Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 12. September 2004

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

II. Reihe: Röm 8,(12-13)14-17

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, steht im Römerbrief im 8. Kapitel:

(Denn) welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind.
Sind wir aber Gottes Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

- Liebe Gemeinde, ich habe nachgezählt: das Wort „Geist“ kommt in unserem Predigttext insgesamt fünfmal vor – ziemlich oft für ein so kurzes Stückchen Text!
Gemeint ist natürlich kein neblig-waberndes Wesen, wie wir es aus Kinderbüchern kennen – kein Gespenst -, sondern „Geist“ als eine Macht, die uns, unser Denken, Wollen und Handeln bestimmt. „Geist“ als dasjenige, das uns im Innersten motiviert und antreibt, uns so zu verhalten, wie wir es tun.
Was ist es, das uns bewegt und treibt? Das uns veranlasst, etwas Bestimmtes zu tun und anderes zu lassen? - Es mögen Ideale und Überzeugungen sein, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger, zu manchen Zeiten mehr, zu anderen weniger, - oft aber sind diese Ideale und Überzeugungen dominiert von der Sorge um uns selbst: Geht es mir gut? Bin ich versorgt? Kann ich mithalten mit „den anderen“, bin ich anerkannt, stehe ich im Vergleich gut genug da und gehe nicht unter? Was denken die Nachbarn? Werde ich als die oder der wahrgenommen, die / der ich gerne sein möchte: nett, freundlich, hilfsbereit, erfolgreich, selbstsicher, cool – was immer einem als Attribut für einen selbst erstrebenswert erscheinen mag, komme ich auch nicht zu kurz? Oder auch: mache ich auch alles richtig, so wie es von mir erwartet wird? – Diese Sorge um uns selbst kann auch unser Verhältnis zu Gott betreffen: Bin ich demütig genug, hilfsbereit genug gegenüber meinem Nächsten, „fromm“ genug, dass Gott mich lieben und als sein Kind anerkennen kann?
- Hinter all diesen Geistern der Sorge um uns selbst steckt Angst. Angst davor, dass, wenn wir nicht selber immerzu aufpassen und auf uns achten, es uns schlecht geht und wir untergehen.
Im Predigttext heißt dieser Geist der Angst „knechtischer Geist“: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet“. Der Geist der Angst als ein Geist, der uns knechtet, unter dessen Knute wir stehen, der uns einengt, uns die Luft zum Atmen und den Blick über uns selbst hinaus nimmt.
Der Predigttext sagt aber: Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, ihr habt einen kindlichen Geist empfangen! – Genauso häufig wie das Wort „Geist“, nämlich fünfmal, kommen in unserem Predigttext die Worte „Kinder“, „kindlich“, „Vater“ vor, Worte, die das Verhältnis von Gott und Mensch beschreiben als ein Eltern-Kind-Verhältnis. Gott als unser Vater – und unsere Mutter -, der uns liebt, wie Vater und Mutter ihr Kind – ohne Grund, einfach nur, weil es da ist und ihr Kind ist. Wenn wir uns so als Kinder Gottes, unseres Vaters, empfinden, dann können wir rufen, wie es im Predigttext steht: „Abba, lieber Vater!“. „Abba“, das kennt jeder und jede von Ihnen und können Sie alle übersetzen, heißt so viel wie „Papa“ – eine liebevolle und vertrauensvolle Anrede an den eigenen Vater. „Papa“ gehört zu den ersten Worten, die ein Kind lernt, „Papa“ ist der, an den sich ein Kind mit allem, was es beschäftigt und umtreibt, wendet. Gott ist hier nicht der Ferne, Unnahbare, Drohende, Gott ist ganz nah, umgibt uns mit seiner Fürsorge und Liebe. – „Abba, lieber Vater“ erinnert auch an den Beginn des Gebets, das wir in jedem Gottesdienst miteinander beten: „Vater unser..“.
