Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
III: Reihe: Klagelieder 3, 19-32
16. So n.Tr. 11.09.2005
Klagelieder, liebe Gemeinde!
Aus den Klageliedern des Alten Testamentes kommt unser heutiger Predigttext. Klagelieder, ach du Schreck! Heute am Sonntag morgen Klagen zu hören, mich mit Klageliedern beschäftigen zu müssen, dazu bin ich doch nicht in die Kirche gekommen! Klagen gehören doch nicht zum Sonntag, sie sind zu alltäglich, Klagen über das Wetter, zu heiß oder zu kalt, über die Kinder, oder über die Eltern, über die Nachbarn, über Gott und die Welt.
Über was klagen denn eigentlich die Klagelieder des Alten Testamentes? Was steht denn da im Predigttext:
Aber dies will ich zu Herzen nehmen, darum will ich hoffen:
die Gnaden des Herren hören nicht auf, sein Erbarmen hat kein Ende;
neu ist es jeden Morgen, groß ist deine Treue.
Mein Teil ist der Herr, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.
Gütig ist der Herr gegen den, der auf ihn harrt, der Seele, die ihn sucht.
Gut ist es, schweigend zu hoffen auf die Hilfe des Herrn.
Denn nicht für immer verstößt der Herr,
sondern er betrübt, dann übt er Erbarmen nach der Fülle seiner Gnade.
Geht es Ihnen wie mir? In diesem Text suche ich die Klage vergeblich! Güte, Barmherzigkeit, Treue, Hoffnung, Freundlichkeit, das ist doch alles schön und positiv, und nicht kläglich, so wie erwartet.
Hören wir noch einmal in den Text hinein:
"Gut ist es, schweigend zu hoffen auf die Hilfe des Herrn." Lassen Sie mich dies weniger wohlklingend und auch weniger Kanzelgerecht, aber um so deutlicher sagen: Ich soll also meinen Mund halten und warten! Das sagt mir doch wohl der Text an dieser Stelle.
Ruhe, ist bekanntlich die erste Bürgerinnenpflicht.
Ihr Nachbar mißhandelt sein Kind, tritt und schlägt es grün und blau? Gut ist es, schweigend zu hoffen.
In unserem Land werden Menschen immer noch nach ihrem Herkunftsort bewertet. Wenn der außerhalb der Grenzen des alten Westdeutschland liegt, hat man schon verloren. Gut ist es schweigend zu hoffen!
Wer seinen Arbeitsplatz verloren hat, muss sich auch noch unterstellen lassen, ja sowieso faul zu sein und ein Schmarotzer auf Kosten der Gesellschaft. Gut ist es, schweigend zu hoffen.
Auf dem Schulhof wird einer zusammengeschlagen, liegt schon am Boden, fünf stehen um ihn herum und treten immer noch zu?
Gut ist es, schweigend zu hoffen.
Mann macht Frauen immer noch zu schmückendem Beiwerk, zum Objekt der Begierde. Macht auszuüben ist einfacher über Körper, denn über Köpfe. Gut ist es, schweigend zu hoffen!
Im reichen Amerika müssen die Armen fast eine Woche auf Hilfe in den Überschwemmungsgebieten warten. Gut ist es, schweigend zu hoffen!
Gut ist es, schweigend zu hoffen.
Wer kann denn nur so etwas schreiben? Ich werde ärgerlich bei diesen Worten, ärgerlich, aber auch neugierig: Was steckt dahinter?
Etwa 2500 Jahre sind diese Worte der Klagelieder schon alt. Entstanden im Jahr 587, dem Jahr der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Eroberung, Zerstörung, Katastrophe des Exils in Babylon.
Im Abstand von 2500 Jahren gehen mir diese Worte leicht über die Lippen. Aber das Buch der Klagelieder beschreibt den ganzen Schrecken dieser Zeit, wir müssen nur vor und nach unserem Text weiterlesen. Von Kriegsgefangenschaft ist da die Rede und vom Schwarzmarkthandel. Die Älteren unter uns werden sich an solche Zeit erinnern. "Dem Säugling klebt seine Zunge an seinem Gaumen vor Durst, die Ältesten sind in der Stadt verschmachtet, sie betteln nach Brot um ihr Leben zu erhalten, den durch das Schwert Erschlagenen geht es besser als denen, die vor Hunger starben, sie haben die Frauen und Jungfrauen geschändet, vergewaltigt".
Bilder, die bei einigen von Ihnen vielleicht Erinnerungen wachrufen. Für uns Jüngere sind das Bilder, die wir uns aus sicherer Entfernung höchstens im Fernsehen anschauen. Der Irak fällt mir da ein oder Somalia, die Augen der Kinder, die nichts anderes kennen als den Schrecken. Auch die erschreckenden Bilder aus New York heute vor 4 Jahren, Ground zero, Terror, Vernichtung und Tod.
Doch der Schreiber der Klagelieder wird noch deutlicher, unerträglich deutlich: "Er hat mich ringsherum eingeschlossen mit Bitterkeit und Mühsal, mich in Finsternis versetzt, wie die, die längst tot sind, mir Pfeile in die Nieren geschossen, mich auf Kiesel beißen lassen und mich niedergedrückt in die Asche. Er lauert auf mich, wie ein Löwe im Verborgenen, läßt mich den Weg verfehlen und zerfleischt mich". Drastischer kann niemand seinen Zustand schildern. Überlebender der Eroberung und Katastrophe zwar, aber im Leben doch schon wie tot.
Vielleicht erwarten Sie jetzt von mir eine Antwort auf die Frage: Wie kann Gott das tun und zulassen. Ich werde Sie enttäuschen: Es ist nicht Gott, der zuläßt das Menschen grausam mißhandelt werden. Es sind Menschen, die andere Menschen grausam mißhandeln, diese Verantwortung können wir niemandem in die Schuhe schieben.
Wie kann allerdings der Schreiber der Klagelieder von solch einer Zustandsbeschreibung zu dem Gottvertrauen kommen, wie wir zu Anfang gehört haben? Was läßt ihn sagen: Aber dies will ich zu Herzen nehmen, darum will ich hoffen, Die Gnaden des Herrn hören nicht auf.
Ich denke, es bleibt ihm, ebenso simpel wie unausweichlich, nichts anderes übrig. Da ist kein Mensch mehr der seine Klage hört. Da ist nichts mehr, auf das er Rücksicht nehmen müßte, um das er sich kümmern könnte. Alles zerstört, weggeschleppt, vernichtet. Eine unüberwindbare Grenze, die Grenze des Todes ist erreicht.
In diesem Licht: Wieviel Freiheit steckt dann in dem Satz: Gut ist es schweigend zu hoffen auf die Hilfe des Herrn!
Keine Floskel eines frömmelnden Duckmäusers, nicht ein: ich darf nicht schreien und rebellieren. Sondern die Aussage eines Menschen, der nicht mehr weiter weiß, der seine Grenzen erreicht hat und nun sagt: Hier kann ich nicht mehr weiter, jetzt, Gott, bist Du dran.
Alles was mir zu tun bleibt ist sitzen und warten. Ich muß nicht mehr schreien, kämpfen, rebellieren. Wenn ich an meiner Grenze angekommen bin, begegne ich dort vielleicht dem, für den menschliche Grenzen kein Maßstab sind. Amen.