Nun bitten wir den heiligen Geist

Predigt am Pfingstsonntag 2003

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Kurseelsorgerin in Bad Lippspringe

Predigttext: Johannes 14, 23-27 (I. Reihe)

Bild gefunden bei www.karin-e-leiter.net/ bilder/pfingsten.html

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.
Wer mich aber nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.
Solches habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe.
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
(Bibeltext bei Elbikon-Online)

 

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Liebe Gemeinde,

"hergesandt aus Welten, die noch niemand sah, kommt der Geist zu uns, und Gott ist selber da"- das haben wir gerade gesungen. Die Apostelgeschichte macht aus diesem Satz eine mitreißende, Geschichte über das erste Kommen des Geistes vor 2000 Jahren. Das Evangelium des Johannes, das wir eben in der Lesung gehört haben, ist nicht so spannend, so anschaulich. Es ist ehr spröde. Dafür aber hat es einen großen Vorzug: Es spricht über den Heiligen Geistes und über das, was er bei uns tut, und zwar gestern wie heute, damals wie jetzt.

Wie schon an den vergangenen Sonntagen, so ist es auch heute ein Stück aus den Abschiedsreden Jesu, in einer Situation, in der die Freundinnen und Freunde Jesu Trost und Gewißheit brauchten für ein Leben ohne ihren Rabbi. Und da auch für uns die Zeit der Wiederkunft Christi noch nicht gekommen ist, gilt es sicher auch für uns.

Ich lese die letzten Verse noch einmal für uns:

"Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater euch senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, Was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht."

"Der Heilige Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe", sagt Jesus. Für mich geht es bei diesem Erinnern ja ganz sicher nicht um das InsGedächtnis-Rufen von Fakten, Orten oder Daten. Dazu bräuchten wir keinen Geist Gottes. Dazu genügten auch Bücher und Tabellen und ein gutes Gedächtnis für Sachwissen.

Für mich steht die Erinnerung, die der Geist Gottes bewirkt, unter einem anderen Vorzeichen. Stellen Sie sich vor, liebe Gemeinde, Sie sprechen mit einer Freundin, einem Freund, Ihrem Partner oder ihrer Ehefrau. "Weisst du noch,? Würden Sie sagen, "Erinnerst du dich?

An das was wir erlebt haben, was wir miteinander geteilt haben? Als wir uns kennen gelernt haben, als wir uns das erste Mal gestritten haben, als wir uns versöhnt haben?
Viele Erinnerungen werden Ihr Herz berühren, Sie froher machen, Ihnen Mut und Hoffnung geben für die Zukunft.

Und so ist es auch mit der Erinnerung an Jesus, die der Geist Gottes uns bringt. Sie ist nicht rückwärtsgewandt, sondern hat mit mir und meinem Leben jetzt zu tun.

Ich werde von einem Wort Jesu, einer Handlung oder einem Gleichnis ins Herz getroffen. Ein Wort, das Jesus sagt, tröstet mich, erreicht mein Innerstes; das was Jesus tut, ist mir wichtig als Beispiel für wahres Menschsein oder als Zeichen der Liebe Gottes.

Ich werde so tief angerührt, dass etwas in mir geschieht.
Mein Herz bewegt sich, wenn ich diese Worte höre, mein Puls geht schneller, ich entwickele Phantasie und Energie; vielleicht wird aber auch mein Atem ruhiger, meine Seele gelassener und ich fühle ein Gegenüber für mich, dass mich nicht allein läßt.

So ist es wenn mich der Heilige Geist erinnert an das, was Jesus gesagt oder getan hat. Und so lässt mich der Heilige Geist spüren, dass das, wovon das Evangelium spricht, mit mir zu tun hat.

Liebe Gemeinde,

Jeder Mensch hat seine je eigenen Erinnerungen, an seine Kindheit, seine Jugend, sein Leben. Und genauso wird jeder Mensch vom heiligen Geist auf seine Art und Weise erinnert, spürt auf seine Weise die gute Botschaft.
Vielleicht sind Ihnen die Worte Jesu am wichtigsten, treffen Sie am tiefsten. In vielen Reden und Gleichnissen hält Jesus uns das Reich Gottes vor Augen. Ich denke dabei z.B. an die Arbeiter und Arbeiterinnen im Weinberg. In ihrer Bezahlung wird menschliche Gerechtigkeit aufgehoben und überboten. Und wenn wir das Gleichnis hören, dann rückt das Reich Gottes ein Stück näher an uns heran, im Hören oder Erzählen kommt es unerklärlich nahe. "Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.

Mag sein, dass das für Sie eine Erinnerung ist, die tief geht, die Sie bewegt und anstößt.

"Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken."

