„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ (Lukas 18,27)
Gedanken zur Jahreslosung 2009
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Jahreslosung 2009 / Gestaltet
von Andreas Felger (Motiv II). (c)
Präsenz Kunst &
Buch, Gnadenthal. Erhältlich als Kuinstdruck, Postkarte, Lesezeichen u. mehr
im Buchhandel und direkt beim Verlag.
Achtung und stopp – rotes Licht! Nicht gleich darauf hereinfallen und erwarten,
jetzt hätten wir eine verständliche und erbauliche Jahreslosung für 2009. Nur
für sich betrachtet, ist das ja ein schönes, ermutigendes Jesus-Wort. Zuversicht
am Anfang des neuen Jahres – das können wir doch alle gebrauchen, gerade, wenn
unsere Bundeskanzlerin verkündet hat: "Wir müssen damit rechnen, dass das
kommende Jahr, zumindest in den ersten Monaten, ein Jahr schlechter Nachrichten
wird“, so Angela Merkel – wie passend - der zu "Welt am Sonntag", als sollten
auch die Kirchenvertreter sich mit angesprochen fühlen.
Ich habe sie schon gelesen, die gedrechselten, auf „Mut-Machen“ getrimmten
Auslegungen der Jahreslosungen unserer Kirchenfürsten. Da wird genommen, was
passt. Aus dem „Yes, we can“ eines Barack Obama wird flott ein „Gott kann“,
verbunden mit einer vollmundigen Managerschelte, deren GIER sowieso an allem
Schuld ist (was soll eigentlich „Gott können“? Die Finanzmärkte reformieren?) –
und das ist dann „Trost genug“, nachbuchstabieren muss man nur noch den
Heidelberger Katechismus, wir haben ja das Calvin-Jahr.
Verstehen muss man das nicht so genau, wir brauchen ja auch in erster Linie
Zuversicht – WIR brauchen Zuversicht, wir hier in Deutschland 09, wir
Christinnen und Christen in der Evangelischen Landeskirche von Westfalen
vorzugsweise. Und da kommt die Jahreslosung wie gerufen. Man kann so schön alles
hineinpacken, was einem selbst persönlich wichtig ist zu sagen und wofür es von
der Mehrheit den Beifall gibt.
Es ist 16 oder noch mehr Jahre her, da habe ich meine Tätigkeit als
Diakoniebeauftrager des Kirchenkreises Paderborn mit einer Konferenz beim
Diakonischen Werk in Münster begonnen. Der damalige Geschäftsführer der Diakonie
Westfalen begann mit einer Andacht zum Vers Psalm 98,1: „Singet dem Herrn ein
neues Lied, denn er tut Wunder!“ Der ältere Herr, der sicher große Verdienste im
Leben errungen hat, nutzte die Gelegenheit, die Anwesenden darauf einzuschwören,
dass ab sofort ein großer Paradigmenwechsel stattfinde: alle Kassen sind leer,
es gilt nun auch das Marktprinzip im sozialen Dienst; Stellenabbau,
betriebswirtschaftliches Denken ersetzen überholte diakonische Ideale. Das wäre
nämlich das alte Lied, was Gott nicht mehr gefiele, jetzt gilt das „neue Lied“,
das es zu singen gilt, das hohe Lied der Marktwirtschaft – und alle Zögerlichen
und Kritiker sollen sich damit trösten, dass Gott ja Wunder tun könne. Aber eben
nur Gott! Der Mensch muss sich mit dem Machbaren begnügen.
Zu Ehrenrettung der Diakonie muss ich hinzufügen, dass nicht nur ich, sondern
vor allem die erfahrenen geladenen Gäste lautstark widersprachen – und dass ich
bis heute in diakonischen Zusammenhängen ausgesprochen gute und sorgsam
vorbereitete Andachten und Gottesdienste erlebt habe, die von der theologischen
Substanz her manches volkskirchliche Niveau weit übertrafen. Aber mir ist bis
heute hängen geblieben, wie dreist doch Worte der Bibel zu ganz anderen, rein
persönlich motivierten Machtinteressen, man kann schon sagen: missbraucht werden
können. Deshalb Achtung und Stopp – rotes Licht! Unsere Jahreslosung soll nicht
ebenso missbraucht werden.
