Den Funken
göttlicher Liebe weiter tragen
Predigt zum 1. Weihnachtstag 2002
(Lukas 2, 15-20)
Pfarrerin
Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

(Detail aus : Die Geburt Christi, 1508 / 1519 : Die Hirten mit Schafen
von Juan de Flandes - gefunden bei:
http://www.onlinekunst.de/weihnachten/adventskalender/10_adventskalender.htm
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Liebe
Gemeinde,
da haben wir sie, die von mir schon
gestern angekündigten Hirten.
Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal
einen Hirten und eine Schafherde gesehen?
Sie sind selten geworden, die Schäfer mit
ihren Herden, die Jahr für Jahr eine feste Route zurücklegen. Der
Lehrberuf des Schäfers stirbt aus. Es rentiert sich einfach nicht mehr,
mit den Herden über Land zu ziehen.
Aber obwohl wir sie nur noch selten zu
Gesicht bekommen,
haben wir ein festes Bild von den Schäfern
vor Augen. Vielleicht deckt sich ihr Bild ja mit meinem:
Ein Schäfer ist ein wortkarger rauher
Mensch, der den Kontakt zur Natur und zu seiner Herde nötiger hat, als den
Kontakt zu anderen Menschen. Er trägt einen großen Hut als Schutz gegen
Sonne und Regen und eine dicke Jacke und derbe Schuhe. In der Hand hält er
den Hirtenstab mit der gebogenen Spitze. Er riecht nach Schafen und Arbeit
und bestenfalls nach Kernseife. Er weiß viel über die Wirkung von Kräutern
und kann das Wetter vorhersagen. Zu einem Schäfer gehört mindestens ein
Hütehund und eine Herde mit vielen weißen und einigen schwarzen Schafen.
Letztens habe ich einen Bericht über eine
junge Senne Schäferin in der Zeitung gelesen. Mag es also auch Frauen in
diesem Beruf geben.
Nun werden Sie vielleicht fragen, warum es
an Weihnachten so wichtig ist, welche Bilder über Schäfer Sie und ich im
Kopf haben.
Oder fragen Sie sich das nicht, weil Sie
schon wissen, worauf ich hinaus will?
Genau! In der Weihnachtsgeschichte kommen
auch Schäfer vor, oder doch so etwas ähnliches - Hirten auf dem Feld.
Unsere Vorstellung von diesen Hirten
entspricht den realen Erfahrungen, die wir mit Schäfern gemacht haben.
Was uns die Bibel über die Hirten auf dem
Felde erzählt, ist mager. Wir haben sie eben in der Lesung gehört.
Weil diese Geschichte so karg erzählt
worden ist, ist sie zu allen Zeiten und in den unterschiedlichen Kulturen
durch Legenden, durch Bilder und durch Lieder ausgeschmückt worden.
Beugt wie die Hirten anbetend die Knie. Es
steht nichts davon in der Bibel, daß die Hirten Jesus angebetet haben,
aber es ist eine schöne Vorstellung.
Es ist legitim und eigentlich
unumgänglich, die biblischen Geschichten mit eigenen Vorstellungen zu
füllen.
Gerade bei der Geschichte von Jesu Geburt
laufen wir aber Gefahr, daß die Romantik mit uns durchgeht. Das
Anrührende, das von jedem Säugling ausgeht, dehnen wir in unserer
Vorstellung gerne auf die ganze Geburtssituation und auf alle Beteiligten
aus.
Dabei war die Situation in Bethlehem vor
2000 Jahren alles andere als anheimelnd.
Im Gegenteil - es ist eine trostlose und
in dieser Trostlosigkeit erschreckend alltägliche Situation: Dass eine
Frau schwanger ist und keinen Raum in der Herberge findet, sondern
irgendwo in einem Verschlag, in einer Höhle, wo Ochs und Esel aber sicher
auch Mäuse und Ratten hausen, ihr erstes Kind zur Welt bringen muss - wie
oft wird sich das auch in diesen Tagen, irgendwo in der armen Welt,
wiederholen? Maria war nicht die einzige, die sich ohne die Hilfe einer
Hebamme und ohne den Schutz eines gepflegten Hauses durch die Wehen
kämpfen musste. Vor und nach ihr ging es unendlich vielen anderen Frauen
ebenso.
