
Löwenzahn auf dem Hof des KZ Dachau. FOTO: Privat.
Jesus Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
1.Der Zusammenhang
2.Korinther 12:
1 Gerühmt
muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die
Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
Wahrscheinlich stammen die Kapitel 10-13 aus einem eigenen Brief des Apostels
Paulus (dem „Tränenbrief“ siehe Kapitel 2,4), da er sich form- und inhaltlich
völlig vom 2.Korintherbrief abhebt. Paulus muss sich mit dem Vorwurf aus Korinth
auseinandersetzen, dass sein persönliches Auftreten so seltsam schwach sei.
Er bekennt sich zu seiner Schwachheit: Er habe einen „Pfahl im Fleisch“,
wohl eine schwere chronische Erkrankung, derer er sich aber nicht schäme,
sondern sie als Geschenk Christi annehme, da er dadurch alle Kraft von Christus,
nicht aber aus sich schöpfen könne.
2. Zur Übersetzung
Im griechischen Urtext nach dem NT Graece von Nestle-Aland heißt die
Jahreslosung:
δυναμισ εν ασθενεια τελειται.
(Dynamis
in asteneia teleitai)
Es fällt auf: Es heißt nur: DIE Kraft (nicht „meine Kraft“):
δυναμισ.
Ασθενεια („Schwachheit, Ohnmacht“) ist
der Gegensatz zur „Kraft, Stärke“, (Dynamis), meint also nicht „die Schwachen“,
also keine Personen, sondern eher:
DIE Kraftlosigkeit, Schwäche.
Τελειται
(„vollenden,
zum Ziel kommen“). In der Übersetzung Luthers taucht das Wort gar nicht auf,
wohl aber an zentraler Stelle im Johannes-Evangelium: „Es ist
vollbracht“ (Johannes 19.30)
Wörtlich muss man übersetzen: „Die Kraft kommt in der
Ohnmacht, in der Schwachheit, in der Kraftlosigkeit zum Ziel, findet dort
Vollendung.“
3. Die Stellung dieses Satzes in den jüdisch-christlichen Schriften
Gott schafft Kraft in der Kraftlosigkeit – das ist ein durchgängiger Topos in
den jüdisch-christlichen Schriften. Man denke an David, der gegen Goliath
kämpft, an Mose, der nicht gut reden kann, an Jeremia, der zu jung ist als
Prophet und viele andere mehr. Aber da ist vor allem Jesus selbst, der an einem
Kind deutlich macht, was Glauben bedeutet, nämlich in der Schwachheit die Kraft
Gottes zu erkennen. Jesus selbst erschien den Menschen nicht als der Starke, es
war ein heimat- und mittelloser
Wanderprediger, ihm liefen die Menschen am Rand der Gesellschaft zu. Sein Leben
begann in Armut und Gefahr und endet am Kreuz, in der Schwäche, im äußerlichen
Scheitern. Jesus erlebte immer wieder Situationen des Zweifelns, der Angst, der
Schwachheit. Er hat sie nicht verdrängt, sondern er hat sich ihnen gestellt und
darin die Bedingung für Gottes Stärke gesehen. Er bringt damit die Tradition der
gescheiterten Propheten des Alten Bundes zum Höhepunkt.
4. Friedrich Nietzsche
Für Friedrich Nietzsche war die „Ethik der Ohnmächtigen“ Anlass für seine Häme
gegenüber dem Christentum und seinen Antisemitismus. Sich an der Schwäche zu
orientieren sei eine „Sklavenmoral“ und eine Überlebenstaktik derer, die nicht
stark genug seien, sich selbst durchzusetzen.
Der Nationalsozialismus mit seiner Idee der „Herrenrasse“ und aktuell
„Religionen“ der Neonazis wie die „Allgermanische Heidnische Front“ kritisieren
aus diesem Grund die christliche Orientierung an der Schwachheit der Menschen:
"Wir betrachten das Christentum als
ein Schwächeanfall der germanischen Völker, weil die christlichen Grundlagen so
geschaffen sind, dass Schwäche glorifiziert und Stärke ignoriert wird." (wikipedia,
Allgermanische Heidnische Front).
5. Die „Ästhetik des Hässlichen“
Hegel hat zuerst darauf
aufmerksam gemacht, dass durch das Christentum eine „Ästhetik des Hässlichen“ in
die Kunst gekommen ist. Was heißt das? In der Darstellung auch religiöser Motive
ging und geht es stets um das Schöne, um das Ästhetische, das Gerade, das
Starke, das Vollkommene. Das Schwache, das Nicht-Gelungene, Nicht-Gerade galt
und gilt als hässlich. Das bezieht sich gerade auch auf Menschen:
Eine Führungspersönlichkeit muss groß und stark sein, gut aussehen, einen
klaren Blick, eine gewinnende Stimme haben – wer hier nicht dem Schönheitsideal
der eigenen Zeit entspricht, hat schon verloren. Genau das hat ja auch Paulus am
eigenen Leib zu spüren bekommen.
