Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe
II. Reihe: Röm 8,(12-13)14-17
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist, steht im
Römerbrief im 8. Kapitel:
(Denn) welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind.
Sind wir aber Gottes Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
- Liebe Gemeinde, ich habe nachgezählt: das Wort „Geist“ kommt in unserem
Predigttext insgesamt fünfmal vor – ziemlich oft für ein so kurzes Stückchen
Text!
Gemeint ist natürlich kein neblig-waberndes Wesen, wie wir es aus
Kinderbüchern kennen – kein Gespenst -, sondern „Geist“ als eine Macht, die
uns, unser Denken, Wollen und Handeln bestimmt. „Geist“ als dasjenige, das uns
im Innersten motiviert und antreibt, uns so zu verhalten, wie wir es tun.
Was ist es, das uns bewegt und treibt? Das uns veranlasst, etwas Bestimmtes zu
tun und anderes zu lassen? - Es mögen Ideale und Überzeugungen sein, bei dem
einen mehr, bei dem anderen weniger, zu manchen Zeiten mehr, zu anderen
weniger, - oft aber sind diese Ideale und Überzeugungen dominiert von der
Sorge um uns selbst: Geht es mir gut? Bin ich versorgt? Kann ich mithalten mit
„den anderen“, bin ich anerkannt, stehe ich im Vergleich gut genug da und gehe
nicht unter? Was denken die Nachbarn? Werde ich als die oder der wahrgenommen,
die / der ich gerne sein möchte: nett, freundlich, hilfsbereit, erfolgreich,
selbstsicher, cool – was immer einem als Attribut für einen selbst
erstrebenswert erscheinen mag, komme ich auch nicht zu kurz? Oder auch: mache
ich auch alles richtig, so wie es von mir erwartet wird? – Diese Sorge um uns
selbst kann auch unser Verhältnis zu Gott betreffen: Bin ich demütig genug,
hilfsbereit genug gegenüber meinem Nächsten, „fromm“ genug, dass Gott mich
lieben und als sein Kind anerkennen kann?
- Hinter all diesen Geistern der Sorge um uns selbst steckt Angst. Angst
davor, dass, wenn wir nicht selber immerzu aufpassen und auf uns achten, es
uns schlecht geht und wir untergehen.
Im Predigttext heißt dieser Geist der Angst „knechtischer Geist“: „Ihr habt
nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten
müsstet“. Der Geist der Angst als ein Geist, der uns knechtet, unter dessen
Knute wir stehen, der uns einengt, uns die Luft zum Atmen und den Blick über
uns selbst hinaus nimmt.
Der Predigttext sagt aber: Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
ihr habt einen kindlichen Geist empfangen! – Genauso häufig wie das Wort
„Geist“, nämlich fünfmal, kommen in unserem Predigttext die Worte „Kinder“,
„kindlich“, „Vater“ vor, Worte, die das Verhältnis von Gott und Mensch
beschreiben als ein Eltern-Kind-Verhältnis. Gott als unser Vater – und unsere
Mutter -, der uns liebt, wie Vater und Mutter ihr Kind – ohne Grund, einfach
nur, weil es da ist und ihr Kind ist. Wenn wir uns so als Kinder Gottes,
unseres Vaters, empfinden, dann können wir rufen, wie es im Predigttext steht:
„Abba, lieber Vater!“. „Abba“, das kennt jeder und jede von Ihnen und können
Sie alle übersetzen, heißt so viel wie „Papa“ – eine liebevolle und
vertrauensvolle Anrede an den eigenen Vater. „Papa“ gehört zu den ersten
Worten, die ein Kind lernt, „Papa“ ist der, an den sich ein Kind mit allem,
was es beschäftigt und umtreibt, wendet. Gott ist hier nicht der Ferne,
Unnahbare, Drohende, Gott ist ganz nah, umgibt uns mit seiner Fürsorge und
Liebe. – „Abba, lieber Vater“ erinnert auch an den Beginn des Gebets, das wir
in jedem Gottesdienst miteinander beten: „Vater unser..“.
Ein solches Verhältnis zu Gott ist Ausdruck des „kindlichen“ Geistes, der das
genaue Gegenteil des „knechtischen“ Geistes ist.
