Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Wort und Tat - Wort und Sakrament

Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 7. August 2005

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

III.REIHE: MATTHÄUS 2, 28 - 32

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!


Der Predigttext steht im Matthäusevangelium im 21.Kapitel:

Dann sagte Jesus: „Urteilt selbst: Ein Winzer hatte zwei Söhne. Er wandte sich an den ersten und sagte: <Bitte, tu heute etwas im Weinberg.> Der Sohn weigerte sich zunächst, überlegte es sich dann aber und ging doch hin. Dann wandte sich der Vater mit derselben Bitte an den zweiten Sohn. Der gab zur Antwort: <Ja, Herr, ich will es tun.> Doch dann ging er gar nicht hin. Wer von den beiden hat nun den Willen des Vaters erfüllt?“ Die Hohenpriester und Ältesten anworteten: „Der erste.“ Darauf sagte Jesus: „Amen, ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen finden eher den Weg in Gottes Herrschaft als ihr.“

Gott, segne du unser Reden und unser Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

zwei Söhne, die im Weinberg arbeiten sollen. Weinberg - das ist in der Sprache der Bibel stets ein Bild für die Sache Gottes. Da sollen zwei verwandte Seelen die Sache Gottes tun. Also Jesu Auftrag erfüllen: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Der erste sagt: „Nein, ich will nicht.“ Warum will er nicht? Lehnt er grundsätzlich ab, jemandes Auftrag zu folgen? Will er um jeden Preis sein Leben selbst bestimmen und keiner Gruppe, keiner Kirche, keiner Partei folgen ohne vorher zu wissen, ob es ihm auch etwas bringt?

Oder reagiert er allergisch auf das Wort „Gott“? Gut, „liebe deinen Nächsten“, das geht ja noch, aber „Gott“ - klingt das nicht allzu sehr nach altem Mann mit Bart, an den er schon seit dem Erwachsenwerden nicht mehr glaubt? Vielleicht denkt er an die Kirchengeschichte, an Kreuzzüge und Hexenverbrennungen, an die schlechte Figur, die Kirche noch heute oft genug macht. „Nein, ich will nicht“, sagt er. „Ich will nichts damit zu tun haben. Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Ohne mich. Ich will mich auf den Verein Kirche nicht einlassen.“ Doch plötzlich gerät sein Beschluss ins Wanken. Es kommen Zweifel. Da ist irgendetwas in ihm drin, was arbeitet. Ohne mich? Er sieht, wie Menschen Trost finden in ihrem Glauben, in der Gemeinschaft mit andern. Er sieht Menschen, die aus dem Gebet Kraft schöpfen und mit unvorstellbaren Situationen fertig werden. Er erlebt, wie Menschen Freude und Geborgenheit in einer christlichen Gemeinschaft finden. Ohne mich? Auf einmal gibt es einen Knacks im Leben. Verlust der Gesundheit, des Arbeitsplatzes, der Tod eines Menschen - und irgendwie geht dieser Mensch doch hin und lässt sich auf Gotte Sache ein. Versucht ein Gebet, ganz im stillen Kämmerlein. Liest in der Bibel. Ist da und übt praktische Nächstenliebe. Ganz am Rande und immer selbstbewusster. Vielleicht trägt dieser Mensch lange, bunte Haare oder auch Nadelstreifen auf dem teuren Anzug. Ist einfach da, wenn man ihn braucht. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder, einer meiner geringsten Schwester getan habt, das habt ihr mir getan“, so sagt es der Weltenrichter bei Matthäus wenige Kapitel weiter. „Aber wann haben wir dich denn je als so geringen Menschen gesehen?“ Fragen die Menschen - überrascht die einen, erschreckt die anderen. Gottes Gerechtigkeit ist eine andere als die menschliche Gerechtigkeit. Bei Gott kommt es auf das Tun an - das hören stolze Protestanten nicht so gern, die sich allzu gern auf dem Satz ausruhen: „Der Mensch ist gerecht allein aus Gnade ohne Werke.“

Aber Jesus wäre gänzlich missverstanden, wenn es bei ihm eine Gerechtigkeit zum Nulltarif, zu Schleuderpreisen gäbe. Christus baut auf Menschen, die JA-TUN, die da sind, wenn sie gebraucht werden, unwichtig, was sie wann wo und wie immer auch gesagt haben. Auf das Tun kommt es Jesus an, nicht auf das Reden.

