Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Markus 1, 40 - 45
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
„Nenn dich nicht arm, weil deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.“ Marie von Ebner-Eschenbach spricht zu den Menschen, die enttäuscht sind vom Leben. Die sich mit anderen vergleichen und meinen, sie sind zu schlecht weggekommen, weil andere reicher sind - an Erfahrungen, an Geld, Einfluss oder Macht. Und solche sind angesprochen, für die Träume nur Schäume sind. Für die diejenigen, die meinen, wer Visionen hat, muss in die Klinik, und für die nur wichtig ist, was am Ende rauskommt, was sich rechnet. In der kleinen Begebenheit, die heute unser Predigttext ist, begegnet uns ein solcher Träumer. Er ist leprakrank, das hieß damals, für ihn war ein baldiger doppelter Tod bestimmt: einmal starb er an seiner Krankheit und zum anderen starb er schon zuvor den gesellschaftlichen Tod; denn Lepra galt als unrein. So hatte er die Gemeinschaft mit anderen für immer zu meiden. Um diesen Mann geht es - und um einen anderen, nämlich Jesus, dem die Träumer wichtig sind, weil er selbst ein Träumer ist:
Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, fiel vor ihm nieder, umklammerte seine Knie und flehte ihn an: „Du kannst mich rein machen, wenn du es nur willst.“ Und Jesus streckte voll Mitleid seine Hand aus, berührte den Aussätzigen und sagte: „Ich will es. Werde rein.“ Und kaum hatte er das gesagt, da verschwand der Aussatz.
Und kaum war der Kranke rein, da herrschte Jesus ihn an: „Geh jetzt, aber sag keinem etwas. Zeige dich dem Priester und bringe zum Dank für die Heilung vom Aussatz die Opfer dar, die Mose vorgeschrieben hat. Das wird den Priestern meine Vollmacht beweisen.“
Dann ging er davon und predigte von da an viel und verbreitete die Botschaft. Daraufhin konnte er sich nicht mehr in der Stadt sehen lassen, sondern musste sich draußen in der Wüste aufhalten, und die Menschen kamen von überall her zu ihm.
Soweit unser Predigttext. Er steht im Evangelium nach
Markus im 1.Kapitel, die Verse 40 - 45. Gott segne dein Wort an uns allen.
Der Aussätzige träumte doch tatsächlich davon, dass Jesus ihn heilen würde! Er
sah in ihm den Messias, den Heiland, den der in der Tat die Macht dazu hätte -
aber dazu müsste er ihn berühren, ihm nahe kommen - ja, er müsste es einfach
wollen! Aber wenn Jesus wirklich der Sohn Gottes ist, warum sollte er es tun?
Warum sich dann mit einem solchen Unreinen beschäftigen? Der Aussätzige geht
soweit, dass er die Knie Jesu umklammert - und jetzt geschieht das wirkliche
Wunder: Jesus hat Mitleid. „Es jammerte ihn“ heißt es in der Übersetzung
Martin Luthers. Der Sohn Gottes ist zum Mitleid fähig. Er braucht die Wunder
nicht, um sich etwas zu beweisen. Die Menschen brauchen die Wunder nicht, um
Jesus zu verstehen, im Gegenteil, dazu kommen wir später, die Wunderheilung
wird völlig missverstanden. Das Elend des Aussätzigen rührt Jesu Herz. Er -
und das ist eigentlich für einen frommen Juden die Verletzung eines heiligen
Gebotes - berührt den Kranken. Jesus hat den Heiligen Geist erhalten und ist
daher REIN - das verleiht ihm die Kraft, auch Unreines rein zu machen. Das ist
ganz anders als bei den Pharisäern, die sich zum Schutz ihrer Reinheit
absondern und durch das VERMEIDEN des Kontaktes mit Unreinen rein bleiben
wollen.
Der Aussätzige findet ins Leben zurück, weil er den Mut hatte zum Träumen. Und
weil Jesus Mitleid hatte mit diesem armen Menschen, der nichts hatte als
seinen Traum, heilte er ihn. Doch warum wird uns diese Geschichte erzählt? Wir
erleben immer wieder ganz andere Geschichten - dass da Gott kein Mitleid hatte
mit Menschen, die unheilbar krank waren, die auch gehofft, um Heilung gebetet
haben - und doch gestorben sind. Warum fragen wir dann. Warum hat Gott nicht
geholfen? Dann wird eine Rechnung aufgemacht: Ich bin doch auch nicht
schlechter als andere, Gott muss doch helfen, ich habe ein Recht darauf.
So aber wird der Aussätzige nicht geheilt. So findet er seinen Heiland nicht.
Er hat einen Traum. Und dieser Traum heißt: Jesus Christus. Ihm traut er die
Heilung zu: „Du kannst mich heilen!“ Aber -und das können wir nach diesem Satz
zum besseren Verständnis ergänzen: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.
Das erweicht das Herz Jesu. Er heilt - obwohl er gegen diese Heilung größte
Bedenken hat.
