Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Christen haben das Leben

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 22. August 2004

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

II. Reihe: Eph 2,(1-3)4-10

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

- Warum sind wir Christen? Was ist es, das die christliche Religion so anziehend für uns macht, dass wir uns zu ihr bekennen? Warum taufen wir unsere Kinder und machen damit auch sie zu Christen?

Ist es Tradition? – Viele, wahrscheinlich die meisten von uns, kommen aus mehr oder weniger christlichen Elternhäusern, haben das Christentum von Kindesbeinen an erlebt, sind in ihm verwurzelt. Die christliche Religion gehört zum Leben und zur eigenen Identität dazu und wird ganz selbstverständlich gelebt und weitergegeben.
 

Ist es gesellschaftliche Konvention? – Anders als in den Großstädten beispielsweise des Ruhrgebiets ist „man“ in unserem Landstrich noch Christ und Christin. Christliche Feste und Feiertage, Veranstaltungen und Aktivitäten der Kirche werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und auch besucht.
Ist es die christliche Gemeinschaft, die uns anzieht? Ist es das „Heilige“, von dem wir uns anrühren lassen wollen? Sind es die christlichen Werte, die wir für gut und richtig halten?
 

Was ist es, das die christliche Religion für uns attraktiv macht?
 

Wenn wir den Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, befragen, erhalten wir dort eine sehr einfache Antwort auf unsere Frage: Christen haben „das Leben“, sind lebendig, Nichtchristen nicht, sie sind tot.
 

Aber was heißt das: Christen haben „das Leben“!? – Ich lese die ersten Verse des Predigttextes:
 

1) (Auch) ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden,
2) in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams.
3) Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unseres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.
4) Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
5) auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -;
6) und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,
7) damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.
 

- Vielleicht geht es Ihnen wie mir beim ersten Lesen und Hören des Textes und Sie hatten Mühe mitzukommen, deshalb versuche ich, ihn noch einmal mit eigenen Worten zu formulieren: Die zentrale Aussage des Textes ist: Gott errettet den Menschen, er überführt ihn aus einem früheren Leben, in dem der Mensch „tot“ ist, in ein neues Leben, in dem der Mensch „lebendig“ ist. Über diese zwei Leben erfahren wir noch ein bisschen mehr: Das erste Leben ist geprägt von „Übertretungen und Sünden“, von den „Begierden unseres Fleisches“ und dem „Willen unseres Fleisches und der Sinne“. Im zweiten Leben sind wir – umhüllt von der Liebe Gottes – von Gott an die Seite seines Sohnes gestellt: wir sind Gottes Kinder.
 

Was verbirgt sich hinter den Wendungen „Begierden des Fleisches“ und „Wille des Fleisches und der Sinne“? Sicherlich nicht menschliche Bedürfnisse wie essen, trinken, schlafen; es geht nicht darum, den Körper zugunsten des Geistes abzuwerten und Askese zu fordern. Vielmehr beschreiben diese Formulierungen den Geisteszustand, die Haltung eines Menschen, der nur an sich selbst denkt: Habe ich genug Essen, Trinken, Kleider, Geld? Bin ich versorgt? Geht es mir gut? - Ein Mensch, der so denkt, ist Sklave seiner Begierden, unfrei, seinen Blick von sich selbst abzuwenden, unfrei, sich auf andere einzulassen.
 

Anders der Mensch, den Gott errettet hat: Gott hat ihn als Kind angenommen, Gott setzt den Menschen in Beziehung zu sich, Gott, öffnet ihm den Blick über sich hinaus, macht ihn frei, Gott und den Nächsten wahrzunehmen. Derjenige, der früher immer nur seinen eigenen Vorteil im Blick hatte, nur um sich selbst gekreist ist, weiß sich nun in Gottes Fürsorge mithineingenommen. Nicht mehr er selbst muss für sich sorgen, Gott sorgt für ihn! So kann er sich nun öffnen für andere, kann von seinem Reichtum an Gottesliebe abgeben, ohne Angst haben zu müssen, zu kurz zu kommen.


- Wenn wir an die eingangs gestellt Frage zurückdenken „warum sind wir eigentlich Christen? Was macht das Christentum attraktiv für uns ?“ – hier ist die Antwort: Wir sind Christen, weil Gott uns durch seine Liebe zu einem lebendigen Leben befreit. Zu einem lebendigen Leben, das nicht in den engen Grenzen unseres ich / mein / mir bleibt, sondern offen ist für die Begegnung mit dem Nächsten, für die Begegnung mit der Schöpfung, für die Begegnung mit anderen Ideen und Vorstellungen. Zu diesem lebendigen Leben gehört natürlich auch die Tradition, manchmal auch die gesellschaftliche Konvention, ganz sicher die christliche Gemeinschaft und die Sehnsucht nach dem „Heiligen“.


Unsere Annahme durch Gott als seine Kinder, die uns zum lebendigen Leben befreit, geschieht unser Leben lang, sie geschieht aber natürlich vor allem auch in der Taufe: Gott nimmt Menschen in der Taufe als seine Kinder an, wie ein Vater und eine Mutter ihr Kind. Er begleitet das Leben des Kindes in liebender Sorge und lässt es nicht allein.


Und das geschieht allein aus Gnade, - wie die nächsten – und letzten – Verse des Predigttextes noch einmal ganz deutlich machen. Es heißt dort:
 

8) Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es,
9) nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.
10) Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
 

Gott gewährt uns die Gnade seiner Liebe, ohne dass wir irgendeine Vorleistung bringen müssten: Wir müssen nicht besonders nett, besonders höflich, besonders fromm sein, sondern dürfen uns so wie wir sind von ihm mit seiner Liebe beschenken lassen.
 

Wie Eltern ihr Kind lieben, einfach nur, weil es da ist, so liebt Gott uns. Und wie ein Kind umfangen von der Liebe seiner Eltern anfängt zu robben, zu krabbeln, zu laufen, beginnt, seine nähere und fernere Umwelt neugierig zu erkunden, so können auch wir uns auf das lebendige Leben in uns und um uns herum getrost einlassen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.