Ein Brief aus São Paulo
Liebe Freunde
vom Stern der Hoffnung und GAAVER
Das Jahr
sieht seinem Ende entgegen und es scheint mir als flöge die Zeit
jedes Jahr schneller dahin. Im Februar 1995 bin ich das erste mal
nach Brasilien gereist um die Werke vom Stern der Hoffnung kennen zu
lernen. Ein Jahr später habe ich meine Zelte in Deutschland
abgebrochen, um hier in São Paulo eine neue Arbeit zu beginnen. Nach
zwei Jahren Arbeit in den Pflegehäusern und der Häuslichen
Krankenpflege vom Stern der Hoffnung war ich gut vertraut mit der
Sprache und den Besuchen in den Favelas.
Am 11 November 1998 wurde der Verein “ Grupo de Apoio Amar é Viver” (Hilfsgruppe Lieben ist Leben) - GAAVER – gegründet mit dem Ziel den sozial schwachen, am Existenzminimum und an AIDS erkrankten Personen und deren Familien Hilfe, Unterstützung und Beratung im sozialen, erzieherischen, sowie Pflege und Begleitung im medizinischen Bereich anzubieten. In den ersten Jahren war es im wahrsten Sinne des Wortes ein Kampf gegen AIDS, ein Kampf der auch heute noch besteht, nur das sich die Situation der an AIDS erkrankten im Hinblick auf die medizinische und medikamentöse Versorgung sehr verbessert hat. Zwar ist AIDS immer noch nicht heilbar, doch es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten, die die rasante Vermehrung von HIV bremsen. Sie greifen an unterschiedlichen Stellen im Replikationszyklus der Viren an (Antiretrovirale Therapie). Vorbeugend können auch viele der Infektionskrankheiten behandelt werden, gegen die sich der Körper der HIV-Patienten irgendwann nicht mehr wehren kann. Mit der Kombinationstherapie hat sich zwar die Menge der täglichen Pilleneinahme enorm reduziert aber nicht die Nebenerscheinungen der Medikamente. Die Erfolge überwiegen aber meist die Belastungen, die mit der Kombinationstherapie einhergehen. Die beschwerdefreie Zeit kann verlängert oder die Symptome zumindest gelindert werden. Die Lebenserwartung steigt. Dies hat aber auch dazu geführt, dass die Nachfrage nach Hospizen in São Paulo zunimmt und die Zahl der Schwerstpflegefälle, (Lähmungen, Erblindung, schwerste neurologiosche Erkrankungen ect.....) ständig steigt. Bei den Hausbesuchen stelle ich immer wieder fest, dass in vielen Fällen die häusliche Krankenpflege nicht mehr ausreichend ist, da die Familien mit dem Schweregrad der Erkrankung völlig überfordert sind, die häusliche Situation in der Favela, die kleinen Räume, meist nur ein oder zwei Zimmer für Grossfamilien, es nicht ermöglicht dem Patienten, der eine 24Stunden Betreung benötigt, zu versorgen. In Beratungs und Präventionsgesprächen wird mir immer wieder bewusst, dass die Bevölkerung nachlässiger geworden ist. Sich zu schützen, vorzubeugen, hat seinen Stellenwert verloren, die Angst vor Aids ist fast einer Gleichgültigkeit gewichen, es gibt ja gute Medikamente. Nicht nur die Prävention muss intensiver betrieben werden, auch die Kontrollen der regelmässigen Arztbesuche, die Einnahme der Medikamente, denn viele meinen, da es ihnen besser geht, ist die regelmässige ärztliche Begleitung nicht mehr notwendig.
Es hat eine Umstrukturierung stattgefunden, die
Familien sind selbstständiger geworden. Vielen ist es möglich zu
arbeiten und so haben wir 2005 ein Projekt beim
Gesundheitssekretariat des Regierungsbezirkes vom Staat São Paulo
eingereicht, welches
anerkannt und finanziert wurde.
