Hosianna
Predigt zum Palmsonntag 2003
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Palmarum
- 13.4.2003 - BL / NB No 521
BL: Taufe Jannik Bensick
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
„Was macht du, fragt gott.
Herr, sage ich, es
regnet, was
soll man tun
Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster.“
Dies ist der Schluss eines Gedichtes von Reiner Kunze.Es paßt gut zum
heutigen Palmsonntag. Er hat ja seinen Namen, liebe Schwestern und Brüder,
vom Einzug Jesu in Jerusalem. Denn damals streuten die Menschen vor lauter
Jubel über Jesus eben solche grünen Palmzweige, Palmwedel auf den Boden.
Das war ein Zeichen, dafür, daß Jesus als eine ganz wichtige
Persönlichkeit, fast wie ein König, angesehen wurde. In der katholischen
Kirche ist es noch heute üblich, daß symbolisch Palmzweige gesegnet werden
und Christen sich Grün an die Kreuze stecken.
„Was soll man tun, Herr?, fragen wir. Und seine Antwort wächst grün durch
alle Fenster.“ Das Grün am Kreuz bedeutet, das Leben geht weiter. Grün ist
ja die Farbe der Hoffnung. Und gerade im Frühjahr bedeutet ja das
hervorsprießende Grün Verheißung von Wärme, von neuem Leben, vom
Fruchtbringen.
Das Grün am Kreuz ist auch schon Vorwegnahme der Auferstehung. Wir feiern
in einer Woche Ostern, das wichtigste Fest der Christenheit. Denn wäre
Christus nicht auferstanden, dann gäbe es auch heute keine Christen, keine
Nachfolgerinnen und Nachfolger des Sohnes Gottes.
Ich habe hier einen kleinen Wedel. Das ist in der Mitte eine starke, feste
Rute. Und daran sitzen einander gegenüber starke, sattgrüne Blätter. Ich
kann mir schon vorstellen, dass ein solcher Palmwedel - in groß natürlich
- etwas Besonderes darstellte. Etwas, das man in Verbindung mit Reichtum
und Luxus, mit Macht und Würde brachte. Ich denke an die Sklaven, die den
großen Herrschaften mit solchen Palmwedeln Luft zufächern mußten - das
konnten sich aber nur die ganz Großen leisten.
Für einen solchen hielten die Menschenmassen Jesus, der da auf einem Esel
in Jerusalem einritt. Den Pharisäern und Schriftgelehrten gefiel dieser
Jubel ganz und gar nicht. Aber sie konnten nichts machen, es waren zu
viele Jubler, die auf der Seite Jesu waren.
Aber nur kurze Zeit später drehte sich der Wind. Und die Menschen drehten
sich mit. Dieselben, die eben noch „Hoch lebe der neue König“ gejubelt
hatten, schrieen jetzt: „ans Kreuz mit ihm.“ Machen wir uns dies an diesem
Psalmwedel klar. Ich reiße Blatt für Blatt vom Stengel - und am Ende
bleibt nur die Gerte, die Rute. Und die ist stark und unangenehm genug.
Mit Palmruten wurden die Gefangenen und die zum-Tode-Verurteilten
ausgepeitscht. So wie ja auch Jesus, derselbe Jesus, dem sie sonst
zujubelten. Er mußte Furchtbares erleiden - schon vor seinem grausamen
Tod. Er wurde ausgepeitscht, verhöhnt, bespuckt und mit einer Krone aus
schmerzhaft stechenden Dornen verunstaltet.
Das ist die andere Wahrheit von Palmsonntag. Jesus zujubeln allein reicht
nicht. In ihm nur den neuen Heilsbringer zu sehen, den starken Mann, dem
man wie einem Guru folgen kann - das ist zuwenig.
Erst im Leid, in der Anfechtung, in den Sorgen und Ängsten, wird deutlich,
wer Jesus ist: Er ist der Sohn Gottes, der sich um die Ärmsten der Armen,
die Leidenden, die Kleinen, die Fremden, kümmert. Deshalb wenden sich
Christen gerade diesen Menschen zu und geraten oft genug deshalb in den
Konflikt mit den Mächtigen und Herrschenden. So wie Christus selbst ja
auch.
Oft genug bleiben wir dabei dabei im Regen stehen. Allein gelassen. Gegen
scheinbar übermächtige Feinde. Wir fragen oft genug: „Was sollen wir tun,
Herr?“ Wir fragen das, wenn wir mißhandelte Kinder, zerstörte Natur, Haß
und Krieg wahrnehmen, wenn wir mit ansehen müssen, wie der Mensch dem
anderen Menschen zum schlimmsten Feind wird. Oft genug warten wir lange
vergeblich auf eine Antwort. Und manchmal ist es ein Regen aus Feuer, der
auf wehrlose Menschen niederfällt. Sinnlos und grausam. Wem fallen da
nicht die furchtbaren Bilder aus Bagdad ein, solche, die erst jetzt
langsam an die Öffentlichkeit geraten. Die Bilder der Opfer, der Kinder.
„Herr, sag ich, es regnet, was soll man tun“. Feuer mit Feuer bekämpfen
bringt nur neues Unheil. Im Regen stehen bleiben müssen - wie schnell
überfällt uns Resignation, das Aufgeben -Wollen, das Sich-Anpassen, das
Sich-Zurückziehen unter irgendein scheinbar sicheres Vordach falscher
Kompromisse und schlimmer Selbstlügen.
Da bleibt aber noch dieser letzte Satz, scheinbar zusammenhanglos: „Und
seine antwort wächst grün durch alle fenster.“ Es bleibt Christus, der am
Ende den Sieg davon getragen hat - nicht die angeblich Starken. Es ist ja
nicht mehr bald bis Ostern. Das Grün der Hoffnung scheint schon jetzt.
Wo ist das zu sehen, zu begreifen? Nicht in den Stuben der Sicherheit,
auch nicht in den Kammern des Selbstmitleids und des nur
Um-Sich-Selbst-Drehens. Das Fenster ist wichtig. Das Fenster hinaus zu den
anderen Menschen. Der Mut zum hinschauen. Es ist ein Geschenk, vielleicht
nur für einen winzigen Moment dieses kleine Grün zu erkennen. Es gibt
Gründe, diesem Grün zu trauen. Lasst uns miteinander davon reden - und
nicht von all dem grauen Regen um uns herum.
Es gibt Grund zu feiern. Die Taufe etwa - weil sie bedeutet, Anteil haben
an der Auferstehung Jesu. Weil Gott verspricht, am Ende werden es nicht
Ruten sein, die die Menschen schlagen, sondern das Grün des neuen Lebens
sie durchdringen.
Es gibt Grund zu feiern, dass Gott den Tod überwunden hat. Im Abendmahl
können wir Vergebung unserer Schuld und neue Hoffnung erfahren.
Wo dies geschieht, ist Ostern. Niemand soll im Dunkel bleiben. Niemand
braucht falschen Heiligen hinterherzulaufen. Christus hat am Kreuz von
Golgatha schon alles für uns getan. Alle Schuld hat er auf sich genommen.
Die Härte von Prügeln und Leid erfahren. Damit unser Leben frei wird für
Liebe, für Vergebung, für Hoffnung.
„Was macht du, fragt gott.
Herr, sage ich, es
regnet, was
soll man tun
Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster.“ Amen.
Predigttext siehe
palmsonntag_bibel.html
Osterbilder siehe
osterbilder.htm |