Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
III.Reihe: Markus 9, 17-27
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Markusevangelium im
9.Kapitel:
„Einer aus dem Volk sprach: „Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er hat einen bösen Geist, der ist stumm. Und wo immer er ihn an seinem Leib zu packen kriegt, da zerrt er an ihm herum, und dann hat der Junge Schaum vor dem Mund, knirscht mit den Zähnen und wird ganz steif. Ich habe deine Jünger gebeten, den bösen Geist auszutreiben, doch sie konnten es nicht.“ Da rief Jesu: „Ihr ungläubiges Pack! Kann ich überhaupt noch bei euch bleiben? Ihr seid nicht zum Aushalten! Bringt ihn zu mir!“ Sie führten den Besessenen zu ihm. Und kaum erblickte der böse Geist Jesus, da riss er den Jungen hin und her, der fiel auf die Erde, wälzte sich herum und bekam Schaum vor dem Mund. Jesus fragte den Vater: „Wie lange hat er das schon?“ Der Vater antwortete: „Von Kind an. Oft hat der böse Geist ihn ins Feuer oder ins Wasser geworfen und ihn fast umgebracht: Hab Erbarmen mit uns und hilft uns, wenn du kannst!“ Jesus erwiderte: „Was das ‘Wenn du kannst...’ betrifft, da kann ich dir nur sagen: Wer glaubt, kann alles.“ Kaum hatte Jesus das gesagt, da schrie der Vater des Kindes: „Ich glaube doch, hilf meinem Unglauben.“ Jesus sah, dass inzwischen eine große Menge Volks zusammenströmte. Da fuhr er den bösen Geist an: „Du sprachloser und stummer Geist, ich befehle dir: Raus aus dem Jungen, und dass du nie wieder in ihn hineinfährst!“ Der Geist schrie, zerrte das Kind schrecklich hin und her und fuhr aus. Der Junge lag da wie tot, so dass viele sagten: „Er ist gestorben.“ Jesus aber ergriff seine Hand und weckte ihn, und er stand auf.
Soweit unser Predigttext.
Gott segne du unser Reden, unser Sehen und Hören. Amen.
„Wer glaubt, kann alles.“ Glauben wir eigentlich, liebe Schwestern und Brüder,
an diesen Satz? Und woran glauben wir - etwa, dass Jesus böse Geister
ausgetrieben hat und genau dies auch von uns, seinen Nachfolgern, erwartet?
Ist das unser Bild von Jesus als einem wütenden Exorzisten, einem
Teufelsaustreiber erster Güte?
„Wer glaubt, kann alles.“ Glaube an Gott - was ist das eigentlich? Der aus der
DDR ausgebürgerte, im Atheismus groß gewordene streitbare Liedermacher Wolf
Biermann hat stets behauptet, nicht an Gott zu glauben. „Ich glaube, dass der
Mensch Gott geschaffen hat und nicht den Gott den Menschen.“ In einem
Interview sagte der inzwischen pensionierte Musikprofessor aus Hamburg 1992:
„Die Bibel ist ein faszinierendes Buch. Aber das Beste an der Bibel ist die
Auferstehung Jesu. Einmal bin einem Pfarrer aus dem Westen begegnet. Der
sagte: ‘Na ja, Herr Biermann, das ist ja alles dummes Zeug mit der
Auferstehung. Da sind wir längst darüber hinweg. Das ist doch alles Quatsch.’“
Er - Biermann - habe einen Wutanfall bekommen und massiv widersprochen: „Der
wichtigste Teil der Leidensgeschichte ist die Auferstehung Jesu. Wer die
Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen guten Geistern verlassen.“
Die Themen „gute und böse Geister“, „Tod und Teufel“ sind eben nicht erledigt.
Dass Gott Macht hat über das Böse, dass Jesus stärker ist als das, was an
Besessenheit in einem Menschen steckt, ist immer noch von aktueller Bedeutung.
Jedenfalls für jemanden wie Wolf Biermann, vielleicht, weil er am eigenen Leib
das Wirken böser Geister in seiner Zeit im Widerstand gegen das DDR-Regime
gespürt hat.