Damit sie nicht missbraucht werden kann, tun wir gut daran, den
Gesamtzusammenhang zu betrachten. Es geht nämlich um den reichen Jüngling. Da
kommt einer, der hat alles, was man mitbringen muss, um in der Gesellschaft
(soll ich hinzusetzen: „ und in der Kirche?“) Karriere zu machen. Er ist
finanziell unabhängig (gelinde ausgedrückt), er ist intelligent und von guter
Herkunft, er ist moralisch untadelig, kennt die Gebote und hält sie, er ist
bescheiden aber bestimmt in seinem Auftreten, weiß, was sich gehört, wenn er
Jesus höflich und voll Ehrerbietung anspricht: „Guter Meister, was muss ich tun,
damit ich das ewige Leben ererbe?“
Falsch ist schon einmal, diesen reichen Jüngling als Prototyp eines eiskalten,
über Leichen gehenden, von der Gier getriebenen Zerrbildes eines „Managers“ zu
sehen. Der reiche Jüngling ist eher einer wie wir, die wir in einem reichen Land
Mitglied einer reichen Kirche sind.
Jesus ist schroff und wenig beeindruckt. „Was nennst du mich gut?“ Und dann:
„Verkaufe alles, was du hast, dann erst komm wieder zur Nachfolge!“ Traurig –
„deprimiert“ sagen wir heute – dreht der Jüngling ab. Die Begegnung mit Jesus
endet hier. Er selbst verschwindet im Nebel der Geschichte. Vielleicht hat er ja
alles verkauft und ist ein Nachfolger geworden. Das bleibt offen.
Offen bleiben auch die Augen, Ohren und Münder der Jünger: Was war das denn?
Dieser Musterknabe! - wenn der Jesus nicht gut genug ist, wer dann? Bei Jesus
kommen die Reichen pauschal ganz schlecht weg: „Es ist leichter, dass ein Kamel
durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ Wieder
genau aufgepasst: Nicht die Gier wird verurteilt, nicht die Einstellung zum
Reichtum, sondern der Reichtum an sich. Verständlich ist dieser Satz aber nur,
wenn man die zeitgeschichtlichen Umstände analysiert. Dafür ist jetzt hier kein
Platz. Die Jünger jedenfalls sind ebenso deprimiert wie der weggeschickte
Jüngling: „ Wer kann dann selig werden?“ Und jetzt sagt Jesus diesen Satz, wie
um die Jünger zu trösten, damit sie nicht ganz ins Bodenlose fallen: „Was bei
den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Wieder erinnere ich mich an eine Begebenheit, die weit zurückliegt. Dieses Mal
noch weiter. Im Studium belegte ich eine Vorlesung: „Große Seelsorger“. Der
erste große Seelsorger war überraschenderweise: Jesus. Und noch
überraschenderweise war die Begegnung mit dem reichen Jüngling das erste
Beispiel für Jesu Seelsorge. Denn nach heutigem seelsorgerlichem Verständnis
macht Jesus alles falsch. Statt „Wahrnehmen und annehmen“ ist hier sein Prinzip:
„wahrnehmen und ablehnen.“ Kein Einfühlen, kein Verstehen-Wollen, ein Anknüpfen
an positive Ansätze und Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten hier nur knallharte
Dogmatik: „Reiche sind nichts für das Reich Gottes. Du bist reich – was willst
du hier. Basta.“
Ach, wäre das doch schön, der Text erlaube uns, jetzt mit dem Finger auf andere
zu zeigen. Könnten wir jetzt eine Parallele zu den Kriegstreibern und
Heuschrecken-Managern, zu den CO-2-Verschleuderen oder den Ungläubigen ziehen!!!
Aber für die Jünger ist der reiche Jüngling einer von ihnen. Sie identifizieren
sich ja mit ihm. Da ist keine Schadenfreude, kein: „Das haben wir schon immer
gewusst, die GIER der Reichen …“, sondern da ist nur blankes Entsetzen. SIE
fühlen sich durch Jesus schroffe Art abgelehnt – und das ist von Jesus wohl so
beabsichtigt.
