Die gute Hirtin
Predigt zum Sonntag Miserikordias Domini 2003
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Evangelium und Predigttext bei
Johannes, 10, 11-16 (I. Reihe)
Liebe Gemeinde,
das
Wort vom Guten Hirten aus dem Johannes-Evangelium ist der vorgeschlagene
Predigttext für den heutigen Sonntag, an dem wir Frau Birgit Heckers in
ihrem Amt als Geschäftsführerin des Martinstifts begrüßen. Was liegt also
näher, als ihnen, Frau Heckers, anhand dieses Bibeltextes unsere Wünsche
und Hoffnungen mit auf den Weg zu geben, denn in einer Leitungsfunktion,
als Geschäftsführerin, müssen Sie sicherlich auch Hirtinnenqualitäten
besitzen. Eigentlich wäre es dann doch jetzt eine gute Gelegenheit, Ihnen
einen Hirtinnenstab zu überreichen. Um das Wohl der Ihnen anvertrauten
bemüht sein, der Schutz vor Gefahren fällt mir ein, jeden kennen und
wahrnehmen, mit den jeweiligen Bedürfnissen, Sorgen, Ängsten und Wünschen,
bis hin zur ökonomischen Entscheidung, wo die fettesten grünen Wiesen zu
finden sind.
Und natürlich wünschen sich alle, dass Sie
das nicht nur quasi wie ein Mietling ausführen, sondern als Hirtin.
Bevor
Sie jetzt aufstehen und gehen und alle anderen hier in der Kirche denken:
das geht mich ja doch nichts an: Johannes schreibt eben keine
Dienstanweisung für Geschäftsführung, sondern der Evangelist überliefert
Jesus-Worte und führt diese aus. Jesus sagt von sich, er sei wie der
Hirte, der sich um seine Herde gut kümmert. Und er sagt das sicher auch
auf dem Hintergrund der Texte der Hebräischen Bibel, die wir eben gerade
als Psalm gebetet haben und als Lesung aus dem Alten Testament gehört
haben.
Jesus ist wie der Hirte des Psalmes,
einer, der in Frost und Hitze bei den Schafen aushält, einer, der aus dem
Mangel auf die fetten Weidegründe führt, einer der Weg in der unwegsamen
Wüste sucht, vor wilden Tieren schützt. Jesus, das ist der Gott, von dem
die Hebräische Bibel erzählt - so sagt das Johannes seinen Leserinnen und
Lesern.
Und
er weiß auch, das sie die Textstellen über die schlechten Hirten kennen
werden, wie sie z.B. der Prophet Ezechiel aufgeschrieben hat. Hirten, die
sich an ihrer Herde nur bereichern. Herrscher, die einzig auf ihren
Vorteil bedacht sind beim Regieren, denen ihr Gewinn die Maxime ihres
Handelns ist, das Recht des Stärkeren ist Gesetz und alle, die da nicht
mitkommen, bleiben eben auf der Strecke. So sieht die Wirklichkeit aus, in
der Johannes sein Evangelium aufschreibt. Der ferne Kaiser in Rom
beherrscht die Welt, seine Statthalter sind in erster Linie auf ihren
Profit bedacht. Wer nicht mitmacht, verliert Hab, Gut und Leben.
Gottes Wirklichkeit sieht anders aus.
Einer, der vor nicht allzu langer Zeit
sich noch wie ein Lamm zur Schlachtbank, an das Kreuz von Golgotha führen
ließ, ist der Lebendige, der Herr. Gott thront nicht über den Wolken,
sondern er kennt jeden einzelnen Menschen und läßt sich von den Menschen
erkennen.
Einer, der sich eben nicht in die
menschlichen Kategorien von Sieger und Verlierer einordnen läßt und eben
gerade deshalb menschliche Urteile und Meinungen mit einem Fragezeichen
versieht. Seit Ostern ist für uns nichts mehr, wie es vorher war. Gott ist
am Kreuz gestorben, Allmacht hat sich in Ohnmacht verwandelt. Oben und
unten wird durcheinandergewirbelt. Augenschein ist nicht verlässlich,
alles was bisher galt, gilt nicht mehr.
Das verunsichert, schafft aber auch
Freiraum, Freiheit und Raum für Menschen. Zur Entscheidung, wo ist mein
Stand zu diesem Gott. Die Freiheit ist ein großes Geschenk. Sie beinhaltet
die Verantwortung für Entscheidungen, die ich treffe. Gott wirbt um uns
Menschen, er wendet sich uns zu, will uns auf seiner Seite haben.
Aber er sagt uns auch seinen Schutz, seine
Hilfe und seine Begleitung zu. Er ist ein Gott, der den Weg des Lebens
mitgeht. In allen Lebensphasen, in dunklen Tälern, oder über lichte Höhen,
wenn schwere Steine aus dem Weg geräumt werden müssen, oder wenn es geht
wie im Fluge.
Einen Hirtenstab habe ich nicht dabei.
Aber ganz ohne symbolisches Geschenk wollten wir es ja auch nicht bewenden
lassen.
Gott
hat seine Hilfe und seinen Schutz ganz handgreiflich werden lassen: er hat
Menschen geschaffen, die zu seinen Augen, Ohren, Händen, Füßen werden
können. Aber sie können auch zu einem Stock werden, um sich darauf zu
stützen, wenn nötig.
Stecken und Stab zur Verteidigung gegen
die lauernden Gefahren.
Zu einem Sichtschutz für die nötige Ruhe,
die sie ab und an brauchen.
Zu einem Schirm, damit sie nicht im Regen
stehen.
Und um das Leben auch in grauen Tagen
etwas bunt und fröhlich zu machen.
Gott gebe, dass wir als Gemeinde uns
gegenseitig dies alles sein können, alles zu seiner Zeit. Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als
unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und
bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.
Predigttext und alle Lesungen des Sonntags bei
LESEORDNUNG
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11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt
sein Leben für seine Schafe.
12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die
Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe
und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe.
Ps 23;
Jes 40,11;
Hes 34,11-23;
Kap 15,13;
Hebr 13,20
13 Der Mietling aber flieht; denn er ist ein
Mietling und achtet der Schafe nicht.
14 Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen
und bin bekannt den Meinen,
2.Tim 2,19
15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den
Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht
aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden
meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.
Kap 11,52;
Apg 10,34.35
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