Mittragen und vorantragen

Predigt zum 1.Advent - 1.12.2002 in Neuenbeken und Bad Lippspringe (No. 508)

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Lieder: 1,1-3 4, 1-3 16, 1,2,4 5 13

I.Reihe: Matthäus 21,1-9

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): «Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.» Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Es mögen damals über 100.000 Pilger gewesen sein, liebe Schwestern und Brüder, die zum Passahfest Jerusalem besuchten. Und es war üblich, die z.T. weitgereisten Menschen am Stadttor mit Jubelrufen zu begrüßen, etwa mit: "Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!"

Ganz besonders galten diese Rufe einem, der auf ganz besondere Weise in die Stadt einzog. Der ritt nämlich auf einem Esel, dem Lasttier der armen Leute. Auch vom Messias, vom gesalbten Friedenskönig der Juden, galt die Verheißung, er ritte auf einem Esel in Gottes Stadt Jerusalem ein.

Und diesem einen, Jesus von Nazareth, dem jubeln sie besonders zu, dem werfen sie als Zeichen seiner Königswürde ihre Gewänder auf die staubige Straße und streuen Zweige auf den Weg.

Evangelium des 1.Advent, des Beginn eines neuen Kirchenjahres. Mit diesem Einzug Jesu in Jerusalem fängt alles an. Denn mit seiner Ankunft in die Gottesstadt Jerusalem offenbart sich Jesus selbst als der, der er ist. Er ist der Messias, der Heiland, auf den die Menschen schon so lange sehnsüchtig gewartet haben. Er kommt und tröstet die Traurigen, heilt die Kranken, richtet die Mutlosen auf. Ja, er befreit sogar von dem letzten Bösen: vom ewigen Tod. Noch einmal im Kirchenjahr wird das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem im Gottesdienst verlesen: Am Palmsonntag, zu Beginn der Leidenswoche, die mit Karfreitag den Höhepunkt hat, mit dem Ostersonntag, der Auferstehung von den Toten, erst seinen letzten Sinn erhält.

Jesus zieht in Jerusalem ein: Die Menschen jubeln ihm zu! "Hosianna", rufen sie. "Hilf uns doch! Rette uns doch! Bring du uns das Heil!" Aber wer versteht ihn wirklich? Die meisten verwechseln ihn am Ende doch mit einem menschlichen Heilversprecher, der mit Gewalt der verhassten römischen Besatzungsmacht den Garaus machen will.

Stellen wir uns diesen Einzug Jesu in Jerusalem ganz realistisch vor: Da sitzt er, der angebliche König - und reitet auf einem Esel! Sie haben sicher schon einmal einen erwachsenen Menschen auf einem Esel reiten sehen. Besonders drollig wirkt das, wenn man das mit einem Reiter auf einem Pferd vergleicht. Was auf einem stolzen Ross elegant und vornehm wirkt, ist beim Esel einfach plump und lustig. Da sind die Bein zu kurz, die Ohren zu lang, die Gangart hölzern und komisch.

Ein Herrscher, ein König zieht auf einem Pferd ein - das passt. Aber ein König und ein Esel - da sagt Martin Luther mit Recht: "Jesus kommt wie ein König - aber nur wie ein Bettelkönig."

Der große Friedenskönig, er kommt. Er ist auf dem Weg zu uns. Aber er kommt ganz anders als wir das erwarten.

Es gab einmal eine alte Frau, der hatte der liebe Gott versprochen, sie an einem bestimmten Tag zu besuchen. Heute war dieser Tag. Und heute scheuerte sie, putzte, buk, kochte. Und dann fing sie an, auf den lieben Gott zu warten.

Auf einmal klopfte es an der Tür. Geschwind öffnete die Alte, aber als sie sah, dass draußen nur ein armer Bettler stand, sagte sie: "Nein, in Gottes Namen, geh heute deiner Wege! Ich warte eben auf den lieben Gott, ich kann dich nicht aufnehmen." Und damit ließ sie den Bettler gehen und warf die Tür hinter ihm zu.

