Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Ich lasse das Leben auf mich regnen.“

Predigt zum 15.Sonntag nach Trinitatis - 19.9.2004 -

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Text: II.Reihe: 1.Petrus 5, 5c-11

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüdern,

Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin um 1800


Wie schön - was für eine Lebenshaltung! Da möchte ich hinkommen. Das möchte ich auch können! Ganz entspannt im Hier und Jetzt, ganz in mir ruhend, alle sinnlose Geschäftigkeit ablegen und eben nur das Leben auf mich regnen lassen. Das Leben mit seinen unglaublich schönen Seiten, mit der Sonne, mit den freundlichen Menschen, die mich umgeben; mit der Natur, den Tieren, mit meinen Gaben, mit dem, was ich kann, was mich ausmacht - aber auch mit seinen Abgründen, den schweren Sorgen: was sagen wir den Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden, die Angst haben vor der Zukunft in Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe, den Eltern, die gestern hier in Bad Lippspringe ihren 17jährigen Sohn beerdigt haben, all denen, die Leid tragen, vor Sorgen vergehen ...

Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch.
Das ist der Wochenspruch dieser Woche, und er gehört zu unserem Predigttext. Wie schön! Wie schön, diese Haltung, alle ablegen, abwerfen zu können, eben nichts zu machen und das Leben eben nur auf sich selbst regnen zu lassen.

Kann ich das? Ehrlich gebe ich zu: Ich glaube nicht. Ich mache viel, suche und frage, sorge mich, drehe mich um mich selbst, stoße an Ecken und Wände - und würde doch so gern alles loswerden, was mich klein macht und mutlos und deprimiert, festhält und einengt. Wie geht das? Alle Sorge auf Gott werfen. Wie kann ich das? Was heißt: „denn er sorgt für euch..“ Sorgt Gott wirklich für mich, für dich, für all die anderen Menschen? Ist Leben nicht Kampf, nicht sorgsames Achten auf alle möglichen Gefahren, darauf, möglichst viel richtig zu machen im Dschungel von Erwartungen und Beziehungen? Nun ist unser Predigttext nicht nur ein Satz, sondern mehrere - nämlich die Epistel des heutigen Sonntag. Wir haben sie bereits gehört, aber vielleicht geht es Ihnen wie mir, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie sich einen solchen eher abstrakten Text beim einmaligen Hören nicht so recht merken können. Deshalb lese ich noch einmal die wenigen Verse aus dem 1.PetrusBrief, Kapitel 5:

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt es Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht; denn der Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wißt, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner eigenen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

was haben sie gehört? Vielleicht „Demütig sein unter der großen Hand Gottes?“ und „nüchtern und wachsam sein gegenüber dem Widersacher, dem Teufel, der wie ein brüllender Löwe umghergeht“ und „Leiden der Brüder“ aber auch „Gnade und Herrlichkeit“, dass wir „aufgerichtet, gestärkt, bekräftigt, neu gegründet werden sollen“? Das „Nicht-Sorgen-Müssen“ ist jedenfalls nur ein einzelner Aspekt des ganzen Textes. Es geht um mehr. Es geht darum, wie es uns möglich ist zu einer solchen Erfahrung der Sorglosigkeit zu kommen:
„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“

Von der „gewaltigen Hand Gottes“ ist die Rede unter der wir uns demütigen sollen. Demut ist ein schwieriger Begriff. Wir denken an Duckmäuser, Untertanengesinnung und Kriecher. Aber nicht vor Menschen sollen wir demütig sein, sondern allein vor Gott. Und zwar vor dem Gott, der uns sowieso alle in der Hand hat, der unser Leben bestimmt, unser Schicksal, unser Wesen. Wir könnten uns gegen ihn stellen, gegen ihn wehren - aber wir wären schlecht beraten. Sich Gott anzuvertrauen, dass er unsere Wege lenkt und Gutes mit uns im Sinn hat - das gibt Kraft und Mut und Stärke. Das nimmt viele, viele Sorgen. Das verstehe ich. Wenn ich Gott vertrauen kann, ihm zutraue, dass er mein Leben zu einem guten Ziel bringt, dann kann ich viel gelassener sein. Muss nicht alles selbst erarbeiten. Kann wirklich das Leben auf mich regnen lassen und alles wird gut.

