Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.REIHE: MATTHÄUS 2, 28 - 32
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Predigttext steht im Matthäusevangelium im 21.Kapitel:
Dann sagte Jesus: „Urteilt selbst: Ein Winzer hatte zwei Söhne. Er wandte sich an den ersten und sagte: <Bitte, tu heute etwas im Weinberg.> Der Sohn weigerte sich zunächst, überlegte es sich dann aber und ging doch hin. Dann wandte sich der Vater mit derselben Bitte an den zweiten Sohn. Der gab zur Antwort: <Ja, Herr, ich will es tun.> Doch dann ging er gar nicht hin. Wer von den beiden hat nun den Willen des Vaters erfüllt?“ Die Hohenpriester und Ältesten anworteten: „Der erste.“ Darauf sagte Jesus: „Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen finden eher den Weg in Gottes Herrschaft als ihr.“
Gott, segne du unser Reden und unser Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
zwei Söhne, die im Weinberg arbeiten sollen. Weinberg - das ist in der Sprache
der Bibel stets ein Bild für die Sache Gottes. Da sollen zwei verwandte Seelen
die Sache Gottes tun. Also Jesu Auftrag erfüllen: Liebe Gott und deinen
Nächsten wie dich selbst. Der erste sagt: „Nein, ich will nicht.“ Warum will
er nicht? Lehnt er grundsätzlich ab, jemandes Auftrag zu folgen? Will er um
jeden Preis sein Leben selbst bestimmen und keiner Gruppe, keiner Kirche,
keiner Partei folgen ohne vorher zu wissen, ob es ihm auch etwas bringt?
Oder reagiert er allergisch auf das Wort „Gott“? Gut, „liebe deinen Nächsten“,
das geht ja noch, aber „Gott“ - klingt das nicht allzu sehr nach altem Mann
mit Bart, an den er schon seit dem Erwachsenwerden nicht mehr glaubt?
Vielleicht denkt er an die Kirchengeschichte, an Kreuzzüge und
Hexenverbrennungen, an die schlechte Figur, die Kirche noch heute oft genug
macht. „Nein, ich will nicht“, sagt er. „Ich will nichts damit zu tun haben.
Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Ohne mich. Ich will mich auf
den Verein Kirche nicht einlassen.“ Doch plötzlich gerät sein Beschluss ins
Wanken. Es kommen Zweifel. Da ist irgendetwas in ihm drin, was arbeitet. Ohne
mich? Er sieht, wie Menschen Trost finden in ihrem Glauben, in der
Gemeinschaft mit andern. Er sieht Menschen, die aus dem Gebet Kraft schöpfen
und mit unvorstellbaren Situationen fertig werden. Er erlebt, wie Menschen
Freude und Geborgenheit in einer christlichen Gemeinschaft finden. Ohne mich?
Auf einmal gibt es einen Knacks im Leben. Verlust der Gesundheit, des
Arbeitsplatzes, der Tod eines Menschen - und irgendwie geht dieser Mensch doch
hin und lässt sich auf Gotte Sache ein. Versucht ein Gebet, ganz im stillen
Kämmerlein. Liest in der Bibel. Ist da und übt praktische Nächstenliebe. Ganz
am Rande und immer selbstbewusster. Vielleicht trägt dieser Mensch lange,
bunte Haare oder auch Nadelstreifen auf dem teuren Anzug. Ist einfach da, wenn
man ihn braucht. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder, einer meiner
geringsten Schwester getan habt, das habt ihr mir getan“, so sagt es der
Weltenrichter bei Matthäus wenige Kapitel weiter. „Aber wann haben wir dich
denn je als so geringen Menschen gesehen?“ Fragen die Menschen - überrascht
die einen, erschreckt die anderen. Gottes Gerechtigkeit ist eine andere als
die menschliche Gerechtigkeit. Bei Gott kommt es auf das Tun an - das hören
stolze Protestanten nicht so gern, die sich allzu gern auf dem Satz ausruhen:
„Der Mensch ist gerecht allein aus Gnade ohne Werke.“
Aber Jesus wäre gänzlich missverstanden, wenn es bei ihm eine Gerechtigkeit
zum Nulltarif, zu Schleuderpreisen gäbe. Christus baut auf Menschen, die
JA-TUN, die da sind, wenn sie gebraucht werden, unwichtig, was sie wann wo und
wie immer auch gesagt haben. Auf das Tun kommt es Jesus an, nicht auf das
Reden.