Nach einer Weile klopfte es von neuem. Die Alte öffnete diesmal noch geschwinder. Aber wen sah sie draußen stehen? Nur einen armen alten Mann. "Ich warte heute auf den lieben Gott. Wahrhaftig, ich kann mich nicht um dich kümmern."

Sprachs und machte dem Alten die Tür vor der Nase zu.

Abermals klopfte es eine kleine Weile später wieder an der Tür. Doch als die Alte öffnete - wer stand da, wenn nicht schon wieder der zerlumpte und hungrige Bettler, der sie inständig um ein wenig Brot und um ein Dach über dem Kopf für die Nacht bat. "Ach, lass mich in Ruhe! Ich warte auf den lieben Gott! Ich kann dich nicht bei mir aufnehmen." Und der Bettler musste weiterziehen, und die Alte fing aufs neue an zu warten.

Die Zeit ging hin, Stunde um Stunde. Es ging schon auf den Abend zu, und immer noch nicht war der liebe Gott zu sehen. Die Alte wurde immer bekümmerter. Wo mochte der liebe Gott geblieben sein?

Schließlich ging sie betrübt zu Bett. Bald schlief sie ein. Im Traum aber erschien ihr der liebe Gott. Er sprach zu dir: "Dreimal habe ich dich aufgesucht, und dreimal hast du mich hinausgewiesen."

Von diesem Tag an nehmen alle, die von dieser Geschichte erfahren haben, alle auf, die zu ihnen kommen. Denn wie wollen sie wissen, wer der ist, der zu ihnen kommt? Wer wollte denn gern den lieben Gott von sich weisen?

Gottes Sohn Jesus Christus kommt ganz anders als wir ihn erwarten. Er kommt, wird für alle Menschen sichtbar, wird Mensch von Haut und Haaren, spricht zu uns durch Wort und Taten und erfüllt alle Verheißungen, woran man den Friedenskönig erkennen kann - und doch lehnen die ihn ab, die ihm am Anfang so begeistert zujubeln.

Die Menschen sollten wissen, dass der König der Welt freiwillig auf alles Herrschenwollen, auf alle Beweise seiner Macht freiwillig verzichtet. Dass er eben kein stolzes Ross reiten will, von dem herab er auf "das Volk" herabsieht. Dass sein Tier ein Esel ist, das Lasttier der armen Leute - denn dazu ist er in die Welt gekommen, nämlich den Armen beim Lasttragen zu helfen.

Gott kommt ganz anders. Er ist sanftmütig, d.h. er kommt ohne Gewalt, ohne zur Freiheit zu zwingen, ohne Frieden zu befehlen, sondern er bringt ihn zu den Menschen.

Sanftmut hat viel mit MUT zu tun. Und keiner meine, der, da so drollig auf einem Esel reitet, sei harmlos und könne doch nichts bewirken.

Der, der da kommt, hat Macht. Er wird zum Arzt, dessen die Kranken bedürfen, zum Retter aller, die sehnsüchtig auf Rettung

warten. Darin ist er der König, dass er ganz konsequent nur in dieser Liebe lebt und sogar für sie stirbt, damit er sie nicht verraten muss.

Sanftmütigkeit heißt also für Jesus, den Mut zu haben, allein aus Liebe zu handeln und zu leben. Heißt, den Schwachen zu stützen, der einem vor die Füße fällt, mit dem Armen das Haus zu teilen, der anklopft.

Deshalb ist es im Sinne Jesu, selbst hinzugehen und von dieser Sanftmütigkeit weiterzugeben. Sich nicht zu scheuen, Lasten mitzutragen und den Schwachen zu helfen. So sind wir am besten gewappnet, den Messias, den Heiland nicht zu übersehen, wenn er kommt. Weil er selbst bei denen ist, die helfen. Gerade in ihrer Schwäche, gerade wenn sie manchmal unter Lasten zusammenzubrechen scheinen. Gerade dann ist er nah. Weil er die Lasten kennt. Weil er sie tragen kann. Mittragen und vorantragen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Bibeltext von www.bibel-online.net

02. Dezember 2002

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