Vikarin Anne Biesterfeldt, Bad Lippspringe
III. Reihe: Lk 18,28-30
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und
dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde!
Im Lukasevangelium im 18. Kapitel wird folgende Begebenheit berichtet:
Einmal kam ein reicher Mann zu Jesus. Er wollte wissen, was er tun müsse, um
das ewige Leben zu erlangen. Jesus sagte zu ihm: Du kennst doch die Gebote.
Halte sie! Der reiche Mann antwortete ihm: Die Gebote kenne ich wohl und ich
halte sie, seit ich ein kleiner Junge bin. Da sagte Jesus: Dann fehlt dir nur
noch eines: Verkaufe alles, was du hast, gib´s den Armen und folge mir nach!
Der reiche Mann wurde sehr traurig als er das hörte, denn er war sehr reich.
Als Jesus sah, dass der Mann traurig wurde, sagte er: Wie schwer kommen die
Reichen in das Reich Gottes! Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein
Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.
- Jesu Jünger waren Zeugen dieser kurzen Unterredung zwischen Jesus und dem
reichen Mann, und als der Mann Jesus traurig verlassen hat, fasst sich Petrus
ein Herz und fragt – und die folgenden Verse sind nun der für den heutigen
Sonntag vorgeschlagene Predigttext – Petrus fasst sich also ein Herz und
fragt, ein bisschen bänglich und um Bestätigung heischend:
[...]: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
[Jesus] (aber) sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen,
der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.
Jesus bestätigt Petrus und seine unausgesprochene Frage: Habe ich mich, haben
wir uns richtig entschieden? Haben wir das Richtige getan, als wir alles
verließen, was uns bisher lieb und teuer gewesen war? Unsere Familien, unsere
Freunde, unsere Arbeitskollegen, unsere Arbeit, unser geregeltes Einkommen,
unser Haus und Hab und Gut? – Was für ein Wendepunkt im Leben eines Menschen:
alle Sicherheiten zurückzulassen und ohne Netz und doppelten Boden einem Mann
und seiner frohen Botschaft zu vertrauen und nachzufolgen! Kein Wunder, dass
Petrus und die übrigen Jünger sich da Jesu und seiner Botschaft vergewissern
wollen!
Jesus sagt ihnen zu: Euer neuer Weg, euer Weg mit mir ist der richtige. Und
ihr werdet auf diesem neuen Weg viel Gutes erfahren, ein Vielfaches von dem,
was ihr bisher an Gutem hattet, ihr werdet es in dieser Zeit und in dieser
Welt erfahren und in Ewigkeit.
- Beide Episoden, die Erzählung von dem reichen Mann, der Jesus fragt, wie er
das ewige Leben erreicht und dem der Preis zu hoch ist, und das Gespräch
zwischen Petrus und den Jüngern und Jesus, beide Episoden fordern uns auf,
einen Blick auf unseren eigenen Weg, auf unser eigenes Leben zu werfen. Woran
hängen wir? Was ist für uns wichtig, welche Prioritäten setzen wir? Was haben
wir zum Maßstab für unser Leben, zu unserem höchsten Wert erhoben?
Hab und Gut – wie der reiche Mann? Ein Haus im Grünen, den Jahreswagen in der
Garage, mindestens zweimal im Jahr in den Urlaub fahren? Vielleicht – an sich
ja nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. So lässt sich’s leben. Aber als
Maßstab für das eigene Leben? Als Lebensinhalt statt nur als äussere Gestalt –
problematisch, - und am Ende: nichtig.
Stattdessen vielleicht: feste Grundsätze, ein stabiles Gebäude von
Überzeugungen und lange gewonnenen Einsichten. Wissen, was man will und was
nicht. Die Welt eingeteilt und geordnet. Ein Gefühl innerer Sicherheit, gefeit
gegen jeden Angriff von aussen. – Das mag wertvoll sein und Halt geben. Aber:
auch das kann problematisch werden. Nämlich dann, wenn aus Überzeugtheit
Starrsinn wird, wenn die, die anderer Meinung sind, abqualifiziert oder gar
beschimpft werden, ob nun als – um plakative Beispiele zu wählen – Bombenleger
oder Reaktionäre. Grundsätze und Überzeugungen sind gut, so lange sie
durchlässig bleiben.
Vielleicht ist meine Priorität im Leben ja auch: Verzicht auf jegliche
Maßstäbe. Nicht positionieren, nicht Stellung beziehen, nicht Flagge zeigen,
sondern den eigenen Wimpel in den Wind hängen. „Bequem durchkommen“ als
Maßstab und Ziel für das eigene Leben – Hauptsache mir geht’s gut. – Eine
Einstellung, die selten weit trägt.
Jesu Botschaft befreit uns von solchen - letzten Endes unbefriedigenden -
Maßstäben, die wir für unser Leben gewählt haben. Seine Botschaft heißt Liebe.
Er hat sich unser angenommen, wendet sich uns zu, geht unseren Weg, in welches
Dunkel, welchen Schmerz, welche Angst auch immer er uns führen mag, mit uns.