NEIN-SAGER und JA-TÄTER. Aber sie haben Brüder: Die JA-SAGER. Auch ihnen wird
der Auftrag erteilt: Liebt Gott und den Nächsten wie dich selbst. „Na klar“,
sagen die. Ihre Erziehung, ihre Herkunft, ihre Bildung lassen gar keine andere
Antwort zu. Gutes tun - dafür sind sie immer zu haben. Sie wissen immer den
rechten Weg. Natürlich sind sie Realisten genug zuwiesen, dass man nicht immer
auf dem rechten Weg gehen kann. „Ein Wegweiser geht nicht mit.“ Ist ihr
Prinzip. Sie wissen, wie schwierig es ist, im Einzelfall das Richtige zu tun
und haben viel Verständnis für das Zögern, Wegschauen,
Das-Eigene-Schäfchen-Ins-Trockene-Bringen. Sie fühlen sich ganz wohl in ihrer
Position. In der Kirche sind wir in jeder Sonntagsrede für Arbeit für alle,
für das Teilen, für den gerechten Umgang mit der Macht und dass man nicht
immer nur auf das Geld starren darf. Dass man dann aber doch im Einzelfall
nicht so kleinlich bei Entlassungen sein darf, dass man sinnvollerweise als
erstes an sich selber denkt und sich klarmacht, dass man ja doch nicht die
ganze Menschheit retten kann - das versteht sich eben von selbst.
Ihr lieben JA-SAGER und NEIN-TUER, sagt Jesus unmissverständlich, aus eurem
Holz sind nicht die, mit denen ich meine Sache in der Welt durchsetzen kann.
Mit dieser Haltung kommt ihr dem Pharisäer nahe, der - immerhin mit einer
gewissen Berechtigung -sagen konnte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin
wie dieser Zöllner.
Gott bekennt sich in Jesus: Er ist auf der Seite der
Im-Leben-Zu-Kurz-Gekommenen. Nicht auf der Seite der Selbstgerechten, derer,
die sich zu den Gewinnern zählen. Er dreht die Machtverhältnisse um: Sage mir,
wofür du dich einsetzt, was du tust - und ich sage dir, ob du siegen wirst
oder verlieren.
NEIN-SAGER und JA-TUER und JA-SAGER und NEIN-TUER? Wer ist sympathischer,
liebe Schwestern und Brüder? Wo entdecken wir uns selbst wieder? Also, lieber
natürlich bei den NEIN-SAGERN und JA-TUERN, nicht wahr? Aber vorsichtig!
Beides sind Brüder! Beide sind ganz nah miteinander verwandt! In mir
jedenfalls steckt beides. Ich stehe auf der Kanzel und bin dann z.B. ein
JA-SAGER. Das fällt mir manchmal leichter als das kompromisslose Kämpfen für
Gerechtigkeit und Teilen in den alltäglichen Problemen der Gemeinde und der
Kirche. Ich will mich gar nicht erheben über etwaige Heuchler, vielleicht bin
ich dann der größte von allen.
Beides sind Brüder: NEIN-SAGER und JA-SAGER. Worauf es allein ankommt, ist das
TUN des Gerechten. Jesus will hier nicht zwei Gruppen, zwei Typen von Menschen
aufbauen und unversöhnlich nebeneinander stellen. BEIDES steckt in uns: das
TUN des Gerechten und die Heuchelei. Er will uns vielmehr schütteln und
rütteln: Welche Worte gebrauchst du? Stehen sie im Einklang mit deinem Tun?
Meinst du, ein theoretisches Wissen über die Rettung eines Ertrinkenden reicht
schon aus, um dem ins Wasser Gefallenen zu helfen - oder meinst du nicht, du
musst selbst ins Wasser springen und ihn herausziehen?
