Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigt: III. Reihe: 2. Mose 19,1-9
„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ Psalm 33,12 Herzlich willkommen zum 10.Sonntag nach Trinitatis, zum „Israelsonntag“.
Mit diesem Tag nimmt die Kirche einen jüdischen Gedenktag
in ihren eigenen Kalender auf, nämlich die Erinnerung an die Zerstörung
Jerusalems durch die Babylonier vor fast 2.600 Jahren. Es ist gut, dass
wenigstens einmal im Jahr die Juden und Christen einen Gedenk- und Bußtag
gemeinsam begehen, denn ohne die Vorgeschichte des Weges Gottes mit Israel und
dem Judentum gäbe es auch kein Christentum. Es ist die christliche Wahrheit,
die der Apostel Paulus im 11. Kapitel seines Römerbriefes ausdrückt: „Gott hat
sein Volk nicht verstoßen.“ Und dass heißt, dass der Bund, den Gott mit Israel
geschlossen hat, nicht aufgelöst wurde, sondern in besonderer Weise Juden und
Christen verbindet.
Die gemeinsame Geschichte hat aber auch immer mit Schuld
und Gericht zu tun. Mit Schuld gegenüber Gott. Doch wenn wir Christen
besonders in Deutschland von Schuld gegenüber Gott reden, dann dürfen wir dies
nun tun im Bewußtsein unserer eigenen Schuld. Nicht Gott hat schuld am Tod von
9 Millionen Juden, sondern wir Deutsche haben Schuld vor Gott. Niemand kann
sich aus dieser Verantwortung herausreden. Israelsonntag heißt: am Anfang muß
für uns Christen immer wieder die Umkehr, die Hinwendung zu Gott und seinem
Willen stehen, so wird uns durch das Gericht hindurch Gottes Barmherzigkeit
und Gnade bewahren.
Zeichenhaft für diese Bewahrung steht die Taufe. Es ist schön, daß wir gerade in diesem Gottesdienst Gottes Barmherzigkeit feiern können, indem wir Sophie Hausauer und Laura Sophie Neufeld taufen. Die Taufe ist der Bund, den Gott schließt - mit seinem Volk, mit seiner Kirche, mit jedem einzelnen. Heute besonders mit den beiden Sophien.
Und nun segne der Dreieinige Gott unseren Gottesdienst, er segne alle Gäste und Glieder der Gemeinde nach dem Reichtum seiner Gnade. Amen.
Wir sind zusammengekommen, um miteinander Gottes Wort zu
hören und ihn im Gebet und Loblied anzurufen. Vor Gott begonnen wir unsre
Schuld und unser Versagen. Wir denken heute daran, dass in Deutschland und
durch Deutsche den Juden unermeßliches Leid und Unrecht zu gefügt worden ist.
Es bedrückt uns, dass auch heute noch Juden bei uns Haß und Unrecht erfahren.
Darum bitten wir: Gott, sei uns Sündern gnädig.
Ach, Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen,
so hilf uns doch um deines Namens willen!
Denn unser Ungehorsame ist groß,
womit wir wider dich gesündigt haben.
Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer.
Warum stellst du dich, als wärest du ein Fremdling im Land
und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist,
und wie ein Held, der nicht helfen kann?
Du bist ja doch unter uns, Herr,
und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Jeremia 14, 7-9
Vater im Himmel, du Gott Abrahams, Isaaks, und Jakobs,
Du hast ein Volk Israel zum Zeugen deines Namens in der Welt erwählt und
bleibst ihm treu.
Durch Jesus Christus hast du uns gerufen zum Glauben an dich und uns zu deiner
Kirche gemacht.
Wir bitten dich: Leite uns durch deinen Geist,
damit auch wir erkennen, was zum Frieden dient.
Der du im Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Predigttext steht im 2.Buch Mose im 19. Kapitel:
„Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“
Die Verwandtschaft, jiddisch die „Mischpoche“ kann man sich nicht aussuchen. Ebenso wie sich das Volk Israel nicht aussuchen konnte, das von Gott erwählte Volk zu sein, das Volk, mit dem Gott als einzigem von allen Völkern auf der Erde einen Bund geschlossen hat, einen Bund fürs Leben. Das war nicht nur immer ein Segen für das kleine Volk der Juden. Der berühmte Milchmann Tewy betete einmal: „Gütiger Herr, es war sehr nett von dir, uns Juden zum auserwählten Volk zu machen. Aber so, wie die Dinge laufen, wäre es da nicht möglich, dass du hin und wieder mal ein andres Volk auserwählst, ich meine, nur so zur Abwechslung...“
Das, was da geschehen ist in der Wüste Sinai, ist die
Geschichte einer Errettung. Gott hat sein Volk aus Ägypten-Land herausgeführt.
Und nun, hier am Heiligen Berg, spricht er mit ihnen durch den Anführer Mose.
Er schließt mit ihnen einen Bund, dass er sein Volk immer stärken und bewahren
will, in aller Not und Gefahr hindurchtragen und hindurchretten. Ein Bund, der
noch heute gilt; denn er ist eben nicht vom Volk Israel weggenommen worden,
sondern in dem einen Mann dieses Volkes, in dem Juden Jesus von Nazareth
erweitert worden in einen Bund, zu dem auch wir gehören. Wir, die wir auch
getauft sind auf den Namen des Gottes Israels, den Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs, den Sohnes jüdischer Eltern, Jesus und des Heiligen Geistes, der auch
schon im Alten Bund verheißen ist.
Dieser Bund ist ein Bund, der Rettung und Segen verspricht - für ein ganzes
Volk, aber auch für jeden einzelnen. Die Taufsprüche sind dafür gute
Beispiele. Aus dem Psalm Davids Nr.91: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Und das, was der Engel dem
Tobias sagt, im Buch Tobit im 4.Kapitel: „Dein Leben lang habe Gott vor Augen
und im Herzen und hüte dich davor, jemals in eine Sünde einzuwilligen und
gegen die Gebote unseres Gottes zu handeln.“ Ja, dieser Gott, der uns Rettung
und Segen verspricht, der hat uns auch Gebote gegeben, er tut dies gleich im
Anschluß an den Bundesschluss, gleich auf dem selben Berg am Sinai, gleich mit
demselben Mittler, mit Mose. Und er gibt diese Gebote einem Volk, nicht nur
einzelnen Menschen. Gebote sind nicht immer bequem, Verwandtschaft manchmal
eine Mischpoche, mit der man sich nicht immer gut versteht. „Warum zog Moses
mit den Juden durchs Rote Meer und durch die Wüste?“ heißt es in einem alten
jüdischen Witz. „Weil er sich schämte, mit der Mischpoche durch die Städte zu
gehen.“
Gott ist ein Heiliger Gott, er ist kein Schmusetier. Er will erwandert werden
auch durch Wüsten. Er wohnt manchmal auf einem Berg, der hoch ist und weit.
Und es braucht manchmal Mittler, Helfer, die einem sagen, was denn Gott will
und wie er uns nahe kommen kann und uns vor aller Gefahr rettet.
Als Christen sind wir Teilhaber an der Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Daran, dass er einen Bund, einen Vertrag geschlossen hat. Aber keinen Vertrag,
wie wir ihn kennen: Beide Seiten verpflichten sich zu etwas und wenn jemand
seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, wird der Vertrag hinfällig. Gottes
Vertrag ist einseitig. Gott hält seine Verpflichtungen. Er rettet und segnet -
und der Vertrag ist eben nicht aufgehoben, wenn wir wieder einmal versagen.
Die Taufe ist der neue Bund, der uns heute viel näher liegt als das, was vor
tausenden vor Jahren auf dem Sinai passiert ist. So haben wir eben gesungen:
EG 200, Strophe 4: „Mein treuer Gott, auf deiner Seite, bleibt dieser Bund
wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht
verlorengehn.“ Das heißt doch: Solange Gott zu seinem Bund steht, kann mir
nichts geschehen. Da wird er mir seine Engel schicken, und sie werden mich
begleiten und bewahren.
Freilich schickt Gott nicht nur solche Schutzengel, er sagt auch schon, wo es
denn lang gehen soll: Es gibt die 10 Gebote, es gibt die Heiligkeit Gottes.
Gott will ernstgenommen werden: Er hat die Macht, zu retten und das Böse zu
vernichten, er kann das, was gefährlich ist, zerstören und das, was klein und
schwach ist, vernichten. Für die Juden war allein der Gottesname so gewaltig,
dass er nicht ausgesprochen werden durften. Und niemand kann den Anblick
Gottes ertragen, weil von Gott eine solche unglaubliche Kraft ausgeht, dass
augenblicklich geblendet wird, wer Gott anschaut. Das ist übrigens beim Gott
Jesu Christi ganz genauso. Das muss auch so sein - denn wäre Gott nur ein
alter, lieber Mann mit Bart sonnig lächelnd auf einer Wolke: er könnte kaum
die Schwachen beschützen und die Gefahren abwenden. Er wäre kein verlässlicher
Bundespartner, den man sich als Retter und Sieger aussuchen würde.