Jesu Liebe, Gottes Liebe zu uns gibt uns die Sicherheit, die wir suchen, - und
sie macht uns frei, unsere eigenen kleinen „Lebensmaßstäbe“ zu verlassen und
auf ihn zu vertrauen und ihm nachzufolgen.
Ihm nachfolgen, das heißt, ihm zu vertrauen und sich aus diesem Vertrauen für
den Nächsten zu öffnen, die empfangene Liebe auch an den Nächsten
weiterzugeben. Nächstenliebe erwächst aus der Liebe Gottes zu uns, erhält aus
seiner Liebe ihre Kraft.
Wo das geschieht, dass die Erfahrung von Gottes Liebe zu Nächstenliebe führt
und sich weiter und weiter trägt, da wird Gottes Reich auf Erden erkenn- und
erlebbar, da erfahren wir, wie Gott das Leben meint: als liebevolles,
friedliches, befreites Miteinander.
Der Ruf in die Nachfolge kann bedeuten, alles zu verschenken, wie Jesus es von
dem reichen Mann gefordert hat. Der Ruf in die Nachfolge kann aber auch
bedeuten, einen anderen Umgang mit dem eigenen Besitz zu erlernen, ihn nicht
zum Lebensinhalt und Lebensmaßstab zu machen.
Der Ruf in die Nachfolge kann bedeuten, dass man alles hinter sich lässt und
in der Nachfolge neu beginnt, ganz anders zu leben und dafür vieles und bis
dahin vertraute und wichtige Menschen hinter sich zu lassen.
Der Ruf in die Nachfolge kann aber auch bedeuten, da zu bleiben, an dem Ort,
an dem man ist, anders auf die Umwelt und den Nächsten einzugehen. Weil die,
die da sind, einen brauchen, auf Fürsorge und Liebe angewiesen sind.
Der Ruf in die Nachfolge ist vielfältig und für jeden anders. Vielleicht ist
er nicht immer so deutlich zu hören, wie bei dem reichen Mann oder bei den
Jüngern, aber er ergeht, und es ist unsere Aufgabe, zu hören und zu fühlen, wo
Gott uns haben will, wo wir stehen sollen.
- Wenn wir dem Ruf in die Nachfolge, dem Ruf in die Nächstenliebe auch in
diakonischer Weise folgen wollen, so haben wir sowohl hier vor Ort als auch im
Moment vor allem im amerikanischen Ausland ausreichend Gelegenheit dazu:
Diakonische Einrichtungen hier in Bad Lippspringe sind die Schuldnerberatung,
die hier bei uns im Gemeindezentrum alle zwei Wochen zur Verfügung steht, die
Bad Lippspringer „Tafel“, die bedürftigen Bürgern Nahrungsmittel, die von
Supermärkten und Restaurants gespendet werden, weitergibt, außerdem eine
Zweigstelle des Paderborner Bodeschwinghhauses, das von Obdachlosigkeit
bedrohte Menschen aufnimmt und ihnen ein Dach über dem Kopf und Hilfestellung
bei der Bewältigung des Alltags anbietet. - Vor einigen Wochen hatte ich
Gelegenheit, einige der Bewohner dieses Hauses persönlich kennenzulernen, mit
ihnen über Leben und Glauben ins Gespräch zu kommen und von ihren
Lebensgechichten und Lebenumständen zu erfahren. Mit welchem Lebensmut sie
trotz so manchen harten Schicksalsschlages, den sie erleiden mussten, sich dem
Leben trotzdem stellen, hat mich sehr beeindruckt.
Diakonisches Engagement, Begegnung zwischen Armen und Reichen, Gesunden und
Kranken, vom Leben Gebeutelten und vom Leben Verwöhnten kann vor Ort seinen
Platz haben, es kann aber auch in der weltweiten Ökumene stattfinden. Erst
gestern abend habe ich, wie Sie alle wahrscheinlich, erst wieder die Bilder
aus Amerika in den Nachrichten mit Schrecken gesehen – auch hier ist unsere
Nächstenliebe gefragt!
-Jesus hat auf die Frage des Petrus, ob sie, die Jünger sich richtig
entschieden hätten, mit einer Verheißung geantwortet. „Es ist niemand, der
Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches
Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der
zukünftigen Welt das ewige Leben.“
Der Lohn der Nachfolge „in dieser Zeit“ bestand damals und besteht heute in
der Gemeinschaft, die entsteht. Der Lohn ist die Erfahrung, dass meine
Zuwendung zum Nächsten, an meiner Stelle, nicht ohne Folgen bleibt, dass ich
erlebe, dass die Welt, dass meine Welt sich verändert, wenn ich meinem
persönlichen Ruf folge.
Der Ruf Jesu in die Nachfolge ergeht heute genauso, wie er damals erging, als
Jesus als Mensch unter Menschen weilte. Er will uns in den Dienst nehmen für
eine bessere Welt, ein besseres Zusammenleben, glücklichere Verhältnisse.
Der Ruf ergeht – lasst uns auf ihn hören, damit sich unsere Welt entwickelt
hin auf Gottes Welt.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.