Ein solches Verhältnis zu Gott ist Ausdruck des „kindlichen“ Geistes, der das genaue Gegenteil des „knechtischen“ Geistes ist.
Diesen Geist, den kindlichen Geist, verspricht uns Gott, und damit einen Geist, der die Sorge um uns von unseren eigenen Schultern nimmt. Unsere Sorge um uns selbst müssen nicht mehr wir tragen – Gott trägt sie und befreit uns so von der Knechtschaft der Angst.
Aber, so könnte einer jetzt einwenden, - ehrlich gesagt, ich kenne ein solches ideales Vater-Kind- bzw. Mutter-Kind-Verhältnis gar nicht, mein Vater war nicht besonders liebevoll, meine Mutter überfordert damit, für Kinder und Haushalt zu sorgen. Ein anderer könnte darauf hinweisen: Ich hatte nie einen Vater, meine Mutter musste arbeiten, ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, für die eher ich sorgen musste als dass sie Kraft gehabt hätte, für mich zu sorgen. Ein dritter fragt: Gott? Von dem habe ich schon lange nichts mehr gehört. – Ich glaube, wir alle, die wir hier sitzen, kennen auch diese Perspektiven. Die wenigsten von uns können auf ein tadel- und makelloses Verhältnis zu ihren Eltern zurückgreifen, irgendetwas gibt es immer, worunter wir gelitten haben, was uns gekränkt hat und auch heute noch kränkt und traurig macht.
Ebenso kennen wir alle wahrscheinlich auch Zeiten, in denen uns Gott alles andere als väterlich-fürsorglich erschienen ist, Zeiten, in denen wir den Eindruck hatten, er habe sich abgewandt, interessiere sich nicht mehr für uns. Zeiten, in denen wir wie erschlagen waren von dem, was uns im Leben zugemutet wurde, Zeiten, von denen wir den Eindruck hatten, wir verbrächten sie ohne Gott, ganz allein und auf uns gestellt.
Trotzdem war und ist da immer die Sehnsucht: die Sehnsucht nach der Liebe des Vaters, der Fürsorge der Mutter, die Sehnsucht nach der Nähe Gottes. Wir haben eine Ahnung davon, wie es sein könnte. Wir haben eine Ahnung von der väterlichen Liebe, der mütterlichen Fürsorge, dem nahen Gott. Wir haben eine Ahnung davon, weil wir alle irgendwann und irgendwie Liebe, Fürsorge und Nähe erfahren haben – zwar nur bruchstückhaft und alles andere als vollkommen, aber dann doch so sehr, dass wir wissen, wonach wir uns sehnen, was wir uns wünschen.
- Der kindliche Geist – wie erreichen wir den? Was müssen wir tun, damit wir ihn kriegen?
Der Predigttext nennt nur ein Wort: „empfangen“. „Empfangen“, das heißt: wir müssen gerade nichts tun, keine Anstrengung unternehmen, uns nicht abmühen, sondern uns nur dem, was uns gegeben wird, öffnen. Wir nehmen etwas an, das uns geschenkt wird.
Gott schenkt uns den kindlichen Geist – jedem und jeder von uns. Wir werden zu Kindern Gottes. - Kinder Gottes, deren Denken, Wollen und Handeln sich nicht mehr aus der Sorge um sie selbst speist, die nicht mehr dem knechtischen Geist der Angst unterliegen, weil sie wissen, dass Gott sich um sie sorgt. Kinder Gottes sind frei, den Blick von sich selbst weg auch auf „die anderen“, die Nächsten, und auf Gott hin zu richten. Sie können Gott für seine Güte danken, ihn preisen und loben.
Sich Gottes Geist zu öffnen heißt aber auch: sich seinem Wirken in uns zu öffnen, sein Wirken in uns zuzulassen. Gottes Geist wirkt auf seine Weise, nicht immer unbedingt so, wie wir es erwartet hätten, auch nicht immer unbedingt so, wie wir es vielleicht selber für uns entschieden hätten. Gottes Geist mag uns auf Wege führen, die uns unbekannt sind, vielleicht auch unbequem – als Gottes Kinder vertrauen wir darauf, dass er es gut mit uns machen wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.