„Jesus Christus spricht: Ich habe für Dich gebeten, dass Dein Glaube nicht
aufhört.“ (Lk 22, 32)
Predigt an Neujahr 2005 in Saerbeck
Pfarrerin Kirsten Schumann, Saerbeck
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Jahreslosung für das Jahr 2005 haben wir eben in der Evangeliumslesung
gehört und lautet:
„Jesus Christus spricht: Ich habe für Dich gebeten, dass Dein Glaube nicht
aufhört.“ (Lk 22, 32)
Dieser Satz aus dem NT bekam durch die Flutkatastrophe in Südostasien (und
Afrika) einen neuen Sinn. Die Bilder des Schreckens, die Berichte von
Überlebenden, die mit Tränen kämpfen, die oft nur stockend vorgetragenen
Schilderungen erfahrener Reporter vor Ort, gehen nicht spurlos an uns vorbei.
Auch wer nicht um Angehörige, oder Kinder aus der Familie bangen muss, leidet
mit. Die Berichte und Bilder dieser Flutkatastrophe legen sich über das
Jahresende und überschatten auch den Jahresanfang – stehen uns immer wieder
vor Augen.
Wieder einmal sprechen Journalisten von „nie dagewesener Katastrophe“ und
„unvorstellbarem Leid“ und „apokalyptischen Zuständen“ – das letzte Mal, als
dieses Wort in der öffentlichen Medienlandschaft seine Runde machte, war es
der 11. September „ein apokalyptischer Tag“. Wo uns die Worte fehlen, greifen
wir auf den biblischen Wortschatz zurück. Auf eine fast schon makabere Weise
„erfüllt“ sich hier die Jahreslosung von 2004: „Himmel und Erde werden
vergehen, aber meine Worte bleiben in Ewigkeit“.
Gedacht war ja schon die Jahreslosung 2004 anders, ganz anders – doch auch
unsere „neue“ Jahreslosung bleibt nicht unberührt von dem, was unsere
gesellschaftliche Situation zu Beginn des Jahres 2005 ist. Ein biblisches Wort
ist nicht einfach nur ein biblisches Wort. Es verändert sich und seine
Bedeutung, auch durch den Zusammenhang, in den hinein es gesagt es. Das Wort
Gottes bleibt nicht unberührt, von dem Leid und dem Erschrecken, das tief in
uns allen steckt in diesen Tagen.
Schauen wir also auf die neue Jahreslosung – und was sie uns konkret in unsere
Situation hinein sagt. [„Jesus Christus spricht: Ich habe für Dich gebeten,
dass Dein Glaube nicht aufhört.“ (Lk 22, 32)]
Liebe Schwestern und Brüder,
es geht also um das Beten! Genauer gesagt, um das „Für jemand beten“ – also
die Fürbitte! Jesus sagt diesen Satz zu seinem Freund Petrus.
Auf den ersten Blick ist Petrus nicht der Typ Mensch, den wir in einer
„Fürbitte“ vermuten würden. Als gewohnte Kirchenchristen wissen wir schon, für
wen wir beten sollen: die Armen, die Kranken, die Sterbenden, die Trauernden,
die Verzweifelten, die Enttäuschten, jetzt natürlich die Opfer der
Flutkatastrophe, die Spöttischen vielleicht noch, die Regierenden oder die
Kirchen mit ihren Leitungen.
In alle diese kirchlichen Fürbittkategorien passt Petrus aber nicht hinein.
Das Auftreten von Petrus geschieht eher dem Motto „Selbst ist der Mann“ und
wäre Petrus eine Frau, dann würde sie bestimmt von sich denken, eine
„emanzipierte Frau“ zu sein. Schliesslich ist Petrus derjenige unter den
Jüngern, der sich seiner Sache sehr sicher war: „Du bist Christus, der Sohn
des lebendigen Gottes“ – bekennt er, als andere Jünger ihren Herrn noch für
den wiedergekehrten Elia oder einen anderen Propheten hielten.
Petrus ist kein Mensch, der gerne auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Selbst
als er am Ertrinken ist, fasst er erst im letzten Moment die rettende Hand
Jesu. Petrus ist gesegnet mit einem festen Selbstvertrauen – denn auf keinen
Fall möchte er jemanden bitten müssen. Und dass jetzt ein anderer für ihn
bittet, wird seiner Lebenseinstellung krass wiedersprechen. So lässt er Jesus
den Satz nur knapp ausreden, um dann schon wieder seine Standfestigkeit
hinauszuposaunen: „Ich bin bereit, mit Dir ins Gefängnis und in den Tod zu
gehen.“ (Lk 22, 33)
Jesus zieht seine Fürbitte nicht zurück. Er bevormundet Petrus aber auch
nicht. ER lässt seinem Freund seine Freiheit und sein Selbstvertrauen. Das ist
der Freundschaftsdienst, der in dieser Fürbitte steckt: Petrus bekommt keine
besserwisserischen Ratschläge und ihm wird nicht vorgeschrieben, was er zu
beten hat. Sondern Jesus betet für das Gottvertrauen seines Freundes, weil er
die Momente kennt, in denen der Glaube verloren geht.
