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Die Kraft kommt in der Ohnmacht, in der Schwachheit, in der Kraftlosigkeit zum Ziel, findet dort Vollendung

Gedanken zur Jahreslosung 2012

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Jahreslosung 2012

Löwenzahn auf dem Hof des KZ Dachau. FOTO: Privat.

Jesus Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Korinther 12,9 - Übersetzung Martin Luther)

1.Der Zusammenhang

2.Korinther 12:

1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Wahrscheinlich stammen die Kapitel 10-13 aus einem eigenen Brief des Apostels Paulus (dem „Tränenbrief“ siehe Kapitel 2,4), da er sich form- und inhaltlich völlig vom 2.Korintherbrief abhebt. Paulus muss sich mit dem Vorwurf aus Korinth auseinandersetzen, dass sein persönliches Auftreten so seltsam schwach sei.  Er bekennt sich zu seiner Schwachheit: Er habe einen „Pfahl im Fleisch“, wohl eine schwere chronische Erkrankung, derer er sich aber nicht schäme, sondern sie als Geschenk Christi annehme, da er dadurch alle Kraft von Christus, nicht aber aus sich schöpfen könne.

2. Zur Übersetzung

Im griechischen Urtext nach dem NT Graece von Nestle-Aland heißt die Jahreslosung:

δυναμισ εν ασθενεια τελειται.    (Dynamis in asteneia teleitai)

Es fällt auf: Es heißt nur: DIE Kraft (nicht „meine Kraft“):  δυναμισ.

Ασθενεια („Schwachheit, Ohnmacht“) ist der Gegensatz zur „Kraft, Stärke“, (Dynamis), meint also nicht „die Schwachen“, also keine Personen,  sondern eher: DIE Kraftlosigkeit, Schwäche.

Τελειται   („vollenden, zum Ziel kommen“). In der Übersetzung Luthers taucht das Wort gar nicht auf, wohl aber an zentraler Stelle im Johannes-Evangelium: „Es ist vollbracht“ (Johannes 19.30)

Wörtlich muss man übersetzen: „Die Kraft kommt in der Ohnmacht, in der Schwachheit, in der Kraftlosigkeit zum Ziel, findet dort Vollendung.“

3. Die Stellung dieses Satzes in den jüdisch-christlichen Schriften

Gott schafft Kraft in der Kraftlosigkeit – das ist ein durchgängiger Topos in den jüdisch-christlichen Schriften. Man denke an David, der gegen Goliath kämpft, an Mose, der nicht gut reden kann, an Jeremia, der zu jung ist als Prophet und viele andere mehr. Aber da ist vor allem Jesus selbst, der an einem Kind deutlich macht, was Glauben bedeutet, nämlich in der Schwachheit die Kraft Gottes zu erkennen. Jesus selbst erschien den Menschen nicht als der Starke, es war ein  heimat- und mittelloser Wanderprediger, ihm liefen die Menschen am Rand der Gesellschaft zu. Sein Leben begann in Armut und Gefahr und endet am Kreuz, in der Schwäche, im äußerlichen Scheitern. Jesus erlebte immer wieder Situationen des Zweifelns, der Angst, der Schwachheit. Er hat sie nicht verdrängt, sondern er hat sich ihnen gestellt und darin die Bedingung für Gottes Stärke gesehen. Er bringt damit die Tradition der gescheiterten Propheten des Alten Bundes zum Höhepunkt.

4. Friedrich Nietzsche

Für Friedrich Nietzsche war die „Ethik der Ohnmächtigen“ Anlass für seine Häme gegenüber dem Christentum und seinen Antisemitismus. Sich an der Schwäche zu orientieren sei eine „Sklavenmoral“ und eine Überlebenstaktik derer, die nicht stark genug seien, sich selbst durchzusetzen.  Der Nationalsozialismus mit seiner Idee der „Herrenrasse“ und aktuell „Religionen“ der Neonazis wie die „Allgermanische Heidnische Front“ kritisieren aus diesem Grund die christliche Orientierung an der Schwachheit der Menschen: "Wir betrachten das Christentum als ein Schwächeanfall der germanischen Völker, weil die christlichen Grundlagen so geschaffen sind, dass Schwäche glorifiziert und Stärke ignoriert wird." (wikipedia, Allgermanische Heidnische Front).   