Glaube, das sollten wir festhalten, heißt Gott zutrauen, dass er stärker ist
als das Böse.
Glaube ist eben kein Sonnenschein-Glaube, kein Für-Wahr-Halten unverbindlicher
Sätze, die keinem wehtun. Gerade dann an den guten Ausgang zu glauben, wenn
alles auf dem Spiel steht - das meint Jesus mit dem Satz: „Wer glaubt, kann
alles.“
Und wer so glaubt, muss nicht unbedingt ein ansonsten gläubiger und sich
christlich nennender Mensch sein. Das ist überraschend - haben wir doch oft
die Vorstellung, Glaube sei so etwas Biederes, Festes, Gediegenes. Der Vater
in der Geschichte ist einfach ein verzweifelter Mann. Sein Sohn leidet wohl an
Epilepsie, an Fallsucht. Ihm ist medizinisch nicht zu helfen. Sein Leiden wird
gedeutet als das Wirken eines bösen Geistes in ihm. Nun kennen wir heute das
Krankheitsbild „Epilepsie“. Es ist zwar durchaus erschreckend, aber hat doch
für uns aufgeklärte Menschen nichts mehr mit Dämonen oder dem Teufel zu tun.
Aber ist denn wirklich damit das Thema „Besessenheit“ und „Teufelei“ erledigt?
Kennen wir nicht alle Fanatiker, Menschen, die von etwas so besessen sind,
dass sie dafür sogar töten? Haben wir nicht selbst schon alle Angst gespürt
oder Hass, abgrundtiefen Hass, der uns so beherrscht, dass wir gar nicht mehr
wir selber sind? Und kann nicht auch eine Krankheit eine solche Macht über uns
ausüben, dass wir uns selbst ganz und gar darin verlieren?
Wie auch immer - „wer die Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen
guten Geistern verlassen.“ Dass Gott stärker ist als alle das Leben bedrohende
Mächte, stärker als der Tod - das ist die Grundaussage des Glaubens.
Was tut denn der Vater in der Geschichte - er schreit! Und sein Schrei ist ein
Gebet: „Ich glaube doch, hilf meinem Unglauben!“ Das heißt doch: Ich traue dir
zu, Jesus, dass deine Macht stärker ist als das, was meinen Sohn so fesselt -
und gleichzeitig zweifle ich. Gleichzeitig weiß ich nicht, ob mein bisschen
Glaube ausreicht. Aber ich will doch glauben!
Jesus hilft, weil er weiß: Solcher Glaube versetzt Berge. Wer in diesem
entscheidenden Moment Gott alles zutraut, kann auch alles. Nicht der Glaube
des kranken Jungen rettet ihn, es ist der stellvertretende Glaube des Vaters.
Er war wohl kein frommer Mann, aber ein mutiger Mann. Ein Mann, der sich nicht
scheute, seine Gefühle zu zeigen. Ganz gleichgültig, wer ihn hört: Er kämpft
für seinen Sohn, er ringt um seinen Glauben. Er lässt sich ein auf diesen
Machtkampf zwischen gut und böse - er setzt alles auf eine Karte, die Karte
„Jesus“ - und gewinnt.
„Wer die Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen guten Geistern
verlassen.“ Ich weiß, liebe Schwestern und Brüder, ein Glaube an den
Gutmenschen Jesus, den ewig sanften Menschversteher, den liebevoll
nachgehenden, einfühlsamen Menschenfreund, der ohne solche unappetitlichen
Sachen wie Leiden, Tod am Kreuz, Auferstehung aus dem Grab, ohne
Teufelsaustreibungen, Besessenheiten und böse Geister auskommt, der liegt uns
näher. Mit solchem Glauben lassen sich eher Wahlen gewinnen. Keinem wehtun, es
allen recht machen, keine harten Entscheidungen herbeiführen.
Aber ist dieses Jesus-Bild biblisch? Im Markus-Evangelium ist - statistisch
gesehen - Jesus Hauptaufgabe das Austreiben von bösen Geistern. Das passt so
gar nicht in unsere Vorstellung von Jesus. Davon hören wir wenig in den
Bibellesungen oder Predigten. Das scheint doch wirklich kein Thema zu sein.
Wirklich kein Thema? Fragen Sie, liebe Schwestern und Brüder, einmal junge
Menschen, wie viele davon die Existenz eines Teufels zu möglich halten. Sie
werden überrascht sein, wie viele es sind. Und ich bin sicher, dass gerade
heute in unserer harten und zunehmend unchristlicheren Welt die Frage immer
drängender wird: Was bewirkt denn Gott noch angesichts so schlimmer tödlicher
Teufelskreise und Besessenheiten?
„Wer glaubt, kann alles.“ Jesus geht hart ins Gericht mit seinen Jüngern, die
genau wie er die Fähigkeiten haben, aufgrund des Glaubens heilend zu wirken:
„Ihr ungläubiges Pack! Kann ich überhaupt noch bei euch bleiben? Ihr seid
nicht zum Aushalten!“ Wenn Menschen ihre von Gott geschenkten Möglichkeiten
nicht zum Wohle anderer nutzen, wird Jesus regelmäßig richtig wütend. Denn das
muss nicht sein, dass Menschen so leiden und Christen wegschauen, wegducken,
sich klein machen und der Glauben zu einem harmloses „Seid-Nett-Zueinander
verkümmert.
Mutig Gott alles zutrauen versetzt Berge. Nicht weniger verheißt die Bibel:
Wer alles auf Jesus setzt, ist auf der Seite des Siegers. Böse Geister,
Besessenheiten, teuflische, scheinbar unüberwindlich erscheinende Teufeleien
sind machtlos, wenn Gott im Spiel ist. Gerade Menschen, die sich für ungläubig
halten, können unglaublichen Glauben erfahren - wenn sie ihn wagen.
So ein Rat des Predigers Charles Spurgeon: „Sollte euch Verzagtheit mit
ungewöhnlicher Macht angreifen, stützt euch nicht auf die Rohrstäbe
menschlicher Möglichkeiten. Ein Fünkchen Glaube bewirkt mehr als Tonnen von
Grübeleien, Ratschlägen und menschlicher Hilfe. Viele haben das vor dir
erfahren. Komm, versuch es doch auch einmal.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost
was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an
jedem neuen Tag.
Wir bitten dich, Gott, für alle Christen um den Mut des Glaubens. Vor allem
bitten wir dich um uns selbst, wenn wir nicht mehr unser eigener Herr sind,
sondern wenn wir besessen werden von üblen Geistern. Geistern wie Fanatismus,
aber auch Kleinmut und Verzagtheit, Panik und Angst, aber auch
Selbstüberschätzung und Geltungsdrang.
Wir bitten dich, Gott, für alle, die politische Verantwortung tragen. Wir
bitten um Einsicht, dass sie ihre Macht nicht missbrauchen, sondern eintreten
für Frieden und Gerechtigkeit. Mache du dem Blutvergießen an den vielen
Krisenherden in aller Welt ein Ende. Gibt uns Mut und Zivilcourage, dass wir
den Missständen auch in unserem eigenen Land entschlossen entgegentreten, auch
dann, wenn an den Stammtischen und in den Wohnzimmern in verletzender und
unwürdiger Weise über Mitbürger und Andersdenkende geredet und gehetzt wird.
Wir bitten dich für die Unsicheren und Ängstlichen. Befreie alle, die durch
Zwang und Vorurteile gebunden sind. Nimm dich derer an, die wegen ihres
Glaubens verachtet oder verfolgt werden.
Besonders bitten wir dich für alle, die unter sich selbst und unter anderen
Menschen leiden. Wir bitten dich für alle, die sich in Teufelskreisen
befinden. Lass sie erfahren, dass du, starker Gott, solche Teufelskreise
sprengen kannst und dass deine guten Mächte uns tragen und halten auch in
dunklen Zeiten. Stärke alle, die an dich glauben.