Das Licht der Liebe

Predigt zum 1.Advent - 30.11.2003 in Neuenbeken und Bad Lippspringe

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

II.Reihe: Römer 13, 8-12
 

Einführung:

Wochenspruch aus Sacharja 9,9:
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“
 

Heute, am letzten Tag im November, beginnt etwas Neues: der 1.Advent und damit das Kirchenjahr. In der Liturgie singen wir wieder das Adventskyrie - 178.6 - es empfiehlt sich, jetzt schon ein Bändchen hineinzulegen - die Reihe für die Predigttexte wechselt von I - Evangelium auf II - Epistel. Hier in der Kirche hängt etwas von der Decke, Sie können ja selbst einmal raten, was das sein soll, aufgelöst wird dies am nächsten Sonntag im Familiengottesdienst des Kindergottesdienstkreises. An der Kanzel ein Adventskalender, hergestellt von den Konfirmanden gestern beim Blockunterricht. Jeden Abend ab morgen wird ein Spruch vorgelesen im Rahmen der Adventsandacht um 18.30 Uhr „Mache dich auf“. Und am Adventskranz - nein, das hat die Küsterin nicht vergessen, sondern ich habe sie gebeten, die Kerze noch nicht anzuzünden, weil wir dies im Zusammenhang dieser kurzen Geschichte tun wollen, die auch das Thema unseres Gottesdienst enthält „Vom Licht erfüllt“:
 

Eines Tages bemerkte der König, dass er alt geworden war. Er rief seine Söhne in die große Halle. „Bis zum Abend habt ihr Zeit“, sagte er, „diese Halle zu füllen.“ Er gab ihnen einen Silberling. Das war nicht viel. „Wer es schafft, soll mein Nachfolger werden.“
 

Die beiden zogen los. Der Ältere kam an ein Feld, auf dem Leute gerade Weizen droschen. „Ich gebe euch einen Silberling für die Spreu!“ Die Bauern waren froh, die Spreu los zu sein und brachten sie sogar ins Schloss. „Du kannst mich zum König machen“, rief der Ältere seinem Vater zu, „ich habe die Halle gefüllt.“
 

Aber der Vater wollte noch warten. Als es dämmerte, kam schließlich der Jüngere. „Räumt dieses nutzlose Zeug hier raus“, sagte er. Dann stellte er eine Kerze in die Mitte der Halle. Er zündete sie an. - Die 1.Adventskerze wird angezündet - Warmes Licht füllte den ganzen Raum und ließ die Gesichter des Königs und der Söhne, der Diener und der Mägde leuchten.
 

Der alte König lächelte: „Du wirst mein Nachfolger.“
 

Und nun segne der Herr unseren Gottesdienst - er segne alle Gäste und Glieder unserer Gemeinde nach dem Reichtum seiner Gnade. Amen.

 

Predigt:

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
 

Der Predigttext steht im Römerbrief im 13. Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:
 

„Gegenüber jedem erfüllt eure Pflicht- und Schuldigkeit! Nur in der Liebe ist es anders: Hier gibt es keine begrenzte Pflicht, sie ist grenzenlos. Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Alle Gebote, wie die gegen Ehebruch, Mord, Diebstahl, Gier usw., kann man in dem einen Satz zusammenfassen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer den Nächsten liebt, tut ihm nichts Böses. So ist die Liebe die vollkommene Erfüllung des Gesetzes. Daran haltet euch, denn ihr wißt ja, dass nicht mehr viel Zeit ist. Ihr müßt langsam aufwachen, denn seit damals, als wir Christen wurden, ist das Heil näher gerückt. Die Nacht geht dem Ende zu, der Tag ist zum Greifen nahe. Deshalb müssen wir alles, was dunkel ist, abstreifen und alles anlegen, was strahlendes Licht ist. Zieht die finsteren Übeltaten aus und legt euch die strahlenden Wohltaten um.“ Übersetzung Klaus Berger

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Licht in der Adventszeit - das ist das Licht eines Adventskranzes, ein einzelnes, schwaches Licht in der Dunkelheit das ist noch nicht der Stern von Bethlehem, nicht der hell erleuchtete Himmel auf dem Feld bei den Hirten. Licht in der Adventszeit, das ist die Nacht, die zu Ende geht; die Dämmerung, die langsam die Schwärze vertreibt; das ist die Morgenröte, die heraufzieht und die ganze Welt in ein diffuses und verheißungsvolles Licht taucht.

Ich weiß, dieses Licht ist schwer zu erkennen in einer Zeit der Weihnachtsmärkte und des Lichterglanzes, der Verkaufsanimationen, des Weihnachtsrummels und der vielen künstlichen, gleißenden Lichter. Die besondere Aufbruchsstimmung von Advent braucht eine eigene Zeit. Da machen Menschen so außergewöhnliche Dinge wie das Öffnen von Adventskalendern, das Lesen von Botschaften, sie zünden am Frühstückstisch Kerzen an, versammeln sich mit der ganzen Familie, singen sogar - oder machen ganz extrem merkwürdige Sachen wie sich um 6 Uhr in der Früh in Kirchen zu versammeln - dienstags morgens zur Frühschicht, Schülerinnen und Schüler, aber genauso auch Erwachsene, die erst die Ruhe und dann das gemeinsame Frühstück genießen. Da kommen Menschen abends in die Kirche zu einer Auszeit zusammen, zum Zuhören, zum Zur-Ruhe-Kommen, jeden Abend ab morgen 18.30 Uhr: „Mache dich auf und werden licht“.

Licht werden, hell werden, sich von innen erwärmen, erleuchten lassen - wie gut tut das, und wie nötig haben wir Menschen dies. Das kommt doch immer zu kurz in unserem Leben, in dem sich soviel dreht um Leistung, Erfolg, Termine in Schule, Beruf, Haushalt. Da muss doch mehr sein. Da muss doch mehr zurückbleiben, wenn wir einmal diese Welt verlassen - so wie es Elke Heidenreich kürzlich sagte: „Irgendein Ziel muss man haben und ansteuern - der Sinn des Lebens kann nicht sein, am Ende die Wohnung aufgeräumt zu hinterlassen, oder?“

Aber was ist das? Was ist das Licht - und wie kommt das Licht in uns hinein? Paulus versucht, Antworten zu geben. Er wendet sich an Menschen, die schon einige Vorkenntnisse haben: Es gibt die Gebote, nun gut, wir kennen sie. Aber kennen wir den Sinn? Ein Wort: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Liebe ist so ganz etwas anders als das Halten von Geboten. Liebe lässt sich nicht einmauern, einschnüren in Gesetze. Liebe kann man sich nicht verdienen. Liebe ist Geschenk, immer Geschenk. Und wer wirklich liebt, der hat die Gerechtigkeit auf seiner Seite, gleichgültig, was die Menschen sagen. Liebe ist unteilbar und grenzenlos. Liebe gilt dem Schwächsten, dem Wehrlosen. Gilt den Tieren und Pflanzen wie den Menschen, weil sie alle Teil der sehr guten Schöpfung Gottes sind. Liebe akzeptiert keine Schranken, selbst die von Krankheit, Verfolgung und sogar Tod nicht. Gott ist die Liebe. Die Urkraft der Veränderung, des Neuanfangs und des einen, alten, unumstößlichen Fundament, das niemals vergehen kann.

Liebe ist das Licht, Liebe ist der Sinn des Lebens. Liebe zum anderen, das sich ganz verschenken - aber gleichzeitig auch die Liebe zu sich selbst. Gott will nicht Menschen, die sich selbst verzehren und aufgeben. Gott will Menschen, die werden, was sie sind. Die alles heraus lassen, was in ihnen steckt. Die identisch mit sich leben. Die keine Rolle spielen, die ihnen andere aufdiktieren wollen. Die Rückrat zeigen und Grenzen anerkennen. Die stark sind schwach zugleich. Weil sie lieben können. Weil sie Mut haben und doch nicht kämpfen. Die sich alles schenken lassen, aber immer auf einem Weg sind. Auf dem Weg zum anderen, auf dem Weg zu sich. Menschen, die Gott auf ihrer Seite haben. Weil sie barmherzig sind, Sanftmut haben, Frieden stiften, gewaltlos leben, weil sie freiwillig arm sind und doch reich - weil sie nicht haben wollen, sondern einfach „sind“ - Menschen sind.

Es gibt solche Menschen. Es gibt sich nicht immer - und manchmal gibt es sie nur kurze Zeit, wie Lichter, die aufleuchten, dann wieder verlöschen. Sie stehen oft nicht im Scheinwerferlicht, sie leuchten aus sich heraus, strahlen - aber es braucht Geduld und die richtigen Augen, sie zu sehen. „Star search“ ist das Thema der diesjährigen Frühschichten. Es geht um andere Stars und Sternchen, wie sie im Fernsehen trällern. Es geht um echte Sterne, um gutes Licht, das uns wirklich etwas erhellen kann und die richtige Richtung weist.

Wir sprechen von „lichten Momenten“ - in der Adventszeit meint dies, etwas vom Licht Gottes, vom Licht der Liebe, in unserem Alltag zu entdecken und wirken zu lassen - damit unsere Leben mehr Sinn erhält, als nur am Ende eine aufgeräumte Wohnung zu hinterlassen.
Ich komme deshalb zum Schluss noch einmal auf die Geschichte vom Anfang zurück. Da ist dieser alte König. Lebenserfahren und doch immer noch auf dem Weg, immer noch fragend. Er weiss nicht alles, er weiß nicht, welcher der beiden Söhne der bessere ist. Er ruft sie in die große Halle. „Bis zum Abend habt ihr Zeit“, sagte er, „diese Halle zu füllen. Wer es schafft, soll mein Nachfolger werden.“
Da ist der Ältere. Der Clevere. Er kauft für das bißchen Geld Spreu. Ein Abfallprodukt. Etwas, was ideal den Zweck erfüllt, mit wenig Aufwand eine große Leer zu füllen.„Du kannst mich zum König machen“, rief der Ältere seinem Vater zu, „ich habe die Halle gefüllt.“
Aber der Vater wollte noch warten. Als es dämmerte, kommt schließlich der Jüngere. „Räumt dieses nutzlose Zeug hier raus“, sagte er. Dann stellte er eine Kerze in die Mitte der Halle. Er zündete sie an. Warmes Licht füllte den ganzen Raum und ließ die Gesichter des Königs und der Söhne, der Diener und der Mägde leuchten.
Der alte König lächelt: „Du wirst mein Nachfolger.“

Was mich an der Geschichte im Hinblick auf unseren Predigttext besonders berührt hat sind zwei anscheinende Kleinigkeiten. Zum einen: Dass der alte König wartet. Er wartet, bis es dämmert. Er ist nicht wie wir, die wir oft keine Geduld haben. Schnell entscheiden wollen. Der Ältere kriegt den Zuschlag. Er hat das bessere Angebot gemacht. Vorgaben erfüllt, gute Note, fertig, weiter geht’s. Nein, der alte König wartet. Vielleicht weiss er gar nicht, worauf. Vielleicht wartet er nur aus Prinzip. Er könnte ja noch etwas Spannendes passieren. Vielleicht wartet er nur aus Protest. Ich mache die schnellen Entscheidungszwänge nicht mit. Ich habe Zeit. Vielleicht wartet er aber auch ganz einfach aus Liebe. Liebe ist grenzenlos. Liebe ist kein Gesetz. Liebe verhält sich ganz anders. Das Herz des alten Mannes ist noch offen für die Liebe. Irgendwann, irgendwie wird noch das ganz Besondere Wirklichkeit werden.

Und das zweite: Was macht der jüngere Sohn zuerst? Er räumt erst einmal die große Halle leer. Er reinigt alles vom Spreu. Das ist die Voraussetzung für das Erkennen des Lichtes. Erst einmal muss es leer werden in uns. Er muss aufgeräumt werden mit den unwichtigen, aufgeblasenen Eitelkeiten, den eigenen und denen der anderen, alles, was nur unfrei macht, was nur Gesetz ist, falsches „Es-Anderen-Recht-Machen“ - damit Platz wird für das eigentlich Wichtige.

Adventszeit ist Buß-Zeit. Zeit der Umkehr. Zeit des Nachdenkens und Meditierens. Hat mein Leben ein Ziel? Was ist der Sinn? Lasse ich diese eine Licht der Liebe in mir leuchten?

Am Ende lächelt der König. Es hat sich gelohnt, zu warten. Wieder einmal hat ihn die Liebe nicht enttäuscht. Wieder einmal hat das Licht über die Dunkelheit gesiegt. Wieder einmal hat sich Spreu als Spreu und gutes Licht als gutes Licht erwiesen. Sollten nicht auch wir - ganz im Sinne des Apostel Paulus -, die wir in Christus das Licht des Lebens geschenkt bekommen haben, auch viel mehr lächeln, strahlen, voll Zuversicht auf das Licht blicken, das doch schon am Horizont zu erkennen ist, anstatt nur über die Dunkelheit zu jammern? Advent heißt: raus mit der Spreu und Platz machen für den, der da kommen will. Platz machen für das Licht für die Freude - so wie es Peter Horst ausdrückt:
Sagt es leise weiter; sagt allen, die sich fürchten,
sagt leise zu ihnen: Fürchtet euch nicht, habt keine Angst mehr,
Gott kommt. Er kommt in unsere Welt,
einfach, arm, menschlich.
Sucht ihn nicht über den Sternen, nicht in Palästen,
nicht hinter Schaufenstern. Sucht ihn dort, wo ihr arm seid,
wo ihr traurig seid und Angst habt.
Da hat er sich verborgen, da werdet ihr ihn finden,
wie einen Lichtschein im dunklen Gestrüpp,
wie eine tröstende Hand, wie ein Stimme, die leise sagt:
Fürchte dich nicht.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Dezember-Psalm


Mit fester Freude
Lauf ich durch die Gegend
Mal durch die Stadt
Mal meinen Fluss entlang
Jesus kommt
Der Freund der Kinder und der Tiere
Ich gehe völlig anders
Ich grüße freundlich
Möchte alle Welt berühren
Mach dich fein
Jesus kommt
Schmück dein Gesicht
Schmück dein Haus und deinen Garten
Mein Herz schlägt ungemein
Macht Sprünge
Mein Auge lacht und färbt sich voll
Mit Glück
Jesus kommt
Alles wird gut
Hanns Dieter Hüsch




 


 

 

 

 

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11. Januar 2004