III. Reihe: Micha 5,1-4a
Gott kann uns in anderen Menschen begegnen, Menschen, die es gut mit uns meinen, die uns zu Hilfe kommen und uns Fürsorge und Liebe spüren lassen. Wenn wir in Trauer freundlich angenommen werden, in Krankheit heilende Begegnungen geschehen, wenn in Verzweiflung eine Hand uns auffängt, kommt Gott uns nahe.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde!
Der Heilige Abend liegt hinter uns. Ein Abend, der in wahrscheinlich fast allen Häusern und Wohnungen lange vorbereitet und festlich begangen wurde. Ein Abend, der hoffentlich all´ die Erwartungen, die sich mit ihm verbinden, hat erfüllen können: die Erwartung nach friedlichem Zusammensein mit Familie und Freunden, die Erwartung nach festlicher Atmosphäre: (ein schön gedeckter Tisch, sorgfältig bestückte Plätzchenteller, liebevoll ausgesuchte Geschenke), die Erwartung, etwas vom „Heiligen“ dieser Heiligen Nacht miterleben zu können.
- Kein anderes Fest im Jahr weckt so viele Erwartungen, mit keinem anderen Fest im Jahr verbinden wir so viele Hoffnungen und Sehnsüchte wie mit Weihnachten. Weihnachten, das ist „Frieden auf Erden“, Liebe, Fürsorge und Verständnis füreinander, Ausruhen von der Welt, wie sie sich uns sonst oft darstellt: friedlos, lieblos und hektisch.
Und auch wenn unsere Hoffnungen und Sehnsüchte, die wir mit Weihnachten verbinden, längst nicht immer in dem Maße erfüllt werden, wie wir uns das wünschen, ja, manchmal auch gar nicht erfüllt werden, sondern Streit ausbricht und Lieblosigkeit die Oberhand gewinnt – die Sehnsucht nach Frieden und Liebe und die Vorstellung, das beides eng mit Weihnachten verknüpft ist, bleibt doch.
Auch der Predigttext, den wir vorhin schon als Lesung gehört haben, kennt diese Sehnsucht und Hoffnung der Menschen auf Liebe und Frieden untereinander und antwortet darauf mit einer Verheißung:
Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel.
Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist.
Und er wird der Friede sein.
Diese Verse, die beim Propheten Micha im 5. Kapitel stehen, kündigen Großes an: Ein Herr mit der Macht und Kraft Gottes wird den Menschen Frieden und Sicherheit bringen.
Ursprünglich wurden diese Verse für eine ganz konkrete Situation verfasst und knüpfen an ganz konkrete Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen an. Den damaligen Juden ging es zu der Zeit, als der Text entstand, so schlecht wie noch nie zuvor in ihrem Land: Sie wurden bedroht und bedrängt, schließlich überwältigt von der babylonischen Großmacht. Die Babylonier hatten die Hauptstadt Jerusalem eingenommen, den Tempel zerstört und große Teile der Bevölkerung verschleppt. Gewalt war an der Tagesordnung, Angst und Schrecken, Leid und Not Alltag. Die Menschen sehnten sich nach einem, der sie aus dieser unerträglichen Situation befreien würde, einer, der für ihr Recht eintreten und es gegenüber den Bedrohern durchsetzen würde. Einer, der Frieden und Sicherheit brächte und garantierte.
Viele hundert Jahre später, zur Zeit Jesu, hatten die Juden zwar in ihr Land zurückkehren können, litten aber erneut unter der Herrschaft und Unterdrückung durch eine fremde Großmacht: die Römer hatten das Land besetzt.
Die Erwartung eines Herrschers, der das Volk aus den Klauen der Unterdrücker befreien würde, die Hoffnung auf einen Retter, der politische Unabhängigkeit, Sicherheit und Frieden bringen würde, erwachte erneut.
Der Retter kam – aber ganz anders als erwartet: Er kam nicht als Feldherr, nicht als weltlicher Herrscher, der mit Waffengewalt gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft vorgegangen wäre. Der Retter – so glauben Christen – kam in Gestalt eines kleinen, verletzlichen Kindes, geboren unter unwürdigen Bedingungen, aber mit einer Botschaft, die sich als mächtiger und wirksamer erweisen würde als alles vor oder nach dieser Geburt.
Die Botschaft lautet: Gott wird Mensch, Gott kommt zu uns und wird unser Bruder – um unseretwillen.
Gott geht unseren Weg mit uns, in Jesus Christus zeigt er uns, wie er das Leben für uns gedacht hat, wie wir seinem Willen gemäß leben und so ihm und uns selbst gerecht werden können.
Gott scheut sich nicht, uns auch in die Dunkelheit und Einsamkeit zu
begleiten, er kommt nicht nur dahin, wo es uns gut geht und wir ihn strahlend
und mit allen Ehren empfangen könnten, nein, Gott kommt auch und gerade in die
Hinterhöfe unseres Lebens, in die dunklen Kammern unserer Seele.
Jesu Geburt in einem Stall in Bethlehem, das, wie es schon bei Micha heißt,
„klein ist unter den Städten in Juda“ versinnbildlicht das. Gott lässt das
völlig Neue an dieser unerwarteten Stelle beginnen, er macht sich klein, um
uns groß zu machen.
Gott schenkt uns Hoffnung, wo wir keine sehen, er liebt uns, wo wir uns ungeliebt fühlen, er schafft Frieden, wo wir voller Unruhe und Ärger sind.
Gott kann uns in anderen Menschen begegnen, Menschen, die es gut mit uns meinen, die uns zu Hilfe kommen und uns Fürsorge und Liebe spüren lassen. Wenn wir in Trauer freundlich angenommen werden, in Krankheit heilende Begegnungen geschehen, wenn in Verzweiflung eine Hand uns auffängt, kommt Gott uns nahe.
Gott hilft uns, uns auch selbst auf den Weg zu machen und von seiner heilenden Nähe weiterzugeben, auf dass auch wir trösten, wo andere traurig sind, auf dass auch wir aufzufangen versuchen, wo andere zu verzweifeln drohen.
Weihnachten – das Fest der Liebe und das Fest des Friedens: jedes Jahr wieder neu lassen wir uns anstecken von der Sehnsucht und der Hoffnung, beides möge sich erfüllen.
Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus – er macht Liebe und Frieden untereinander immer wieder neu möglich, - an Weihnachten und im ganzen Jahr.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.