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Gedanken zur Jahreslosung 2003

 

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.

                                                                                                                      (1.Samuel 16,7)

 

 

Alle Jahre wieder eine neue Jahreslosung. Ausgesucht schon vor langer Zeit, Arbeit einer  Kommission, die vielerlei bei der Auswahl bedenken muss. Es soll ein ermutigender, aber auch mahnender Spruch sein -  nicht zu bekannt, aber auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Eingängig soll er sein, leicht zu behalten, damit er in den verschiedensten Situation im Jahr zu einem treuen Begleiter werden kann und neue Dimension erschließen hilft. Die Auswahl einer solchen Jahreslosung ist nicht leicht. Die Bibel ist nun einmal keine Sammlung von Sprüchen, jeder Vers ist eigentlich nur aus seinem Zusammenhang heraus zu verstehen. Nur das alttestamentliche Buch der Sprüche Salomos wäre eine Sammlung mehr oder wenig zeitlos geltender Einzelsprüche. Doch nicht aus dieser der Weisheitsliteratur zuzurechnenden Gattung, die oftmals ohne jeden Bezug zu Gott und Glauben auskommt, stammt die diesjährige Jahreslosung, sondern aus dem 1.Samuel-Buch, Kapitel 16:

 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.

 

Keine allgemeine Weisheit, der Bezug zu Gott wird hergestellt (der Herr aber sieht das Herz an). Ein bisschen scheint mitzuschwingen, was  Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen lässt: Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Nicht nur ein schöner, sondern auch ein aktueller Spruch. Denn die Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, in einer Welt zu leben, in der es nicht nur um Technokratie, um das Machbare, um Äußerliches, Verstandesmäßiges geht, sondern, die Stimme des Herzens, die Phantasie, das Gefühl wieder mehr gefragt sind. Harry Potter und Herr der Ringe sind Kassenschlager in den Kinos. Auch das ein Zeichen, dass Menschen ein Bedürfnis nach Romantik, nach mehr Herz haben, wenn doch schon die Welt, das Arbeitsleben, die eigene Beziehungsebene und die Politik so von Problemen belastet sind, mit denen der Verstand allein nicht fertig wird.

Aber ist mit diesem Herz, mit dem man nur gut sehen kann auch das Herz gemeint, von dem die Jahreslosung spricht? Schauen wir uns dazu einmal den näheren Zusammenhang an.

Das 1.Samuel-Buch schlägt ein neues Kapitel auf in der Geschichte des Volkes Israel: Das Königtum entsteht. Der Prophet Samuel salbt Saul zum ersten König. Aber Saul ist ein schlechter König -  wie überhaupt das Königtum durchweg kritisch gesehen wird. Weil er Gottes Willen nicht folgt, wird er von Gott verworfen. Nun erhält der Prophet Samuel den Auftrag, erneut einen König zu salben. 1.Samuel 16, 1-13 erzählt, wie Samuel nach Bethlehem geführt wird und dem Isai und seinen Söhnen begegnet. Den wohl ältesten, groß gewachsenen, starken und gut aussehenden Eliab hält Samuel zunächst für denjenigen, den Gott für den neuen König ausersehen hat. Ihn will er gleich salben. Aber hierhin fällt das Wort der Jahreslosung. Gott bremst den Samuel und sagt: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs, ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.

Daraufhin lässt Samuel all die anderen Söhne Isais kommen, doch auf keinen fällt Gottes Wahl. Den letzten und jüngsten wollen sie gar nicht vorstellen. Es ist David, der gerade die Schafe hütet. Irgendetwas scheint an oder mit ihm nicht ganz vorzeigbar. Beschrieben wird er als bräunlich, mit schönen Augen und von guter Gestalt. Ihn erwählt Gott, und Samuel salbt ihn zum König.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an. Interessant ist die Wortbedeutung des hebräischen Leb = Herz. Es bedeutet wohl auch das Zentrum des geistig-seelischen Lebens, den Sitz der Empfindung, aber auch den Sitz des Antriebes, der Entschlüsse, der Pläne. In 1.Samuel 14,7 wird dasselbe Wort gebraucht, dort hat es die Bedeutung: Tu alles, was in deinem Sinn (=Leb) ist.

Herz meint also nicht das Gegenteil von Verstand, hat auch nichts zu tun mit Romantik, Gefühl, sondern beschreibt hier eher die Absicht, den Plan, den ein Mensch in sich trägt. Leb meint auch nicht die Innerlichkeit im Gegensatz zur Äußerlichkeit. David wird ja durchaus als jemand beschrieben, der auch äußerlich schon einen guten König abgäbe. So wie Saul, der auch ja rein äußerlich durch seine ernorme Körpergröße als König vorherbestimmt zu sein schien. Nur leider hat sich seine Absicht, sein innerer Plan als wenig geeignet herausgestellt. Er entpuppte sich ja schließlich als einer, der Gott ungehorsam wurde. Das soll bei David nun anders werden. -

Es gibt auch eine Verstehens-Variante, die nicht unerwähnt bleiben soll. Man kann nämlich auch Leb nicht auf David, sondern auf Gott  beziehen; also so übersetzen: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht aus seinem eigenen Herzen an.

David wäre dann deswegen von Gott erwählt worden, weil Gott es von seinem eigenen Herzen so wollte  - und nicht, weil David ein so gutes Herz, so gute innere Absichten hatte. Eine interessante Variante.

Zusammenfassend lässt sich zur Jahreslosung festhalten, dass sie keineswegs einer modernen Romantik, einer Flucht in eine verstandesbefreite Welt voll Gefühl und Phantasie das Wort redet. Vielmehr legt sie den Akzent darauf, wie Gott Menschen erwählt, was bei Gott wichtig ist: Äußerliches allein ist nicht allein wichtig (auch wenn es zumindest bei David auch eine Rolle bei der Erwählung spielt). Wichtig sind (und nun kann man beide Verstehens-Varianten verbinden):

- Was der Mensch in sich für Pläne, Absichten, für einen �Fahrplan�, ein Wertesystem, einen Charakter, trägt man könnte auch sagen: wie er programmiert ist - so sieht es Gott und so erwählt er,

aber eben nicht nach menschlichen Maßstäben, sondern allein nach Gottes Maßstäben

- aufgrund Gottes Herzens, seinen Absichten, seinen Plänen: die Pläne der Liebe, der Barmherzigkeit sind, weit über die Vorstellungskraft, über die Träume, die Phantasie der Menschen hinaus.

So kann diese Jahreslosung Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.  wirklich zu einem guten Begleiter für 2003 werden, sie kann uns ermutigen, allein Gott und seinen Kriterien für eine Erwählung zu vertrauen. Sie kann aber auch vor einer Flucht in eine heile (Gefühls-)Welt bewahren. Nicht auf ein diffuses Wirr-Warr von undefinierbaren Stimmungen kommt es an, sondern auf unsere Pläne, Absichten und Ziele. Und die lassen sich auch mit dem Verstand erfassen, überprüfen -  und auch korrigieren und immer wieder neu definieren.  

 

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30. November 2011

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