5. Die „Ästhetik des Hässlichen“

Hegel hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass durch das Christentum eine „Ästhetik des Hässlichen“ in die Kunst gekommen ist. Was heißt das? In der Darstellung auch religiöser Motive ging und geht es stets um das Schöne, um das Ästhetische, das Gerade, das Starke, das Vollkommene. Das Schwache, das Nicht-Gelungene, Nicht-Gerade galt und gilt als hässlich. Das bezieht sich gerade auch auf Menschen:  Eine Führungspersönlichkeit muss groß und stark sein, gut aussehen, einen klaren Blick, eine gewinnende Stimme haben – wer hier nicht dem Schönheitsideal der eigenen Zeit entspricht, hat schon verloren. Genau das hat ja auch Paulus am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Wenn es aber das Zentrale des jüdisch-christlichen Glaubens ist, dass gerade das Schwache, Ohnmächtige, Nicht-Gerade, Hässliche näher bei Gott ist, dann verändert sich auch die Sicht der Kunst: Warum soll ein missgestalteter Mensch nicht schön sein? Warum sollen Verlierer, Schwächlinge, nicht die Menschen sein, mit denen Gott sein Reich baut?

Es geht nicht darum, dass die Starken auch ein Herz für Schwache haben sollen. Es geht nicht um Mitleid. Es geht überhaupt nicht um die Starken. Die sind gar nicht in erster Linie im Blick bei Gott. Gerade das Zerbrochene, Verlorene hat in der christlichen Kunst die eigentliche Bedeutung, weil diesem doch Gottes Gnade zuerst gilt.

6. Wirkungsgeschichte in der Kirche

In den Prachtbauten der Dome und Kathedralen, in dem Prunk der Akteure, in der politischen Macht, aber auch in der werkgerechten Frömmigkeit auf Fleiß und Erfolg gedrillter Protestanten, findet sich der zentrale Satz: „Die Kraft kommt in der Ohnmacht zum Ziel“ nicht wieder. Menschen auch in der Kirche trauen dann doch lieber der eigenen Stärke, eben nicht der Ohnmacht, sondern der eigenen Macht, die sie sich selbst schaffen. Wer Karriere in der Kirche machen will, muss zunächst einmal seine Durchsetzungskraft unter Beweis stellen. Schwächen werden bestraft, sie werden verschwiegen, verdeckt. Es fällt in der Kirche unsagbar schwer, zu eigenen Schwächen zu stehen, dies wird als Scheitern und Versagen gewertet. Dass die Kirchen in Zukunft weniger Geld und Macht haben werden, wird als Bedrohung gesehen, obwohl es doch nach 2.Korinther 12,9 als große Chance begriffen ist.

Aber auch dies ist kirchliche Wirkungsgeschichte: Zentrum der Verkündigung ist und bleibt doch nach den jüdisch-christlichen Schriften der ohnmächtige Gott, der durch die Hingabe seines Sohnes an die Welt seine Macht preisgegeben hat. Weihnachten, Karfreitag wird das verkündet  - auch wenn dies durchaus von Menschen geschieht, die ihre eigene Kraft über ihre Stärken definieren und für die Schwachen am Rande der Gesellschaft höchstens Mitleid übrig haben, aber doch im Herzen froh und dankbar sind, nicht zu den Ohnmächtigen, sondern zu den Mächtigen zu gehören.

Die Kirche war in ihrer Kinderzeit eine Gemeinschaft der kleinen Leute. Eigentlich ist es bis heute so geblieben – trotz allen Volkskirchentums, aller medialen Superstars, die sie hervorgebracht hat. Denn der Heilige Geist hat immer wieder Menschen berufen, die in der Hingabe, in der Schwäche, dem ohnmächtigen Gott gefolgt sind. Oft von anderen übersehen, haben sie die Stärke ihrer Ohnmacht gespürt, indem sie nicht den  Verführungen der Macht gefolgt sind, frei waren vom Schielen auf die Reichen und Schönen, sich nicht orientiert haben an der Macht des Geldes und der Macht – und damit Gott treu geblieben sind, dem Gott, der selbst freiwillig auf seine Macht verzichtete - um der hässlichen, verstoßenen, übersehen Menschen willen.

Von solchen Menschen lebt die Kirche. Sie in den Mittelpunkt zu stellen, von ihnen zu lernen, macht Kirche zukunftssicherer als jede Unternehmensberatung, jedes Konzeptionspapier, jede Sparmaßnahme, jede Umstrukturierung. Die Institution „Kirche“ meint auf all die genannten Dinge nicht verzichten zu können, weil sie stark und mächtig sein will und ihre Stärke vermehren möchte. Aber die Institution Kirche ist dann überflüssig, wenn sie nicht mehr die Kirche Jesu Christi ist, nicht mehr an seiner Kraft teilhat. Und da ist die Kraftquelle der Kirche Jesu Christi:

„Die Kraft kommt in der Ohnmacht, in der Schwachheit, in der Kraftlosigkeit zum Ziel, findet dort Vollendung.“

Jesus Christus spricht: "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."  (2. Korinther 12,9).

 


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