Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Jesaja 29, 17-24
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.
Drei Sätze aus dem Predigttext:
„Die Augen der Blinden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“
Soweit der Prophet Jesaja. Gott segne dein Wort an uns
allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
damals zur Zeit des Jesaja ging alles drunter und drüber. Es war eigentlich
eine Zeit des Untergangs. Der Kleinstaat Juda war am Ende, die so genannte
Führungselite unfähig, die Verantwortlichen des Tempels in Jerusalem feige und
unglaubwürdig, die einfachen Leute unterdrückt, verängstigt und gelähmt. Und
Gottes Wort in dieser Zeit war: der Untergang kommt - und ihr habt ihn euch
selbst zuzuschreiben.
Mitten in diese Situation hinein diese so mutmachenden, aufbauenden,
hoffnungsvollen Worte. Hier spricht einer, der nicht miteinstimmt in das
allgemeine Gejammer. Hier ist einer, der auf Gott setzt und der den Mut hat,
in schweren Zeiten über den Horizont hinauszublicken auf das, was wirklich
wichtig ist - und was wirklich Gottes Wille ist.
Hier spricht aber auch einer, der Grund genug zur Klage hätte. Der Prophet
weiß, dass die Not in seinem Land sehr groß ist. Er kennt die Verzweiflung,
die Angst, die Sorge um die Zukunft am eigenen Leib. Er ist eng verbunden mit
der Klage der einfachen Leute, die so ohnmächtig zu Opfern werden. Da, wo alle
Werte zerbrechen, da wo sich die Reichen rücksichtslos bereichern und die
Mächtigen in Politik und Kirche versagen, da sind es immer die kleinen Leute,
die die Zeche bezahlen. Der Prophet leidet mit. Er sagt nicht: Weiter so! Wir
schaffen das schon! Er will nicht vertrösten und sinnlose Durchhalte-Parolen
ausgeben.
Er gibt auf dem Höhepunkt der Sorge um die Zukunft einen Einblick in Gottes
Sicht der Dinge. Das ist etwas ganz anderes als „positives Denken“ und ein „Es
wird schon wieder.“ Der Prophet nimmt das Düstere, das Traurige, die Sorgen
der Menschen ernst und sagt: „Ja, auch das ist ein Teil des Lebens. Auch das
Leid, auch die Furcht, sogar der Tod gehören dazu. Und - ihr könnt nicht
einmal Gott dafür verantwortlich machen, ihr habt selbst schuld daran.“
„Wie kann man heute Kinder in die Welt setzen, wo alles so schlimm ist!“ sagte
ein junges Ehepaar unserer Zeit. So als sei unsere Zeit die schlimmste, die es
je gab. Ich bestreite gar nicht, dass unsere Zeiten keine gute
Zukunftsprognosen enthalten - aber: es gab immer schon Zweifel, ob es gut mit
der Welt weitergehen wird. Vielleicht erleben wir schon jetzt Zeichen des
Kampfes zwischen Gut und Böse, wer weiß das schon. Aber die schlechteste aller
Haltungen und - nebenbei: die unchristlichste - wäre es, die Hände in den
Schoß zu legen und still vor sich hinzujammern. „Und wenn morgen die Welt
unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das war der
Glaube Martin Luthers.
Gott ist nicht derjenige, der uns ein leidloses, immer erfolgreiches Leben
verspricht. Das tun gerne Politiker, Versicherungsvertreter, Sektengurus,
Bankinstitute und Börsianer. Und genau die halten nicht, was sie versprechen.
Gott verspricht etwas anders - und er verspricht mehr: „Ich gebe euch eine
gute Zukunft. Ich werde den Tyrannen den Mund stopfen und die Mächtigen
lächerlich machen. Ich werde den einfachen Menschen die Augen öffnen und die
Ärmsten der Armen belohnen. Die Menschen werden unendlich fröhlich werden und
feiern. Am Ende wird die Dummheit besiegt und der Verstand wird sich
durchsetzen. Und selbst die Unbelehrbaren werden ein Einsehen haben.“
Welche eine Vision für die Zukunft! Was für eine Hoffnung! Ist dieser Prophet
ein Träumer, ein Spinner? Ja, wenn er sagt: Wir Menschen werden das erreichen,
weil wir so tüchtig und intelligent sind. Nein, wenn er sagt: Gott wird es so
machen. Gott wird dieses Friedensreich aufrichten. Es kommt, er ist schon auf
dem Weg - und es lohnt sich, durchzuhalten und zu warten. Gott wird siegen.
Und er wird uns die Kraft geben, dass wir neuen Mut, neue Hoffnung bekommen.
Gott gibt die Kraft - weil er noch viel mit uns vorhat, weil das Beste noch
kommt. Ja, es gibt Leid, es gibt sogar die Macht des Todes. Doch stärker ist
Gottes Kraft, sie hat den Tod besiegt, in Jesus Christus hat Gott die Freiheit
vom Tod erzwungen.
Die Wiederkunft Christi - wie viel Angst und Schrecken werden damit
verbreitet. Aber die Bibel sieht darin ein Freudenereignis! Wenn Christus
kommt, wird dieses Friedensreich anbrechen. Es werden die Tyrannen und
Ungerechten gestürzt, aber die Mühseligen und Beladenen werden aufatmen und
lachen und sich freuen ohne Ende. Es wird gut ausgehen - deshalb lohnt es
sich, schon jetzt fröhlich und freudig loszugehen und aller Angst und Sorge
ins Gesicht zu lachen. Gott geht mit - und er gibt uns die Kraft, mit allem,
wirklich allem, fertig zu werden. Das ist die Grundhaltung des Glaubens: Sich
der Zukunft Gottes anzuvertrauen, der schon den Weg bahnen wird - und seien
die Umstände noch so kompliziert. Dazu folgende abschließende Geschichte:
Die Bibel sollte in einen aztekischen Indianerdialekt Mexikos übersetzt
werden. Das Problem war: Es gab in diesem Dialekt kein Wort für „Glaube“.
Schließlich fanden die Übersetzer folgende Lösung. Dieser Indianer waren ein
sehr kriegerisches Volk. Befanden sie sich auf dem Kriegspfad, so ging immer
der Häuptling voran, der weiseste und stärkste und erfahrenste des Stammes. Er
bahnte den Weg durch den Urwald und führte in die richtige Richtung. In seinem
Kopf war der Plan für den Sieg. Und es gab einen Ausdruck „dicht hinter dem
Häuptling gehen“. Diesen Ausdruck wählten die Übersetzer für den Begriff
„Glaube“. Das verstanden die mexikanischen Indianer. „Dicht hinter dem
Häuptling gehen“ hieß Vertrauen-Haben-Können und Schutz; wissen, wohin der Weg
führt, begründete Hoffnung, am Ende zu den Siegern zu gehören.
Solchen Glauben wünsche ich uns allen. Denen, die das Leben noch vor sich
haben; denen, die vor Leid und Sorge kein Vertrauen in die Zukunft besitzen,
denen, die nicht wissen, wem sie sich anvertrauen sollten und wohin sie der
Lebensweg führt. Es ist ein wunderbares Angebot, was der Glaube macht:
Vertraut Gott - und er führt euch in die Fülle eines beglückenden Lebens.
Amen.