Und Christus baut auf Menschen, die nicht bloß reden, sondern die handeln. Die
eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit in sich tragen. Die noch leiden können. Die
sensibel und verletzlich reagieren auf Hass und Unterdrückung. Die die
Verpestung der Umwelt als eine Missachtung der Liebe zum Schöpfergott
begreifen. Die noch eine dünne Haut haben und nicht bloß abgestumpft sind
gegen alle düsteren Nachrichten. Und die vor allem etwas tun. Die nicht nur
jammern, sondern handeln. Die wenigstens in ihrem begrenzten Umfeld aufstehen
gegen Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und fehlende Gottesliebe.
Mir ist eine ganz überraschende Parallele von NEIN-SAGERN und JA-TUERN
aufgegangen, damit möchte ich schließen: nämlich den Dualismus von Wort und
Sakrament. Das scheint ein bisschen überraschend. Aber wie viele Worte werden
nicht in der Kirche gemacht! „Wir sollten Kirche des Wortes sein, aber wir
sind mehr Kirche der Wörter.“ Sagte mal jemand - und es ist so falsch nicht.
Worte der nicht eingehaltenen Versprechen, der nicht eingelösten Erwartungen,
der unverbindlichen Vertröstungen, des Eigenlobs, des
Über-Sich-Selbst-Jammerns. Mit Wort aber ist eigentlich nur das Wort Gottes
gemeint, um das es in der Kirche gehen soll. Und dieses Wort ist immer
gleichzeitig auch Tat. Soziale Tat, der Einsatz für die Schwächsten der
Schwachen, das Sprachrohr sein für die Stummen, die letzte Hoffnung für die
Verzweifelten. Aber es ist auch Tat im Sinne von Sakrament. Sakrament ist per
Definition „ein Heilszeichen, das bewirkt, was es anzeigt“. Was eine Taufe,
ein Abendmahl bedeutet, das erlebt, wer hingeht und sich beteiligt. Da wird es
endlich verbindlich. Da kann einer endlich etwas von Gottes Kraft und Macht
erleben, da geschieht etwas, tut sich etwas. Ich kann nur immer neu Mut
machen, von dem bloßen Reden wegzukommen und das zu tun, wozu uns Gott
einlädt: Seinen Zeichen zu trauen, in der Taufe zu erfahren, dass wir von Gott
geliebte Kinder sind, dass er die Macht hat im Himmel und auf Erden und im
Abendmahl die Nähe und Versöhnung zu feiern, die Überwindung des riesigen
Grabens, der uns von Gott und unseren Mitmenschen trennt.
Am Freitag habe ich Lea-Larissa beerdigen müssen. Sie wurde 11 Wochen alt. Die
Eltern haben trotz ihrer Sorge und ihres Schmerzen mich auf die
Intensiv-Station der Klinik rufen lassen, damit sie getauft wurde. Und jetzt
in der Trauer ist dies für sie ein Halt: Gott hat sich dieses Menschenlebens
angenommen. In der Taufe haben sie eine Kraft erfahren, die sie daran glauben
lässt, dass nun ihre Tochter ganz bei Gott ist. Nicht, dass sich Gott nicht
auch der ungetauften Menschen annähme. Aber wir Menschen brauchen sichtbare
Zeichen der Hoffnung. Wir brauchen Menschen, die das richtige tun und nicht
nur davon reden. Und wir selber sind gut beraten, uns selber auf den Weg zu
machen und nicht nur zu reden. Im konkreten Tun, im Erleben der Wirksamkeit
Gottes, liegt soviel Kraft.
Hört nicht allein auf die Worte, sagt Jesus. Tut, wozu ihr eingeladen sein. Es
gibt auch andere, die längst das tun, was mein Wille ist - nämlich Gott lieben
und den Nächsten wie sich selbst. Wie wär’s, wenn ihr aufsteht und mit mir
diesen Weg der Liebe geht? Vergebung und Liebe erfahrt und dass Gott ein
starker Gott ist, stärker als alles Leid?!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.