Diesen Geist, den kindlichen Geist, verspricht uns Gott, und damit einen
Geist, der die Sorge um uns von unseren eigenen Schultern nimmt. Unsere Sorge
um uns selbst müssen nicht mehr wir tragen – Gott trägt sie und befreit uns so
von der Knechtschaft der Angst.
Aber, so könnte einer jetzt einwenden, - ehrlich gesagt, ich kenne ein solches
ideales Vater-Kind- bzw. Mutter-Kind-Verhältnis gar nicht, mein Vater war
nicht besonders liebevoll, meine Mutter überfordert damit, für Kinder und
Haushalt zu sorgen. Ein anderer könnte darauf hinweisen: Ich hatte nie einen
Vater, meine Mutter musste arbeiten, ich bin bei meiner Großmutter
aufgewachsen, für die eher ich sorgen musste als dass sie Kraft gehabt hätte,
für mich zu sorgen. Ein dritter fragt: Gott? Von dem habe ich schon lange
nichts mehr gehört. – Ich glaube, wir alle, die wir hier sitzen, kennen auch
diese Perspektiven. Die wenigsten von uns können auf ein tadel- und makelloses
Verhältnis zu ihren Eltern zurückgreifen, irgendetwas gibt es immer, worunter
wir gelitten haben, was uns gekränkt hat und auch heute noch kränkt und
traurig macht.
Ebenso kennen wir alle wahrscheinlich auch Zeiten, in denen uns Gott alles
andere als väterlich-fürsorglich erschienen ist, Zeiten, in denen wir den
Eindruck hatten, er habe sich abgewandt, interessiere sich nicht mehr für uns.
Zeiten, in denen wir wie erschlagen waren von dem, was uns im Leben zugemutet
wurde, Zeiten, von denen wir den Eindruck hatten, wir verbrächten sie ohne
Gott, ganz allein und auf uns gestellt.
Trotzdem war und ist da immer die Sehnsucht: die Sehnsucht nach der Liebe des
Vaters, der Fürsorge der Mutter, die Sehnsucht nach der Nähe Gottes. Wir haben
eine Ahnung davon, wie es sein könnte. Wir haben eine Ahnung von der
väterlichen Liebe, der mütterlichen Fürsorge, dem nahen Gott. Wir haben eine
Ahnung davon, weil wir alle irgendwann und irgendwie Liebe, Fürsorge und Nähe
erfahren haben – zwar nur bruchstückhaft und alles andere als vollkommen, aber
dann doch so sehr, dass wir wissen, wonach wir uns sehnen, was wir uns
wünschen.
- Der kindliche Geist – wie erreichen wir den? Was müssen wir tun, damit wir
ihn kriegen?
Der Predigttext nennt nur ein Wort: „empfangen“. „Empfangen“, das heißt: wir
müssen gerade nichts tun, keine Anstrengung unternehmen, uns nicht abmühen,
sondern uns nur dem, was uns gegeben wird, öffnen. Wir nehmen etwas an, das
uns geschenkt wird.
Gott schenkt uns den kindlichen Geist – jedem und jeder von uns. Wir werden zu
Kindern Gottes. - Kinder Gottes, deren Denken, Wollen und Handeln sich nicht
mehr aus der Sorge um sie selbst speist, die nicht mehr dem knechtischen Geist
der Angst unterliegen, weil sie wissen, dass Gott sich um sie sorgt. Kinder
Gottes sind frei, den Blick von sich selbst weg auch auf „die anderen“, die
Nächsten, und auf Gott hin zu richten. Sie können Gott für seine Güte danken,
ihn preisen und loben.
Sich Gottes Geist zu öffnen heißt aber auch: sich seinem Wirken in uns zu
öffnen, sein Wirken in uns zuzulassen. Gottes Geist wirkt auf seine Weise,
nicht immer unbedingt so, wie wir es erwartet hätten, auch nicht immer
unbedingt so, wie wir es vielleicht selber für uns entschieden hätten. Gottes
Geist mag uns auf Wege führen, die uns unbekannt sind, vielleicht auch
unbequem – als Gottes Kinder vertrauen wir darauf, dass er es gut mit uns
machen wird.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen.