Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Ein Brief, den man aufbewahrt

Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis, 26. September 2004

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

II. Reihe: 2. Tim. 1, 7-10

Liebe Gemeinde,
Ihre Briefe- bewahren Sie die eigentlich auf? Und dazu muss ich heute fragen: Ihre E-mails- löschen Sie die gleich wieder? Oder sammeln Sie Briefe, handgeschrieben oder elektronisch, im Ordner Ihres Computers, in Kisten oder Schubladen, um gelegentlich wieder hineinzusehen, sie neu zu lesen?
Sie werden das so ähnlich machen wie ich, vermute ich mal. Sie werden Ihre Briefe nicht wegwerfen, die guten Wünsche zum Geburtstag, die Nachrichten von Freunden, die tröstenden Worte aus Zeiten der Trauer. Sie bewahren sie auf, als Zeichen von Nähe, Anteilnahme und Ermutigung.
Heute morgen geht es um einen Brief, den ein Mensch vor langer Zeit bekommen hat. Wir kennen nur seinen Namen: Timotheus. Und auch den Absender des Briefes kennen wir nicht. Er nennt sich Paulus, wie Paulus, der Apostel. Ob er es selbst gewesen ist? Wir wissen es nicht.
Der Brief, den dieser Paulus an Timotheus geschrieben hat, dieser Brief aber ist uns erhalten geblieben. Ich lese aus dem Anfang des Briefes.

2. Tim. 1, 7 - 10
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluß und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Genau wie Ihre Briefe ist der Brief an Timotheus für wert befunden, aufbewahrt zu werden- vielleicht auch erst in einem Kasten, einer Tasche, später dann an einem Ort, wo die frühen Christen und Christinnen Gottesdienst hielten. Und noch später ist er dann zu der Sammlung vn Schriften gekommen, die für die Gemeinden von besonderer Bedeutung waren: ins NT.
Aber mich interessiert eigentlich der erste Schritt: Jemand schreibt einen Brief, der so wichtig ist, daß man ihn bewahrt über Jahre hinaus.
Warum? Das stelle ich mir genauso vor wie heutzutage, bei Ihnen und bei mir: nämlich um ihn hervorzuholen,. Es geht dabei um drei Ding: wenn wir Erinnerung brauchen, wenn wir Trost oder Freude suchen. Aus diesem Grund lese ich jedenfalls meine Briefe immer mal wieder- und ich denke, Ihnen geht es ähnlich.
Erinnerung, Trost und Freude, liebe Gemeinde, diese drei Dinge stecken auch in diesem Brief.

Der Trost, damit möchte ich beginnen, auch wenn der unbekannte Paulus erst am Ende vom ihm spricht.
Er schreibt: Christus hat dem Tod die Macht genommen.
Kann uns das trösten? Mir kommt es manchmal so vor, als ob wir dem Tod die Macht nehmen wollen. Wir verdrängen ihn aus unsrem Leben. Wir verdrängen ihn in Krankenhäuser, Altenheime, in den Fernsehkrimi. Wir verdrängen ihn durch den Wunsch nach Wellness, Fitness und ewiger Jugend. Ich kenne etliche Menschen auch meines Alters, die noch nie auf einer Beerdigung waren. Da kann man den Tod schnell vergessen. Aber am Ende kommt er doch- für jeden von uns.
Und so heißt, dem Tod die Macht zu nehmen, für uns Menschen sicher nicht, unsterblich zu sein hier auf der Erde. Das erfahren viele Menschen, die ich in den Kliniken kennen lerne, zunächst mal als bittere Wahrheit. Aber manchmal treffe ich Menschen, bei denen Gott dem Tod -trotz tödlicher Krankheit- dennoch die Macht genommen hat. Dem Tod die Macht zu nehmen, heißt dann: Ich kann den Tod aus Gottes Hand nehmen, weil ich spüre, dass Gottes Hand sich über Leben und Tod erstreckt. Das zu erfahren: Ich liege auch im Tod in Gottes Hand, weil Christus mir die Hand ausstreckt, wenn ich sterbe- das ist der wunderbarste Trost, den ich mir vorstellen kann.

Und auch von Freude können wir in diesem Brief lesen, wenn wir ihn hervorholen:
Christus hat das Leben ans Licht gebracht. Für mich heißt das: Gott will, das ich mein Leben so nehme, wie ich ein Geschenk annehme: mit Freude eben. Wir dürfen unser Leben ohne schlechtes Gewissen annehmen: die Gemeinschaft mit anderen, den Humor, die Musik, die Natur...Was macht Ihnen Freude, liebe Gemeinde?
Ich darf mich an allem freuen, weil Gott es mir gegeben hat. Das ist Leben. Und wenn Ihnen dieser Blick zu eng, zu egoistisch erscheint, dann sage ich noch dazu: Zur Freude über mein Leben gehört sicher auch, das Leben für andere Menschen genauso zum Geschenk Gottes werden zu lassen. Das ist ja auch das, was uns an Jesu Wirken auf Erden berührt und ermutigt: Sein Einsatz für Leben für alle Menschen. So ist auch alles, was wir für andere tun, ein Ausdruck der Freude an Gottes Geschenk des Lebens.

Was im Brief am Anfang steht, soll hier am Ende stehen: die Erinnerung: Gott hat uns den Geist der Kraft, der Leibe und der Besonnenheit gegeben.
Wo wir von Gott berührt werden in unserem Leben, durch andere Menschen, durch sein Wort, durch einen Blick, eine Geste, durch das unerklärliche Wehen des Geistes, im Gebet, da kommen sie zur Welt: Kraft, Liebe und Besonnenheit.
Und andersherum halte ich es fast für noch wichtiger: Wo Kraft, Liebe und Besonnenheit herrschen, da ist Gottes Geist am Werk.
Wo wir Kraft haben, unsere Arbeit zu machen, für unsere Familie das Beste zu tun, wo wir Kraft haben, uns um unsere Nächsten zu kümmern in Tat und Wort: Da ist Gottes Geist da.
Wo wir Liebe empfangen und geben, wo wir den Nächsten als Kind Gottes sehen und liebevoll und respektvoll an ihm handeln, da ist Gottes Geist da.
Wo wir besonnen handeln, wo wir Gottes Willen für uns und den Anderen nicht vergessen, wo wir nicht nur unser Wohl, sondern das Wohl aller im Blick behalten, ob in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Politik, da ist Gottes Geist in uns wirksam.
Erinnern wir uns gelegentlich daran: Das Gute, das wir tun, kommt nicht aus uns, sondern es kommt ja von Gott, aus seiner Kraft, seiner Liebe, seiner Besonnenheit. Und wo wir es tun, ist Gottes Geist am Werk- viel öfter, als wir meinen.
Trost, Freude und Erinnerung- dieser Brief ist an uns gerichtet.
Und so komme ich, liebe Gemeinde, zum Anfang zurück, zu unseren Briefen, die wir aufbewahren, in Computerspeichern, in Schuhkartons und in unseren Herzen. Auch dieser Brief will dazu gehören. Und deshalb möchte ich ihn noch einmal vorlesen, damit wir ihn noch einmal hören können. Damit wir ihn aufbewahren können wie den Brief eines Freundes oder einer Freundin, als Brief, der uns tröstet, freut und erinnert.

Lieber Timotheus, liebe Freunde und Freundinnen, Ihr Lieben alle:
Denkt daran: Kraft, Liebe und Besonnenheit hat uns Gott gegeben. Verzage nicht, wenn du ängstlich wirst. Vertraue auf das, was du von Gott weißt und spürst. Gott gibt dir dazu die Kraft. Er will ja, das du zu ihm gehörst. Er weiß, dass dir nicht immer alles gelingt. Aber trotzdem liebt er dich. Als Zeichen seiner Liebe hat er seinen Sohn zu uns gesandt. Das ist etwas, von dem ich zutiefst überzeugt bin. Christus hat dem Tod die Macht genommen. Seine Auferstehung ist meine Auferstehung. Er führt uns am Ende in die Hand Gottes. Er schenkt uns hier Leben aus der Kraft Gottes, eine Kraft, die du und ich spüren und an die ich dich heute erinnere. Gott segne dich Dein Freund Paulus.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen