Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Siehe, dein König kommt zu dir

Predigt am 1. Advent 2004, 28. November 2004

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

III. Reihe: Jer 23,5-8

 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, daß ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: "Der HERR unsere Gerechtigkeit". Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, daß man nicht mehr sagen wird: "So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!", sondern: "So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte." Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.
Jer 23, 5-8 Lutherbibel 1984 © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“, so haben wir zu Beginn des Gottesdienstes den Wochenspruch gehört.
- „Siehe, dein König kommt zu dir“ - stellen Sie sich vor, das kündigte Ihnen jemand an: „Siehe, dein König kommt zu dir!“ Beim ersten Hören eine ungewöhnliche Vorstellung: Mein König kommt zu mir?! Ich wäre erst mal ein bißchen erschrocken: Ich bin gar nicht eingestellt auf Besuch, schon gar nicht auf so hohen Besuch. Ich überlege, wie man einen König angemessen empfängt. Blumen müssen her, ein bißchen aufräumen sollte ich wohl auch, vielleicht ein gutes Essen vorbereiten?
- Während ich mir so meine Gedanken mache, merke ich, dass ich beginne zu hoffen, dass das wahr ist: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“, und dass ich mich freue auf den König.

Auch der Predigttext kündigt das Kommen eines Königs an. Er wurde vor langer Zeit geschrieben für ein Volk, das sehnlichst auf das Kommen eines Königs hoffte: für die Israeliten.
Vor 2500 Jahren, als der Text verfasst wurde, litten die Israeliten unter der Herrschaft fremder Großmächte. Die eigenen Könige hatten nicht verhindern können, dass das Volk im eigenen Land unterdrückt bzw. aus dem eigenen Land sogar vertrieben worden war. Die große Menge der Israeliten lebte im Exil und sehnte sich nach der Rückkehr in die Heimat, nach Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit und nach einem König, der wie einst der große König David für Recht und Gerechtigkeit sorgen würde.
In diese Situation hinein spricht der Prophet Jeremia die folgenden Worte:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: „So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“,
sondern: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Der Prophet Jeremia kündigt einen König an, der dafür sorgen wird, dass die Israeliten aus dem Exil zurückkehren und sicher im eigenen Land wohnen können werden. Dieser König wird Recht und Gerechtigkeit bringen - in dem Maße, dass „Gerechtigkeit“ sogar in seinem Namen vorkommen wird: er wird heißen: „Gott-unsere-Gerechtigkeit“. Das bedeutet: Hinter diesem König steht Gott selbst. Gott selbst wird durch diesen König Recht und Gerechtigkeit wirken und Frieden und Freiheit durchsetzen.

Die Hoffnung auf eine Zeit, in der Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit herrschen, diese Hoffnung kennen nicht nur die Israeliten. Friedlosigkeit und Unfreiheit, Unrecht und Ungerechtigkeit – damit haben auch wir Erfahrungen. Auch wenn wir nicht von fremden Großmächten unterdrückt werden, auch wenn wir einigermaßen sicher im eigenen Land leben dürfen, das Fehlen von Recht und Gerechtigkeit kennen wir doch auch.
In den Medien wird tagtäglich von Terror und Krieg berichtet, wir brauchen nur den Fernseher einzuschalten oder die Zeitung aufzuschlagen, um zu sehen, wie viel Unfrieden und Ungerechtigkeit in der Welt herrschen. In den Niederlanden erleben wir in diesen Tagen Terror ganz in unserer Nähe - ist so etwas auch bei uns möglich? Wir sind verunsichert; der Frieden, den wir uns wünschen, wird bedroht – von Kräften, die sich kaum greifen lassen.
Oder denken wir – weg von der politischen Bühne – an Streitereien in der Familie, Zerwürfnisse mit alten Freunden, Schlägereien auf dem Pausenhof. Schärfen wir unseren Blick, so erkennen wir an viel zu vielen Stellen Anzeichen von Unfrieden und Unfreiheit, von Streit und Ungerechtigkeit. Und wir erkennen nicht nur, dass sie uns umgeben, - wenn wir ehrlich sind, erkennen wir auch, dass wir oft genug nicht nur unbeteiligte Beobachter, sondern Beteiligte sind, nicht für Frieden sorgen, sondern den Streit schüren.
Die Sehnsucht nach Frieden, die Hoffnung auf Gerechtigkeit – sie ist heute genauso präsent wie sie es damals im alten Israel war.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Land üben wird“ - was ist aus dieser Verheißung geworden?
Die Hoffnung auf den gerechten König mit dem Namen „Gott-unsere-Gerechtigkeit“ hat sich für die Israeliten nicht erfüllt. Ein König, ein weltlicher Herrscher, der in der Weise, wie es im Predigttext gesagt wird, Recht und Gerechtigkeit hergestellt hätte, ist nicht erschienen. Über die Jahre erging es den Israeliten wieder besser; viele, die aus der Heimat vertrieben worden waren, konnten wieder in ihr Land zurückkehren. Allerdings war das die Folge von Machtverschiebungen auf der Ebene der politischen Großmächte. Juden warten bis heute, dass Gott einen „König der Gerechtigkeit“ sendet, die Veränderung der Verhältnisse steht für heutige gläubige Juden noch aus.
Christen glauben, dass Gott in Jesus Christus seine Gerechtigkeit gezeigt hat, eine Gerechtigkeit, die sich von der erwarteten jedoch grundsätzlich unterschied: Jesus ging es nicht darum, seine Macht zu einem politischen Umsturz zu benutzen und das gelobte Land politisch zu befreien. Sein Weg war ein völlig anderer. Er begann nicht im Königspalast, sondern an einem der ärmsten Plätze, die man sich vorstellen kann: die Evangelien berichten von seiner Geburt im Stall. Sein Weg führte ihn nicht zu politischer Verantwortung, sondern zu den Menschen, die am Rand standen, die sonst keiner mehr wahrnahm.
Jesus zeigte Gottes Gerechtigkeit als vergebende Gerechtigkeit. Niemand wurde abgeschrieben oder aufgegeben, Jesus warb um die Menschen, half ihnen, sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen. Er zeigte ihnen, dass sie bei Gott nicht danach bemessen werden, was sie getan oder gelassen haben, sondern dass sie im Licht seiner Gnade als gerecht angesehen werden. Jesus zeigte den Menschen: Du bist Gott wichtig. Du bist Gott recht. Immer kannst du zu ihm kommen, er wird dich nicht zurückweisen.
Das Evangelium, das wir heute gehört haben, nennt Jesus „Sohn Davids“ und bekennt ihn damit als König. Im Advent erinnern wir uns daran, dass der König kommt, zu uns kommt.

Der König ist auf dem Weg. Er will in meinem Herzen einziehen. Ich mache mich bereit für sein Kommen. Ich zünde ihm eine Kerze an, nehme mir Zeit für seine Worte und freue mich auf sein Erscheinen.
Die Sehnsucht nach Frieden, die Hoffnung auf Gerechtigkeit – er kann sie stillen: er macht mein Herz friedlich, ich bin ihm recht.
Und so erwarte ich sein Kommen: es ist Advent.
Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.