Wenn es aber das Zentrale
des jüdisch-christlichen Glaubens ist, dass gerade das Schwache, Ohnmächtige,
Nicht-Gerade, Hässliche näher bei Gott ist, dann verändert sich auch die Sicht
der Kunst: Warum soll ein missgestalteter Mensch nicht schön sein? Warum sollen
Verlierer, Schwächlinge, nicht die Menschen sein, mit denen Gott sein Reich
baut?
Es geht nicht darum, dass
die Starken auch ein Herz für Schwache haben sollen. Es geht nicht um Mitleid.
Es geht überhaupt nicht um die Starken. Die sind gar nicht in erster Linie im
Blick bei Gott. Gerade das Zerbrochene, Verlorene hat in der christlichen Kunst
die eigentliche Bedeutung, weil diesem doch Gottes Gnade zuerst gilt.
6.
Wirkungsgeschichte in der Kirche
In den Prachtbauten der
Dome und Kathedralen, in dem Prunk der Akteure, in der politischen Macht, aber
auch in der werkgerechten Frömmigkeit auf Fleiß und Erfolg gedrillter
Protestanten, findet sich der zentrale Satz: „Die Kraft kommt in der Ohnmacht
zum Ziel“ nicht wieder. Menschen auch in der Kirche trauen dann doch lieber der
eigenen Stärke, eben nicht der Ohnmacht, sondern der eigenen Macht, die sie sich
selbst schaffen. Wer Karriere in der Kirche machen will, muss zunächst einmal
seine Durchsetzungskraft unter Beweis stellen. Schwächen werden bestraft, sie
werden verschwiegen, verdeckt. Es fällt in der Kirche unsagbar schwer, zu
eigenen Schwächen zu stehen, dies wird als Scheitern und Versagen gewertet. Dass
die Kirchen in Zukunft weniger Geld und Macht haben werden, wird als Bedrohung
gesehen, obwohl es doch nach 2.Korinther 12,9 als große Chance begriffen ist.
Aber auch dies ist
kirchliche Wirkungsgeschichte: Zentrum der Verkündigung ist und bleibt doch nach
den jüdisch-christlichen Schriften der ohnmächtige Gott, der durch die Hingabe
seines Sohnes an die Welt seine Macht preisgegeben hat. Weihnachten, Karfreitag
wird das verkündet - auch wenn dies
durchaus von Menschen geschieht, die ihre eigene Kraft über ihre Stärken
definieren und für die Schwachen am Rande der Gesellschaft höchstens Mitleid
übrig haben, aber doch im Herzen froh und dankbar sind, nicht zu den
Ohnmächtigen, sondern zu den Mächtigen zu gehören.
Die Kirche war in ihrer
Kinderzeit eine Gemeinschaft der kleinen Leute. Eigentlich ist es bis heute so
geblieben – trotz allen Volkskirchentums, aller medialen Superstars, die sie
hervorgebracht hat. Denn der Heilige Geist hat immer wieder Menschen berufen,
die in der Hingabe, in der Schwäche, dem ohnmächtigen Gott gefolgt sind. Oft von
anderen übersehen, haben sie die Stärke ihrer Ohnmacht gespürt, indem sie nicht
den Verführungen der Macht gefolgt
sind, frei waren vom Schielen auf die Reichen und Schönen, sich nicht orientiert
haben an der Macht des Geldes und der Macht – und damit Gott treu geblieben
sind, dem Gott, der selbst freiwillig auf seine Macht verzichtete - um der
hässlichen, verstoßenen, übersehen Menschen willen.
Von solchen Menschen lebt
die Kirche. Sie in den Mittelpunkt zu stellen, von ihnen zu lernen, macht Kirche
zukunftssicherer als jede Unternehmensberatung, jedes Konzeptionspapier, jede
Sparmaßnahme, jede Umstrukturierung. Die Institution „Kirche“ meint auf all die
genannten Dinge nicht verzichten zu können, weil sie stark und mächtig sein will
und ihre Stärke vermehren möchte. Aber die Institution Kirche ist dann
überflüssig, wenn sie nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist, nicht mehr an
seiner Kraft teilhat. Und da ist die Kraftquelle der Kirche Jesu Christi:
„Die Kraft kommt in der Ohnmacht, in der Schwachheit, in der Kraftlosigkeit zum
Ziel, findet dort Vollendung.“
Jesus Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
(2. Korinther 12,9).
Weitere Andachten zu Jahreslosungen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.12.11