„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Hier ist es der Reichtum, der
sowieso schon ein Hinderungsgrund für das Reich Gottes ist. An anderer Stelle
ist es die übertriebene Rücksichtnahme auf verwandtschaftliche Bindungen, dann
wieder das Hängen an der eigenen Heimat. Jesus ist wirklich knallhart und
unversöhnlich: „Entweder ganz oder gar nicht. Entweder du folgst mir nach oder
du hängst dein Herz an etwas anderes. Basta.“
Oje, das wollen wir nicht hören. Das klingt fundamentalistisch. Das klingt nach
Entschiedenem Christentum. Das stellt uns selbst in Frage. Wir sind doch alle
irgendwie stolz darauf, was wir an eigenen Standpunkten uns erkämpft haben. Wenn
wir auch alle ganz bescheiden sind, aber dass wir nicht so schlimm sind wie
viele andere, das dürfen wir doch wohl auch mal sagen. Und das darf uns keiner
wegnehmen. Nicht einmal Jesus. Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung,
Selbstwertgefühl – all das beruht doch darauf, dass wir uns annehmen, so wie wir
sind: mit unseren guten und schlechten Eigenschaft. Das wir im guten Sinne „Ego-isten“
sind, nämlich Ich-stark und selbstbewusst. Und jetzt sagt Jesus: „Blast dich
nicht so auf. Selbstbewusstsein, Ich-Stärke, Selbstwertgefühl, all das kommt
nicht aus dir heraus, sondern das kannst du noch bekommen, wenn du dies von Gott
schenken lässt.“
„Große Seelsorge“ – bei Jesus kann das heißen: Er zieht uns den Boden unter den
Füßen weg. Er stellt uns die Frage, der wir so gern ausweichen: „Wenn du alles
abgeben müsstest, was dich stark macht – deine Begabungen, deinen
gesellschaftlichen Stand, deinen Verwandten- und Freundeskreis - stell dir das
einmal vor – würdest du das um meinetwillen tun??? Und wenn du zögerst: Ab –dich
kann ich nicht gebrauchen.“
Wahrnehmen und ablehnen. Seelsorge bei Jesus. Entweder – oder. Gnade ist kein
Sonderangebot. Es muss dir erst einmal durch und durch gehen, du musst auch
wissen, was es heißt leer zu sein, ganz am Boden zu liegen, ganz unten zu sein,
um Gottes Annahme zu begreifen. Schönwetterglaube ist nicht Jesu Sache. Am
Anfang steht ein Erschrecken, eine Depression, eine Krise. Und die gilt es
auszuhalten. Nicht zuzukleistern. Es ist unmöglich, dass wir reiche Christinnen
und Christen so unbeweglich, wie wir sind, als Gottes Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter in Frage kommen. Schluss.
Mut machen, Aufbauen, Trösten – all das ist sicher wichtig. Aber wichtiger ist
es, die Wahrheit auszusprechen. Nur die Wahrheit „wird euch frei machen“! Auch
wenn die Wahrheit scheußlich ist und äußerst unbequem, nur in der
Auseinandersetzung mit ihr lassen sich neue Wege finden.
Eine Krise kann die Chance zum Neuanfang werden. Wer nur sagt, was die anderen
hören wollen, kann zwar große Karriere machen, aber wird nie zum Wesentlichen
durchdringen. Es geht um mehr als um ein bisschen Trost, ein bisschen Frieden,
ein bisschen Zuversicht in schwierigen Zeiten. Die Welt erzittert in ihren
Festen! Dramatischer Klimawandel, Aufstand der Hungernden gegen eine ungerechte
Weltwirtschaftsordnung, Zusammenbruch des Finanzsystems … vielleicht begreifen
wir langsam, dass es um mehr geht, als neue Sündenböcke zu entdecken oder die
eigenen Lieblingsideen zu pflegen. Es geht nicht darum, äußere Formen zu
verbessern, es geht um Inhalte, um Visionen, um Hoffnungen. Es steht der Glaube,
es steht die Zukunft der Welt auf dem Spiel! Wem vertraut ihr, mir oder dem, was
ihr für sicher haltet ???
Achtung und stopp – rotes Licht! Natürlich bin ich selbst nicht besser als die
anderen Ausleger, die diese Jahreslosung als Aufhänger für die eigenen
Lieblingsideen nutzen. Auch ich bin manches an Kirchenführerkritik losgeworden,
von der ich nicht sicher bin, ob sie im Text steckt. Auch ich bin nicht besser.
Ich möchte aufrütteln und hinterfragen und provozieren – aber Jesus sieht
eindeutig weiter als ich. Er belässt es nicht bei der Provokation, so gern ICH
selbst das jetzt täte. Er sagt wirklich: „Was bei den Menschen unmöglich ist,
das ist bei Gott möglich.“
Er lässt über den Horizont hinausschauen. Er meint, es gäbe einen Weg über
unversöhnliche Gräben hinweg. Jenseits vom Hass kriegsführender Völker, gieriger
und neidischer Mitbürger, Heuchler und Gutmenschen und was immer uns voneinander
trennt. Er – aber nur ER – ermutigt uns zuvor Entmutige zu neuem Vertrauen. Ich
wundere mich, ich staune darüber. Vielleicht hat ja der reiche Jüngling noch
diesen Satz und das Staunen der Jünger mitbekommen bei seinem traurigen Abgang.
Vielleicht war ja die Ablehnung die Voraussetzung, dass er umdrehte. Vielleicht
– denn bei Gott ist ja möglich, was für uns gierige und Besitz ergreifende
Menschen unmöglich IST.
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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11