Im November
2006 konnten wir mit unserem
Patchworkprojekt beginnen. Unsere Zielgruppe sind
Frauen infiziert
mit HIV/AIDS, die in
den Armenvierteln (Favelas) der Nordzone der Millionenstadt São
Paulo am Existenzminimum leben und deren Chance durch eigene
Initiative in das Berufsleben einzusteigen oder zurückzukehren
aufgrund der immer noch existierenden Vorurteile und
Diskriminierung äusserst gering ist. Durch die Kurse erfahren die
Frauen, dass sie über mehr Kapazitäten verfügen als sie
je geglaubt
haben. Frauen die nie eine Nähnadel in der Hand hielten, nie eine
Nähmaschine bedient haben, können schon nach einem Grundkurs
wunderbare Stücke herstellen. Diese Erfahrung fördert das
Selbstbewusstsein und trägt zum besseren Wohlbefinden bei, welches
sich wiederum positiv auf die gesundheitliche Situation auswirkt.
Während der
Laufzeit von zwei Jahren haben 30 Frauen einen Patchworkgrundkurs
von 108 Stunden und 10
Frauen den Aufbaukurs von weiteren 108 Stunden absolviert. Sie haben
gelernt eine Nähmaschine zu bedienen und eigene Produkte
herzustellen. Am Ende des Monats erhalten sie für jedes fertige
Produkt 20% vom Verkaufspreis, unabhängig vom Verkauf der Ware. Mein
Ziel ist es jeder Frau zu den 20% ein kleines Gehalt zu zahlen,
damit sie einer Arbeit nachgehen können, die ihnen gefällt und ihr
Selbstbewusstsein steigert.
Seit dem
1.Mai 2008 haben wir einen Kiosk zu guten Bedingungen an einem sehr
bekannten und gut besuchten Ausflugsziel angemietet um mit dem
Verkauf unserem Ziel, den Frauen ein kleines Einkommen zu
ermöglichen, näher zu kommen. Bis heute war der Verkauf ausreichend,
um die Miete des Kiosk und die 20% für die Frauen zu zahlen. Wir
können auch schon einen kleinen Gewinn verbuchen, der aber notwendig
ist um nach Auslauf des Projektes die Miete für die Patchworkwerkstatt von 300,00 Euros,
abzudecken. Diese Miete muss auf jeden Fall durch den Verkauf
gewährleistet sein, da die finanzielle Situation von Gaaver keine
weiteren Belastungen mehr verkraftet.

Patchwork ist
ein Kunsthandwerk und jedes Teil
benötigt Zeit, der Verkauf Geduld. Da aber die meisten
unserer Frauen die Familie ernähren müssen und die 20%
Gewinnbeteiligung nicht
ausreichen, müssen sie
das Neuerlernte lassen um eine Putzstelle anzunehmen. Sie können
nicht regelmässig
kommen, die Produktion ging nur schleppend voran und Aufträge
konnten nicht mehr angenommen werden. Es sah traurig aus, doch seit
zwei Monaten kommen neun erfahrene Patchworkerinnen an zwei Tagen in
der Woche, um als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zu arbeiten. Es ist
ein Geschenk des Himmels, sie stellen wunderbare Sachen her und
somit ist gewährleistet, dass es zu Beginn der Weihnachtssaison
nicht an Ware fehlt . Auf lange Sicht gesehen kommen wir dem
Ziel, dass GAAVER eine eigene Werkstatt mit bezahlten Angestellten
(unseren Frauen) hat, ein wenig näher. Es soll nicht nur ein Traum
bleiben.
Auf jeden
Fall kämpfe ich darum das die so mühevoll aufgebaute
Patchworkwerkstatt weitergeführt werden kann. Anfang des Jahres
konnte ich ein Projekt bei der Ev. Kirchengemeinde Zug, in der
Schweiz, einreichen. Dieses Projekt, (Catavento-Windfänger) wurde
bewilligt und dient zur Weiterführung des
brasilianischen Projektes. Neue Kurse können angeboten, und
Materialien gekauft werden.
Viele Steine
wurden uns bei dieser Arbeit in den Weg gelegt, viele Hürden haben
wir bewältigen müssen und immer, wenn es ganz dunkel aussah, erschien
ein neues Licht, hat sich eine neue Tür geöffnet, gab es einen neuen
Weg.
Und so wird es
weitergehen.
Im Namen der
Mitarbeiter von Gaaver und den von uns betreuten Familien danke ich
von ganzem Herzen allen
die dazu beitragen, dass der Stern der Hoffnung leuchtet und das
durch ihn die Arbeit hier in Brasilien erfolgreich weitergeführt
werden kann.
Es wünscht Ihnen
ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen erfolgreichen Beginn
des Neuen Jahres, Ihre Ingrid Köly-Hell
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 03.11.08