Aber das ist noch etwas anderes: Der Kampf. Der Kampf gegen den Widersacher, den brüllenden Löwen. Es gibt also auch andere Mächte; solche, die uns bedrohen, denen wir nicht vertrauen dürfen und gegen die wir ganz aktiv kämpfen müssen. Ich hab da ganz konkrete Mächte vor Augen:
Es gibt die Macht der Masse, des Mitlaufen-Wollens, des Nicht-Auffallen-Mögens. Alle Jammern doch - warum nicht ich auch? Alle haben ihr Päckchen zu tragen - warum sollte ich gerade den Mut aufbringen und selbst das Leben in beide Hände nehmen und es leben? Unser Predigttext sagt: Wirf das ab - und geh DEINEN Weg!
Auch die Macht der Gewohnheit ist wie ein brüllender Löwe. Ich sehe ja ein, dass ich geduldiger, gelassener sein sollte. Mehr Sorgen auf Gott werfen sollte im Vertrauen, dass er für mich sorgt. Dass ich mir auch mal etwas gönnen, mal etwas schenken lassen sollte. Aber ich bin es anders gewohnt. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist mir immer wieder gesagt worden, so bin ich erzogen. Aber unser Predigtext sagt: Gewohnheiten umstoßen, ganz neu beginnen: Das will Gott. Von falschen Abhängigkeiten will er befreien, vom falschen Sorgen.

„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Diejenige, die dies geschrieben hat, war eine in vielfacher Hinsicht benachteiligte Person. Sie war geborene Jüdin, Frau in einer Zeit, in der Frauen nichts galten in einer Männerwelt und sie war nicht gesund. Ihr ist nichts in den Schoß gefallen, der Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin. Sie hat übrigens viel aus ihrem Leben gemacht, manchen Neuanfang gewagt. Sie ließ sich taufen und leitete in Berlin einen Damen-Salon, in dem Frauen erstmalig in geisteswissenschaftlicher Hinsicht selbständig aktiv wurden. Sie hat gekämpft, aber sie auch gewußt, dass sie auch mit noch soviel Sorgen und Arbeiten ihr Lebensglück nicht zwingen kann. Dass das Leben sowieso anderes bereithält als sie sich vorstellt. In dieser Hinsicht kann man nichts tun als das Leben regnen lassen. Vielleicht wird man nass. Vielleicht aber kommt auch jemand und hält einen Schirm über einen. All das wird man nicht erleben, wenn man dem Leben gar keine Chance gibt, einen zu überraschen. Wenn man sich nur von Alltagssorgen auffressen lässt, den Mächten des Mitlaufens um jeden Preis und der Macht der Gewohnheit keinen Widerstand entgegensetzt und Gott und seinen Verheißungen nicht dienen will.

Denn - so schließt der Predigttext - Gott gibt einen große Verheißung all denen, die den Mut haben, so eine Haltung zu haben:
„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Gnade und Herrlichkeit werden ich über euch ausgießen. Aufrichten will ich euch, die ihr vom Leben gebeutelt seid. Das Wasser, das regnet, ist Taufwasser, was euch retten und bewahren wird. Bestärkt werden ihr - durch das Leid hindurch. Es lohnt sich. Gott dienen zu wollen und nicht den falschen Mächten. Einen anderen sich sorgen lassen um das Glück des eigenen Lebens. Gott wird euch schon alles geben zu seiner Zeit. Lasst los alle Sorgen und staunt, was alles auf ein befreites Leben herabregnen kann.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.



EG 369:

1: Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2: Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

3: Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

7: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.
Text und Musik: Georg Neumark (1641) 1657