Gerade in solchen Katastrophenszenarien, wie jetzt in Südostasien, erleben wir
immer wieder unsere menschliche Ohnmacht. Das Gefühl der Hilflosigkeit kehrt
immer wieder im laufe eines Jahres. „Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir
sind gar bald verloren“ – dichtet Martin Luther („Ein feste Burg“) – und
wahrscheinlich ist dies die menschlichste aller Erfahrungen, dass mit unserer
Macht wirklich nicht viel geholfen ist.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, dass ich leugnen möchte,
dass wir als Christen auch helfen können – gerade auch den Opfern in
Südostasien – aber es gibt ein tief sitzendes Misstrauen, das in uns steckt
und unsere Zukunft gefärdet sieht: Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt erleben wir
diese Unsicherheit, sondern auch im ganz persönlichen Bereich: Wir leben im
ständigen Fluss – mal hier und mal dort. Gerade hier in Saerbeck, wo so viele
junge Familien sind, die hergezogen sind aus Münster, oder von ganz woanders.
Wir bauen Häuser und unser Dorf wächst, wir schliessen Versicherungen ab, um
uns abzusichern. Denn wir Menschen brauchen Sicherheiten, brauchen den
Rückhalt und die Perspektive auf eine sichere Zukunft. Wir können nicht
ständig im Fluss schwimmen, ohne unseren Glauben zu verlieren.
Liebe Schwestern und Brüder,
Petrus hat schnell nach diesem Gespräch mit Jesus, jenen Augenblick erlebt, in
dem sein Glaube aufgehört hat. Er geht weder ins Gefängnis noch in den Tod,
als er den Spott einer Magd am Lagerfeuer erleidet. Ein Glaubensbekenntnis
bringt Petrus nicht hervor, als er gefragt wird, ob er denn ein „Freund des
Narzareners“ sei. Lieber lügt er – dabei war die Situation gar nicht so
gefährlich. Frauen hatten kein Zeugenrecht in der damaligen Zeit – es hätte
ihm nichts weiter passieren können.
Der Glaube gerät in Gefahr, wenn er auf Hohn und Häme trifft. Schon für Kinder
ist es schrecklich ausgelacht und gehänselt zu werden. Aber ich glaube auch
für Erwachsene ist es schrecklich, wenn sie heimlich belächelt werden, wegen
ihres Glaubens.
Jesus erzählt Petrus von seiner Fürbitte als dieser vor Selbstbewusstsein nur
so strotzt. Aber er sagt es für den Augenblick, als Petrus mit seinem Versagen
allein ist – ganz für sich – „und er weinte bitterlich“ – und der Hahn kräht
dreimal.
Gottvertrauen, das musste Petrus in jener Nacht lernen, ist kein Besitz –
etwas, das man jederzeit bei sich trägt. Glaube ist fragil, anfällig für den
Zweifel, etwas, das andere zerschlagen können – und das immer wieder neu
zusammengefügt werden muss.
Jesu Fürbitte, dass sein Glaube nicht aufhören soll, liegt vor dieser Stunde
der Verzweiflung, sie gilt dem enttäuschten Petrus in jeder Lebenslage. Und
sie gilt allen Menschen, die verzweifelt sind, über ihrem Glauben, über ihrer
Lebenssituation, und über ihrer Verstorbenen in einer Naturkatastrophe, wie
heute in Südostasien.
Wenn wir selber nicht mehr beten, nicht mehr beten wollen oder können, und
wenn auch kein Mensch mehr für uns ist betet, dann ist uns die Zusage der
Jahreslosung gegeben: Christus ist unser Fürsprecher, er hat schon lange
vorher für uns gebetet. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir
wissen nicht, was wir beten sollen, wie es sich gebührt. Sondern der Geist
Gottes vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm 8,26)
Liebe Schwestern und Brüder, lohnt es sich zu beten? So fragen aus ganz
unterschiedlichen Gründen die Kritiker, die Spötter, die Enttäuschten – Ja, es
lohnt sich zu beten für solche Menschen wie Petrus, für selbstbewußte
Kritiker. Es lohnt sich zu beten, für die ganze Welt, auch für uns. Es lohnt
sich zu beten wie Jesus: Im Wissen, dass es Situationen gibt, in denen unser
Glaube schwach wird, und unser Gebet uns wie eine Farce erscheint. Es lohnt
sich zu beten, dafür, dass unser Glaube nicht aufhören soll, in dieser Welt,
wo soviel unbegreifliches Leid über Menschen gekommen ist.
Es lohnt sich zu beten, für ein gutes, ein neues Jahr, das wir uns heute alle
wünschen. Es wäre ein gutes Jahr, wenn wir wieder mehr miteinander und
füreinander beten würden – nicht um die Augen zu verschliessen,
sondern um die Hoffnung nicht zu verlieren – und auch nicht unseren Glauben.
„Mit unserer Macht ist nichts getan“ – das stimmt – aber mit der Macht Gottes,
mit der Kraft des betenden Christus, dürfen wir getrost in ein neues Jahr
gehen, denn das Gebet des Glaubens versetzt jene Berge, von denen es auch im
Jahr 2005 noch genug gibt.
Der betende Christus ist zwar keine Versicherung, die wir kaufen könnten, aber
doch eine bessere Vorsorge für unsere Zukunft, der wir nur vertrauen können.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, halte Euren
Verstand wach und Eure Hoffnung und er stärke Eure Liebe. Amen.