Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Die Botschaft heißt Liebe

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (4.September 2005)

Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe

III. Reihe: Lk 18,28-30

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!

Im Lukasevangelium im 18. Kapitel wird folgende Begebenheit berichtet:

Einmal kam ein reicher Mann zu Jesus. Er wollte wissen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus sagte zu ihm: Du kennst doch die Gebote. Halte sie! Der reiche Mann antwortete ihm: Die Gebote kenne ich wohl und ich halte sie, seit ich ein kleiner Junge bin. Da sagte Jesus: Dann fehlt dir nur noch eines: Verkaufe alles, was du hast, gib´s den Armen und folge mir nach! Der reiche Mann wurde sehr traurig als er das hörte, denn er war sehr reich. Als Jesus sah, dass der Mann traurig wurde, sagte er: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes! Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.

- Jesu Jünger waren Zeugen dieser kurzen Unterredung zwischen Jesus und dem reichen Mann, und als der Mann Jesus traurig verlassen hat, fasst sich Petrus ein Herz und fragt – und die folgenden Verse sind nun der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext – Petrus fasst sich also ein Herz und fragt, ein bisschen bänglich und um Bestätigung heischend:

[...]: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
[Jesus] (aber) sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen,
der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.


Jesus bestätigt Petrus und seine unausgesprochene Frage: Habe ich mich, haben wir uns richtig entschieden? Haben wir das Richtige getan, als wir alles verließen, was uns bisher lieb und teuer gewesen war? Unsere Familien, unsere Freunde, unsere Arbeitskollegen, unsere Arbeit, unser geregeltes Einkommen, unser Haus und Hab und Gut? – Was für ein Wendepunkt im Leben eines Menschen: alle Sicherheiten zurückzulassen und ohne Netz und doppelten Boden einem Mann und seiner frohen Botschaft zu vertrauen und nachzufolgen! Kein Wunder, dass Petrus und die übrigen Jünger sich da Jesu und seiner Botschaft vergewissern wollen!

Jesus sagt ihnen zu: Euer neuer Weg, euer Weg mit mir ist der richtige. Und ihr werdet auf diesem neuen Weg viel Gutes erfahren, ein Vielfaches von dem, was ihr bisher an Gutem hattet, ihr werdet es in dieser Zeit und in dieser Welt erfahren und in Ewigkeit.

- Beide Episoden, die Erzählung von dem reichen Mann, der Jesus fragt, wie er das ewige Leben erreicht und dem der Preis zu hoch ist, und das Gespräch zwischen Petrus und den Jüngern und Jesus, beide Episoden fordern uns auf, einen Blick auf unseren eigenen Weg, auf unser eigenes Leben zu werfen. Woran hängen wir? Was ist für uns wichtig, welche Prioritäten setzen wir? Was haben wir zum Maßstab für unser Leben, zu unserem höchsten Wert erhoben?

Hab und Gut – wie der reiche Mann? Ein Haus im Grünen, den Jahreswagen in der Garage, mindestens zweimal im Jahr in den Urlaub fahren? Vielleicht – an sich ja nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. So lässt sich’s leben. Aber als Maßstab für das eigene Leben? Als Lebensinhalt statt nur als äussere Gestalt – problematisch, - und am Ende: nichtig.

Stattdessen vielleicht: feste Grundsätze, ein stabiles Gebäude von Überzeugungen und lange gewonnenen Einsichten. Wissen, was man will und was nicht. Die Welt eingeteilt und geordnet. Ein Gefühl innerer Sicherheit, gefeit gegen jeden Angriff von aussen. – Das mag wertvoll sein und Halt geben. Aber: auch das kann problematisch werden. Nämlich dann, wenn aus Überzeugtheit Starrsinn wird, wenn die, die anderer Meinung sind, abqualifiziert oder gar beschimpft werden, ob nun als – um plakative Beispiele zu wählen – Bombenleger oder Reaktionäre. Grundsätze und Überzeugungen sind gut, so lange sie durchlässig bleiben.

Vielleicht ist meine Priorität im Leben ja auch: Verzicht auf jegliche Maßstäbe. Nicht positionieren, nicht Stellung beziehen, nicht Flagge zeigen, sondern den eigenen Wimpel in den Wind hängen. „Bequem durchkommen“ als Maßstab und Ziel für das eigene Leben – Hauptsache mir geht’s gut. – Eine Einstellung, die selten weit trägt.

Jesu Botschaft befreit uns von solchen - letzten Endes unbefriedigenden - Maßstäben, die wir für unser Leben gewählt haben. Seine Botschaft heißt Liebe. Er hat sich unser angenommen, wendet sich uns zu, geht unseren Weg, in welches Dunkel, welchen Schmerz, welche Angst auch immer er uns führen mag, mit uns. Jesu Liebe, Gottes Liebe zu uns gibt uns die Sicherheit, die wir suchen, - und sie macht uns frei, unsere eigenen kleinen „Lebensmaßstäbe“ zu verlassen und auf ihn zu vertrauen und ihm nachzufolgen.

Ihm nachfolgen, das heißt, ihm zu vertrauen und sich aus diesem Vertrauen für den Nächsten zu öffnen, die empfangene Liebe auch an den Nächsten weiterzugeben. Nächstenliebe erwächst aus der Liebe Gottes zu uns, erhält aus seiner Liebe ihre Kraft.

Wo das geschieht, dass die Erfahrung von Gottes Liebe zu Nächstenliebe führt und sich weiter und weiter trägt, da wird Gottes Reich auf Erden erkenn- und erlebbar, da erfahren wir, wie Gott das Leben meint: als liebevolles, friedliches, befreites Miteinander.

Der Ruf in die Nachfolge kann bedeuten, alles zu verschenken, wie Jesus es von dem reichen Mann gefordert hat. Der Ruf in die Nachfolge kann aber auch bedeuten, einen anderen Umgang mit dem eigenen Besitz zu erlernen, ihn nicht zum Lebensinhalt und Lebensmaßstab zu machen.

Der Ruf in die Nachfolge kann bedeuten, dass man alles hinter sich lässt und in der Nachfolge neu beginnt, ganz anders zu leben und dafür vieles und bis dahin vertraute und wichtige Menschen hinter sich zu lassen.

Der Ruf in die Nachfolge kann aber auch bedeuten, da zu bleiben, an dem Ort, an dem man ist, anders auf die Umwelt und den Nächsten einzugehen. Weil die, die da sind, einen brauchen, auf Fürsorge und Liebe angewiesen sind.

Der Ruf in die Nachfolge ist vielfältig und für jeden anders. Vielleicht ist er nicht immer so deutlich zu hören, wie bei dem reichen Mann oder bei den Jüngern, aber er ergeht, und es ist unsere Aufgabe, zu hören und zu fühlen, wo Gott uns haben will, wo wir stehen sollen.

- Wenn wir dem Ruf in die Nachfolge, dem Ruf in die Nächstenliebe auch in diakonischer Weise folgen wollen, so haben wir sowohl hier vor Ort als auch im Moment vor allem im amerikanischen Ausland ausreichend Gelegenheit dazu:
Diakonische Einrichtungen hier in Bad Lippspringe sind die Schuldnerberatung, die hier bei uns im Gemeindezentrum alle zwei Wochen zur Verfügung steht, die Bad Lippspringer „Tafel“, die bedürftigen Bürgern Nahrungsmittel, die von Supermärkten und Restaurants gespendet werden, weitergibt, außerdem eine Zweigstelle des Paderborner Bodeschwinghhauses, das von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen aufnimmt und ihnen ein Dach über dem Kopf und Hilfestellung bei der Bewältigung des Alltags anbietet. - Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, einige der Bewohner dieses Hauses persönlich kennenzulernen, mit ihnen über Leben und Glauben ins Gespräch zu kommen und von ihren Lebensgechichten und Lebenumständen zu erfahren. Mit welchem Lebensmut sie trotz so manchen harten Schicksalsschlages, den sie erleiden mussten, sich dem Leben trotzdem stellen, hat mich sehr beeindruckt.

Diakonisches Engagement, Begegnung zwischen Armen und Reichen, Gesunden und Kranken, vom Leben Gebeutelten und vom Leben Verwöhnten kann vor Ort seinen Platz haben, es kann aber auch in der weltweiten Ökumene stattfinden. Erst gestern abend habe ich, wie Sie alle wahrscheinlich, erst wieder die Bilder aus Amerika in den Nachrichten mit Schrecken gesehen – auch hier ist unsere Nächstenliebe gefragt!

-Jesus hat auf die Frage des Petrus, ob sie, die Jünger sich richtig entschieden hätten, mit einer Verheißung geantwortet. „Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“

Der Lohn der Nachfolge „in dieser Zeit“ bestand damals und besteht heute in der Gemeinschaft, die entsteht. Der Lohn ist die Erfahrung, dass meine Zuwendung zum Nächsten, an meiner Stelle, nicht ohne Folgen bleibt, dass ich erlebe, dass die Welt, dass meine Welt sich verändert, wenn ich meinem persönlichen Ruf folge.

Der Ruf Jesu in die Nachfolge ergeht heute genauso, wie er damals erging, als Jesus als Mensch unter Menschen weilte. Er will uns in den Dienst nehmen für eine bessere Welt, ein besseres Zusammenleben, glücklichere Verhältnisse.
Der Ruf ergeht – lasst uns auf ihn hören, damit sich unsere Welt entwickelt hin auf Gottes Welt.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.