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Wie helfen wir Gottes Gerechtigkeit auf?Predigt zum 4. Advent 2002 Lukas 1, 46-55 Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
(Boticelli, Madonna of the Magnificat
- Liebe Gemeinde, Worauf warten wir im Advent? Zu Beginn habe ich schon mögliche Erwartungen benannt. Warten gehört sogar für Ungeduldige zum Leben dazu. Selbst in den Sackgassen des Lebens erwarten wir noch etwas, hoffen wir auf Hilfe und suchen Auswege. Diese Sackgassen unseres Lebens werden uns besonders in dieser Zeit schmerzlich bewußt. Von allen Seiten wird uns "Freuet euch" zugerufen. Die "schönste Zeit des Jahres" wird propagiert. Wer jetzt krank ist, einsam, arm, bedrückt, spürt es besonders deutlich. Die eigene Situation steht im krassen Gegensatz zur verordneten Fröhlichkeit. Zeit der Erwartung - worauf hoffen wir im Advent? Die Erinnerung an die Geburt Jesu und die Hoffnung auf seine Wiederkunft bilden den Spannungsbogen der Advents- und Weihnachtszeit. Hoffnung auf Jesu Wiederkunft ist Hoffnung auf Gottes Reich. Es ist schon bei uns, dieses Reich Gottes und es ist noch nicht, - wie in unseren Träumen von einer besseren Welt, aber wir können Ansätze davon erleben. All das wissen wir von diesem Reich Gottes, vom Reich der Himmel, von Gottes Herrschaft. Und der heutige Predigttext wird sehr konkret, malt uns das Reich Gottes in kräftigen Farben vor Augen:
Maria spricht ihr Magnifikat als sie Elisabeth, die Mutter von Johannes, dem Täufer besucht. Die beiden schwangeren Frauen begrüßen sich und vor Freude hüpft Johannes im Leib seiner Mutter. Maria bleibt drei Monate bei Elisabeth, dann geht sie wieder nach Hause. So ist es uns im Lukas-Evangelium überliefert. Diese Überlieferungen der biblischen Vor- und Kindheitsgeschichte geben nicht das wieder, was wir unter historischer Wahrheit verstehen. Wahrscheinlich - so haben wir bei der historisch-kritischen Bibelauslegung gelernt - hat das alles so nicht stattgefunden. Trotzdem geben diese Geschichten eine Wahrheit wieder, die weit über die historische Wahrheit hinausgeht. Es sind Legenden und Wundergeschichten, die Gott auf die Erde holen wollen und das auch heute noch ausdrücken.
Für Elisabeth kam die Schwangerschaft viel zu spät in ihrem Leben. Sie wurde als alte kinderlose Frau schon seit Jahren verachtet und in ihrer Gesellschaft gedemütigt. Sie saß in einer Sackgasse, aus der sie nach menschlichem Ermessen nicht mehr herauskommen konnte. Für Maria kam die Schwangerschaft zu früh, wenn auch nur um einige Wochen oder Monate. Sie war zwar mit Josef verlobt, wie uns das Lukas-Evangelium erzählt, "weiß aber noch von keinem Mann". Sie hat mit Josef noch nicht verkehrt. Ihre Schwangerschaft kann also nur durch ihre Untreue verursacht sein. Welche Folgen ein solcher Verdacht für Frauen zur damaligen Zeit hatte, können wir an der Geschichte von der Ehebrecherin ablesen. Da ist ein Wunder die einzige Rettung. Marias Sackgasse hätte auch eine tödliche sein können.
Elisabeth und Maria - eine schwangere Greisin und eine unehelich schwangere Braut singen am Beginn des Lebensweges Jesu Loblieder auf Gott und seine Weltrevolution.
Ich lese noch einmal den Lobgesang der Maria in einer anderen Übersetzung: Ich will meinen Gott loben und über seine befreiende Kraft ein Jubellied anstimmen: nicht für den Gott in der Höhe, der von den Reichen, den Herren und Mächtigen dieser Welt angebetet und verehrt wird, sondern für den Gott in der Tiefe, der sich all denen offenbart, die arm sind oder schwach, die durch Vorurteile ausgegrenzt sind oder nicht viel zu melden haben in unserer Welt. Du, mein Gott, duldest keine Herrschaftsstrukturen, in denen die einen die Machthaber und die anderen die Unterdrückten und Ausgebeuteten sind. Ich vertraue darauf, dass du mir die Kraft schenkst, gegen jedwede Ungerechtigkeit in der Welt den Aufstand zu wagen.
Wir feiern Jesu Advent, wir bereiten uns auf seine Weihnacht vor. Wo findet in unserem Leben das Warten auf Gottes Reich statt? Wie helfen wir Gottes Gerechtigkeit auf? Wo bereiten wir Gottes Frieden den Weg - im Kleinen wie im Großen? Vielleicht sind das Fragen, die Sie in den letzten Tagen dieses Advents in Ihrem Herzen bewegen mögen. Amen |
| 30. Dezember 2002 |
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