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AUF DER SUCHE NACH DEM PARADIES

Wo liegt der Garten Eden?

Im Mittelalter meinten kluge Theologen beweisen zu können, der biblische Garten Eden liege auf der fernen Löweninsel (heute Ceylon oder Sri Lanka). Andere Schriftexperten lokalisierten ihn in Syrien oder auf dem Hügel Golgatha, wo Jesus gekreuzigt worden war. Kolumbus entwickelte seine eigene Theorie: Als er genug Weltreisen unternommen hatte, schilderte er die Erde selbstsicher als runde Birne, auf deren Stiel der Garten Eden liege.
Die Menschheitserinne-rung kennt mehrere solcher Wunderländer: neben dem Paradies der Juden, Christen und Muslime etwa das geheimnisvolle Atlantis oder die Zauberinsel Avalon, auf der König Artus begraben sein soll. Homer schwärmte vom „Elysium“ am Ende der Welt, wo kein Schnee fällt und kein rauer Wind weht, sondern nur eine milde Meeresbrise. Zumindest beim Garten Eden hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Paradies eher eine Idee gewesen ist als ein real existierender Ort. Expeditionen zum Garten Eden unternimmt kein Mensch mehr.
Die Bibel hat es den Spekulanten denkbar schwer gemacht, der Wunderlandschaft aus den ersten Schöpfungstagen auf die Spur zu kommen: Keine Landkarte, keine Informationen über Größe und Form, Flora und Fauna (bis auf den Feigenbaum). Einziges Indiz im Buch Genesis sind die mesopotamischen Flüsse Euphrat und Tigris. Doch Mesopotamien ist groß, und die beiden anderen im biblischen Bericht genannten Paradiesesströme Pischon und Gihon sind unbekannt.
Der historische Ort des Gartens Gottes lässt sich nicht wiederfinden. Aber die Sehnsucht nach diesem Land des ungetrübten Glücks hat muslimische Landschafts- und Palastarchitekten im Mittelalter und ihre christlichen Kollegen im 16. und 17. Jahrhundert dazu bewogen, den Garten Eden wenigstens in irdischen Abbildern wiedererstehen zu lassen. Die zauberhaften islamischen Gärten im maurischen Spanien, in Indien und im Iran sind nach dem Modell des Paradieses gestaltet, wie es im Koran geschildert wird: rechteckig und von vier Wasserläufen, die sich im Zentrum vereinen, in vier Teile zerschnitten.
Im Abendland – wo man die Vorhallen der Kathedralen lange schon als „Paradies“ bezeichnete – hat man die botanischen Gärten in Padua, Paris, Oxford und anderswo ausdrücklich als Nachbildung des Gartens Eden gestaltet. Büsche und Bäume aus allen Ländern der Erde sollten Gottes komplette Schöpfung sozusagen an einem Ort vereinen.Christian Feldmann



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