Und was waren die Hirten für Menschen? Sie
entsprechen auch nicht so ganz unserem Bild vom naturverbundenen Schäfer.
Es waren zur damaligen Zeit arme Menschen, die gegen einen geringen Lohn
bei den Herden fremder Herren wachen mussten. Sie mussten immer auf den
Hut sein vor Dieben und Raubtieren. Und doch wurden sie immer verdächtigt,
mit Räubern und Hehlern unter einer Decke zu stecken, wenn die Verluste in
den Herden zu groß waren.
Die Hirten, von denen in unserem
Predigttext geredet wird, standen am Rande ihrer Gesellschaft. Sie waren
keine gern gesehenen Gäste, sondern hatten den Ruf, zumindest
Kleinkriminelle zu sein, die ihren Chefs an den Besitz wollten. Leute wie
sie gibt es auch heute und auch in unserer Gesellschaft. Wir haben von
ihnen aber nicht so ein romantischen Bild, wie von den Hirten auf dem
Feld.
Doch unter dieser trostlosen
Alltäglichkeit geschieht etwas ganz anderes: Dort draußen, wo die armen
Frauen sich alleine quälen müssen, wo die Außenseiter der Gesellschaft die
ersten sind, die zur Geburt gratulieren, dort weit entfernt von unseren
bequemen Häusern wird ein Kind geboren und es öffnet sich der Himmel.
Und der Engel spricht Gottes erklärendes
Wort: “Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der
Herr.”
Dass aus einer so elenden Ecke der Welt
der Heiland kommen soll, geht gegen den gesunden Menschenverstand. Es geht
auch gegen politische Klugheit, die Kraft des Höchsten in einem schwachen
Kind, in einem Baby zu erkennen.
Wir denken normalerweise, dass man Macht
haben muss, um jemanden zu retten. Macht haben ist: Verbindungen,
Ansehen, Beziehungen, Apparate, Streitkräfte und Geld, vor allem viel
Geld. Von dieser Macht ist hier nichts zu spüren
Aber zu Weihnachten, in der Geburt dieses
Jesus findet eine Umkehrung statt.
Manche benutzen hierfür das aus dem
Lateinischen stammende Wort Revolution.
Nicht zum Kaiser Augustus kommt der Engel,
sondern zu den verachteten kleinen Leuten. Nicht die Kaiserin gebiert den
Weltenretter, sondern eine junge Frau aus dem Volk. Die Mächtigen sitzen
im Dunkel, aber um die Armen und Einsamen wird es hell. Zu ihnen kommt die
frohe Botschaft.
Deshalb war Weihnachten immer das Fest der
so genannten kleinen Leute, denn bei ihnen fängt die göttliche Geschichte
an.
Im Lobgesang Marias heißt es: Er stößt die
Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Das ist die wahrhaft revolutionäre
Botschaft von Weihnachten.
Die Erinnerung an das Ereignis vor fast
2000 Jahren kann vielleicht auch in uns das Feuer der Liebe entzünden.
Gott hat die Welt geliebt und ist in ihr Mensch geworden. Gott liebt diese
Welt auch heute noch. Das ist die Botschaft von Weihnachten.
Wenn wir in uns das Feuer der göttlichen
Liebe entzünden, heißt das nicht, vor allem Elend, vor aller Gewalt und
allem Hass auf der Welt die Augen zu verschließen.
Es ist alles existent, aber Gott ist eben
da hineingegangen und hat sich an die Seite der Mühseligen und Beladenen
gestellt. Auch das ist Botschaft von Weihnachten und ist Aufforderung an
uns, den Funken göttlicher Liebe weiter zu tragen und anderen damit Licht
und Wärme zu bringen.
Ich wünsche uns allen, dass wir die
Befähigung dazu in den Tagen zwischen den Jahren und im nächsten Jahr
haben. Amen.
Amen.
(Predigt nach einer Vorlage von Pfr.in
Birgit Reiche, Soest)
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