NEIN-SAGER und JA-TÄTER. Aber sie haben Brüder: Die JA-SAGER. Auch ihnen wird der Auftrag erteilt: Liebt Gott und den Nächsten wie dich selbst. „Na klar“, sagen die. Ihre Erziehung, ihre Herkunft, ihre Bildung lassen gar keine andere Antwort zu. Gutes tun - dafür sind sie immer zu haben. Sie wissen immer den rechten Weg. Natürlich sind sie Realisten genug zuwiesen, dass man nicht immer auf dem rechten Weg gehen kann. „Ein Wegweiser geht nicht mit.“ Ist ihr Prinzip. Sie wissen, wie schwierig es ist, im Einzelfall das Richtige zu tun und haben viel Verständnis für das Zögern, Wegschauen, Das-Eigene-Schäfchen-Ins-Trockene-Bringen. Sie fühlen sich ganz wohl in ihrer Position. In der Kirche sind wir in jeder Sonntagsrede für Arbeit für alle, für das Teilen, für den gerechten Umgang mit der Macht und dass man nicht immer nur auf das Geld starren darf. Dass man dann aber doch im Einzelfall nicht so kleinlich bei Entlassungen sein darf, dass man sinnvollerweise als erstes an sich selber denkt und sich klarmacht, dass man ja doch nicht die ganze Menschheit retten kann - das versteht sich eben von selbst.

Ihr lieben JA-SAGER und NEIN-TUER, sagt Jesus unmissverständlich, aus eurem Holz sind nicht die, mit denen ich meine Sache in der Welt durchsetzen kann. Mit dieser Haltung kommt ihr dem Pharisäer nahe, der - immerhin mit einer gewissen Berechtigung -sagen konnte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner.

Gott bekennt sich in Jesus: Er ist auf der Seite der Im-Leben-Zu-Kurz-Gekommenen. Nicht auf der Seite der Selbstgerechten, derer, die sich zu den Gewinnern zählen. Er dreht die Machtverhältnisse um: Sage mir, wofür du dich einsetzt, was du tust - und ich sage dir, ob du siegen wirst oder verlieren.

NEIN-SAGER und JA-TUER und JA-SAGER und NEIN-TUER? Wer ist sympathischer, liebe Schwestern und Brüder? Wo entdecken wir uns selbst wieder? Also, lieber natürlich bei den NEIN-SAGERN und JA-TUERN, nicht wahr? Aber vorsichtig! Beides sind Brüder! Beide sind ganz nah miteinander verwandt! In mir jedenfalls steckt beides. Ich stehe auf der Kanzel und bin dann z.B. ein JA-SAGER. Das fällt mir manchmal leichter als das kompromisslose Kämpfen für Gerechtigkeit und Teilen in den alltäglichen Problemen der Gemeinde und der Kirche. Ich will mich gar nicht erheben über etwaige Heuchler, vielleicht bin ich dann der größte von allen.

Beides sind Brüder: NEIN-SAGER und JA-SAGER. Worauf es allein ankommt, ist das TUN des Gerechten. Jesus will hier nicht zwei Gruppen, zwei Typen von Menschen aufbauen und unversöhnlich nebeneinander stellen. BEIDES steckt in uns: das TUN des Gerechten und die Heuchelei. Er will uns vielmehr schütteln und rütteln: Welche Worte gebrauchst du? Stehen sie im Einklang mit deinem Tun? Meinst du, ein theoretisches Wissen über die Rettung eines Ertrinkenden reicht schon aus, um dem ins Wasser Gefallenen zu helfen - oder meinst du nicht, du musst selbst ins Wasser springen und ihn herausziehen?

Und Christus baut auf Menschen, die nicht bloß reden, sondern die handeln. Die eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit in sich tragen. Die noch leiden können. Die sensibel und verletzlich reagieren auf Hass und Unterdrückung. Die die Verpestung der Umwelt als eine Missachtung der Liebe zum Schöpfergott begreifen. Die noch eine dünne Haut haben und nicht bloß abgestumpft sind gegen alle düsteren Nachrichten. Und die vor allem etwas tun. Die nicht nur jammern, sondern handeln. Die wenigstens in ihrem begrenzten Umfeld aufstehen gegen Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und fehlende Gottesliebe.

Mir ist eine ganz überraschende Parallele von NEIN-SAGERN und JA-TUERN aufgegangen, damit möchte ich schließen: nämlich den Dualismus von Wort und Sakrament. Das scheint ein bisschen überraschend. Aber wie viele Worte werden nicht in der Kirche gemacht! „Wir sollten Kirche des Wortes sein, aber wir sind mehr Kirche der Wörter.“ Sagte mal jemand - und es ist so falsch nicht. Worte der nicht eingehaltenen Versprechen, der nicht eingelösten Erwartungen, der unverbindlichen Vertröstungen, des Eigenlobs, des Über-Sich-Selbst-Jammerns. Mit Wort aber ist eigentlich nur das Wort Gottes gemeint, um das es in der Kirche gehen soll. Und dieses Wort ist immer gleichzeitig auch Tat. Soziale Tat, der Einsatz für die Schwächsten der Schwachen, das Sprachrohr sein für die Stummen, die letzte Hoffnung für die Verzweifelten. Aber es ist auch Tat im Sinne von Sakrament. Sakrament ist per Definition „ein Heilszeichen, das bewirkt, was es anzeigt“. Was eine Taufe, ein Abendmahl bedeutet, das erlebt, wer hingeht und sich beteiligt. Da wird es endlich verbindlich. Da kann einer endlich etwas von Gottes Kraft und Macht erleben, da geschieht etwas, tut sich etwas. Ich kann nur immer neu Mut machen, von dem bloßen Reden wegzukommen und das zu tun, wozu uns Gott einlädt: Seinen Zeichen zu trauen, in der Taufe zu erfahren, dass wir von Gott geliebte Kinder sind, dass er die Macht hat im Himmel und auf Erden und im Abendmahl die Nähe und Versöhnung zu feiern, die Überwindung des riesigen Grabens, der uns von Gott und unseren Mitmenschen trennt.

Am Freitag habe ich Lea-Larissa beerdigen müssen. Sie wurde 11 Wochen alt. Die Eltern haben trotz ihrer Sorge und ihres Schmerzen mich auf die Intensiv-Station der Klinik rufen lassen, damit sie getauft wurde. Und jetzt in der Trauer ist dies für sie ein Halt: Gott hat sich dieses Menschenlebens angenommen. In der Taufe haben sie eine Kraft erfahren, die sie daran glauben lässt, dass nun ihre Tochter ganz bei Gott ist. Nicht, dass sich Gott nicht auch der ungetauften Menschen annähme. Aber wir Menschen brauchen sichtbare Zeichen der Hoffnung. Wir brauchen Menschen, die das richtige tun und nicht nur davon reden. Und wir selber sind gut beraten, uns selber auf den Weg zu machen und nicht nur zu reden. Im konkreten Tun, im Erleben der Wirksamkeit Gottes, liegt soviel Kraft.

Hört nicht allein auf die Worte, sagt Jesus. Tut, wozu ihr eingeladen sein. Es gibt auch andere, die längst das tun, was mein Wille ist - nämlich Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Wie wär’s, wenn ihr aufsteht und mit mir diesen Weg der Liebe geht? Vergebung und Liebe erfahrt und dass Gott ein starker Gott ist, stärker als alles Leid?!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.