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie diese Worte hören? Gehen Sie spurlos an ihnen vorüber, oder geschieht Erinnerung und Stärkung aus der Kraft des Geistes?

"Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."

Vielleicht rührt Sie besonders Jesu Zuwendung zu uns Menschen an, wie sie in den Heilungsgeschichten erlebt wird.

Heil zu sein an Leib und Seele, das ist eine Hoffnung, die gerade die unter uns erfüllt, die krank sind, am Körper oder an der Seele.

Eine Geschichte, wo mich die Kraft des Geistes besonders berührt, wo er mich erinnert an Gottes Zuwendung auch für mich ist die Geschichte des Lahmen am Teich Bethesda. Der Gelähmte sagt: Herr, ich habe keinen Menschen! Und Jesus wendet sich ihm zu, ist der Mensch für ihn, der ihn wahrnimmt in seiner Schwachheit und ihm aufhilft: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Wenn solche Worte und Taten Jesu uns ansprechen und treffen, dann geschieht das, was Jesus uns versprochen hat: Der Heilige Geist wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir Pfingsten, das Kommen des Geistes Gottes zu uns Menschen. Und gleichzeitig ist Pfingsten mehr: es ist die Geburtsstunde von Kirche.

Und so ist der Geist einmal jedem von als Christ und Christin in der Taufe zugesagt und verliehen worden. Er ist aber genauso das Geschenk Jesu an uns als Gemeinschaft.

Ich kenne viele Menschen, die sagen: Ich glaube schon an Gott, aber mit Kirche und Gemeinde habe ich nichts zu tun.
Ich kann das auf der einen Seite gut verstehen: schlechte Erfahrungen mit der Kirche als Institution führen dazu, oft auch schlechte Erfahrungen mit Gemeinde und den Menschen führen zu dieser Haltung.

Auf der anderen Seite aber lebt unser Glaube auch von dem, was andere Menschen uns von ihrem Glauben berichten.

Wir können den Geist Gottes in uns kräftiger werden lassen, wenn wir uns gegenseitig teilhaben lassen an dem, was uns im Glauben wichtig ist, stützt und trägt. Wir können uns gegenseitig mit unseren Glaubenserfahrungen stärken, wenn wir uns erzählen, wo wir den Geist Gottes in unserem Leben gespürt haben.

Ich denke dabei gar nicht an die großen Glaubenerlebnisse, die auf Missionsveranstaltungen wie Pro Christ oder in amerikanischen Fernsehgottesdiensten im Mittelpunkt stehen. Ich meine nicht das eine große Erlebnis in unserem Leben, das uns Gottes Kraft hat spüren lassen- so ein Ereignis hat es im Leben vieler Christen und Christinnen nicht gegeben. Manchmal kommen mir solche Schilderungen deshalb sogar unbarmherzig vor: weil sie den anderen als mangelhaft, als nicht stark im Glauben dastehen lassen können.

Ich meine die kleinen Ereignisse, das Gefühl, von Gott gestärkt und geborgen zu sein., mein Lieblingsspruch in der Bibel. Ich meine das Reden über das spontane und aufwallende Empfinden, Gott als meinen Schöpfer zu erleben, wie wir als erstes Lied heute morgen gesungen haben: Er weckt mich alle Morgen. Ich meine damit auch das Sprechen über Glaubenszweifel und Ängste,

Ich weiß, dass das Reden über Glauben, über Gott, uns oft schwerer fällt als das Reden über vieles andere. Wir sprechen über unseren Glauben noch seltener und heimlicher als über unsere Schwierigkeiten in der Ehe oder über unser Einkommen. So wird das Reden über Gott und unseren Glauben an uns Profis verwiesen. Dabei hat jeder hier über seinen Glauben, seine Erfahrungen mit dem Geist Gottes wichtiges und unersetzliches zu sagen.

Auf keine andere Weise sind ja im übrigen auch die Schriften der Bibel entstanden: Menschen haben ihre Erfahrungen mit Gott erzählt, andere haben das Wehen des Geistes darin gespürt und geteilt, in Worte gefasst und so bis zu uns weitergegeben.

Liebe Gemeinde,

heute haben wir ein Kind getauft. Wir haben versprochen, ihm von Gott und seiner Liebe weiterzugeben und weiterzusagen. Lassen Sie uns dieses Versprechen halten.
Unser Glauben, mein Glaube, Ihr Glauben, wird reicher, tiefer, tröstender und freudiger werden. Es wird das passieren, wovon wir eben auch gesungen haben:

Geist kannst du nicht sehen, doch hör, wie er spricht tief im Herzen Worte voller Trost und Licht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne mit der Kraft seines Geistes.

Amen

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08. Juni 2003

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