Denn sogleich nach der Heilung überkommt ihn ein ganz anderes Gefühl. Statt
Mitleid: Aggression! Ja, Jesus wird richtig böse und zischt den Geheilten an,
droht ihm und scheucht ihn auf unbarmherzige Weise weg: „Geh sofort zu den
Priestern - die sollen sehen, dass mit mir der Heiland in die Welt gekommen
ist, der Aussätzige heilen kann!“ Wir sind einigermaßen überrascht. Dieses
Verhalten Jesu stellt unser Bild von ihm auf den Kopf. Der ist auf einmal kein
bisschen sanft und lieb, der ist aggressiv und anscheinend gar nicht mehr an
dem Geheilten interessiert.
Jesus schickt den Geheilten zu den Priestern, zur jüdischen
Gesundheitsbehörde, damit diese Zeugen für seine Heilertätigkeit werden. Aber
der Geheilte befolgt den Befehl Jesu nicht, sondern beginnt gleich mit der
umfassenden Verkündigung - das hat für Jesus Folgen, die er nicht wollte.
Jesus wollte nicht, dass die Menschen in ihm einen Wundertäter sehen, dass
seine Heilungen überall bekannt wurden. Er wollte nicht, dass alle Welt ihn
bedrängt und er nicht mehr seine Botschaft von dem nahen und zugleich heiligen
Gott an den einzelnen Menschen bringen konnte. Jesus flieht in die Wüste. Da,
wo man ihn als Sensation anhimmeln möchte, von ihm Wunder erwartet, die nur
einem selbst nutzen und weiterbringen - damit will Jesus nichts zu tun
haben!!!
Er weiß, diesen Menschen, die nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind,
denen geht es gar nicht darum, diesem Jesus von Nazareth wirklich zu begegnen.
Sie wollen ihn für sich nutzen, aber sich nicht von ihm in den Dienst nehmen
lassen. Geblendet sind sie von sich selbst, von ihren eigenen Vorstellungen
und Ideen. Sie wollen nur den strahlenden Helden Jesus, den sympathischen,
glänzenden Wundertäter und Heiler. Sie wollen keinen Leidenden, keinen
Versager, vor allem wollen sie selbst kein Leid, kein Versagen. Sie wollen
Jesus ganz oben, damit sie selbst ganz oben sein können und sich in seinem
Ruhm sonnen.
Sie sehen gar nicht, was die Wunder Jesu eigentlich sein wollen: Anzeichen der
beginnenden Gottesherrschaft, Zeichen auf welcher Seite der Sohn Gottes steht:
nämlich auf der Seite der Ausgestoßenen, Verlorenen, Entrechteten. Diese
Gottesherrschaft bringt die Umwertung aller Werte: Das Kleine wird groß, das
Grosse wird klein. Und deshalb ist Jesus auch als Träumer zu bezeichnen. Er
hat den großen Traum vom Reich Gottes. Davon, dass allen Menschen geholfen und
sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Dieser Traum ist der wichtigste. Für
diesen Traum lebt er, für diesen Traum stirbt er. Im Leben Jesu haben sich
nicht alle Träume verwirklicht. So wie in unserem Leben. Darauf kommt es nicht
an. Jesus ist auch für die Aussätzigen der Heiland, die eben nicht geheilt
wurden, weil Jesus in der Wüste war und nicht in ihrer Nähe.
Mut zum Träumen - den brauchen wir alle, wenn wir wirkliche Heilung an Leib
und Seele suchen. Die Großen dieser Welt, die sich als Wundertäter und
Heilsbringer aufspielen mit viel Getöse und Rampenlicht - die zerstören nur
alle Träume. Jesus ist in der Wüste zu finden. Auch in der Wüste unerfüllter
eigener Träume. Er hört die leisen Töne, er hat ein gutes Gehör und ein
sensibles Gespür. Träumen wir von dem einem Heiland, der so rein ist, dass
seine Reinheit unsere dunklen Seiten ein für allemal ausmerzt. Jesus ist das
Licht, das mehr ist als nur Heilung des Körpers. In diesem Licht werden wir
reich beschenkt. Und arm bleiben die, die ihre Träume verkauft haben, weil sie
den Versprechungen der Mächtigen gefolgt sind.
In der Wüste wächst die Kraft zum Träumen. Keine Angst vor der Wüste, keine
Angst vor Enttäuschungen - Jesu Traum hat sich erfüllt, als Gott ihn
auferweckte am dritten Tage. Und die Frage ist nicht länger: Warum? Warum mir?
sondern: Wozu? Wozu ich? Wozu das Leid? Was will Gott mir damit sagen, zeigen,
was soll ich erkennen? Im Nachhinein kann es sich nämlich durchaus zeigen,
dass auch Wüstenzeiten ihren Sinn hatten. Dass auch die Nichterfüllung eines
Traums kein Grund war, das Träumen, das Hoffen, den Glauben an einen
allumfassenden Sinn aufzugeben.
Wir sind in guter Gesellschaft, wenn wir öfter eine Wüstenzeit haben, wenn
sich mancher Traum in Luft auflöst und wir dennoch an dem einen Traum
festhalten, dass nämlich unser Leben dennoch Sinn hat, dass es Teil eines
großen Ganzen ist, das Gott in der Hand hat und führt und zum Ziel bringt -
wir sind in guter Gesellschaft, wenn wir dennoch von einem sinngefüllten Leben
träumen - denn Jesus träumt diesen Traum mit. Und weil das so ist, wird am
Ende die Wirklichkeit schöner sein als jeder Traum.
Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.