Text: II.Reihe: 1.Petrus 5, 5c-11
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüdern,
„Was
machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin um 1800
Wie schön - was für eine Lebenshaltung! Da möchte ich hinkommen. Das möchte
ich auch können! Ganz entspannt im Hier und Jetzt, ganz in mir ruhend, alle
sinnlose Geschäftigkeit ablegen und eben nur das Leben auf mich regnen lassen.
Das Leben mit seinen unglaublich schönen Seiten, mit der Sonne, mit den
freundlichen Menschen, die mich umgeben; mit der Natur, den Tieren, mit meinen
Gaben, mit dem, was ich kann, was mich ausmacht - aber auch mit seinen
Abgründen, den schweren Sorgen: was sagen wir den Menschen, die aus der Bahn
geworfen wurden, die Angst haben vor der Zukunft in Arbeitslosigkeit und
Sozialhilfe, den Eltern, die gestern hier in Bad Lippspringe ihren 17jährigen
Sohn beerdigt haben, all denen, die Leid tragen, vor Sorgen vergehen ...
Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch.
Das ist der Wochenspruch dieser Woche, und er gehört zu unserem Predigttext.
Wie schön! Wie schön, diese Haltung, alle ablegen, abwerfen zu können, eben
nichts zu machen und das Leben eben nur auf sich selbst regnen zu lassen.
Kann ich das? Ehrlich gebe ich zu: Ich glaube nicht. Ich mache viel, suche und
frage, sorge mich, drehe mich um mich selbst, stoße an Ecken und Wände - und
würde doch so gern alles loswerden, was mich klein macht und mutlos und
deprimiert, festhält und einengt. Wie geht das? Alle Sorge auf Gott werfen.
Wie kann ich das? Was heißt: „denn er sorgt für euch..“ Sorgt Gott wirklich
für mich, für dich, für all die anderen Menschen? Ist Leben nicht Kampf, nicht
sorgsames Achten auf alle möglichen Gefahren, darauf, möglichst viel richtig
zu machen im Dschungel von Erwartungen und Beziehungen? Nun ist unser
Predigttext nicht nur ein Satz, sondern mehrere - nämlich die Epistel des
heutigen Sonntag. Wir haben sie bereits gehört, aber vielleicht geht es Ihnen
wie mir, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie sich einen solchen eher
abstrakten Text beim einmaligen Hören nicht so recht merken können. Deshalb
lese ich noch einmal die wenigen Verse aus dem 1.PetrusBrief, Kapitel 5:
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt es Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch.
Seid nüchtern und wacht; denn der Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wißt, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner eigenen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Soweit unser Predigttext. Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
was haben sie gehört? Vielleicht „Demütig sein unter der großen Hand Gottes?“
und „nüchtern und wachsam sein gegenüber dem Widersacher, dem Teufel, der wie
ein brüllender Löwe umghergeht“ und „Leiden der Brüder“ aber auch „Gnade und
Herrlichkeit“, dass wir „aufgerichtet, gestärkt, bekräftigt, neu gegründet
werden sollen“? Das „Nicht-Sorgen-Müssen“ ist jedenfalls nur ein einzelner
Aspekt des ganzen Textes. Es geht um mehr. Es geht darum, wie es uns möglich
ist zu einer solchen Erfahrung der Sorglosigkeit zu kommen:
„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Von der „gewaltigen Hand Gottes“ ist die Rede unter der wir uns demütigen
sollen. Demut ist ein schwieriger Begriff. Wir denken an Duckmäuser,
Untertanengesinnung und Kriecher. Aber nicht vor Menschen sollen wir demütig
sein, sondern allein vor Gott. Und zwar vor dem Gott, der uns sowieso alle in
der Hand hat, der unser Leben bestimmt, unser Schicksal, unser Wesen. Wir
könnten uns gegen ihn stellen, gegen ihn wehren - aber wir wären schlecht
beraten. Sich Gott anzuvertrauen, dass er unsere Wege lenkt und Gutes mit uns
im Sinn hat - das gibt Kraft und Mut und Stärke. Das nimmt viele, viele
Sorgen. Das verstehe ich. Wenn ich Gott vertrauen kann, ihm zutraue, dass er
mein Leben zu einem guten Ziel bringt, dann kann ich viel gelassener sein.
Muss nicht alles selbst erarbeiten. Kann wirklich das Leben auf mich regnen
lassen und alles wird gut.
Aber das ist noch etwas anderes: Der Kampf. Der Kampf gegen den Widersacher,
den brüllenden Löwen. Es gibt also auch andere Mächte; solche, die uns
bedrohen, denen wir nicht vertrauen dürfen und gegen die wir ganz aktiv
kämpfen müssen. Ich hab da ganz konkrete Mächte vor Augen:
Es gibt die Macht der Masse, des Mitlaufen-Wollens, des
Nicht-Auffallen-Mögens. Alle Jammern doch - warum nicht ich auch? Alle haben
ihr Päckchen zu tragen - warum sollte ich gerade den Mut aufbringen und selbst
das Leben in beide Hände nehmen und es leben? Unser Predigttext sagt: Wirf das
ab - und geh DEINEN Weg!
Auch die Macht der Gewohnheit ist wie ein brüllender Löwe. Ich sehe ja ein,
dass ich geduldiger, gelassener sein sollte. Mehr Sorgen auf Gott werfen
sollte im Vertrauen, dass er für mich sorgt. Dass ich mir auch mal etwas
gönnen, mal etwas schenken lassen sollte. Aber ich bin es anders gewohnt.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist mir immer wieder gesagt worden, so bin
ich erzogen. Aber unser Predigtext sagt: Gewohnheiten umstoßen, ganz neu
beginnen: Das will Gott. Von falschen Abhängigkeiten will er befreien, vom
falschen Sorgen.
„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Diejenige, die dies geschrieben hat, war eine in vielfacher Hinsicht
benachteiligte Person. Sie war geborene Jüdin, Frau in einer Zeit, in der
Frauen nichts galten in einer Männerwelt und sie war nicht gesund. Ihr ist
nichts in den Schoß gefallen, der Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin. Sie
hat übrigens viel aus ihrem Leben gemacht, manchen Neuanfang gewagt. Sie ließ
sich taufen und leitete in Berlin einen Damen-Salon, in dem Frauen erstmalig
in geisteswissenschaftlicher Hinsicht selbständig aktiv wurden. Sie hat
gekämpft, aber sie auch gewußt, dass sie auch mit noch soviel Sorgen und
Arbeiten ihr Lebensglück nicht zwingen kann. Dass das Leben sowieso anderes
bereithält als sie sich vorstellt. In dieser Hinsicht kann man nichts tun als
das Leben regnen lassen. Vielleicht wird man nass. Vielleicht aber kommt auch
jemand und hält einen Schirm über einen. All das wird man nicht erleben, wenn
man dem Leben gar keine Chance gibt, einen zu überraschen. Wenn man sich nur
von Alltagssorgen auffressen lässt, den Mächten des Mitlaufens um jeden Preis
und der Macht der Gewohnheit keinen Widerstand entgegensetzt und Gott und
seinen Verheißungen nicht dienen will.
Denn - so schließt der Predigttext - Gott gibt einen große Verheißung all
denen, die den Mut haben, so eine Haltung zu haben:
„Was machen Sie?
Nichts.
Ich lasse das Leben
auf mich regnen.“
Gnade und Herrlichkeit werden ich über euch ausgießen. Aufrichten will ich
euch, die ihr vom Leben gebeutelt seid. Das Wasser, das regnet, ist
Taufwasser, was euch retten und bewahren wird. Bestärkt werden ihr - durch das
Leid hindurch. Es lohnt sich. Gott dienen zu wollen und nicht den falschen
Mächten. Einen anderen sich sorgen lassen um das Glück des eigenen Lebens.
Gott wird euch schon alles geben zu seiner Zeit. Lasst los alle Sorgen und
staunt, was alles auf ein befreites Leben herabregnen kann.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
EG 369:
1: Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
2: Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.
3: Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.
7: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.
Text und Musik: Georg Neumark (1641) 1657