
Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr's denn nicht? Jesaja 43,19
Gedanken zur Jahreslosung aus biblisch-exegetischer Sicht
"Alle Jahre wieder" - eine neue Jahreslosung. Zum Jahr 2007 scheint
es wirklich etwas Neues zu sein. Zumindest kommt das Wort "Neues" in
der Jahreslosung vor. Beim ersten Lesen oder Hören weckt sie auch
positive Bilder in uns. Bilder von einem Neubeginn, vom Wachstum,
von dem " Grün, dass aus dem Boden sprießt ". Die Jahreslosung
scheint so recht zu passen in die üblichen Parolen zu Beginn des
Jahres 2007: Auch wenn mit Sicherheit steigende Preise und die immer
größer werdende Schere zwischen Arm und Reich eher Unerfreuliches
erwarten lassen, so werden uns mit der gleichen Sicherheit die
Politik, die Medien, aber auch die Kirche in so mancher
Neujahrsansprache einzureden versuchen, dass es nur der richtigen
Augen bedürfe, um die berühmten " blühenden Landschaften" zu
erkennen. Neu ist das freilich nicht, und der Jahreslosung gerecht
wird das auch nicht.
Was ist eigentlich der Inhalt dieses Satzes aus Jesaja 43? Nun, er
stammt aus einer längeren Rede des "Deuterojesaja", also des zweiten
Jesaja, dem die Kapitel 40 bis 55 des Jesajabuches zugeschrieben
werden. Deuterojesaja lebte im babylonischen Exil, zusammen mit der
Oberschicht, die der babylonische Herrscher Nebukadnezar nach der
Zerstörung Jerusalems zwangsweise nach Babylon umgesiedelt hatte. So
war damals die Umsiedlungspolitik: Gebildete, Bürgerliche,
Priesterschaft, Handwerker und der Adel wurde ins eigene Land
verschleppt und hatten ab sofort im siegreichen Staat zu dienen. Nur
die Bauern und Arbeiter durften in der Heimat bleiben und hatten die
Besatzungstruppen zu versorgen.
Äußerlich betrachtet, ging es den Exilierten nicht einmal schlecht.
Sie waren geduldet, hatten eine gewisse Religionsfreiheit und
konnten sogar im fremden Land Karriere machen. Doch worunter sie
wirklich litten, war, dass sie ihre Identität verloren hatten.
Dieser Identitätsverlust hatte seine Ursache nicht allein in dem
Verlieren der Heimat, ihrer Besitztümer, ihrer Freunde und Nachbarn
und des genossenen Ansehens, der Sprache und der Kultur, sondern vor
allem in dem Verlust der Glaubensgrundlage schlechthin: der heilige
Stadt Jerusalem, der Stadt Gottes, die als unzerstörbar galt. Die
Exilierten hatten ihre Freiheit verloren, ihre Identität, das, was
sie einte und stark machte. In einer solchen Situation droht die
Resignation und das willenlose Anpassen an die herrschenden
Verhältnisse. Auch die im Exil Geborenen hielten noch fest an ihrem
traditionellen Glauben, an den alten Geschichten der Erwählung und
der Rettung aus scheinbar aussichtslosen Situationen. Doch gab Ihnen
dieser Glaube noch Hoffnung für die Zukunft?
In diese Zeit hinein fällt die Botschaft der Schule des
Deuterojesaja. Es ist eine Schule, die sich mit den schriftlich
vorliegenden alten Traditionen beschäftigt hat. Die alten
Vätergeschichten und die Exodustradition verbinden sich mit den
Aussagen der Propheten Jesaja und Jeremia. Dazu kommen Berührungen
mit der kosmologischen Weltsicht der Babylonier. Der Gott Jahwe
wurde in dieser Zeit als Schöpfer der gesamten Welt gesehen. Jetzt
entstehen die großen Schöpfungs-Mythen Israels. Es wuchs vor allem
die Einsicht in die eigene Schuld, die zum babylonischen Exil
geführt hatte. Was bisher eher als brutale und ungerechtfertigte
Laune von Supermächten und Schicksal aufgefasst wurde, wurde jetzt
gerade durch die Erinnerung an die Propheten Jesaja und Jeremia als
Folge des eigenen Fehlverhaltens gegenüber Gott begriffen. Daraus
wuchs auch eine große Chance: auf einmal hatte Gott sie nicht mehr
für immer verlassen, sondern Gott war ja immer noch am Werk! Und
wenn Gott immer noch am Werk war, warum sollte er nicht, wie in der
Vergangenheit schon oft bewiesen auch in Zukunft wieder zum Retter
werden können?
Etwas anderes kam noch dazu. Es schien sich kosmopolitisch etwas
Neues zu tun. Es gab erste Informationen über die neue Supermacht
der Perser mit ihrem König Kyros an der Spitze. Und von diesem König
Kyros erzählte man sich wahre Wunderdinge! Er sei nicht nur in der
Lage die Babylonier zu besiegen, sondern auch für die Rückführung
des Volkes Israels nach Jerusalem zu sorgen. Galt er doch in
religiösen Dingen als besonders tolerant, ja geradezu begnadet, so
dass manche israelischen Gelehrten in ihm sogar den verheißenen
Messias zu erkennen glaubten.
Gottes spricht: "Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es
auf, erkennt ihr's denn nicht?" Im zeitgeschichtlichen Kontext
bedeutet unsere Jahreslosung also: mitten hinein in die Situation
des seit 40 Jahren deportierten Volkes Israels erweist sich Gott als
der, als der er sich in der Geschichte Israels immer wieder erwiesen
hat. Gott verstößt sein oft halsstarriges Volk nicht, sondern öffnet
ihm längst geschlossen geglaubte Türen in die Freiheit. Dabei
bediente sich Gott konkreter Menschen, in diesem Fall hofft man auf
den Perserkönig Kyros. Es soll also ausgesagt werden, dass sich wohl
in naher Zukunft etwas kosmopolitisch ändern wird, was die Heimkehr
des Volkes Israels nach Jerusalem ermöglichen wird. Diese
weltgeschichtliche Änderung wird auf ein machtvolles Wort des Gottes
Israels zurückgeführt. Der Zusatz: "Erkennt ihr's denn nicht?" ist
gegen allen Skeptizismus und alle Resignation gerichtet. Hier
spricht jemand mit starken Argumenten, der fest überzeugt ist,
aufgrund dieses Gotteswortes den Menschen im Zweistromland zwischen
Euphrat und Tigris konkrete Hoffnung auf eine Heimkehr nach
Jerusalem zu vermitteln.
Worum es nicht geht bei unserer Jahreslosung, ist eine
Durchhalteparole nach dem Motto: es wird schon wieder!. Nein, so wie
es war, wird es nicht wieder. Nach 40 Jahren Exil in Babyloniern hat
sich auch im Glauben der Israeliten Neues getan. Man sieht sich,
nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit dem Kult der
Babylonier, nun in einem weltweiten Kontext. Jahwe ist der Schöpfer
der ganzen Welt. Dennoch haben die alten Geschichten der Vorväter
und Vormütter nichts an ihrer Relevanz verloren, im Gegenteil, sie
erscheinen plötzlich in einem ganz neuen Licht ("erkennt ihr's denn
nicht?"). Die Jahreslosung ist schon deshalb keine durch
Durchhalteparole, weil sie auch unangenehme Wahrheiten nicht
erspart. Die Exilierten müssen sich auch ihre eigene Schuld an ihrem
Schicksal eingestehen. Gerade darin besteht das Neue, dass auch in
der Erfahrung höchst unangenehmer Dinge Gott im Spiel bleibt. Gerade
weil das so ist, sprosst neue Hoffnung. Gott ist nicht besiegt und
tot, sondern hat gehandelt und wird auch in Zukunft handeln. Und -
das ist die feste Überzeugung des Propheten - Gott wird handeln
durch die große Hoffnung des Perserkönigs Kyros.
Unserer Jahreslosung eignet sich wirklich nicht zu einem
undifferenzierten: "Weiter so!" oder zu einem restaurativen: "Früher
war alles besser! ". Hilfreich ist dazu der Blick darauf, wie denn
die Geschichte der Exilierten weitergegangen ist. Zunächst ist ja
diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen. Tatsächlich ist der
Perserkönig Kyros wie ein Messias aufgetreten, und hat den
Exilierten, wenn sie gehen wollten, die Möglichkeit zur Heimkehr
öffnet. Soweit also hat sich die Botschaft des Deuterojesaja als
vollmächtig, innovativ und zukunftsweisend erwiesen.
Aber Kyros hielt dann doch nicht, was er versprach. Er war nicht der
Messias. Und der Aufbau des Tempels dauerte noch einmal 25 Jahre und
führte zu einem eher bescheidenen Ergebnis, wenn man den
salomonischen Tempel vor Augen hat. In der Tat hat Gott etwas Neues
geschaffen, nicht einfach da weitergemacht, wo sich Israel vor dem
Exil befand. Die 40 Jahre Leid- und Lernzeit haben das Volk Israel
und den eigenen Glauben nachhaltig verändert.
Übertragen in unsere heutige Zeit, taucht eine bestimmte Parallele
unmittelbar auf. Das sind die 40 Jahre DDR-Geschichte und ja auch so
etwas wie eine Heimkehr. Da ist die Geschichte einer unblutigen und
friedlichen Revolution, bei der ja auch der christliche Glaube eine
große Rolle gespielt hat. Es ist aber auch die Geschichte von
enttäuschten Hoffnungen, von verklärtem und damit falschen Blick in
die Vergangenheit. Und dennoch behalten die Worte der Jahreslosung
ihre unmittelbare Bedeutung. Gott ist immer im Spiel. Gott ist immer
am Werk dort schafft immer Neues, auch wenn er uns zumutet, dass ich
nicht jede Hoffnung erfüllt. Gottes Wort ist vollmächtig, es schafft
Zukunft. Es ist ein Wort gegen übertriebenen Skeptizismus und gegen
die Resignation. Es ist ein Wort über den Horizont hinaus: "erkennt
ihr's denn nicht?". Ein Wort, das nicht den Himmel auf Erden
verspricht, aber das Türen in die Zukunft öffnet.
Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe, 1.1.2007
Siehe auch die Predigt am Altjahresabend von Pfarrerin Lütkemeier: Offene Augen, Ohren und Herzen
Weitere Andachten zu Jahreslosungen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 30.11.11