Und dennoch: Die Juden haben zwar immer viel Ehrfurcht vor Gott gehabt, aber
daneben auch immer ein ganz unmittelbares, eben wie verwandtschaftliches
Verhältnis zu ihm besessen. Das macht den einzigartigen Humor dieses Volkes
aus. Auch in schweren Zeiten: 1933. In einem deutschen Amtsgebäude meldet sich
ein Jude mit der Bitte, seinen Namen ändern zu dürfen. Der Beamte: „Im
allgemeinen lassen wir uns darauf nicht ein. Aber Sie werden wohl starke
Gründe haben. Wie heißen Sie denn?“ - „Adolf Stinkfuss.“ „Ja - da muss man
schon Verständnis haben. Und wie möchten Sie heißen?“ „Moritz Stinkfuss.“
Oder ebenfalls im Hitlerreiche. Als Juden noch die Reichsbahn benützen
durften, saß der alte Meisl einmal allein im Abteil. Sein Blick fällt auf eine
Propagandaplakat „Ein Deutscher lügt nicht.“ Meisl liegt halblaut: „Ein
Deutscher lügt nicht.“ und meint nachdenklich: „Mieses Prozent für achtzig
Millionen!“
Es ist dieses Wissen um den Bestand des Bundes Gottes, die Erkenntnis gegen
allen Augenschein, dass Gott trotzdem auf der eigenen Seite steht, auch wenn
Millionen anderer Gründe dagegen zu sprechen scheinen. Es ist der Glaube an
die Größe Gottes und seines Bundes, der auch nachzulesen ist in dem
erschütternden Gebet aus dem Konzentrationslager Buchenwald, in unserem
Gesangbuch unter 965, S. 1448: „Ja, wärst du nicht mein Gott, wie könnt die
Qualen der armen Schöpfung ich dir je verzeihen! Ja, wärst du nicht mein Gott,
ich wollte speien und Not mit Haß und Schmerz und Bosheit zahlen ... Du bist
mein Gott! Und darum muss ich rechten und darum zweifeln, spotten und dich
kränken - und darum an dich glauben und verstummen.“
Durch die Taufe haben wir Anteil an am Bund den Gott mit dem Volk Israel
geschlossen hat. Gott ist in diesem Bund der ganz und gar Heilige, der, der
auf dem Berg wohnt - und er ist gleichzeitig wie ein Verwandter, mit dem man
offen und schonungslos über alles reden kann. Und bei Gott kommt es darauf an,
wie ernst man diesen Bund, diese besondere Verwandtschaft nimmt. Dazu zum
Schluss noch eine Anekdote, die zeigen soll, dass es bei den richtigen
Verwandten immer noch ein Weg gibt, zu dem zu gelangen, der einem doch durch
Gottes Erwählung eigentlich zusteht:
Die alte Schwob drängt sich nach einem Vortrag an den berühmten
Musikprofessor: „Sie müssen meinen Sohn protegieren, sie müssen ihn fördern,
er spielt genial Klavier, ist ein Künstler wie kein anderer!“ „Nun ja, gute
Frau“, versucht der Professor die Dame abzuwehren. „Nu, sie werden hören“,
sagt sie und stellt einen Tonträger an, von dem Klaviermusik erklingt. Der
Professor hört zu, ist ganz stumm und ruft dann begeistert aus: „Das ist
genial! Das hätte ich nah nie erwartet! Das habe ich bisher nur bei Horowitz
so gehört!“ „Ja,“ sagt die Frau, „sie werden lachen: das ist Horowitz. Aber
mein Sohn spielt genauso schön!!!“
Und der dreieinige Gott schenke uns Phantasie und immer die Gewißheit, dass
wir zu seinem großartigen auserwählten Volk gehören, Schwestern und Brüder
einer großen Familie, die sich untereinander nicht immer gesucht und gefunden
hat, die aber Gott ausgesucht und für immer gefunden hat. Diese Gewißheit
stärke uns, lass uns die hilfreichen Engel sehen und auch die schweren Wege
und Umwege nicht vermeiden wollen, die doch alle dazu gehören, wenn wir Kinder
seiner Volkes sein wollen.
Amen.
So spricht Gott, der Herr: „Ihr sollt mein Volk sein, und
ich will euer Gott sein.“ Lass uns zu ihm beten:
Wir danken dir, Herr, denn du bist freundlich,
und deine Güte währet ewiglich.
Gott, du hast dir in Abraham und Sara das Volk Israel erwählt; du hast es
gesegnet und durch die Zeiten geführt; du hast ihm trotz Unglauben und
Ungehorsam deine Liebe erwiesen - immer aufs neue, bis heute.
Du hast dir in Jesus Christus die Kirche, ein Volk aus allen Völkern, erwählt;
du hast sie gesegnet und durch die Zeiten geführt; du hast ihr trotz Unglauben
und Ungehorsam, auch trotz ihrer Schuld deine Liebe erwiesen - immer aufs
neue, bis heute.
Du bist ein unbegreiflich freundlicher Gott. Hilf uns allen, dein Volk zu
werden, das dir deine Güte dankt durch Taten der Gerechtigkeit und des
Friedens.
Mit Israel, deinem Augapfel, warten wir auf deinen neuen Himmel und deine neue
Erde.
Mit Israel warten wir, dass die Tränen der vielen getrocknet werden, dass
Leid, ja, der Tod ein Ende hat.
Wir bitten dich:
Schon heute schick uns und deiner ganzen Welt Zeichen, dass heute schon die
Tränen getrocknet werden, dass heute schon satt werden, die wir hungern
ließen,
dass heute schon getröstet werden, die, die um einen lieben Menschen trauern,
dass heute schon umarmt werden, die auf Liebe warten.
Gott, mit Israel deinem Augapfel, warten wir auf deine neue Welt. Hilf uns,
die Wartezeit in deinem Sinne zu nutzen.