Ostern ist ...

Predigt am Oster-Sonntag 2003

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

I. Reihe: Markus 16, 1-8

Tot - das heißt: ich bin am Ende.
Tot - das heißt: alles war vergeblich.
Tot - das heißt: ich werde vergessen.
Tot - das heißt: ich lasse alle Hoffnungen fahren.
Liebe Gemeinde, es war schon spannend und beeindruckend, als die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich ihre Gedanken zu diesem Text von Peter Klever gemacht haben. Über scheintot, schwerkrank oder im Koma liegend kamen die Assoziationen schnell zu: im Leben schon wie tot sein, allein und einsam sein, keinen Menschen haben, der zu einem steht, einen lieben Menschen verlieren durch Tod oder Streit oder Wegzug. Eine schlechte Schulnote wurde da ebenso genannt wie Arbeitslosigkeit, keinen Sinn mehr im Leben sehen, kein Ziel haben, für das es sich zu leben lohnt.
Ich glaube, genau das beschreibt diese Todeserfahrung, die Maria Magdalena, Maria und Salome machen mußten und von der der Evangelist Markus erzählt.

Er erzählt nüchtern, dokumentiert ohne Pathos. Es entsteht kein Zweifel über das Geschehen, wohl aber wollen die Bilder, die der Bericht verwendet, noch entfaltet werden. Da ist der Stein vor der Graböffnung und der schwere Stein des Schmerzes über den Tod, der die Frauen bedrückt. Sie können vor Trauer kaum durchatmen. Wie ein Stein liegt diese Hinrichtung, dieser Tod auf ihrer Brust.
Ganz konkret sorgen sie sich darum, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Grab rollt, damit sie den Leichnam Jesu salben können. Trotz dieser Sorge und ihrer Bedrückung machen sie sich mit Salböl und Spezerei auf den Weg zum Grab. Dieser Gang ist wichtig für die Frauen, ihre Trauer braucht den Abschied.
Entschlossen und ganz selbstverständlich gehen sie los, als die Sonne aufgeht. Sie lassen den Sabbat, die auferlegte Ruhe hinter sich.

Sie gehen mit der aufgehenden Sonne. Morgensonne, unbestimmte Hoffnung auf neues Leben. Erinnerung an den Tag Eins der Schöpfung, als Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Die Welt wird neu erschaffen.
Und die Frauen blickten auf - so schreibt Markus und nahmen wahr, dass der Stein weggewälzt war.

Ohne zu zögern, gehen sie in das offene Grab. Sie finden das Grab leer, aber nicht dunkel. Eine neuere Übersetzung spricht von einem "Kind", das dort zur rechten Seite, also auf einem Ehrenplatz, sitzt. Ein Kind, als Symbol für beginnendes Leben, gekleidet in einen weißen Mantel, erhellt das dunkle Grab. Dieser weiße Mantel verkündigt göttliche Lichtfülle.
"Sie waren entsetzt", berichtet Markus, will heißen, sie können innerlich "nicht ruhig sitzen" bleiben. Das alles ist unerwartet, die Frauen zittern, sie fürchten sich. Dieses Zittern löst die Lähmung, die innere Versteinerung, sie fliehen.

Der Tod ist nicht mehr dort. Die Frauen hatten die Konfrontation mit dem Tod nicht gescheut. Erst daraus ergibt sich die Chance, nach lebenswertem Leben zu suchen. Die Flucht ist nicht Feigheit, sondern hat eine lebensrettende Funktion. Diese Art Flucht heißt nicht einer Gefahr entgehen, sondern sie veranlaßt auch einen Richtungswechsel.
Die Frauen fliehen zurück in das Leben. Wo anders sollten sie hinlaufen, wenn nicht dorthin, wo sie sich sicher fühlen, in ihr Zuhause? Sie laufen dorthin, wo sie mit Jesus gelebt haben, wo sie arbeiten, essen, schlafen, sich lieben und streiten, in ihren Alltag. Dort ist Galiläa.
Allerdings werden sie von dem Kind in ihrer Flucht noch bestärkt mit der Aufforderung: "Macht euch auf! Geht nach Galiläa, dort werdet ihr ihn finden." Dort ist der lebendige Christus. Jetzt beginnt Ostern.

Die Frauen laufen nach Galiläa, an den Ort, der den Alltag beschreibt und ihnen einiges zumutet.
Sie sind beauftragt, zu reden und zu suchen. Mehr nicht. Aber den Frauen ist selbst dies zu viel. Es ist einleuchtend; daß sie sich erst einmal vor all dem fürchten. Sie verstummen. Die anderen Jünger werden ihnen das alles nicht glauben, wenn sie reden. Daran sind sie gewöhnt. Was ihnen aber vielleicht mehr angst macht, ist die Verantwortung, die ihnen aufgetragen ist, denn dieses Suchen ist eine größere Aufgabe als jede festgesetzte Meinung.
Es ist leicht zu verstehen, daß sie nichts sagen, daß sie gehen. Das Wesentliche dieser Ostererzählung geschieht im Gehen, dort wirken die Energien. Worte wären verfrüht. Dieses neue Leben, mit dem sie beauftragt sind, ist zutiefst beunruhigend. Die entsetzten Frauen fürchten sich, aber sie sind unterwegs.
Irgendwann werden sie Worte finden.

Ostern wird nur geschehen, wenn wir lernen, den Tod anzusehen, nicht um in ein besseres Jenseits zu flüchten. Die anstößigen Steine, die das Lebendige verbergen, müssen angefaßt und weggeräumt werden. Das ist harte Arbeit. Manchmal müssen wir es selbst tun, manchmal finden wir sie weggeräumt. Dann kommt Neues in Gang. Ostern ist die Alternative zu den Selbstverständlichkeiten dieser Welt.
Ostern ist, sich vom Tod nicht abschrecken lassen. Ostern ist, mit dem Stein leben.
Ostern ist, mit der aufgehenden Sonne gehen.
Ostern ist gehen, laufen, zittern, verirren, umdrehen, suchen, wandern, fliehen, aufstehen, zurück ins Leben. "Dort werdet ihr ihn finden."
Oder mit den Worten von Peter Klever:
Auferstanden - das heißt: ich habe etwas vor mir.
Auferstanden - das heißt: alles bekommt einen Sinn.
Auferstanden - das heißt: einer vergißt mich nicht.
Auferstanden - das heißt: ich gewinne wieder Hoffnung.
Und das ist seit Ostern verknüpft mit dem, von dem die Bibel sagt: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“
Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen
 

Die Auferstehung

 
(Matth. 28,1-10; Luk. 24,1-12; Joh. 20,1-10)

nd da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.
 

2   Und sie kamen zum Grabe am ersten Tag der Woche sehr früh, da die Sonne aufging.
 

3   Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
 

4   Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß.
 

5   Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich.
 

6   Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten!
 

7   Gehet aber hin und sagt's seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat.
Kap 14,28

8   Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.
 

Bibeltext bei: Elbikon-Online


 

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19. April 2003

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