten Fitterkram?
Ich meine allerdings, unser Text hat viel mit dem eigentlichen Sinn des
Karneval, des Maskentragens zu tun.
Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden. Markus schreibt
sein Evangelium als alles schon geschehen war, der Tod am Kreuz, die
Auferstehung, die ersten Gemeinden und die Anfeindungen der Umwelt: welche
Art von Gruppe seid ihr? Ihr beruft euch auf einen gesetzmäßig
verurteilten Schwerverbrecher? Er schreibt, als auch die schrecklichen
Ereignisse des Jahres 70, die Zerstörung Jerusalems, die Verfolgung von
allen, die dem römischen Staat suspekt sind, schon hinter ihnen liegen.
Leiden, Kreuz und Tod waren beherrschende Themen dieser Zeit.
Aber einmal ehrlich - wer ist damit schon glücklich? Für wen ist die
Passionszeit die liebste Zeit im Kirchenjahr? Wer hört schon gern von
Leid, von Verfolgung und Tod. So bekommt unsere menschliche Reaktion in
Petrus ein Sprachrohr. Lieber doch nicht, Jesus, erzähl den Menschen von
guten Dingen, sie brauchen Hoffnung und nicht Verzweiflung. Mut und nicht
Resignation, sie brauchen andere Perspektiven als den Tod.
Menschlich gedacht, oder etwa nicht? Weiche von mir, Satan - oder besser,
tritt hinter mich, so sagt das Jesus, denn in Gottes Wirklichkeit hat auch
Leiden seinen Platz und muss nicht verschwiegen werden, wird auch Tod
nicht tabuisiert, wird das Folterinstrument zum Zeichen des Sieges, wird
der am Kreuz stigmatisierte Schwerverbrecher zum Hoffnungsträger, zum
Retter.
Das ist die Basis für alles folgende:
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst. Auch dieser Vers ist
zunächst einmal unverständlich, vielleicht sogar ärgerlich: Nachdem wir
Menschen mühsam lernen, zu uns selbst zu stehen, sollen wir uns
verleugnen, um nachzufolgen?
Verleugnen hat keinen positiven Klang - es klingt nach lügen. Aber es
bedeutet weit mehr. Zu der Zeit, als Martin Luther das Neue Testament
übersetzt und den Ausdruck „verleugnen“ gebraucht, da hören die Menschen
nicht das Lügen im Wort leugnen, sondern wer mir nachfolgen will, der
erkläre auch alle bisherigen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten für
nicht bestehend. Freiheit von allem, was bindet, belastet, fesselt.
Wer mir nachfolgen will, fordert Jesus auf, der übersehe sich selbst. So
höre ich das Wort verleugnen heute Anfang März 2003. Nicht ich als Person
habe die erste Priorität, sondern es geht um die Sache, um die Botschaft
Gottes, die alle Menschen erreichen will.
Wer mir nachfolgen will, der bestreite sich selbst. Der stelle sich selbst
in Frage, mit dem, was bisher wichtig, richtig und bestimmend war.
Ansehen, Ruf, Beruf oder Verbindlichkeiten? All das kann hinter der
Nachfolge zurückstehen. Das hört sich vielleicht gut an, wird aber
schwierig, wenn sie es für ihr Leben konkret werden lassen. Denn wer
möchte schon gerne das gesellschaftliche Ansehen, das er erworben hat oder
den Beruf, für den er gearbeitet hat, den Stand in der Gemeinde, der ihm
zukommt, einfach so für null und nichtig erklären? Da sind wir übrigens
beim Karneval, für einige Tage im Jahr hat in vielen Städten nicht der
ehrenwerte Bürgermeister die Schlüsselgewalt, sondern die Narren der
Straße, für ein paar Stunden ist nicht erkennbar, wer sich hinter der
Maske befindet, angesehener Bürger oder Randgestalt der Gesellschaft.
Denen, die ich auf die Nachfolge einlassen, wird nicht zugesagt, dass das
Leben einfacher wird, leichter oder schöner.
Gottes Zusage lautet nur: Leben in Fülle und Freiheit von den
vermeintlichen Verbindlichkeiten, die Menschen zu erdrücken im Stande
sind. Das Fasten der Passionszeit ist übrigens ein Vorgeschmack auf diese
Freiheit und nicht etwa Selbstbestrafung für eine sündige Existenz.
Ich wünsche uns, dass es uns in dieser Passionszeit gelingen möge uns
selbst zu verleugnen. Dass wir die Gelegenheit wahrnehmen, die
Verpflichtungen und Verbindlichkeiten unseres Alltags zu überprüfen und
das Gott uns einen Vorgeschmack auf seine Freiheit schenke. Amen
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